Sparschäler

Jahrhundertelang wurde Gemüse mit dem Messer geschält. Das brauchte Geschick, und trotzdem fiel immer ein Teil dem Schneiden zum Opfer. Seit den späten 1930er-Jahren gab es zwar einen deutschen Sparschäler zu kaufen, der einem normalen Küchenmesser glich, aber auch der war nicht sonderlich praktisch.

Dem schuf Alfred Neweczerzal Abhilfe. Der in Davos geborene Elektromechaniker und Marktfahrer mit tschechischen Vorfahren war ein begnadeter Tüftler. 1947 liess er seinen neuartigen Küchenhelfer patentieren, mit dem sich Gemüse kinderleicht schälen liess, und taufte ihn auf den Namen «Rex». Ein U-förmig gebogener, ergonomischer Alubügel, darüber eine quer liegende, bewegliche Doppelklinge, die sich jederzeit der Gemüseform anpasst und nichts als die dünne Schale entfernt, dazu an der Seite eine kleine gebogene Zusatzklinge, mit der sich Kartoffelaugen bequem herausschneiden lassen.

In schlichtem Alu, heute auf Wunsch in allen Regenbogenfarben, als Jubiläumsausgabe sogar vergoldet: Neweczerzals Sparschäler ist Kult – jährlich wird er weltweit rund eine Million Mal verkauft. Jahrzehntelang wurde der «Rex» vom Familienunternehmen Zena AG in Affoltern am Albis hergestellt, das 2020 von Victorinox übernommen wurde. Seine elegante Form und seine einfache Handhabung machten den Sparschäler made in Switzerland zum Designklassiker, den 2003 sogar die Schweizerische Post mit einer 15-Rappen-Briefmarke verewigte. Ein Klassiker zum Schnäppchenpreis: Der «Rex» kostet bis heute fast genau gleich viel wie 1947: im günstigsten Fall 1.95 Franken.

Spekulatius

Das Gebäck namens «Spekulatius» ist staubtrocken, flach, rechteckig, schmeckt nach Kardamom, Gewürznelken, Zimt – und, je nach Sorte, ein bisschen nach Karamell. Diese seltenen Gewürze waren es, die den Spekulatius im Zweiten Weltkrieg zum exotischen Luxusgut machten. Ursprünglich war Spekulatius ein traditionelles Adventsgebäck, doch heute ist er jederzeit und überall zu kaufen, als fertiges Gebäck oder auch als Gewürzmischung zum Selberbacken.

Bleibt die Sache mit dem seltsamen Namen. Nomen est omen – die Herkunft von «Spekulatius» bleibt bis heute Spekulation. Eine Theorie besagt, dass das niederdeutsche Spikelatsjie vom lateinischen speculum herkommt, das «Spiegel» oder «Abbild» bedeutet (und von dem auch unser heutiger «Spiegel» abstammt). Der Keks soll so heissen, weil bei seiner Herstellung mit einem Model ein Motiv in den Gewürzteig gepresst wird, so dass der Spekulatius zum Beispiel das Abbild des heiligen Nikolaus trägt. Beliebte Sujets sind auch Pferde oder Elefanten, Bauernhäuser oder Windmühlen. Andere Quellen behaupten, dass das Gebäck seinen Namen Nikolaus selbst verdankt. Der trägt nämlich den lateinischen Beinamen speculator, auf Deutsch «der Umschauende», «der Behüter». Und weil Spekulatius in Belgien und den Niederlanden vor allem am Nikolaustag gegessen wurde, soll das Gebäck den heiligen Beinamen bekommen haben.

Die fromme Herkunft und der Sinn des Gebäcks als vorweihnachtliche Leckerei sind längst in Vergessenheit geraten. Was bleibt, ist der Keks mit dem unverwechselbaren Geschmack und dem altmodischen Namen.

Spiegel

Spieglein, Spieglein an der Wand: Wer ist die Schönste im ganzen Land?

Mal für Mal bestätigt der Spiegel, die schönste aller Frauen sei sie. Schneewittchen wächst heran, bis der Spiegel endlich erkennt:

Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.

Das eigene Gesicht zu betrachten, ist dem Menschen nicht gegeben. Dazu ist eine spiegelnde Oberfläche nötig. Die Physik besagt, dass der Ausfallswinkel eines Lichtstrahls, der auf einen ebenen Spiegel trifft, genau so gross ist wie sein Einfallswinkel. Deshalb sehen wir jedes Detail, wie es ist – scheinbar, denn: Der Spiegel zeigt nie die Realität, sondern immer nur deren seitenverkehrte Reflexion. Diese Brechung hat die Menschen schon immer fasziniert: In der griechischen Mythologie verliebt sich der bildschöne Narziss unglücklich in sein eigenes Spiegelbild im Wasser.

Die ersten Spiegel, so nehmen Archäologen an, werden tatsächlich flache, mit Wasser gefüllte Schalen gewesen sein – oder mühevoll polierte Oberflächen, etwa des schwarzen Vulkansteins Obsidian. Die Herstellung von Bronze machte die Sache einfacher: In Mesopotamien wurden um 3000 v. Chr. erste Bronzespiegel hergestellt, Spiegel, von denen schon das Alte Testament erzählt und die im alten Ägypten und Rom bereits gang und gäbe waren.

«Spiegel» kommt vom lateinischen speculum, «Abbild», und Verhaltensforscher sehen im Erkennen des eigenen Spiegelbildes bei Tieren oder kleinen Kindern ein Zeichen von Intelligenz und Abstraktionsvermögen. Selbst im Digitalzeitalter ist der Spiegel so faszinierend wie eh und je. Was einst Narziss die Quelle, ist uns heute das Handy und seine Frontkamera.

Spiegelschrift

Mailand, 1490. Der 38-jährige Leonardo da Vinci notiert:

Es ist nützlich, andauernd zu beobachten, aufzuschreiben und nachzudenken.

Wohin Leonardo auch geht, stets baumelt ein Notizbuch von seinem Gürtel, und in dieses Buch notiert das Universalgenie, was immer ihn gerade beschäftigt und was als nächstes zu tun ist. So steht da:

Die genauen Masse von Mailand berechnen,
den Professor fragen, wie man ein Dreieck in ein gleich grosses Quadrat umwandelt,
Karte von Mailand zeichnen.

Bloss: So einfach lesen lassen sich die Notizen nicht, denn bis auf Briefe, die für andere bestimmt waren, hat Leonardo alles in Spiegelschrift geschrieben, immer seitenverkehrt und von rechts nach links. Wer seine Aufzeichnungen entziffern will, muss sie vor einen Spiegel halten.

Die Wissenschaft hat lange darüber gerätselt, weshalb. Wollte Leonardo seine Erfindungen vor unbefugten Lesern schützen? War es eine Geheimschrift; eine Art Patentschutz? Die Antwort ist einfacher. Leonardo da Vinci war Linkshänder, und die Spiegelschrift bewahrte ihn vor dem Verschmieren der Tinte. Genutzt wird sie bis heute. Polizei-, Ambulanz- und Feuerwehrfahrzeuge, deren Beschriftung im Rückspiegel lesbar sein muss, werden vorn seitenverkehrt beschriftet.

Spiegelschrift von Hand ist eine Knacknuss. Wer Linkshänder ist wie Leonardo, aber mit rechts schreiben gelernt hat, ist dabei im Vorteil: Viele umgeschulte Linkshänder beherrschen die Spiegelschrift von Natur aus – ohne Übung und ohne nachzudenken, als ob sie schon immer so geschrieben hätten.

Spielkarten

Spielkarten sind Kulturgut par excellence. Und längst sind sie Teil der Alltagssprache – ob zwei Staaten ein Abkommen aushandeln oder zwei Bauern um eine Kuh feilschen: Beide werden sie sich nicht in die Karten blicken lassen. Dabei wären Karten genau dafür gemacht: Spielkarten sind deshalb punktsymmetrisch, damit man sie auch dann erkennen kann, wenn sie kopfstehen.

Mit Karten spielt buchstäblich die ganze Welt, und so verschieden die Menschen, so verschieden die Karten. In Indien gab es runde Karten und in China schmale, längliche Streifen. Auffällig ist, dass Kartenspiele fast ausnahmslos vier verschiedene Farbwerte aufweisen: Im französischen Blatt sind das Kreuz, Pik, Herz und Karo, im Schweizer Blatt Eicheln, Schilten, Schellen, und Rosen, oder in Italien und Spanien Schwerter, Kelche, Münzen und Stäbe. Verblüffend ist die Verwandtschaft mit den chinesischen Mahjongg-Spielsteinen und ihren Farbwerten Bambus, Zahl und Kreis – sowie Blumen, Jahreszeiten, Winde und Drachen. Mahjongg-Steine sind würfelzuckerklein und meist aus Bambus gemacht, aber klar, dass es das Spiel auch in Kartenform gibt.

Karten sind universell und daher, wie heute üblich, genormt. Der Standard ISO-216 kennt die Grössen Poker (63 mal 88 Millimeter) oder Bridge (sieben Millimeter schmaler). Der Grund: Der Pokerspieler muss die Karten seines Gegenübers auch über einen verrauchten Tisch hinweg erkennen können, und eine Bridge-Spielerin muss es schaffen, ein Blatt von 13 Karten in der Hand zu halten.

Spielkarten haben ihren Ursprung in Ostasien. Sie bestehen aus dünnem Karton, und der verbreitete sich in Europa erst im Mittelalter. Im Jahr 1367 verbot die Stadt Bern ein Spiel mit dem Namen «Das Gebetbuch des Teufels» – nach Ansicht von Forschern war damit ein Kartenspiel gemeint.