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Schlamassel

Nach dem Segen trinkt das Brautpaar einen Schluck Wein aus einem Becher; so will es der jüdische Hochzeitsbrauch. Der Becher wird danach in ein Tuch gehüllt, der Bräutigam tritt darauf, und die Gäste rufen «Masel tov!». Das Zertreten des Glases soll dabei an die Eroberung von Jerusalem und die Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. erinnern. Auf Jiddisch heisst der Glückwunsch Masel tov, auf Hebräisch Mazal tov. Beides bedeutet frei übersetzt «viel Glück» oder «gutes Gelingen». Das Wort «Massel», laut Duden der Ausdruck für unverdientes, unerwartetes Glück, ist schliesslich auch ins Deutsche eingewandert.

Und doch liegt es auf der Hand, dass man im Leben nicht immer nur Massel haben kann. Wenn man also gehörig Pech hat, dann ist das auf Jiddisch ein schlimasl, Unglück. Das Wort schlimasl, so steht es im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm zu lesen,

entstammt der jüdischen Gaunersprache, sein zweiter Theil entspricht dem jüdischen mazal, Glücksstern, das als Masel, Massel in der Gaunersprache gebräuchlich ist.

Aus diesem jiddischen schlimasl und vielleicht auch in Verbindung mit dem Adjektiv «schlimm» ist im 18. Jh. in Deutschland der Schlamassel geworden (und in Österreich die «Schlimastik»), der Ort also, in dem wir immer dann stecken, wenn wir in einer schwierigen, verfahrenen Lage sind – oder, um’s mit demselben jiddischen Wort zu sagen: wenn wir etwas gehörig vermasselt haben.

Scheisstag

Die feudalen Zeiten waren hart. Von Hauspersonal und Landarbeiterinnen wurde quasi rund um die Uhr Dienst erwartet, was allerdings allein schon aus biologischen Gründen unmöglich war: Wenn das Personal seine Notdurft verrichtete, stand es dem Dienstherrn notgedrungen eine Weile nicht zur Verfügung.

Gegen Ende des Jahres pflegten Bauern daher nachzurechnen, wie viel Zeit ihre Bediensteten insgesamt auf dem stillen Örtchen verbracht hatten. Übers ganze Jahr gesehen kam so einiges zusammen, und wenn das Arbeitsleben zwischen Weihnacht und Neujahr zum Stillstand kam, mussten Mägde und Knechte diese verpasste Zeit nachholen. Darüber waren sie nicht sonderlich erfreut – und in der Namensgebung wenig zimperlich:

Scheißtage nennt das Gesinde in Bayern die 1–3 Tage, welche sie über den eigentlichen Termin hinaus in dem Hause, das sie verlassen wollen, noch im Dienste bleiben, gleichsam um die während ihres Dienstes durch Erledigung des Bedürfnisses verlorene Zeit dem Dienstherrn wieder einzubringen.

So steht es im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm.

Solche «Scheisstage» gab es nicht nur in Bayern, und sie waren, je nach Gegend, nach Lichtmess abzuleisten, also nach dem 2. Februar, meist aber am 29. Dezember, bei ganz besonders geizigen Dienstherren auch am 31. Dezember. So feierte das findige Personal Silvester halt schon einen Tag früher, und deshalb, so will es die Legende, heisst der 30. Dezember auch «Bauernsilvester».

Zahlen, gerade

Gott erfreut sich ungerader Zahlen,

schreibt der römische Dichter Vergil in einem seiner Hirtengedichte. Es erzählt von Amaryllis, die von ihrem Daphnis verlassen worden ist und nun einen Liebeszauber anwendet, der den Geliebten wieder zu ihr zurückbringen soll – sie knüpft drei Knoten in buntes Tuch, weil sie weiss: Die Zahl drei ist ungerade, und das freut den Liebesgott Amor.

Gerade Zahlen sind ganze Zahlen, die sich ohne Rest durch zwei teilen lassen; bei ungeraden Zahlen bleibt immer 1 übrig. Was Zahlen aber mit einer Geraden zu tun haben, das erschliesst sich erst aus der Sprachgeschichte. Im Gotischen hiess «Zahl» rathjo. «Zählen» hiess garathian, ein Wort, das irgendwann mit dem Adjektiv «gerade» verschmolz und im 15. Jh. den Weg in die Mathematik fand. Gerade Zahlen waren also sozusagen zum Zählen da. Und an diese Wortgeschichte erinnert noch immer die Redensart «fünfe gerade sein lassen», ein Appell, es nicht immer ganz so genau zu nehmen.

Das gotische rathjo kommt ursprünglich von der lateinischen ratio, auf Deutsch «Vernunft». Und hier schliesst sich der Kreis: Die Mathematik kennt nämlich nicht nur gerade und ungerade Zahlen, sondern auch die sogenannt «rationalen Zahlen». Darunter versteht man alle ganzen Zahlen, positiv und negativ, aber auch alle Bruchzahlen. Rationale Zahlen sind also 0, 1, 2, 3 usw., dazu -1, -2, -3 usw, und ebenso Zahlen wie 1/3 oder -0,2.

Übrigens: Der Liebeszauber der Amaryllis mit den drei Knoten – eine ungerade, natürliche Zahl – bringt den geliebten Daphnis am Ende tatsächlich zurück.

Billard

Es war sein Lieblingsspiel: Der Kupferstich von 1694 zeigt Frankreichs König Louis Quatorze beim Billard mit seinem Bruder Philippe, dem Herzog von Orléans, und seinen adligen Freunden. Die königliche Partie war dem heutigen Billard schon sehr ähnlich – langer Tisch mit seitlicher Bande, damit die Kugeln nicht zu Boden fielen, die Queues, mit denen die Kugeln gestossen wurden. Doch nicht alles war gleich: Auf dem Tisch standen Hindernisse wie Stäbe oder Bögen, und die Queues waren krumm und sahen ein bisschen aus wie die Schläger beim Minigolf. Von ihnen kommt im übrigen auch das Wort: Ein billard war der krumme Stab, den man zum Spielen brauchte, und der wiederum kam von bille, dem Wort für «Kugel».

Schon zu Zeiten des Sonnenkönigs war Billard ziemlich international: Das Buch «The Compleat Gamester», 1674 in London gedruckt, beschreibt Billard als ebenso kultiviert wie genial. Es komme ursprünglich aus Italien, steht da, und es werde in allen Ländern Europas gespielt, ganz besonders in England, wo es in vielen Städten schon öffentliche Billardtische gebe.

Heute sind die Queues lang und gestreckt, und auf dem Tisch stehen keine Hindernisse mehr. Und doch ist Billard nicht gleich Billard: Heute wird Pool gespielt, Snooker, Karambolage oder Russisches Billard, um nur die bekanntesten zu nennen. Das Völkerverbindende aber ist geblieben: Als wohl erste Sportart überhaupt führte Billard 1873 in New York Profi-Weltmeisterschaften durch, und noch heute erzielen WM-Spitzenpartien im Sportfernsehen hohe Einschaltquoten.

Hygiene

«Hygiene» kommt von der griechischen Göttin Hygieia. Verehrt wurde sie im alten Athen, wo sie als Göttin der Reinlichkeit und der Gesundheit galt. Dem Mythos zufolge war Hygieia eine Tochter des Asklepios, dessen Stab mit der gewundenen Schlange noch heute das Symbol der Medizin ist. Aus Hygieias Namen wurde das heutige Wort «Hygiene», das in fast allen Sprachen so heisst.

Sauberkeit und Gesundheit hängen eng zusammen. Sauberes Trinkwasser, sanitäre Einrichtungen und Hygiene sind Grundvoraussetzungen für Gesundheit und Wohlbefinden, schreibt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Grosse Fortschritte haben dazu geführt, dass die Zahl tödlicher Durchfallerkrankungen zwischen 1990 und 2015 weltweit auf die Hälfte zurückgegangen sind.
Wie wichtig sauberes Wasser und Kanalisation sind, wussten die Menschen schon vor Jahrtausenden. Jungsteinzeitliche Dörfer auf der schottischen Insel Orkney besassen schon vor 5000 Jahren Frischwassertröge und Abwasserkanäle, und wie wichtig Hygiene im alten Rom war, zeigen die prachtvollen Thermen der Kaiserzeit mit ihren riesigen Kalt- und Warmwasserbecken, die 2000 bis 3000 Badegäste pro Tag aufnehmen konnten.

Im alten Griechenland, in den Tempeln der Hygieia, gab es daneben noch eine andere Sitte: Während des rituellen Tempelschlafes erhofften sich die Menschen heilende Träume – oder zumindest Träume von Heilmitteln, die ihre Beschwerden lindern sollten.