Kalifornien

Mythische Inseln haben die Menschen immer fasziniert: Atlantis, Avalon, Thule – der Mythologie zufolge alles Inseln. Keine davon wurde je entdeckt, mit einer Ausnahme: der Insel Kalifornien. Vom 17. bis ins 19. Jahrhundert zeigen Weltkarten die beiden mexikanischen Bundesstaaten «Baja California» und «Baja California Sur» als Insel. Und das kam so.

In einer Geschichte von 1510 beschrieb der spanische Schriftsteller Garci Rodriguez de Montalvo ein mythisches Land:

Wisse, dass rechter Hand der Indien eine Insel namens California liegt (…). Sie ist von schwarzen Frauen bevölkert, ohne einen einzigen Mann unter ihnen, denn sie leben nach Art der Amazonen.

Die Insel, so heisst es weiter, werde von einer Königin namens Calafia regiert – daher auch Kalifornien –, und auf der ganzen Insel gebe es kein anderes Metall als Gold.

Als Seeleute des spanischen Entdeckers Hernán Cortéz wenig später die Baja California entdeckten, meinten sie eine Insel zu erkennen und nannten sie prompt «Kalifornien». Cortés selbst schwante zwar, das sei eine Mär, doch die Geschichte von der mythischen Amazoneninsel war einfach zu gut. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und volle 200 Jahre lang stellten Kartografen im Westen der Neuen Welt eine grosse Insel dar.

Die Stunde der Wahrheit schlug 1774 und 1776: Mexikanische Landexpeditionen entschieden die Sache zweifelsfrei, und seither ist Niederkalifornien, was es immer gewesen war: eine schmale, langgestreckte Halbinsel.

Katalog

Das Wort «Katalog» kommt vom griechischen kata légein, «hersagen» oder «aufzählen». Genau das ist es, was einst der Zettelkasten tat (und was heute Datenbanken tun). Der Katalog ist mindestens so alt wie die Bibliothek, und die wiederum geht auf das mouseîon der alten Griechen zurück, eine Mischung aus Tempel, Museum, Universität und Bibliothek. Auch hier müssen schon Kataloge bei der Suche nach bestimmten Schriftrollen geholfen haben, selbst wenn vom grössten dieser Museen, der legendären Bibliothek von Alexandria, kein Fitzelchen übriggeblieben ist.

Ähnlich ging es einer der grössten Bibliotheken der Renaissance, jener des Hernando Colón, eines unehelichen Sohnes von Christoph Kolumbus. Colón hatte den Ehrgeiz, die Leistungen seines berühmten Vaters noch zu übertreffen – nicht mit Expeditionen, sondern mit der grössten Universalbibliothek seiner Zeit. 15 000 Werke soll die Sammlung einmal umfasst haben; Rechtsstreitigkeiten liessen sie nach Colóns Tod 1539 auf weniger als die Hälfte schrumpfen. Sie kann als «Biblioteca Colombina» in Sevilla heute noch konsultiert werden.

Colón und seine eigens dafür angestellten Bibliothekare waren ehrgeizig und ungemein fähig. Vor wenigen Monaten erst wurde in Dänemark ein Buch entdeckt mit dem Titel «Libro de los epitomes» – Colóns 2000 Seiten starker, säuberlich von Hand geschriebener Bibliothekskatalog, der jedes einzelne der Bücher verzeichnet, einschliesslich einer präzisen Zusammenfassung des Inhalts. Und weil so viele Bände verschwunden sind, enthält Colóns gross angelegter Katalog heute die letzten Spuren von Wissen, das ohne ihn gänzlich verloren wäre.

Klick

Was sich 1963 der Erfinder Douglas Engelbart ausdachte und mit seinem Team im Labor zusammenbastelte, hiess «X-Y-Positionsanzeiger für ein Bildschirmsystem» und sah aus wie die Bastelarbeit eines Schülers: Ein Kabel mit klobigem Stecker, ein Holzkästchen mit Rädchen und einem kleinen Taster obendrauf. Es war die erste Computermaus der Geschichte, und mit den Milliarden Mäusen, die bis heute verkauft wurden, klicken manche von uns – je nach Beruf und Hobby – bis zu fünftausend Mal pro Tag.

Diese Klicks gelten entweder einem Programm, einer Webseite oder einer Reklame. Und hinter diesen bunten Bildchen verbirgt sich ein Milliardengeschäft, dessen Leitwährung die Interaktion ist, genauer: der einzelne Klick, der den User zum Angebot des Inserenten weiterleitet. Dieser eine Klick hat einen Wert, dessen genaue Höhe von der Branche abhängt und sich nach der augenblicklichen Nachfrage richtet. Für einen einzigen Mausklick auf ihre Reklame blättern Inserenten schon mal bis zu 50 Rappen hin. Global geht es dabei um Unsummen: Der weltgrösste ad broker namens Google bestreitet den grössten Teil seiner Einnahmen mit Onlinewerbung und hat 2013 sage und schreibe 13 Milliarden Dollar Gewinn erwirtschaftet, bei einem Gesamtumsatz von 60 Milliarden Dollar. Tendenz weiterhin stark steigend.

«Denk immer daran, dass Zeit Geld ist», schrieb der Verleger und Staatsmann Benjamin Franklin 1748 in seinen «Ratschlägen für einen jungen Geschäftsmann (von einem alten)». Sähe sich der Gründervater der Vereinigten Staaten die Wirtschaft von heute an, dann wüsste er: Nicht Zeit, sondern Klick ist Geld.

Kritikalität, selbstorganisierte

Als der dänische Physiker Per Bak Kindern beim Spielen am Strand zusah, wurde er auf einmal stutzig. Die Kinder liessen Sand aus der Hand rieseln, so dass ein Häufchen entstand. «Am Anfang ist dieses flach», schrieb Bak später in seinem Buch «How Nature Works» von 1996, «und die einzelnen Sandkörner bleiben mehr oder weniger liegen, wo sie gelandet sind. Die Bewegung des Sandes lässt sich aufgrund seiner physikalischen Eigenschaften beschreiben. Mit der Zeit aber werden die Hänge steiler, und es bilden sich kleine Lawinen. Und irgendwann wird eine Lawine so gewaltig sein, dass sie den Haufen als Ganzes erfasst.»

Bak beschloss, solche Sandhaufen am Computer zu simulieren, um so die durchschnittliche Grösse einer Lawine herauszufinden. Die ernüchternde Antwort, nach der Berechnung zahlloser virtueller Sandhaufen: Es gibt keine durchschnittliche Lawine. Die Eigenschaften von Systemen, die einen kritischen Punkt erreicht haben – ganz von selbst, ohne Zutun von aussen –, können sich urplötzlich dramatisch ändern. Wie gross dann eine nächste Lawine sein wird, lässt sich nicht mehr vorhersagen.

Diese Unberechenbarkeit nannte Bak «selbstorganisierte Kritikalität». Und die betrifft beileibe nicht nur Sandhaufen: Lawinen, Waldbrände, Erdbeben sind ebenfalls Systeme, die ganz von selbst kippen können. Das gilt schliesslich auch für die Wirtschaft und die Märkte: Der durchschnittliche Umfang eines Börsencrashs lässt sich mit Modellen nicht vorhersagen, und so kann eine Pleite, ein Konflikt, eine Epidemie das eine letzte Sandkorn sein, das den ganzen Haufen zum Einsturz bringt.

Link

Er hört auf einen schlichten englischen Namen: der Link. Auf Deutsch ist das eine ganz gewöhnliche Verbindung. Und als Sache alles andere als neu: Texte kennen die Fussnote, die angibt, woher das Zitat stammt, und Lexika kennen den Pfeil, der angibt, in welchem Eintrag mehr zu lesen steht. Der Link ist so alt wie der Buchdruck.

Der Link aber, den im März 1989 der damals 33-jährige Tim Berners-Lee erfand, löste eine Kulturrevolution aus. Sein zwölfseitiges Papier mit dem Titel «Information Management: A Proposal» ist heute sozusagen die Bibel des Web. Darin schreibt Berners-Lee von hot spots, Verbindungen zwischen Dokumenten, die ein Hin- und Herspringen erlauben:

Solche hot spots sind sensitive Bereiche wie zum Beispiel Icons oder markierte Textstellen. Mit der Maus auf einen solchen hot spot zu klicken, bringt die relevante Information hervor.

Der Clou dabei:

Weil sich Daten laufend verändern, erlaubt es ein solcher Hypertext, Dokumente mit Live-Daten zu verknüpfen, so dass jedes Mal die aktuellste Information verfügbar ist.

1989 war das eine wissenschaftstheoretische Vision. Heute ist der Link Alltag. In der Sprache HTML schreibt er sich a href=, danach folgt die Zieladresse. Das ganze, in spitzen Klammern, ist ein so genannter tag, der eigentliche Grundbaustein des Web. a href steht für anchor und hypertext reference, also für den Anker (den Link), und das Sprungziel: eine andere Webseite, ein Dokument, eine Mediendatei. Weil viele Klicks viel Erfolg bedeuten, ist der Klick auf einen Link heute eine globale Währung.

Allein Facebook zählt jeden Monat mehr als eine Billion Klicks. Wenn ein Link also mindestens so lang ist wie ein Dokument breit, dann reisen wir pro Monat, allein auf Facebook, mehr als 5000-mal um die Welt.