Homo oeconomicus

Robinson Crusoe, der Held aus Daniel Defoes berühmtem Roman von 1719, ist das, was man heute einen homo oeconomicus nennt: Als Schiffbrüchiger auf einer einsamen Insel angespült, verwandelt Robinson in 28 Jahren die feindliche Natur Schritt für Schritt in eine Utopie.

Der homo oeconomicus ist ein Mensch, der stets zu seinem Vorteil handelt. Als einer der ersten hat ihn 1888 der irische Dichter John Kells Ingram beschrieben; den lateinischen Namen gab ihm 1906, in Anlehnung an den homo sapiens, der italienische Ökonom Vilfredo Pareto.

Seither geistert der homo oeconomicus durch die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, durch die Philosophie und die Feuilletons. Der ökonomische Mensch ist ein eigennütziger, aber rationaler und gut informierter Akteur. Immer trachtet er danach, seinen eigenen Nutzen zu maximieren. Ein knallharter Egoist, möchte man sagen: Der «homo oeconomicus» ist zwar Grundlage vieler Wirtschaftsmodelle, aber er wurde zu allen Zeiten kontrovers diskutiert. Heute sieht man ihn differenzierter. Der homo oeconomicus ist nicht Menschenbild oder Doktrin, sondern vielmehr ein abstraktes Instrument der Wissenschaft, das dazu dient, ökonomische Gesetzmässigkeiten zu erforschen.

Aber auch als Konzept hat er seine Schattenseiten. Was genau ist eigentlich «Nutzen»? Was ist mit Entscheiden, deren Nutzen erst irgendwann und nur vielleicht eintritt? Was ist mit Menschen, die aus Altruismus handeln oder gänzlich irrational? Untersuchungen zu bestimmten Situationen widerlegen den homo oeconomicus immer wieder. Und doch: Wenn’s ums liebe Geld geht, steckt ein bisschen Robinson in uns allen drin.

HTML

In der Zeit vor dem Turmbau zu Babel sprach alle Welt dieselbe Sprache. So steht es im Alten Testament. Und so ist es auch in der modernsten aller Welten, im worldwide web. Das www ist, wie der Turm zu Babylon, in den Himmel gewachsen: Das Web zählt heute 43 Milliarden Webseiten. Selbst die babylonische Sprachenverwirrung ist Tatsache: Allein die Wikipedia gibt’s bereits in 260 Sprachen.

Und doch: Dieses unvorstellbar grosse Web ist in einer einzigen, technischen Sprache geschrieben, und die heisst HTML, hypertext markup language. Freaks schreiben sie sozusagen fliessend, doch die meisten, die sich im Internet bewegen, haben sie nie gesehen, auch wenn sie buchstäblich nur zwei Klicks entfernt ist.

HTML ist noch nicht einmal 20 Jahre alt. Geboren wurde sie im März 1989. Da schrieb der damals erst 33jährige Informatiker Tim Berners Lee in Genf ein 20seitiges Papier ans Management des Cern. Berners Lee ärgerte sich darüber, dass die Zusammenarbeit der mehreren tausend auf Frankreich und die Schweiz verteilten Mitarbeiter immer schwieriger wurde, weil Informationen irgendwo versandeten. Information hiess damals Papier, und Mail hiess Post. Berners Lee schlug nun vor, Information per Computer zirkulieren zu lassen, und zwar als nicht-lineare Texte. Nicht-linear hiess, was wir heute als Link kennen: Von einem Text sollte der Leser ganz einfach per Mausklick zum nächsten springen können. Der gewaltige Vorteil: Ein Dokument existierte in einer einzigen Version, brauchte nicht mehr kopiert zu werden und konnte nicht mehr veralten.

In nur eineinhalb Jahren entwarf Berners Lee mit wenigen Kollegen die technische Sprache, in der alle diese Hypertexte verfasst sind: HTML. Ohne diese Sprache gäbe es kein Web. Und so paradox es klingt: Ohne diese eine weltweite Sprache gäbe es auch keine babylonische Sprachenverwirrung.

http://

Ob Google, Facebook oder Wikipedia – an «http://» führt kein Weg vorbei. Die vier unverständlichen Buchstaben sind eine Reminiszenz ans Jahr 1989, in dem der Forscher Tim Berners Lee am Cern in Genf das Web erfand.

http:// – das ist die Abkürzung für Hypertext Transfer Protocol, sozusagen das Verkehrsgesetz, das Daten auf den Strassen des Web einzuhalten haben. Denn im Netz zu surfen ist ein bisschen wie Autofahren: Wir drehen am Zündschlüssel, und die Technik kümmert uns keine Spur.

Doch ohne sie geht nichts. Wir rufen also Google auf, und im PC, im Modem und auf Dutzenden von Servern in aller Welt beginnt sich, lichtschnell, ein mächtiges Räderwerk zu drehen. Die Adresse www.google.ch wird vom Hypertext-Übertragungsprotokoll http als erstes in die Nummer 74.125.47.147 übersetzt, eine der zwölfstelligen so genannten IP-Adressen von Google. Die wird mithilfe des TCP, des Transmission Control Protocol, und des IP, des Internet Protocol, an einen der mehr als eine Million Server in einem der rund 40 Google-Rechenzentren übermittelt, die irgendwo in den USA, in Europa oder in Asien stehen. Dieser eine Rechner wird angefragt, ob er eine Startseite mit dem Namen «index.html» besitze, worauf der in der Regel mit «200» antwortet, was in Serversprache «Ja» bedeutet.

Das alles ist nicht nur furchtbar kompliziert, sondern nachgerade unverständlich. Genau wie die zwei seltsamen Schrägstriche nach dem «http:». Unverständlich werden die auch bleiben, auf alle Zeit. Ausgedacht hat sich die beiden neckischen slashes, wie sie auf Englisch heissen, der http-Erfinder Tim Berners Lee. Und der gibt heute offen zu, dass sie 1989 zwar wie eine gute Idee aussahen, aber im Grunde völlig unnötig sind.

Humbug

Es ist gut, daß das Papier zu Ende geht, die letzte Seite enthält nichts als Humbug, wie der Engländer sagt,

schrieb die deutsche Dichterin Annette von Droste-Hülshoff 1835 in einem Neujahrsbrief an ihren Freund Christoph Bernhard Schlüter. Das war zwar etwas kokett – die Droste war eine ebenso amüsante wie geistreiche Briefeschreiberin –, aber das Wort «Humbug» ist tatsächlich englisch. Ob es allerdings von to hum («summen») und bug («Käfer») abstammt, ist blosse Spekulation.

Humbug ist Unfug, und den hatten auch Studenten der Tuskegee University, Alabama, im Sinn. George Washington Carver, seit 1896 einer der ersten schwarzen Professoren der USA, war bekannt für sein enormes landwirtschaftliches und zoologisches Wissen. Heimlich bastelten seine Schüler aus verschiedenen Insektenteilen eine angeblich neue Art zusammen, um Carver dann zu fragen, was das denn sein könnte. Nach eingehender Betrachtung des eigenartigen Präparats brummte er: «Did it hum?» («Hat es gesummt?») Die Studenten bejahten. Worauf Carver zurückgab: «This is a humbug».

Wann immer etwas bedeutsam klingt, tatsächlich aber Unsinn, wenn nicht gar Schwindel ist, dann nennen wir es Humbug. Und auch wenn Humbug Quatsch ist, Kokolores, Larifari, Mumpitz, Nonsens oder Stuss, machte das Wort doch Wissenschaftsgeschichte. Als 1846 der amerikanische Chirurg John Collins Warren einem mit Äther narkotisierten Patienten erfolgreich einen Tumor aus dem Nacken operierte, sprach er den berühmten Satz:

Gentlemen, das ist kein Humbug!

Das war es tatsächlich nicht: Die Operation gilt als Geburtsstunde der wissenschaftlichen Anästhesie.

Inkunabel

Eine Inkunabel ist ein Buch der ersten Stunde. Inkunabeln sind das, was Johannes Gutenberg und seine Gesellen im 15. Jahrhundert gedruckt haben. Nach dem lateinischen Wort für «Wiege» oder «Windel» nennt man diese Ur-Bücher auch «Wiegendrucke» – Wiegendrucke deshalb, weil der Buchdruck buchstäblich noch in den Windeln lag. Nicht nur der Name, auch die zeitliche Zuordnung mutet seltsam an: Sie dauert von der Erfindung des Druckverfahrens mit beweglichen Bleilettern ums Jahr 1450 exakt bis zum 31. Dezember 1500. Nicht dass die Bücher ab 1501 anders gedruckt worden wären – die Zeit der Inkunabeln ist einfach eine Festlegung, so willkürlich sie auch scheinen mag.

Die Inkunabel unterscheidet sich in vielem vom modernen Buch. Was heute ein Buch ausmacht – Titelblatt, Impressum, Inhaltsverzeichnis, Seitenzahlen – all diese Konventionen gab es noch nicht. Inkunabeln standen noch ganz in der Tradition der alten Handschriften – nicht selten liess der Druck an Kapitelanfängen einen grossen Leerraum frei,  in den später von Hand prachtvolle Initialen gemalt wurden. Drucker, oft als Wanderdrucker unterwegs, gaben als Druckort gern die Stadt oder das Dorf an, wo sie gerade waren; ein Druckdatum fehlte häufig, ein Inhaltsverzeichnis konnte gut und gern erst ganz am Schluss stehen.

Eines aber sind sie geblieben, diese ersten Bücher: Sie sind prachtvolle Zeugen einer Zeit, in der die Medienrevolution nicht Internet, sondern Buchdruck hiess.