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Meme

Eigentlich möchte man einfach den Kopf schütteln. Ein Mann stellt sich hin und leert sich einen Kübel Eiswasser über den Kopf. Eine Frau legt sich auf dem Bauch stocksteif über ein Geländer. Das nennt sich dann ice bucket challenge oder planking; Hunderttausende sehen sich die Videos an, Tausende ahmen es nach. Und dabei sind memes, diese Schlager des Digitalzeitalters, noch nicht einmal neu: Im Zweiten Weltkrieg war da etwa das massenhaft an Mauern gepinselte Strichmännchen mit grosser Nase, das über eine Mauer blickt, dazu die Worte «Kilroy was here».

Tatsächlich kommt das Wort aus der Evolutionsbiologie. 1976 brauchte der britische Zoologe Richard Dawkins meme in einem seiner Bücher als Ausdruck für Vererbung, nicht von Genen, sondern von Kultur, deren kleinste Bestandteile durch Kopie oder Nachahmung weitergegeben werden –

Ideen, Melodien, Gedanken, Schlagworte, Kleidermoden, die Kunst, Töpfe zu machen oder Bögen zu bauen,

wie Dawkins schrieb. Das Wort leitete er von mimema ab, auf Griechisch «etwas Nachgeahmtes».

Memes sind mehr als nur viral, weil sie nicht einfach verbreitet, sondern laufend verändert werden. So wie das von einer Agentur gestellte Foto eines jungen Paares, Hand in Hand, er, lüstern einer anderen Frau hinterherblickend, die Freundin entsetzt. Das Paarfoto gibt es mit den unterschiedlichsten Aufschriften, der junge Mann etwa mit «Jugend», nach dem «Sozialismus» lechzend, was den «Kapitalismus» erzürnt.

Mal Kalauer, mal Satire, oft einfach Trash – aber: Memes sind kreativ, erzeugen Aufmerksamkeit, und sie sind, Mem für Mem, längst eine eigene Kommunikationsform geworden.

Zoll

«Zoll» kommt vom griechischen telṓnion, «Zollhaus», und das Geschäftsmodell ist seit dem Altertum gang und gäbe. Ein Zoll ist eine Abgabe, den der Fuhrmann einst für die Benutzung einer Strasse oder beim Übergang über eine Brücke zu zahlen hatte. Diese Wege- oder Brückenzölle waren zwar wenig beliebt, aber noch durchaus einleuchtend: Der Bau hatte eine Menge Geld gekostet, und man konnte es dem Erbauer nicht verdenken, wenn er, Abgabe für Abgabe, sein Geld wiedersehen wollte. Der Zoll als Steuer dagegen, die erst an den Kaiser oder König, später dann an den Staat ging, leuchtete weniger ein. Aber nur so lange, bis die örtliche Wirtschaft begriff, dass dieser Einfuhrzoll tatsächlich ein ziemlich wirksamer Schutz war: Fremde Ware wurde per se um den Zollbetrag teurer als hiesige; von Auswärtigen unterboten zu werden, wurde also schwieriger. Und damit war der Schutzzoll geboren – und der sogenannte Protektionismus zählte bald zum Standardrepertoire der Aussenhandelspolitik.

Zölle werden heute kritisch betrachtet, denn sie behindern den internationalen Handel. Sie haben den Nachteil, verkrustete Strukturen und damit unwirtschaftliche Branchen zu schützen, die Preise künstlich hoch zu halten und damit der Allgemeinheit mehr zu schaden als zu nützen. 1947 rückte das allgemeine Zoll und Handelsabkommen GATT den Zöllen weltweit auf den Leib, seit 1995 tut dies die Welthandelsorganisation WTO. Aber ganz der Vergangenheit gehören sie noch lange nicht an. Wer im Ausland shoppen geht, tut das zollfrei nur bis 300 Franken. Geht’s gar um Fleisch, Tabak oder Alkohol, helfen nur noch Merkblätter weiter – oder, ganz zeitgemäss, die App «QuickZoll».

Mace

Es war eine skurrile Szene, die sich am 10. Dezember 2018 im britischen Unterhaus in London abspielte. Aus Protest gegen die chaotische «Brexit»-Debatte ergreift der Labour-Abgeordnete Lloyd Russell-Moyle den zwischen den Rednerpulten liegenden zeremoniellen Streitkolben, die sogenannte mace, und schickt sich an, mit ihr den Saal zu verlassen. Der Vorsitzende protestiert, die Abgeordneten geraten ausser sich, eine Saaldienerin stoppt den Frevler, nimmt ihm die kostbare Beute ab und legt sie wieder zurück.

Die mace ist eine zeremonielle Schlagwaffe aus vergoldetem Silber, 1,40 Meter lang und 7,2 Kilo schwer, eine Art Morgenstern, der im Mittelalter im Kampf Mann gegen Mann benutzt wurde. Das britische Königshaus besitzt insgesamt 13 dieser reich verzierten Streitkolben: 10 davon sind Teil der Kronjuwelen und lagern im Tower, drei sind Leihgaben ans Parlament, zwei ans Ober- und eine ans Unterhaus. Jeden Tag werden sie vom Sergeant at Arms feierlich herein-; am Abend wieder hinausgetragen. Ceremonial maces sind nichts Ungewöhnliches: Es gibt sie in Ländern der ganzen Welt; in Parlamenten oder auch an Universitäten.

Der Kolben, den der Abgeordnete Russell-Moyle zu rauben versuchte, stammt aus dem 17. Jahrhundert. Doch der Tumult hat nichts mit dem Wert der Waffe zu tun – sie hat vielmehr eine ganz besondere Bedeutung. Die mace ist das Symbol der königlichen Autorität, und weil Ober- und Unterhaus ihre Macht von der Krone ableiten, sind sie nur dann beschlussfähig, wenn sich die mace im Saal befindet. Wäre der Raub erfolgreich gewesen, hätte das die Debatte auf einen Schlag beendet.

Ticker

Wenn der Apparat des amerikanischen Erfinders Samuel Finley Breese Morse ansprang, dann hörte die Welt hin: Zum ersten Mal in der Geschichte liessen sich mit dem neuartigen Morseapparat Telegramme übermitteln – 1837 im Rahmen eines Versuchs durch 16 Kilometer Kabel, 1850 bereits über den halben amerikanischen Kontinent: Ein technisches Weltwunder. Der Telegraf presste mit einem Stahlstift oder einem Tintenrad Punkte und Striche auf Papierstreifen, und als in den 1930er-Jahren aus den Morsezeichen Buchstaben wurden, war das Geräusch des Tickers bald einmal der Inbegriff von Tempo und Verlässlichkeit.

Nachrichten hatten auf einmal ihren eigenen Sound, und der war so prägend, dass er sich auch in der Sprache niederschlug: Das Ticken des Fernschreibers führte zum lautmalerischen Wort «Ticker» – das war weit eingängiger als der schwerfällige, aus dem Altgriechischen entlehnte «Telegraph».

Die Geräte – der Morseapparat, dann der Schreibtelegraf – sind längst Geschichte: Am 14. Juli 2013 schlossen in Indien auch die allerletzten Telegrafenämter der Welt, nach insgesamt 163 Jahren Betrieb. Der Bedarf nach Nachrichten in Echtzeit dagegen ist heute so gross wie nie. Ob Nachrichten oder Börsenkurs, Wetter oder Verkehr: News wollen wir sofort. Und so bleibt der Ticker zumindest sprachlich am Leben: Wann immer es eilt und (vermeintlich) wichtig ist, informieren Zeitungen, Radio und Fernsehen mit einem «Liveticker». Erfinder Morse hätte seine helle Freude.

Kerbholz

Im Drama «Wallensteins Lager» lässt Friedrich Schiller eine Händlerin auftreten, die den Soldaten eine Flasche Wein kredenzt mit den Worten:

Das kommt nicht aufs Kerbholz. Ich geb‘ es gern.

Das Kerbholz war ein Zählstab, ein fälschungssicherer Schuldschein – und damit eine Art Blockchain der Frühzeit. Im Streitfall galt das Kerbholz vor Gericht als Beweismittel. Noch im napoleonischen Zivilrecht von 1804 wird es ausdrücklich als rechtsgültige Urkunde anerkannt, und auch die Bank of England hat im Steuer- und Kreditwesen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein mit Kerbstöcken gearbeitet. Und das ging so.

Wenn jemand Schulden machte, dann standen die Beteiligten vor einem Problem: Wie hielt man die Schuld so fest, dass sie jederzeit überprüfbar war und vor allem, dass keiner den anderen übers Ohr hauen konnte? Die Lösung war ebenso einfach wie effektiv: Man nahm ein Holzbrettchen zur Hand und ritzte quer zur Maserung Kerben ein, deren Anzahl der Schuldenhöhe entsprach. Anschliessend wurde das Holz der Länge nach gespalten, und beide Parteien erhielten je eine Hälfte. So konnte der Gläubiger keine Kerbe hinzufügen und der Schuldner keine beseitigen – ein einfacher Vergleich würde jede Manipulation unverzüglich auffliegen lassen.

Am vereinbarten Zahltag nahmen beide ihre Kerbhölzer hervor und hielten sie gegeneinander. Wenn die Kerben genau übereinstimmten, hatte alles seine Richtigkeit, und nach dem Tilgen der Schuld (und bei einem guten Glas Wein) warf man die Hölzer ganz einfach ins lodernde Feuer.