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Anciennität

Wird ein neuer Bundesrat gewählt, ist ein Traktandum der nächsten Bundesratssitzung ein nicht ganz unwichtiges: Wer tut in den nächsten Jahren was? Wer wird Vorsteherin oder Vorsteher welches Eidgenössischen Departements?

Wie die Antwort ausfällt – ob die Diskussion darüber ruhig oder hitzig geführt wird – darüber herrscht Stillschweigen. Das Vorgehen aber ist bekannt: Der Bundesrat folgt dem so genannten Anciennitätsprinzip: Der Amtsälteste wählt sein Departement als erster, der frisch Gewählte als letzter.

Das Anciennitätsprinzip stammt aus dem Militär: In alten Zeiten stand Offizieren mit der Zeit eine Beförderung zu, massgebend war allein das Dienstalter. So liess sich Konkurrenz vermeiden und der Korpsgeist stärken. Dass das Prinzip andererseits Motivation und Leistungsbereitschaft nicht gerade förderte, das war dann wieder die Kehrseite der Medaille.

Im Bundesrat galt das frühere Militärdepartement lange als Sitz für Anfänger – Kaspar Villiger, später Finanzen; Arnold Koller, später Justiz, Jean-Pascal Delamuraz, später Volkswirtschaft – alle begannen sie ihre Laufbahn im EMD. Noch heute gilt das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) nicht als so genanntes Schlüsseldepartement, auch wenn sein Budget mit viereinhalb bis fünf Milliarden Franken pro Jahr nicht das Kleinste ist.

Wie genau der Bundesrat jeweils die Sitzverteilung vornimmt, steht im Parlamentsgesetz, sechster Titel, Wahlen in den Bundesrat:

Die Sitze werden einzeln und nacheinander besetzt, in der Reihenfolge des Amtsalters der bisherigen Amtsinhaberinnen oder Amtsinhaber. Sitze, für die bisherige Mitglieder des Bundesrates kandidieren, werden zuerst besetzt.

Zwetschge

In einem Schweizer Obstgarten stehen Kirsch-, Apfel- und Birnbäume – und ganz bestimmt ein Zwetschgenbaum. Dieser Tage erfreut sich der grosser Beliebtheit: Am Ende des Sommers werden die Zwetschgen geerntet, und einer alten Schweizer Tradition zufolge kommt am eidgenössischen Buss– und Bettag, dem jeweils dritten Sonntag im September, ein Zwetschgenkuchen auf den Tisch.

Was wir da zwar mit viel Genuss, aber wenig Wissen verzehren, ist ein eigentliches Wunderwerk der Natur. Der Baum zählt wie alle anderen Obstbäume zur grossen Familie der Rosengewächse. Zwetschgenholz ist dunkel und hart – die Farbe geht dabei von dunklen Brauntönen bis ins Violette – und eignet sich ausgezeichnet für Schmuck, Einlegearbeiten oder Musikinstrumente. Die Zwetschge, je nach Region auch Quetsche oder Bauernpflaume genannt, ist etwas spitzer, fester und kleiner als die eng verwandte Pflaume. Und der Zwetschgenkern lässt sich wesentlich leichter aus dem Fruchtfleisch lösen. Zwetschgen sind natürliche Abführmittel, und sie enthalten eine Menge Beta-Carotin und Kalium. Ihre Haut ist glatt und hat einen Belag, den so genannten Duftfilm, der aus einem natürlichen Wachs besteht.

Das Rezept für einen Zwetschgenkuchen nach Schweizer Art ist denkbar einfach: Teig, reichlich Zwetschgen, dazu Rahm, Eier, Zucker und geriebene Haselnüsse. Allerdings: Mit dem Namen ist das schon schwieriger. Das Wort Zwetschge kommt, genau wie das englische damson, vom lateinischen prunus damascunum, auf Deutsch Damaszenerpflaume. Damaskus war das antike Zentrum des Pflaumenhandels. Im zweiten Jahrhundert vor Christus kam die Zwetschge von Syrien über Griechenland nach Europa.

Und seither, am Ende des Sommers, auch hierzulande auf den Tisch.

Hitler-Tagebücher

Am 25. April 1983 hielt Europa den Atem an: Das deutsche Nachrichtenmagazin «Stern» teilte mit, es sei im Besitz von Adolf Hitlers geheimen Tagebüchern. Eine Woche später war der Spuk schon wieder vorbei: Die 62 Bände, die der Stern für 9,3 Millionen DM gekauft hatte, waren falsch.

Entdecker der angeblichen Tagebücher war der Stern-Reporter Gerd Heidemann, der auf verschlungenen Wegen auf Konrad Kujau gestossen war. Kujau tischte dem Reporter eine wilde Story auf, über den Absturz einer Junkers-Maschine kurz vor Kriegsende, in deren Wrack die Bände angeblich gefunden worden waren. Reporter Heidemann fuhr in das sächsische Dorf, fand dort die Gräber der Piloten – und war überzeugt. Um die Sensation geheim zu halten, wurde im «Stern» nur ein kleiner Zirkel informiert. Drei erste angebliche Hitler-Tagebücher wurden – für 85 000 DM und notabene ohne Quittung – gekauft, geprüft, und 59 weitere Bände wechselten den Besitzer.

Die angebliche Sensation rief Dutzende von Experten auf den Plan: Historiker, Chemiker, Schriftexperten. Ihr Befund: Papier und Bücherleim stammten aus der Zeit lange nach dem zweiten Weltkrieg. Geschrieben hatte da nicht Adolf Hitler, sondern Konrad Kujau.

Der Rest ist Mediengeschichte: Kujau gestand, der «Stern» musste sich entschuldigen, die Chefredaktion nahm den Hut, die Auflage stürzte ab. Reporter Heidemann und Fälscher Kujau wurden vor Gericht gestellt und verurteilt. Der letzte Band der falschen Tagebücher wurde 2004 in Berlin versteigert – für immerhin noch 6500 Euro.

Ach ja: Kujau, wegen Kehlkopfkrebs vorzeitig aus der Haft entlassen, wurde Künstler und Kunsthändler. Zu kaufen gab es, ganz offiziell, Original-Kujau-Fälschungen.

Radikal

Wenn wir etwas ganz und gar tun, dann tun wir es radikal. Radikal ist ein Begriff der Alltagssprache, aber mit einer weit verzweigten und eminent politischen Geschichte.

Radikal
Radikal
Radikal stammt von radix ab, der lateinischen Wurzel, ebenso wie unser Rettich und das Radieschen. Die Redensart will es, dass man Unkraut und Übel am besten an der Wurzel packt. Und so wurde das englische radical oder das französische radical im frühen 19. Jahrhundert zum eigentlichen Schimpfwort für eine politische Bewegung, die die alten Herrschaftsverhältnisse aus Korn nahm und lautstark nach Reformen schrie. Von den Konservativen als Radikale verleumdet, drehten die Republikaner in Frankreich 1835 ganz kokett den Spiess um – und nannten sich selbst ab sofort parti radical. Und so wurde das Wort salonfähig.

Radikale gab es auch in der Schweiz, und ihre Politik war eng mit dem Liberalismus verknüpft. Der junge Albert Bitzius, für kurze Zeit Vikar an der Heiliggeistkirche in Bern, sympathisierte anfangs mit den revolutionären Ideen. Weil sich die Radikalen in ihrem Kampf für Volksrechte zunehmend gegen die Obrigkeit stellten, waren sie dem alten Jeremias Gotthelf, mittlerweile Pfarrer von Lützelflüh, ein Dorn im Auge: «Wenn die einmal recht am Brett sind», wettert er in einem seiner späten Romane, «so verbrennen die die Bibel, schliessen die Kirchen, verbieten bei Todesstrafe das Beten und befehlen, alle Tage sieben Stunden im Wirtshause oder im Kaffeehause oder auch im Theater zu sitzen, und zwar alles aus Freisinnigkeit und wegen dem entschiedenen Fortschritt.»

A propos Freisinnigkeit: Aus den Liberalen und Radikalen dieser Zeit ist tatsächlich die moderne FDP geworden. Französisch heisst sie noch heute PLR – parti libéral-radical.

Jazz

Am 13. Mai 1896 um 19.05 Uhr Ortszeit erfand Buddy Bolden in New Orleans den Jazz.

So kalauerte das Fachmagazin Jazzthing. Das ist gehobener Unsinn. Zwar sagt man vom Kornettisten Charles Joseph alias «Buddy» Bolden, er sei der allererste Bandleader des Jazz gewesen. Und tatsächlich war seine Band in New Orleans sehr beliebt. Doch was immer sie an diesem Tag erfunden hat, es wird wohl kaum der Jazz gewesen sein.

Der Jazz hat nicht einen, er hat zahllose Väter. Da waren die schwarzen Sklaven mit ihren Gesängen auf den Baumwollplantagen der amerikanischen Südstaaten, da waren die Marching Bands und die Brass Bands, die mit der Improvisation das wohl wichtigste Stilmittel mitbrachten, und da waren die Solisten mit ihren synkopischen Melodien, die – leichtfüssig, spielerisch – den Akzent von den schweren Schlägen auf die unbetonten, den sogenannten off-beat, verschoben.

Das Wort jazz taucht gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf: in den Bordellen von New Orleans, die – neben käuflicher Liebe – auch Musik und Tanz anboten. To jazz around war schwarzer Slang, der nichts anderes hiess als Geschlechtsverkehr.

Woher das Wort Jazz kommt, ist unklar – man spekuliert über kongolesische oder kreolische Wörter für Anstrengung, Antrieb, Energie, aber Gewissheit hat man keine. In der Musik taucht das Wort «Jazz» erst 1913 auf, und spätestens 1917, mit dem Erfolg der «Original Dixieland Jazz Band» und deren Tiger Rag und Saint Louis Blues, trat der Jazz seinen Siegeszug an.

Die vulgäre Herkunft ging rasch vergessen. Wie schrieb doch 1924 ein Kritiker:

Wüssten wir die Wahrheit über den Ursprung, kein anständiger Mensch würde es wagen, das Wort jazz in den Mund zu nehmen.