Tonträger

Verba volent, scripta manent,

wussten schon die alten Lateiner: Das gesprochene Wort verfliegt, einzig Geschriebenes bleibt. Daher wird seit Jahrtausenden geschrieben – die alten Ägypter auf Ton und Papyrus, die Römer in Wachs und Stein.

Mit dem gesprochenen Wort allerdings ist das so eine Sache. Erst als 1877 der amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison seinen ersten Phonographen vorführte, liess sich auch schreiben, was zuvor buchstäblich in den Wind gesprochen war – auf mit Zinnfolie bespannte oder mit Wachs beschichtete Walzen, später auf Schelllackplatten, dann auf Vinyl, heute auf CD und in mp3.

Aber der Zahn der Zeit nagt an allem, was der Mensch je geschrieben hat. Unmerklich nur am Stein von Rosetta, jener halbrunden Stele im British Museum, in die ägyptische Priester ein Dekret gemeisselt haben, stärker schon am Book of Kells, jenem ums Jahr 800 in Schottland geschriebenen, reich illustrierten Evangeliar.

An Tonaufzeichnungen aber nagt die Zeit in grossen Bissen. Wachswalzen zerfallen, Schellackplatten verformen sich, Tonbänder entladen sich und brechen. «Degradation» nennen das die Fachleute. Und die macht nicht einmal vor modernsten Tonträgern Halt: Auf CD gebrannte Daten können nach 10 Jahren schon nicht mehr lesbar sein. Noch schlimmer ist die so genannte «Obsoleszenz»: Die Technik stirbt aus. Selbst die besterhaltene Single ist nichts wert, wenn es keine Plattenspieler mehr gibt.

Auf Dauer erhalten lassen sich Tonaufnahmen allein durch eine Digitalisierung – und danach durch systematisches Umkopieren auf Datenträger der jeweils neuesten Generation. Nur ein Speichermedium wäre beständig genug, um Inhalte über Jahrhunderte zu bewahren. Aber das fasst leider keinen Ton: das Papier.

Tram

Zur Welt kam das Tram in England. Am 25. März 1807 wurde im südwalisischen Swansea ein Pferd angeschirrt und vor die hölzerne Schienenkutsche gespannt, die aussah, als wolle sie gleich den wilden Westen durchqueren. Damit war die erste Pferdebahn geboren. Ihr helvetisches Pendant liess noch etwas auf sich warten: Erst 1862 liessen sich die Genfer Stadtväter von den Vorzügen dieses Zwitters aus Postkutsche und Eisenbahn überzeugen und nahmen das erste Rösslitram in Betrieb.

Auch wenn die Geschichte bekannt ist: Woher der Name kommt – «Tram» (vom englischen tramway) –, liegt im Dunkeln. Der Ursprung ist, so wird spekuliert, das altnordische Wort für «Balken», das als tram oder trämel im Zimmermannswesen und in vielen Dialekten noch heute gebräuchlich ist. Dieser (im übrigen männliche) Tram wurde Anfang des 16. Jahrhunderts in Schottland zum Synonym für die auf Schienen laufende Lore in Kohleminen und später für jede Art von Schienenwagen.

Wie alle Fahrzeuge wurde auch das Tram zunächst mit Hafer betrieben, später mit Kohle, da und dort mit Diesel, dann endlich mit elektrischem Strom. Vieles hat sich im Laufe der Jahrzehnte geändert: nicht nur die Futtermittel, sondern auch die Länge. Die ersten Schweizer Kutschen boten Platz für eine Handvoll Reisende; Hochleistungstrams von heute sind über 40 Meter lang, fassen mehr als 200 Passagiere und bieten Klimaanlage und drahtloses Internet.

Die Moderne machte auch vor der historischen Schienenkutsche von Swansea nicht Halt: Das Zugpferd wurde der Reihe nach von einem Segel, einer Dampfmaschine, einem Diesel- und einem Elektromotor abgelöst. Bis schliesslich 1960 der schärfste Konkurrent des Trams das Geschäft übernahm: der Bus.

Trockenwohnen

1890, mit gerade mal 20 Jahren, verliert die spätere deutsche Gewerkschafterin Paula Thiede ihren Mann. Ein Schicksalsschlag, denn für mittellose Witwen gibt es weder Versicherungen noch staatliche Unterstützung. Paula zieht aus ihrer Berliner Mitwohnung aus, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten kann, und um nicht obdachlos zu werden, bleibt der Mutter zweier kleiner Kinder nur eines: Sie wird Trockenwohnerin.

In nur 20 Jahren, zwischen 1870 und 1890, hatte sich die Berliner Wohnbevölkerung auf 1,6 Millionen Menschen verdoppelt. Die stark wachsende Arbeiterklasse litt unter permanentem Wohnungsmangel und überhöhten Mieten, und so wurde überall gebaut. Mietskasernen schossen wie Pilze aus dem Boden. Die Wände wurden mit Kalkmörtel verputzt, der Wasser freisetzte und auch nach der Fertigstellung Monate brauchte, bis er vollkommen trocken war. Weil man aber eine müffelnde, feuchte Wohnung zahlenden Mietern nicht zumuten konnte, pflegten Bauherren den Wohnraum in dieser Zeit zu einem stark reduzierten Mietzins oder gar kostenlos zur Verfügung zu stellen. Nicht etwa aus Nächstenliebe, sondern aus ganz praktischen Überlegungen: Die Menschen beheizten die Neubauten allein schon mit ihrer Körperwärme, und das ausgeatmete Kohlendioxid liess den Mörtel schneller aushärten.

Keine Frage, dass das Trockenwohnen klammer Neubauten der Gesundheit alles andere als zuträglich war. Paula Thiedes zweitgeborenes Kind wurde krank und starb kurze Zeit später.

Tschingg

Fremdenfeindlichkeit ist erfinderisch, besonders was die Sprache angeht. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde ein Gastarbeiter aus Italien Tschingg genannt. Der Tschingg galt als laut, schmutzig, faul und dumm. Tschingg, das war in Sprache gegossene Verachtung.

Dabei ist sein Ursprung denkbar heiter. Das schlimme Wort geht nämlich auf ein jahrtausendealtes Spiel zurück. Es nennt sich «Morra», wird mit den Händen gespielt und war namentlich in Italien weit verbreitet. Zwei Spieler versuchen in atemberaubendem Tempo, die Summe zweier Zahlen zu erraten, die sie mit den Fingern anzeigen. Beide strecken sie einen bis fünf Finger ihrer rechten Hand aus, und gleichzeitig rufen sie eine Zahl zwischen 2 und 10. Wer die richtige Summe trifft, erhält einen Punkt. Erreicht ein Spieler das vereinbarte Total, etwa von 16 oder 21, hat er gewonnen. Anders als man annehmen könnte, ist «Morra» kein reines Glücksspiel; es kommt auch auf Beobachtungsgabe, Gedächtnis und die Einschätzung des Gegners an.

«Morra» wurde von den Gastarbeitern vor allem in den Pausen gespielt. Weil dabei die Zahlen laut gerufen werden (und weil aus Gründen der Statistik die Zahlen 5, 6 und 7 am häufigsten vorkommen), war immer wieder dieses fremdartige Wort cinch zu hören, die Kurzform von cinque, «fünf». Der Ausdruck wurde zum Inbegriff des Fremden, und so hiess ein Arbeiter aus dem Süden bald einmal Tschingg.

In Italien ist «Morra» heute selten geworden; da und dort versuchen Vereine das alte Spiel als Tradition zu bewahren. Das böse Wort Tschingg aber, so ist zu hoffen, ist fast gänzlich ausgestorben.

Ukulele

«Ukulele» ist Hawaiianisch und heisst «hüpfender Floh», angeblich eine Anspielung auf die Finger virtuoser Spieler. Davon sind Anfänger weit entfernt, und so kennen wir die Ukulele vor allem als Folter fürs Ohr. Dabei ist sie ein erstzunehmendes Instrument.

Die Ukulele ist vergleichsweise jung: Sie wurde in den 1880er-Jahren auf Hawaii entwickelt, nach dem Vorbild kleiner Gitarren, die portugiesische Immigranten aus Madeira und der Kolonie Kapverde mitgebracht hatten. Keine zwei Wochen war es her, dass die Instrumentenbauer Manuel Nunes, José do Espírito Santo und Augusto Dias von Bord des Immigrantenschiffs «Ravenscrag» gegangen waren, da berichtete die hawaiianische Lokalzeitung im Herbst 1879 bereits über beliebte nächtliche Ukulelenkonzerte. Ein glühender Bewunderer war Hawaiis letzter König Kalākaua, der es liebte, seine Gäste mit der Ukulele zu unterhalten. Bis heute stammen die angeblich besten Ukulelen aus der Werkstatt der Familie Kamaka, und als Krönung gilt ihre Ukulele aus dem Holz der nur auf Hawaii vorkommenden Koa-Akazie, die Ananas-Ukulele heisst, weil ihr ovaler Klangkörper keine Taille besitzt.

Von Piccolo- bis Kontrabassukulele, handgemacht und Tausende von Dollars teuer oder aus billigem Sperrholz und manchmal gar aus Plastik: Die Ukulele ist handlich und leicht zu transportieren, und so fand sie ihren Weg erst nach Japan und in die USA, dann nach Europa und in die ganze Welt – in die Volksmusik, gelegentlich in die Klassik – und ganz besonders in den Jazz.