Teigtaschen

Dem wahren Feinschmecker sind sie ein Graus: die Ravioli. Das liegt weniger am Gericht als vielmehr an seiner Verpackung: Seit Generationen gibt es sie, in eintöniger Tomatensauce schwimmend, in Dosen zu kaufen; kurz aufgewärmt, ergeben sie eine hastige Mahlzeit.

Ravioli, diese kulinarischen Einwanderer aus Italien, sind also Fastfood? Von wegen. Teigtaschen aus Hefe, Blätter- oder Nudelteig und mit Gemüse-, Fisch- oder Fleischfüllung sind auf der ganzen Welt heimisch. Ihre Zubereitung ist simpel: Der Teig aus Mehl oder Hartweizengriess, Wasser, Salz und Ei wird flach ausgerollt und zugeschnitten. Jeder Teil wird mit der gewünschten Füllung belegt, mehr oder weniger kunstvoll geschlossen und danach gekocht, gedünstet, gebraten oder frittiert. Das Ergebnis heisst dann je nach Weltengegend Krapfen, Maultaschen, Tortelloni, Kreplach, Piroggen, Empanadas, Pelmeni, Boraki, Wareniki oder Pow. Alle sind sie ein bisschen anders und doch ein bisschen gleich, denn allen ist gemeinsam, dass man von aussen nicht erkennen kann, was drinsteckt.

Und das ist Absicht. Denn zum einen lassen sich so patent die Reste vom Vortag verarbeiten, und zum anderen verbirgt die Tarnung aus Teig diskret, dass die Zutaten nicht zwingend von der allerbesten Qualität zu sein brauchen. Und dann gab es noch diesen einen, ganz besonders gewichtigen Grund: An Freitagen durften fastende Katholiken im Gedenken an den Karfreitag, den Hinrichtungstag Jesu Christi, kein Fleisch essen. Teigtaschen machten es möglich, sich selbst im Kloster hemmungslos der Fleischeslust hinzugeben. Im Schwabenland heissen die Maultaschen daher treuherzig «Herrgottsbscheisserle».

Teufelsstein

Unterhalb von Göschenen liegt der sogenannte «Teufelsstein». Er ist 13 Meter hoch und 2000 Tonnen schwer, und hierher versetzt hat ihn – nein, nicht der Teufel, sondern vielmehr eine mächtige Hydraulikpresse. Und das kommt so:

In alten Zeiten hatten die Urner mehrmals versucht, in der Schöllenenschlucht eine Brücke zu bauen. Vergeblich: Jedesmal stürzte der Bau in die wilde Reuss. Da schlug der Teufel ein Geschäft vor: Er werde die Brücke bauen, wenn er dafür die Seele bekomme, die als erste die Brücke überquere. Gesagt, getan. Die Urner aber, bauernschlau, jagten als erstes einen Ziegenbock hinüber. Wutentbrannt griff der Teufel nach einem riesigen Felsen, um damit das Bauwerk zu zerschlagen. Ein in den Stein geritztes Kreuz aber verwirrte den Teufel so sehr, dass er die Brücke verfehlte. So will es jedenfalls die alte Sage.

Tatsache ist, dass der Teufelsstein, der seit Menschengedenken auf dem Teufelssteinmätteli bei Göschenen lag, 1968 der geplanten Gotthardautobahn im Weg war. Die Ingenieure waren um eine Lösung nicht verlegen und planten, den lästigen Block zu sprengen. Aber auch sie hatten die Rechnung ohne die Urner gemacht: Die Naturforschende Gesellschaft, der Göschener Gemeinderat, die Natur- und Heimatschutzkommissionen von Bund und Kanton, ja sogar die Göschener Schuljugend mit einer Schülerzeitung – alle fachten sie einen wahren Entrüstungssturm an. Bis der Bund klein beigab und statt dessen eine Versetzung vorschlug.

Und so kam es, dass 1973 moderne Technik und Kosten von gut 300 000 Franken dem Teufel ins Handwerk pfuschten und den Granitblock um 127 Meter nach Norden schoben, wo er bis heute liegt.

Toast

In Grossbritannien gehört der Toast zu jedem Frühstück. Doch ein Brite ist er nicht: «Toast» kommt vom lateinischen torrere, «dörren» oder «rösten». Tatsächlich wurde Toast längst vor der Erfindung des elektrischen Stroms gegessen. Im alten Ägypten hielt man Brot übers Feuer, um es haltbar zu machen. Das taten auch die Römer, und mit ihnen fand der Toast seinen Weg nach ganz Europa. Mit der Zeit wurde das offene Feuer vom eisernen Kanonenofen abgelöst: Die Brotscheibe wurde an die heisse Aussenwand geklebt – fiel sie von selbst wieder ab, war der Toast fertig. Den elektrischen Toaster gibt es erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts.

Andere Zeiten, andere Vorlieben: Im ausgehenden Mittelalter wurde der Toast zwar geröstet, aber nicht unbedingt gegessen – er diente vor allem dazu, Getränken Geschmack zu verleihen. «Go fetch me a quart of sack; put a toast in’t» – «Geh, hol mir ein Glas Sekt; leg ein Stück Toast hinein», sagt Falstaff in Shakespeares Lustigen Weibern von Windsor. Danach wurde der schlappe Toast schon mal den Hunden vorgeworfen.

Heute dagegen ist die Toastscheibe vom Frühstückstisch nicht mehr wegzudenken. Was ein absolut perfekter Toast ist, hat 2011 nach Tausenden Testscheiben der britische Wissenschaftler Dom Lane herausgefunden: 3 Grad kaltes Weissbrot, 14 Millimeter dick, 900-Watt-Toaster, Stufe 5 von 6, Temperatur 154 Grad. Röstdauer: Genau 216 Sekunden.

Toi, toi, toi

Der Mensch, so scheint es, ist ein durch und durch abergläubisches Wesen, und «toi, toi, toi» ist nichts anderes als ein so genannter Abwehrzauber. Er soll verhindern, dass das Gelingen eines Vorhabens den Neid böser Geister hervorruft. Und weil auch Geister es nicht sonderlich mögen, wenn man ihnen vor die Füsse spuckt, tat man in alten Zeiten genau das: man wünschte alles Gute und spuckte anschliessend dreimal auf den Boden. Aus naheliegenden Gründen geriet die Sitte, trotz der freundlichen Absicht, im 18. Jahrhundert aus der Mode, und als Ersatz für das dreimalige Spucken hielt das lautmalerische «toi, toi, toi» Einzug ins Norddeutsche, wo es seit dem 19. Jahrhundert belegt ist.

In alten Zeiten wurde gespuckt, was das Zeug hielt. Weshalb, erklärt im ersten Jahrhundert nach Christus der römische Gelehrte Plinius der Ältere, in seinem einflussreichen Werk Historia naturalis:

Zu den geheimen Mitteln gehöret auch, dass ein jeder in sein von ihm gelassenes Wasser speye; so auch in den Schuh des rechten Fusses, ehe man ihn anziehet; desgleichen, wenn jemand über einen Ort gehet, wo er irgend Gefahr gelaufen ist. (…) Glauben wir diess, so können wir auch glauben, dass folgendes gehörig geschehe: Komme ein Fremder dazu, oder sehe man ein Kind schlafen, so müsse die Amme dreymal dabey ausspeyen.

Speichel galt als probates Mittel gegen Entzündungen, Geschwüre und Beschwerden aller Art, einschliesslich neidischer Götter. Dreimaliges Speien war dabei besonders wirksam, weil es die heilige Trinitas unterstrich, die Dreieinigkeit Gottes.

Ein bisschen heidnischer Brauch, ein bisschen christliche Religion: Wenn’s gegen die bösen Geister geht, ist jedes Mittel recht. Toi, toi, toi.

Tschingg

Fremdenfeindlichkeit ist erfinderisch, besonders was die Sprache angeht. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde ein Gastarbeiter aus Italien Tschingg genannt. Der Tschingg galt als laut, schmutzig, faul und dumm. Tschingg, das war in Sprache gegossene Verachtung.

Dabei ist sein Ursprung denkbar heiter. Das schlimme Wort geht nämlich auf ein jahrtausendealtes Spiel zurück. Es nennt sich «Morra», wird mit den Händen gespielt und war namentlich in Italien weit verbreitet. Zwei Spieler versuchen in atemberaubendem Tempo, die Summe zweier Zahlen zu erraten, die sie mit den Fingern anzeigen. Beide strecken sie einen bis fünf Finger ihrer rechten Hand aus, und gleichzeitig rufen sie eine Zahl zwischen 2 und 10. Wer die richtige Summe trifft, erhält einen Punkt. Erreicht ein Spieler das vereinbarte Total, etwa von 16 oder 21, hat er gewonnen. Anders als man annehmen könnte, ist «Morra» kein reines Glücksspiel; es kommt auch auf Beobachtungsgabe, Gedächtnis und die Einschätzung des Gegners an.

«Morra» wurde von den Gastarbeitern vor allem in den Pausen gespielt. Weil dabei die Zahlen laut gerufen werden (und weil aus Gründen der Statistik die Zahlen 5, 6 und 7 am häufigsten vorkommen), war immer wieder dieses fremdartige Wort cinch zu hören, die Kurzform von cinque, «fünf». Der Ausdruck wurde zum Inbegriff des Fremden, und so hiess ein Arbeiter aus dem Süden bald einmal Tschingg.

In Italien ist «Morra» heute selten geworden; da und dort versuchen Vereine das alte Spiel als Tradition zu bewahren. Das böse Wort Tschingg aber, so ist zu hoffen, ist fast gänzlich ausgestorben.