Smiley

Er ist eine Ikone des Glücklichseins: der gelbe Kreis mit zwei Punkten und einem aufwärts gerichteten Bogen, den wir als strahlendes Lächeln interpretieren und der in der Notation Semikolon-Bindestrich-Klammer mittlerweile jeden zweiten Satz ziert.

«Emoticon» nennt man solch stilisierte Fröhlichkeit, und zur Welt kam der Smiley – korrekt übrigens mit -ey und nicht etwa mit -ie geschrieben – im Jahr 1953. Um den Kitschfilm «Lili» mit Leslie Caron in der Hauptrolle bekannt zu machen, schalteten die Verleiher handgezeichnete Inserate, die zur Untermalung des Versprechens «Today you’ll laugh, cry, love» von drei lachenden, weinenden und liebenden Ur-Smileys geziert wurden. Der moderne Smiley – gelber Kreis, ovale schwarze Augen, Grübchen – ist bereits die Version 2.0. Gezeichnet hat ihn im Dezember 1963 der amerikanische Kriegsveteran und Werbegrafiker Harvey Ball, in 10 Minuten und im Auftrag einer Versicherung, die nach einer feindlichen Übernahme mit lustigen Anstecknadeln das Betriebsklima wieder heben wollte. Die Anstecker verbreiteten sich epidemisch, von den Angestellten und deren Familien übers ganze Land.

Der gelbe Strahlemann wirbt heute für alles, wofür es sich zu werben lohnt und macht viele Menschen reich. Allen voran den französischen Unternehmensberater Franklin Loufrani: Der meldete 1971 ein leicht verändertes Grinsen zum Patent an, das er sich zur Kennzeichnung der guten Nachrichten seines Auftraggebers «France Soir» angeblich selbst ausgedacht hatte. Loufrani ist heute Multimillionär und hält die Smiley-Nutzungsrechte in über 80 Ländern.

Erfinder Harvey Ball dagegen ging bis zu seinem Tod 2001 leer aus. Das Honorar für seinen Ur-Smiley waren gerade mal 45 Dollar.

SMS

Ich smse, Du smst, er smst – mit Verlaub: Das ist unmöglich. Erstaunlich, dass dieser Zungenbrecher, nach Handy und Internet, der grösste Erfolg der modernen Telekommunikation geworden ist. Und noch viel erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass SMS, der short message service, gar nicht als Dienst fürs Publikum gedacht war.

Aber von vorn: Der SMS-Dienst wurde Mitte der 80er Jahre vom finnischen Ingenieur Matti Makkonen erfunden. SMS, wie wir es heute kennen, hatte er überhaupt nicht im Sinn; Makkonen suchte lediglich nach einer Möglichkeit für Mobilfunkbetreiber, ihren Kunden eine simple Nachricht zukommen zu lassen, zum Beispiel, wenn der Handydienst mal wieder überlastet war. Daher auch die Beschränkungen: Eine SMS fasst auch heute noch höchstens 160 Zeichen.

Makkonens Idee überzeugte, und das weit mehr als er sich je erträumt hätte. SMS fand Eingang in den Mobilfunkstandard GSM, und rund ein Jahr nach dessen Einführung, am 3. Dezember 1992, ging das erste, sozusagen historische SMS von einem Computer an ein Handy im britischen Vodafone-Netz. Der Text, merry christmas, war zwar nicht ganz so historisch, aber dennoch: Als 1993 die ersten SMS-fähigen Handys auf den Markt kamen, reagierte das Publikum so begeistert, dass ausgerechnet diese mühselige Tipperei auf den winzigen Tasten dem Mobiltelefon erst so richtig zum Durchbruch verhalf. 2010, so schätzt die internationale Fernmeldeunion ITU, wurden weltweit 6,1 Billionen SMS verschickt. Wäre jedes dieser SMS durchschnittlich 12 Zentimeter lang, reichten sie alle zusammen bis hoch zum Jupiter.

Nur dieses unmögliche Verb! Aber die Gralshüter des guten Deutsch wissen Rat. Die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden schlägt vor: Wir simsen.

Social Media

Vor fünf Jahren waren Social Media noch esoterischer Slang blasser Informatikgurus. Heute sind sie Alltag: Facebook und Twitter sind längst, was der Antike das Forum und dem Mittelalter der Marktplatz war. Nur der Begriff «Social Media» führt in die Irre. Denn sozial waren die Neuen Medien selbst dann schon, als es sie noch gar nicht gab.

Als nämlich 1989 der damals 33-jährige Wissenschaftler Tim Berners-Lee am Cern in Genf auf nur 12 Seiten das skizzierte, was wir heute Web nennen, nahm er Facebook & Co. glatt vorweg: Jedermann sollte, so seine Vision, Inhalte frei kommentieren und Links hinzufügen können. Das war, schon 1989 und Jahre vor dem ersten Webserver, die Urmutter dessen, was wir heute «posten», «liken», «twittern» oder «followen» nennen.

Sozial war das Web also von Anfang an, selbst dann, als es nicht länger nur eine Sache für Forscher, sondern für die ganze Welt war. Der Renner von Homepages der ersten Stunde waren die Gästebücher, weil sie einen öffentlichen Austausch zuliessen, und als 2002 ein anderer Visionär, der 26-jährige Philosoph Stewart Butterfield, mit flickr.com eine Plattform ins Netz stellte, auf der jedermann nach Belieben nicht nur seinen Senf, sondern auch Bilder dazugeben konnte, hatte er nicht einfach ein gigantisches Fotoalbum erfunden, sondern ein soziales Netzwerk der ersten Stunde. Facebook und Twitter, die heute für die ganz grossen Schlagzeilen sorgen, kamen erst später.

Der Mensch ist ein durch und durch soziales Wesen, und mediale Litfasssäulen, gedruckt und gesendet, gibt es genug. Das Web kann gar nicht anders, als sozial zu sein.

Spam

Um den halsstarrigen Pharao zur Einsicht zu bringen, liess Gott, dem zweiten Buch Mose zufolge, im 13. Jahrhundert vor Christus die zehn Landplagen über Ägypten kommen, darunter Heuschrecken, Finsternis und Tod. Halsstarrige Menschen soll es heute, 3500 Jahre später, immer noch geben. Und ebenso die Landplagen.

Eine davon heisst Spam, und gemeint sind die unglaublich lästigen E-Mails, die ungefragt den elektronischen Briefkasten verstopfen und hemmungslos für alles werben, worauf die (meist männliche) Menschheit schon immer gewartet hat: für Online-Casinos, Software und Potenzmittel. Obgleich nichts als Müll, war Spam ursprünglich ein Markenname für Dosenfleisch – spiced ham. Im Zweiten Weltkrieg, als Lebensmittel auch in den USA rationiert waren, war Spam zwar überall zu haben, aber wenig geniessbar. Zum Inbegriff des Unerwünschten wurde das Dosenfleisch durch einen Sketch: Die britische Comedytruppe Monty Python’s Flying Circus verulkte ein Speiselokal, in dem es nichts als Spam zu essen gab.

Dann kamen erst der Computer, und dann das Internet und E-Mail. Und weil auch leichtes Geld gutes Geld ist, kamen windige Geschäftemacher auf die Idee, auf der Suche nach Leichtgläubigen die Welt mit Werbung zu überziehen. Eine erste Spam-Mail wurde 1978 600-mal verschickt, heute sind es gegen 100 Milliarden Spams pro Tag. Spam wird längst nicht mehr von Hand verschickt, sondern von kleinen Computerschädlingen, die ungeschützte PCs infizieren und unbemerkt die unfrohe Botschaft verbreiten. Womit wiederum die Hersteller von Spamfiltern gute Geschäfte machen. (Kleiner Tipp: Der beste aller Spamfilter ist immer noch das Auge – englischer Titel plus unbekannte Adresse plus Schreibfehler gleich Spam.)

Vor 3500 Jahren waren sie noch analog, die Heuschrecken – heute sind sie digital. Spam ist und bleibt eine Landplage.

Stereo

Ein halbes Jahrhundert ist es her, da war der Röhrenempfänger Gegenwart, das Transistorradio Moderne, und Stereophonie Inbegriff der Zukunft. Klang, dessen Ursprung sich im Raum orten liess – das war eine Art achtes Weltwunder.

Stereo
Heute, da Konzertsäle in jedem Handy Platz finden, ist kaum mehr vorstellbar, mit welcher Andacht die ersten Stereoaufnahmen gehört wurden. Dabei ist die Technik rasch erklärt: Eine Stereoaufnahme gibt zwei Aufnahmen wieder, Aufnahmen, die mit verschiedenen Mikrofonen an unterschiedlichen Orten gemacht wurden, jede davon auf ihrem eigenen Kanal. Die Aufnahme des einen Mikrofons bei den Geigen im linken, die des anderen zwischen Celli und Bässen im rechten Ohr: Das liess den Musikfan gleichsam zum Dirigenten werden. Anlagen, die den Stereoeffekt voll zur Geltung bringen konnten, waren nicht Unterhaltungselektronik, sondern Hausaltar.

Stereo ist Griechisch und kommt von stereos, «hart», «starr» oder «Raum». Erste Experimente gab es bereits 1940 im Walt-Disney-Zeichentrickfilm «Fantasia», dessen Stereoton allerdings nur wenige Kinos wiedergeben konnten. Instrumente links, Gesang rechts: Das war es, was die Beatles unter stereo verstanden, und andere Bands liessen den Popsound von links nach rechts und wieder zurück wandern – ein Pingpong-Effekt, der den Freundeskreis in Andacht erstarren liess.

Nicht überall aber wurde die neue Technik verehrt. Mit «Fünf Mann Menschen» produzierten 1968 Ernst Jandl und Friederike Mayröcker das erste vollständig in Stereo produzierte Hörspiel. Indes: Das mit dem renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnete Stück galt dem deutschen Hörspielpapst Heinz Schwitzke als «Kind einer Zeit des Überflusses und des Konsums».