Hitler-Tagebücher

Am 25. April 1983 hielt Europa den Atem an: Das deutsche Nachrichtenmagazin «Stern» teilte mit, es sei im Besitz von Adolf Hitlers geheimen Tagebüchern. Eine Woche später war der Spuk schon wieder vorbei: Die 62 Bände, die der Stern für 9,3 Millionen DM gekauft hatte, waren falsch.

Entdecker der angeblichen Tagebücher war der Stern-Reporter Gerd Heidemann, der auf verschlungenen Wegen auf Konrad Kujau gestossen war. Kujau tischte dem Reporter eine wilde Story auf, über den Absturz einer Junkers-Maschine kurz vor Kriegsende, in deren Wrack die Bände angeblich gefunden worden waren. Reporter Heidemann fuhr in das sächsische Dorf, fand dort die Gräber der Piloten – und war überzeugt. Um die Sensation geheim zu halten, wurde im «Stern» nur ein kleiner Zirkel informiert. Drei erste angebliche Hitler-Tagebücher wurden – für 85 000 DM und notabene ohne Quittung – gekauft, geprüft, und 59 weitere Bände wechselten den Besitzer.

Die angebliche Sensation rief Dutzende von Experten auf den Plan: Historiker, Chemiker, Schriftexperten. Ihr Befund: Papier und Bücherleim stammten aus der Zeit lange nach dem zweiten Weltkrieg. Geschrieben hatte da nicht Adolf Hitler, sondern Konrad Kujau.

Der Rest ist Mediengeschichte: Kujau gestand, der «Stern» musste sich entschuldigen, die Chefredaktion nahm den Hut, die Auflage stürzte ab. Reporter Heidemann und Fälscher Kujau wurden vor Gericht gestellt und verurteilt. Der letzte Band der falschen Tagebücher wurde 2004 in Berlin versteigert – für immerhin noch 6500 Euro.

Ach ja: Kujau, wegen Kehlkopfkrebs vorzeitig aus der Haft entlassen, wurde Künstler und Kunsthändler. Zu kaufen gab es, ganz offiziell, Original-Kujau-Fälschungen.

Hobbit

Sie sind nur halb so gross wie wir, werden oft ein wenig rund um die Leibesmitte, tragen keine Schuhe, essen viel und lachen gern, und sie hassen alles, was ihre Beschaulichkeit stört: die Hobbits. Sie leben in einem Idyll namens «The Shire», geschaffen von John Ronald Reuel Tolkien. In «The Hobbit» und dem sechsteiligen Epos «The Lord of the Rings» hat Tolkien der Welt Fantasy-Literatur beschert, die heute zur Weltliteratur zählt. Unnötig, zu sagen, dass die beiden Hobbits Bilbo und sein Neffe Frodo Baggins ihre notorische Abneigung gegen Abenteuer notgedrungen überwinden. Aber davon erzählen, neben Tausenden von Buchseiten, mittlerweile auch die in Neuseeland gedrehte Filmtrilogie «Der Herr der Ringe», die – mit einem Budget von 280 Millionen Dollar gedreht – mit 17 Oscars prämiert wurde und weltweit gegen drei Milliarden Dollar eingespielt hat.

In Vergessenheit gerät da gern der, dem die Welt die Hobbits verdankt: J.R.R. Tolkien. Der war nicht nur ein passionierter Schreiber mit einer blühenden Fantasie, sondern vor allem Professor und einer der führenden Philologen seiner Zeit. Neben seinen Hobbit-Abenteuern widmete sich Tolkien der alt- und mittelenglischen Literatur, je spannender, desto besser: «Gawain und der grüne Ritter», von Tolkien übersetzt und kommentiert, ist so etwas wie ein Fantasy-Thriller des Mittelalters.

«The Hobbit», dieses Urwerk der Tolkien’schen Fantasiewelt, am 21. September 1937 in London erschienen, entstand beim Erzählen von Gutenachtgeschichten – Tolkien war ein hingebungsvoller Familienvater – und beim Korrigieren von Schülerarbeiten. Auf der Rückseite eines besonders langweiligen Papiers notierte er schon Ende der Zwanziger die ersten Worte des Romans, der Geschichte schreiben sollte:

In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit.

HTML

In der Zeit vor dem Turmbau zu Babel sprach alle Welt dieselbe Sprache. So steht es im Alten Testament. Und so ist es auch in der modernsten aller Welten, im worldwide web. Das www ist, wie der Turm zu Babylon, in den Himmel gewachsen: Das Web zählt heute 43 Milliarden Webseiten. Selbst die babylonische Sprachenverwirrung ist Tatsache: Allein die Wikipedia gibt’s bereits in 260 Sprachen.

Und doch: Dieses unvorstellbar grosse Web ist in einer einzigen, technischen Sprache geschrieben, und die heisst HTML, hypertext markup language. Freaks schreiben sie sozusagen fliessend, doch die meisten, die sich im Internet bewegen, haben sie nie gesehen, auch wenn sie buchstäblich nur zwei Klicks entfernt ist.

HTML ist noch nicht einmal 20 Jahre alt. Geboren wurde sie im März 1989. Da schrieb der damals erst 33jährige Informatiker Tim Berners Lee in Genf ein 20seitiges Papier ans Management des Cern. Berners Lee ärgerte sich darüber, dass die Zusammenarbeit der mehreren tausend auf Frankreich und die Schweiz verteilten Mitarbeiter immer schwieriger wurde, weil Informationen irgendwo versandeten. Information hiess damals Papier, und Mail hiess Post. Berners Lee schlug nun vor, Information per Computer zirkulieren zu lassen, und zwar als nicht-lineare Texte. Nicht-linear hiess, was wir heute als Link kennen: Von einem Text sollte der Leser ganz einfach per Mausklick zum nächsten springen können. Der gewaltige Vorteil: Ein Dokument existierte in einer einzigen Version, brauchte nicht mehr kopiert zu werden und konnte nicht mehr veralten.

In nur eineinhalb Jahren entwarf Berners Lee mit wenigen Kollegen die technische Sprache, in der alle diese Hypertexte verfasst sind: HTML. Ohne diese Sprache gäbe es kein Web. Und so paradox es klingt: Ohne diese eine weltweite Sprache gäbe es auch keine babylonische Sprachenverwirrung.

Infografik

Vor 20 000 Jahren lebten die Menschen in Höhlen. Ein Jäger in der französischen Dordogne erkannte, dass er den Buben die Technik des Jagens besser beibringen konnte, wenn er Waffen und Beute – Rinder, Hirsche, Wildpferde, Bären – auf die Höhlenwand malte. Die Wände der Höhle von Lascaux sind damit so etwas wie die älteste Infografik der Welt.

Infografiken kommentieren nicht, sie informieren. Sie kommen überall da zum Einsatz, wo wir hinsehen: in der Zeitung, in Büchern, im Fernsehen, im Web. Ihre Aufgabe ist es, abstrakte und komplexe Vorgänge zu veranschaulichen. Die Umweltzerstörung am Amazonas, der Verlauf des Irakkriegs, die Geschichte der Typografie – kaum ein Thema, das sich nicht in eine Infografik fassen liesse.

Als erstes erkannt hat das 1786 der schottische Statistiker William Playfair. Er zeichnete die ersten Balken- und Kreisdiagramme, die Handel, Löhne und Preise auf einen Blick sichtbar machten. Noch weiter ging 1869 der französische Bauingenieur Charles Joseph Minard mit seiner beklemmenden Visualisierung von Frankreichs desaströsem Russlandfeldzug. Von 422 000 Soldaten der Grande Armée, die Napoleon 1812 im weissrussischen Kaunas Richtung Osten in Marsch gesetzt hatte, sollten nur 16 000 wieder zurückkehren. Die kämpfende, frierende, hungernde Armee in Form zweier immer dünner werdenden Äste, die dem Marsch nach Moskau und zurück folgen – diese erste Infografik im modernen Sinn geht selbst heute noch, nach bald 150 Jahren, unter die Haut.

iPhone

Kaum je hat ein Gegenstand soviel Begehren geweckt wie das iPhone von Apple. Erstaunlich, denn eigentlich ist das iPhone nur ein Handy. Nun ja, ein bisschen mehr ist es schon: Es kann auch fotografieren, Termine verwalten, Mails abrufen. Es kann ganze Kinofilme abspielen und gleich noch die gesamte Musiksammlung aufnehmen. Und es stammt von einem Konzern, der beinahe unter die Räder gekommen wäre.

Wir erinnern uns, an die 80er Jahre und das erste PC-Betriebssystem MS-DOS. Kaum hatte Bill Gates damit seinen Weltkonzern Microsoft begründet, trat der Heimcomputer seinen Siegeszug an. Die ganze Welt schlug sich mit kryptischen Zeilenkommandos herum – wer eine Datei kopieren wollte, musste dazu einen Befehl von der Länge einer mittleren Verszeile eintippen. Zur selben Zeit, 1984, stellte Apple seinen ersten Macintosh vor – seiner Zeit weit voraus, mit einer Maus und einem virtuellen Schreibtisch, ohne den heute kein Computer mehr denkbar wäre.

Zwar hatte Apple nichts wirklich Neues erfunden – Mikrocomputer, wie sie damals hiessen, gab es längst vor dem ersten Mac. Nur: Es gab sie nicht in dieser Benutzerfreundlichkeit, und vor allem: nicht in diesem Design. Und trotzdem: Bill Gates lizenzierte sein Betriebssystem und liess, gegen viel Geld, die ganze Welt PCs bauen. Apple dagegen, als verbissener Alleinhersteller seiner Macs, wäre beinahe untergegangen. Bis zur Erfindung des iPod im Jahr 2001, der, bald 200 Millionen Mal verkauft, den Konzern retten sollte.

Dem iPhone, dem jüngsten Kind der iPod-Family, ist ebenso viel zuzutrauen, auch wenn, einmal mehr, nichts daran wirklich neu ist: nicht das Mobiltelefon, nicht das mobile Web, nicht das GPS. Neu ist nur, wieviel Technik Apple in seinen flachen Schönling gepackt hat. Neu ist, wie elegant und wie einfach sich das iPhone bedienen lässt. Und wie unverschämt gut es aussieht.