Datei

Kaum ein Wort treibt uns um wie «Datei». Spätestens wenn die Worte «nicht gefunden» am Bildschirm prangen, steigt der Blutdruck in ungesunde Höhen. Das Wort klingt nach staubigem Kontor, doch tatsächlich ist «Datei» ein Kunstwort aus der Feder des Deutschen Instituts für Normung (DIN). Es ist ein Zusammenzug aus «Daten» (von lateinisch datum, «das Gegebene») und der althergebrachten Kartei.

Ob Text, Bild oder Ton: Erst als Datei kann der Computer mit Inhalten umgehen. Die Datei ist die digitale Entität schlechthin, und sie ist Teil der sogenannten «Schreibtischmetapher», die versucht, abstrakten digitalen Inhalten einen gegenständlichen Anschein zu geben. Die Datei ist eine zusammenhängende, maschinenlesbare, auf einem Datenträger dauerhaft gespeicherte Menge von Informationen. Sie war ein Meilenstein der Computergeschichte: Die ersten elektronischen Rechner waren zwar in der Lage, komplexe Berechnungen durchzuführen, aber die Ergebnisse waren flüchtig; ein Speichern war nicht möglich. Der erste Speicher war eine vom amerikanischen Konzern RCA entwickelte Elektronenröhre, die im Februar 1950 vom Wissenschaftsmagazin «Popular Science» als bahnbrechende Erfindung gefeiert wurde. Diese Röhre wies den Weg in die Zukunft – in einer Zeit, in der das englische Wort file noch «Aktenhefter» oder allenfalls «Lochkarte» bedeutete. Dateisysteme, wie wir sie heute nutzen, wurden erst durch Computer möglich, die in den 1960-er Jahren entwickelt wurden.

Seit Jahrzehnten ist die Datei buchstäblich in aller Munde. Doch allmählich hat ihre letzte Stunde geschlagen: Auf Smartphones und Tablets gibt’s nur noch Texte und Songs, Fotos und Filme. Die Datei wird allmählich abgelöst von dem, worauf es wirklich ankommt: dem eigentlichen Inhalt.

Daumen drücken

Daumen drücken die Menschen, seit sie Daumen haben. Die Redensart war schon im alten Rom gang und gäbe:

Das Sprichwort sagt, dass wir den Daumen drücken sollen, wenn wir jemanden mögen,

schrieb Plinius der Ältere in seiner «Historia Naturalis». Wenn der Imperator im Zirkus das Publikum aufforderte, über das Schicksal eines Gladiators zu entscheiden, hielt die johlende Menge entweder den Daumen nach unten – damit war der Pechvogel dem Tod geweiht –, oder aber es drückte den Daumen, wie wir es tun, und der Gladiator blieb am Leben.

Auch den alten Germanen galt der Daumen als «Glücksfinger» mit übernatürlichen Kräften. Ihn einzuschlagen und mit den vier übrigen Fingern zu drücken war eine Art Bannzauber gegen Dämonen und Hexen; die Gebrüder Grimm nennen noch 1816 in ihren «Deutschen Sagen» den Brauch, mit nächtlichem Daumendrücken einem Alptraum vorzubeugen:

Wenn der Alp drücket, und man kann den Daumen in die Hand bringen, so muss er weichen.

Der Grund für die Sonderstellung des Daumens liegt auf der Hand: Der Verlust eines der vier Finger ist zu verschmerzen, doch ohne Daumen, den kräftigsten aller Finger, kann man ein Werkzeug nicht mehr halten. Besonders makaber: Selbst nach dem Tod seines Besitzers wurde dem Daumen Zauberkraft zugeschrieben: Daumen gehenkter Diebe wurden nicht selten geraubt, in Gold oder Silber gefasst und von abergläubischen Spielern in der Tasche getragen.

Das Daumendrücken ist seit jeher vor allem eine germanische Sitte. In Frankreich oder England ist der Aberglaube an die Magie der Finger zwar ebenso verbreitet. Nur werden hier keine Daumen gedrückt, sondern («croiser les doigts», «keep one’s fingers crossed») die Finger gekreuzt.

Daumenkino

Ein Daumenkino ist ein Büchlein voller Zeichnungen, die sich, eine um die andere, geringfügig unterscheiden. Blättert man die Seiten mit dem Daumen in rascher Folge ab, entsteht die Illusion einer Bewegung. Das Auge sieht einen Film – einen Film, der so lange dauert, wie das Büchlein dick ist. Daumenkinos sind ein Vergnügen für Kinder, und sie sind einer der Vorläufer von Kino und Fernsehen.

Daumenkinos gab es schon ums Jahr 1600. Doch es sollte bis 1868 dauern, dass ein gewisser John Barnes Linnett, Drucker in Birmingham, ein flip book patentieren liess, auf Deutsch ein «Blätterbuch». Wesentlich älter ist eine Schüssel aus der Bronzezeit, die iranische Archäologen in Schahr-e Sochte ausgruben und die, um die eigene Achse gedreht, eine hochspringende Ziege zeigt, die nach Baumzweigen schnappt.

Wie alt das Daumenkino aber tatsächlich ist, wissen Archäologen erst seit kurzem. Münzengrosse, seitlich mit zwei kleinen Löchern versehene Tonscheiben, die auf beiden Seiten eingekerbte Tierfiguren zeigten, gaben der Wissenschaft lange Zeit Rätsel auf. Sie waren in Frankreich und Spanien gefunden worden, und sie waren unzweifelhaft uralt – 14 000 bis 21 000 Jahre alt. Bloss: Stellten sie Götzen dar? War das Kunst? Die jüngste Antwort lautet: Es war Kinderspielzeug. Zieht man einen Faden durch die beiden Ösen und zwirbelt ihn auf, erzeugen die Tonscheiben beim Drehen die Illusion eines davonpreschenden Rehs. Mit solcherlei Spielzeug, so nehmen die Forscher heute an, wurden Steinzeitkinder auf ein Erwachsenenleben vorbereitet – als Handwerker und als Jäger.

Dekadenz

Flöte und Lyra, ein feixender, mit blechernen Armen klatschender Hofnarr, ein endloser Reigen von Sklaven beim Auftragen der erlesensten Speisen, darunter in Honig und Mehl gebackene Haselmäuse und mit lebendigen Drosseln gefüllte Spanferkel aus Kuchenteig. Der schamlos zur Schau gestellte Luxus ist geradezu obszön: Was uns der römische Dichter Titus Petronius in seinem Roman «Satyricon» vor Augen führt, ist das alte Rom in den Tagen Neros, dessen Kultur längst von Verschwendungssucht und Sittenlosigkeit zerfressen ist und das Federico Fellini in seinem gleichnamigen Film von 1969 grell auf die Leinwand malt.

Das nachchristliche Rom ist der Inbegriff der Dekadenz, des Verfalls einer Kultur, die in der Welt ihresgleichen suchte. Décadence (von lateinisch cadere, «fallen» oder «sinken») ist ein Begriff aus der Staats- und Geschichtsphilosophie, mit dem der Aufklärer Montesquieu 1734 die Verkommenheit Roms als Vorbote des Verfalls anprangerte. Dekadenz aber setzt voraus, dass es objektiv gute und schlechte Zustände gibt, Zeiten des Aufstiegs einer Kultur und Zeiten ihres Falls. Wenn es um jahrhundertelange Entwicklungen geht, ist der Anspruch von Objektivität ein Problem, und nicht von ungefähr hat die Geschichtswissenschaft den Begriff der Dekadenz längst fallen lassen.

Für Petronius dagegen war Roms Dekadenz Realität: Er war nicht nur Dichter und Politiker, sondern auch Neros arbiter elegantiae, der persönliche Stilberater des grössenwahnsinnigen Kaisers. Und so schrieb er sich beides von der Seele: die morbide Faszination und den abgrundtiefen Ekel.

Dessert

Das Dessert ist das Sahnehäubchen des Banketts, dabei gehört es eigentlich schon gar nicht mehr dazu: Das Wort kommt vom französischen desservir, «abtragen» – ein Dessert ist also das, was kommt, wenn das Geschirr des Hauptgangs abgetragen ist. Für ein formvollendetes Dessert wird der Tisch abgeräumt, werden die Hände gewaschen und wird ein frisches Tischtuch ausgebreitet.

Das Dessert als solches ist noch gar nicht so alt. Die heutige Abfolge von Gängen bürgerte sich erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts ein. Davor konnte es durchaus sein, dass die Gäste das Dessert im Salon zu sich nahmen, oft stundenlang, beim Plaudern und Umherschlendern. In Frankreich und England wurde beim sogenannten ambigu das Dessert gleichzeitig mit allen anderen Gerichten kunstvoll drapiert – opulente Tafeln dieser Art sind auf Renaissance- und Barockgemälden zu sehen.

Was genau ein Nachtisch zu sein hatte, hing stets von der jeweiligen Zeit und Kultur ab: Süssspeisen aller Art, Kuchen und Konfekt, Früchte, Käse, Nüsse, in Japan und China auch ein Glückskeks mit philosophischem Sinnspruch. Beim Gastmahl des Trimalchio, beschrieben vom römischen Senator und Autor Titus Petronius im 1. Jh. n. Chr., umfasste allein das Dessert gleich mehrere Mahlzeiten: Drosselfleischpastete, Quitten, Rosinen und Nüsse, Schweinefleisch in Form einer gebratenen Gans, dazu Fisch, Austern und Schnecken. Wohl bekomm’s!