Alle Beiträge von twb

Pyramiden von Giseh

Keine Silhouette ist so imposant wie die der Pyramiden von Giseh, am Rand der Wüste im Südwesten Kairos, 45 Jahrhunderte alt.

Die Pyramiden sind das letzte erhaltene Weltwunder der Antike, und sie sind ein viereinhalbtausend Jahre altes Rätsel. Die Baumeister des Alten Reichs kannten noch keinen Flaschenzug, ja nicht einmal das Rad, und doch bauten sie Gräber für die Pharaonen Cheops, Chephren und Mykerinos, die jede Vorstellungskraft sprengen.

Man weiss zwar einiges: Archäologen fanden die Lebensmittelspeicher und die Schlaflager der 36 000 Bauleute, Steinmetzen und Hilfsarbeiter der Cheops-Pyramide, und ebenso die Steinbrüche auf der Ostseite des Nils, wo sich weitere 10 000 Granitbrecher tief in die Erde gruben. Versteinerte Brotkrümel wurden gefunden, selbst die Titel der Chefs wurden entziffert: «Technischer Inspektor» oder «Konstruktionschef» steht da in Hieroglyphen zu lesen. Und man fand auch den Arbeiterfriedhof mit Hunderten von Skeletten, die allesamt krankhafte Knochenauswüchse zeigen, wie sie sich bei jahrelanger Plackerei bilden. Kaum einer wurde älter als 35.

Aber vieles weiss man nicht. Wie war es möglich, die gigantische Cheops-Pyramide in nur 20 Jahren zu errichten? 146 Meter hoch, aus 2,6 Millionen Kubikmeter Stein, am Ende mit weissem Kalk verputzt und poliert, so dass der Bau die Sonne reflektierte und das Auge blendete? Jeder einzelne der drei Millionen Blöcke wiegt durchschnittlich 2,5 Tonnen, die Quader mussten im Zweiminutentakt hochgewuchtet und millimetergenau gesetzt werden – ohne schweres Gerät, auf Schiffen, mit Rundhölzern, über gigantische Rampen aus Lehmziegeln, und das alles mit einer Genauigkeit, die selbst heutige Ingenieure mit modernsten Lasermessgeräten nur knapp erreichen.

Ein Weltwunder für einen toten König – und für die Ewigkeit.

Post

Seit er schreiben kann, schreibt der Mensch Briefe. Schon 3200 vor Christus kratzten Sumerer ihre Nachrichten auf Tontafeln, seit 500 vor Christus Römer die ihren in Wachs. Als teuer, aber praktisch erwies sich das Pergament, das leichter zu transportieren war, doch seinen eigentlichen Durchbruch erzielte der Brief mit dem ums Jahr 100 nach Christus in China entwickelten Papier.

Von allein finden die Briefe ihren Weg kaum; im allgemeinen braucht es dazu die gute alte Post. Alt ist dabei wörtlich gemeint: Einen verlässlichen Botendienst für die Staatsverwaltung gab es schon im alten Persien. Ein Postwesen im modernen Sinn entwickelten dann die alten Römer, zur Kaiserzeit in den ersten drei Jahrhunderten nach Christus. Daher auch der Name: Post kommt vom lateinischen a positis equis – also vom Ort, wo es Boten und vor allem Pferde zur Beförderung gab.

Auch Email und SMS haben nichts daran geändert: Das Briefeschreiben kommt nicht aus der Mode. Fast 4 Milliarden Briefe stellt allein die schweizerische Post jedes Jahr zu. Und würde die Post sie nicht befördern, sondern säuberlich stapeln, entstünde da jeden Tag ein Turm von mehr als 20 Kilometern Höhe. Dass die Post täglich auch noch 300 000 Menschen ans Ziel bringt, 400 000 Pakete befördert, und 3,3 Millionen Zahlungen abwickelt, sei hier nur am Rande erwähnt. Mit Boten und Pferden ist das nicht mehr zu leisten. Dafür braucht es modernste Technik und Verkehrsmittel – und insgesamt 44 000 Angestellte. Ohne sie käme kein Feriengruss, keine Liebeserklärung jemals ans Ziel.

Die Liebe ist eine Himmelsmacht, und trotzdem: Die allermeisten Briefe sind geschäftlich und knapp gehalten. Und auch das war schon bei den alten Römern so: Brief kommt nämlich vom lateinischen brevis, und das heisst kurz.

WIR

Hierzulande ist WIR nicht nur ein Personalpronomen. In der Schweiz ist WIR, wie könnte es anders sein, auch eine Währung und eine Bank mit Sitz in Basel. Keine kleine Bank im übrigen, mit einer Bilanzsumme von 3,4 Milliarden Franken und mit sieben Filialen in der ganzen Schweiz.

Die WIR-Bank ist aus dem Wirtschaftsring hervorgegangen, einer Genossenschaft, die 1934 als Selbsthilfeorganisation gegründet wurde. 1934, das war der Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise. Die Gewerbebetriebe horteten ihr Geld, statt es auszugeben, und so wurde Geld immer knapper. Einen Ausweg fand Werner Zimmermann, ein Lehrer und Hansdampf in allen Gassen, mit Interessen von Psychoanalyse bis Ökonomie. Zusammen mit 15 Gesinnungsgenossen gründete er die Wirtschaftsring-Genossenschaft.

WIR, das ist eine sogenannte Komplementärwährung. Der Kurs ist an den Franken gekoppelt: Ein WIR ist nominal immer ein Franken. Der Clou: Das Geld bleibt im Kreis der WIR-Teilnehmer; das Gewerbe soll so von zusätzlichen Aufträgen profitieren können. WIR-Guthaben werden nicht verzinst. Das klingt zwar wie ein Alptraum des Kleinsparers, aber es war damals, in der Krise, durchaus sinnvoll. Auch heute noch werden die rund 60 000 kleinen und mittleren Unternehmen ihre WIR rasch wieder los – und sorgen so für Umsatz bei ihresgleichen. Attraktiv sind WIR vor allem in Krisenzeiten und bei Hypotheken und Krediten der WIR-Bank: ein Teil in Franken, ein Teil in WIR, zu sehr günstigen Konditionen.

WIR gibt’s übrigens nicht als als Münzen und Banknoten. Bezahlt wird per Verrechnungsauftrag, per Bankkarte oder Internet. Und weil ein jeder seine WIR schnell wieder ausgeben will, heisst WIR bei Witzbolden auch schon mal «Westindischer Rubel».

Enigma

Enigma heisst auf griechisch Rätsel. Enigma – so heisst auch die legendäre Verschlüsselungsmaschine des deutschen Reichs, das den alliierten Mächten im Zweiten Weltkrieg das Leben so schwer machte. Gebaut wurde die Maschine eigentlich schon seit 1923. Sie war ursprünglich für den zivilen Gebrauch gedacht, weckte aber bald das Interesse der Militärs, aus naheliegenden Gründen.

Enigma
Enigma
Die Enigma, das war ein 12 Kilo schwerer Koffer mit einem massiven Holzgehäuse, in dem sich eine Schreibmaschine befand, mit Batterie und beleuchteten Buchstaben. Texte wurden damit nach allen Regeln der Kunst verschlüsselt. Drei, vier oder gar acht austauschbare Walzen mit je allen 26 Buchstaben drehten sich, wie bei einem Kilometerzähler, mit jedem Tastendruck weiter und vertauschten die Buchstaben mit jedem Zeichen neu und anders. Aus OTTO – vier Buchstaben, je zwei davon gleich – wurde in der Enigma etwa QITF. Die verräterische Buchstabenhäufigkeit – 17,4 Prozent aller Buchstaben sind im Deutschen ein E – war weg.

Mit der Enigma verschlüsselte Meldungen erwiesen sich als nicht zu knacken, selbst dann noch nicht, als den Alliierten mehr als einmal Gebrauchsanweisungen, Schlüsseltafeln und und sogar Enigmas in die Hände fielen. Die Meisterleistung schaffte 1932 der erst 27-jährige Pole Marian Rejewski – mit einer legal gekauften Enigma, mit Glück und ganz viel Mathematik. Rejewskis Erfolg, dazu die Leistung der Analytiker im Spionage-Zentrum Bletchley Park bei London, der brillante britische Mathematiker Alan Turing mit seiner Entschlüsselungsmaschine – das alles machte es möglich, dass die Alliierten 1943 jeden Tag 2500 Funksprüche mitlesen konnten.

Nicht Kommandoaktionen, nicht Granaten und Geschütze: Die stärkste aller Waffen war am Ende das Genie einer Handvoll Mathematiker.

Herbst

Der Frühling ist zwar schön, doch wenn der Herbst nicht wär, wär zwar das Auge satt, der Magen aber leer.

So dichtete, im 17. Jahrhundert und mit bestechender Logik, der schlesische Barockdichter Friedrich von Logau.

Der Herbst: Astronomisch begann er 2009 exakt am 22. September um 23.19 Uhr Sommerzeit, als die Sonne den Himmelsäquator in Richtung Süden überquerte. Diesen Zeitpunkt nennt man die Herbst-Tagundnachtgleiche. Wohlgemerkt: Das galt so nur für dieses eine Jahr – und für die nördliche Erdhalbkugel. Auf der südlichen beginnt der Herbst am 20. März – oder, je nach Jahr, in der Nacht darauf.

Die Meteorologen rechnen übrigens anders: Für sie hatte der Herbst längst begonnen, nämlich am 1. September und, 2009 nicht ganz passend, mit einem Hitzetag mit deutlich über 30 Grad Celsius.

Der Wort Herbst ist wohl so alt wie die Sprache selbst: Der deutsche Dichter Adolf Reinecke, der germanisches Volkstum idealisierte, erfand 1893 für den September gar den Kunstnamen «Herbsting». Unser heutiger Herbst ist verwandt mit dem englischen harvest, Ernte, und mit dem lateinischen carpere, pflücken. Das wiederum hängt sprachlich eng zusammen mit dem lateinischen scalpere, was schnitzen oder schneiden bedeutet. Tatsächlich wird im Herbst – ursprünglich mit der Hand und mit der Sichel – das Getreide geschnitten.

Vom astronomischen Herbstbeginn an werden die Tage rapide kürzer – jeden Tag um 3 Minuten und 24 Sekunden, um genau zu sein, und das genau bis zum astronomischen Herbstende, dem Tag der Wintersonnenwende, am 21. Dezember.