Cookie

Ich mag Kekse. Aber natürlich weiss ich: Allzuviel ist ungesund. Kekse sind die natürlichen Feinde einer guten Figur, und die Feinde gesunder Zähne sind sie auch.

Mit Keksen gefüttert werden auch Computer. Sie können schmecken, aber einzelne davon sind gar nicht bekömmlich, weder für uns User noch für den PC.

Die Rede ist von sogenannten cookies. Mit Keksen haben sie nur den englischen Namen gemein, und sie kommen nicht aus der Dose, sondern aus dem Internet. Cookies sind kleine Textdateien, in denen Anbieter von Websites speichern, was uns beim Surfen interessiert. Ein Beispiel: Als eifriger Besucher eines Internetforums zum Thema Schrebergarten halte ich regelmässig nach neuen Beiträgen Ausschau. Damit ich mich nicht jedes Mal neu einloggen muss, kann ich die Option anklicken: «immer eingeloggt bleiben». Damit mein Forum nun weiss, dass es ab sofort von mir keine Zugangsdaten mehr verlangen soll, speichert es ab, dass ich zu den Oberschrebergärtnern zähle, dass ich am liebsten Beiträge über das Rosenzüchten mag und pro Besuch durchschnittlich 14 Minuten brauche.

Dagegen wäre weiter nichts einzuwenden, gäbe es da nicht mindestens drei Probleme: Erstens werden diese Cookies ausgerechnet auf meinem PC gespeichert. Zweitens wird gespeichert, ohne dass ich es weiss. Und drittens sind diese Informationen für Betreiber einer Website ohne weiteres lesbar – je mehr Cookies ich also, ohne es zu wissen, gespeichert habe, desto mehr Auskünfte erhalten Fremde über mein Verhalten im Web.

Wie im richtigen Leben gilt: Allzuviel ist ungesund. Von zu vielen Keksen wird einem schlecht. Daher: Ab und zu sollten Cookies vom Speiseplan gestrichen – sprich: kurzerhand von der Festplatte gelöscht werden.

Cool

Miles Davis mit dem Titel «Rocker», 9. März 1950 in New York. Richtig cooler Sound. Cool, das war es, was Miles Davis und sein Nonett im Studio ausdrücken wollten: Relaxt, lässig, in sich gekehrt – ein Jazz, so ganz anders als der laute, hektische Bebop der 1940er-Jahre. Als «Rocker» zusammen mit elf weiteren Titeln auf Schallplatte erschien, konnte die gar nicht anders heissen als «Birth of the Cool», und die Platte ist tatsächlich ein Meilenstein des sogenannten «Cool Jazz».

Das englische Wort cool stammt vom deutschen «kühl» ab und bedeutete ums Jahr 1000 noch nichts weiter als weder zu heiss noch zu kalt. 600 Jahre später, in Shakespeares «Hamlet», ist mit cool nicht mehr nur das Wetter gemeint, sondern Gemüt oder Temperament: Kühl, das heisst überlegt, rational, ruhig.

In der Unterschicht der USA begann cool ein Eigenleben zu führen. 1884 nennt der Sprachprofessor James A. Harrison in einem begeisterten, wenngleich von Rassismus triefenden Aufsatz über das nordamerikanische «Neger-Englisch» den Ausruf Dat’s cool!, und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde cool endgültig zu dem, was es heute ist. Die höchsten Weihen im Jazz erhielt der, von dem man sagte, er sei a cool cat. Coolness wurde zum Gestus, zur Haltung: Understatement, Souveränität, Rebellion, die es nicht nötig hatte, aggressiv zu sein, genau so wie James Dean im Filmklassiker «Rebel Without a Cause», «Denn sie wissen nicht, was sie tun».

Oder eben wie der Trompeter Miles Davis in seinem Album «Birth of the Cool».

Wir spielten uns einfach etwas sanfter in die Ohren der Leute als die anderen,

meinte er ganz cool in seiner Autobiografie.

Wir gingen einfach etwas mehr in Richtung Mainstream. Mehr war’s nicht.

Copy & Paste

Es ist noch nicht lange her, da war, was man heute copy & paste nennt, noch ein Beruf namens «Fräulein», und das Kommando lautete «ein Durchschlag, bitte!». Heute heissen die Sekretärinnen «Bürofachkraft» oder «Backoffice-Assistentin», und der Befehl lautet CTRL-C.

Von einem Befehl zu sprechen, ist allerdings stark untertrieben: CTRL-C ist eine veritable Kulturtechnik, die Schüler- und Doktorarbeiten und halbe Romane entstehen lässt. Selbst im Journalismus wird nicht länger abgeschrieben, sondern – Sie ahnen es – CTRL-C.

Der Ahnherr dieses Klammergriffs ist allerdings älter als jeder Computer: Mit cut & paste wurden im Verlagswesen Manuskripte redigiert, will heissen: mit der Schere abschnitts- oder gar satzweise zurechtgeschnitten, auf leeren Blättern neu zusammengeklebt und anschliessend mit der Hand redigiert. Das nötige Werkzeug: Gummi arabicum, jener zuckerhaltige, wasserlösliche Saft der Akazienwurzel, und die Redigierschere, die lang genug war, um eine A4-Seite auf einmal durchzuschneiden. Obgleich man Manuskripten schon immer so zu Leibe gerückt war – oft sehr zum Leidwesen des Autors –, erlebte das cut & paste mit Schere und Leim im Zeitalter des Fotokopierers einen enormen Aufschwung.

Heute reicht ein Klick, ein Tastendruck. Die Eroberung des Schreibtischs durch den Computer ist nicht zuletzt der gewaltigen Vereinfachung der einstigen Collagetechnik zu verdanken. Auch wenn der Ruf des copy & paste nicht der allerbeste ist: Die Wissenschaft spricht gern von copy & waste, Kopieren und Müll.

Der Durchschlag mittels Kohlepapier übrigens hat das alles überlebt: Die E-Mail-Kopie heisst bis auf den heutigen Tag «Cc», als Abkürzung für carbon copy.

Cotton, Jerry

Jerry Cotton, pardon: G-man Jerry Cotton ist ein Held, der Held der erfolgreichsten deutschen Krimiserie in deutscher Sprache. Dank ihm wissen wir, dass ein knallroter Jaguar das Ende aller Träume ist, aber dass – Folge «Die letzte Fahrt im Jaguar» – auch ein roter XK 150 ein Ende haben kann. Und nur dank ihm wissen wir, dass G-man amerikanischer Slang ist und FBI-Beamter bedeutet.

Im richtigen Leben hat Jerry Cotton Jahrgang 1954. Da schrieb der damals 31-jährige Waschmittelvertreter Delfried Kaufmann den Groschenroman «Ich suchte den Gangster-Chef», als 68. Folge der Krimireihe des deutschen Bastei-Verlags. Das Heft schlug ein wie eine Kugel aus der Smith & Wesson seines Titelhelden, und zwanzig Hefte später machte Bastei aus Jerry Cotton eine eigenständige Serie. Die Person des Autors Delfried Kaufmann blieb jahrelang streng geheim – der Verlag sprach vage von einem «Waschmittelvertreter Herr K.» –, und vor allem nicht allein: Die Welt wollte Woche für Woche ein neues Jerry-Cotton-Abenteuer sehen, und bis heute haben 100 oder je nach Quelle gar bis zu 180 Autoren nach minuziösen Verlagsvorgaben Jerry Cottons geschrieben – Vorgaben deswegen, weil Jerry nicht jedesmal andere Freunde und Kollegen haben sollte. (Feinde dagegen schon, aber die – das liegt in der Natur des Groschenkrimis – überlebten in der Regel das aktuelle Heft nicht, auf jeden Fall nicht in Freiheit.)

Dem Vertreter Delfried Kaufmann war die Figur eines FBI-Ermittlers auf einem Spaziergang mit seinem Freund, dem Autor Kurt Reis, eingefallen. Ein Held sollte er nicht sein, eher eine Parodie, eine «Juxfigur Jeremias Baumwolle». Der Welt und den Kiosken aber stand der Sinn nicht nach Witz, sondern nach blutigem Ernst. Jerry Cotton Nummer 2690 heisst «Eiskalt und ohne Skrupel». Killerin Hester endet hinter Gittern, und Jerry Cotton, mittlerweile in seinen besten Jahren, bleibt unsterblich.

Countdown

So klingt der wohl berühmteste Countdown aller Zeiten: Am 16. Juli 1969 um 9.32 Uhr Ortszeit startet eine Saturn-V-Rakete in Cape Canaveral, Florida. An Bord: Die Astronauten Neil Armstrong, Michael Collins und Buzz Aldrin.

Mit dem Countdown, auf Deutsch «Zurückzählen», werden grosse Ereignisse eingeleitet. Seine Abkürzung ist das grosse T als Abkürzung für «Test»; «T minus 10» heisst also noch zehn Minuten bis zum Start. Der Countdown verläuft in der Regel still, nur die letzten Sekunden werden laut gezählt. Sein Sinn liegt in der Verknüpfung einer Vielzahl von Kontrollen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in engen, sekundengenau festgelegten Zeitfenstern vorgenommen werden müssen. Ein einziger Fehler führt zum sofortigen Anhalten, wenn nicht sogar zum Abbruch des Starts.

Doch eigentlich kommt der Countdown nicht aus der Raumfahrt, sondern aus dem Film. Als der Regisseur Fritz Lang 1929 den Stummfilm «Frau im Mond» drehte, hatte er ein dramaturgisches Problem:

Wenn ich eins, zwei, drei, vier, zehn, fünfzig, hundert zähle,

sagte er später,

weiss das Publikum nicht, wann es losgeht. Aber wenn ich rückwärts zähle: Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins, null! – dann verstehen sie.

Der Countdown als Spezialeffekt der ersten Stunde: Was 1929 im Kino Spannung erzeugte, perfektionierte die Nasa 40 Jahre später zum medialen Weltereignis: 600 Millionen Menschen zählten am Fernsehen mit – vom Countdown bis zu den ersten Schritten auf dem Mond.