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Helikoptergeld

Es sind nur zwei Sätze, aber sie klingen ziemlich verlockend:

Lassen Sie uns annehmen, eines Tages flöge ein Helikopter über das Land und liesse Geldscheine vom Himmel fallen. Alle wüssten, dies sei einmalig und würde sich nicht wiederholen.

Diese extravagante Idee hatte 1969 der US-Ökonom und spätere Nobelpreisträger Milton Friedman. Er dachte darüber nach, was passieren würde, wenn eine Notenbank die Geldmenge auf einen Schlag ausweitet – und das Geld nicht an Banken oder Unternehmen ausgibt, sondern direkt an das Volk. Ein Arbeiter etwa, der einen halben Jahresverdienst angespart hat, besässe nun auf einmal ein ganzes Jahreseinkommen. Jetzt könnte er zufrieden auf einen doppelten Kontostand blicken, doch das würde er laut Friedman eben nicht tun, im Gegenteil. Er würde diesen einmaligen Geldsegen gleich wieder ausgeben. Des einen Ausgaben sind des anderen Einnahmen, und so müsste dieses Helikoptergeld der Wirtschaft einen Konjunkturschub verleihen.

Geld, das vom Himmel fällt: Friedmans Gedankengang löste heftige Kontroversen aus. Helikoptergeld steigert Kaufkraft und Steuereinnahmen, ohne Arbeitskosten oder Steuern zu erhöhen, sagen Befürworter; die Gegner argumentieren, Helikoptergeld sei gefährlich und unliberal, weil es die Eigenverantwortung des Einzelnen untergräbt und die Sparer bestraft. Die möglichen Folgen waren selbst Autor Friedman nicht ganz klar:

Es ist sehr schwierig, etwas über den Verlauf zu sagen

schrieb er in seinem Buch «Die optimale Geldmenge».

Es kann alles sein – von einem Verdoppeln der Preise über Nacht bis hin zu langen Auf und Ab des Marktes.

Migros-Wagen

Im Sommer 1925 tauchen in Zürich Flugblätter auf: «Migros – der fahrende Laden: An die intelligente Frau, die rechnen kann». Verfasser ist der Unternehmer Gottlieb Duttweiler. An seinem 37. Geburtstag, dem 15. August 1925, hat er mit einem Startkapital von 100 000 Franken die Migros AG gegründet – Geschäftsidee: Waren in grossen Mengen einkaufen, Zwischenhandel umgehen, Lagerkosten niedrig halten, minimale Margen einbehalten. Und vor allem: Der Laden soll zu den Kundinnen, nicht umgekehrt. Also beschafft Duttweiler fünf «Ford T»-Lastwagen, belädt sie mit Kaffee, Reis, Zucker, Teigwaren, Kokosfett und Seife und lässt sie an 178 Haltestellen in der Stadt Zürich Halt machen. Ein Kilo Nudeln etwa kostet 95 Rappen, viel weniger als bei der Konkurrenz.

Die Klapperkisten sind eine Sensation, auch wenn sich die junge Migros anfangs kaum über Wasser halten kann. Jeder Gewinnfranken wird sofort wieder investiert, und im Migros-Wagen einzukaufen, hat etwas Anrüchiges. Die angestammten Händler fürchten um ihre Pfründe und versuchen, die Migros in Misskredit zu bringen. Nicht selten versammeln sich erzürnte Gegner auf dem Dorfplatz und blockieren die Wagen; oft rückt gar die Polizei an, um Schlimmeres zu verhindern.

Doch Duttweilers Idee setzt sich durch. Schon ein Jahr später sind es 48 Migros-Wagen, und mehr als 80 Jahre lang gehören sie zum Schweizer Strassenbild – bis zum 30. November 2007, als im Wallis die letzten beiden Wagen ihre Runde machen. So ist die Migros endgültig sesshaft und zu einem der grössten Schweizer Unternehmen geworden.

Blut, blaues

«Blaues Blut in den Adern haben» bedeutet, dem Adel anzugehören. Im mittelalterlichen Kastilien war das gar nicht so falsch. Nachdem die Mauren im frühen 8. Jahrhundert die dort ansässigen Westgoten verdrängt hatten, wurde Spanien jahrhundertelang von Herrschern mit dunkler Haut regiert. Die alte Oberschicht aber mit ihren gotischen Vorfahren wies oft eine helle Haut auf, durch die sich Adern und Venen gut sichtbar – und eben bläulich – abzeichneten. Sangre azul, «blaues Blut», sollen die Mauren dieses äussere Zeichen vornehmer Herkunft genannt haben.

Dass sich Blutgefässe auf der Haut blau abzeichnen, hat damit zu tun, dass rotes Licht langwelliger ist, tiefer ins Gewebe eindringt und stärker absorbiert wird als blaues Licht. Blau hat eine kürzere Wellenlänge, wird stärker reflektiert und lässt so Blutgefässe bläulich erscheinen. Ganz besonders beim Adel, dessen Schönheitsideal eine vornehme Blässe war, ganz im Gegensatz zu dem auf dem Feld gebräunten Bauern.

Das Schönheitsideal hat sich gewandelt. Die Redensart vom Blauen Blut ist geblieben. Doch ob der Ausdruck tatsächlich auf das maurische Spanien zurückgeht, ist ungeklärt; Quellen dafür gibt es keine. Fest steht indessen, dass es blaues Blut tatsächlich gibt – bloss nicht bei Menschen, sondern bei Krebsen, Kraken, Skorpionen, Schnecken und Spinnen. Bei ihnen wird der Sauerstoff nicht von Hämoglobin gebunden wie bei Wirbeltieren, sondern von zwei Kupfer-Ionen in einem Proteinkomplex mit dem Namen Hämocyanin. Und Hämocyanin wird mit gebundenem Sauerstoff tatsächlich tiefblau.

Kaffeefilter

Melitta Bentz liebte ihre wöchentlichen Kaffeekränzchen. Was die Dresdner Hausfrau aber nicht ausstehen konnte, war der lästige Kaffeesatz, der sich nur leider nicht vermeiden liess: Wie alle anderen goss Melitta Bentz den gemahlenen Kaffee auf, liess ihn einen Augenblick stehen und goss ihn dann ab. Dabei, selbst mit einem Sieb oder einer Stoffsocke, blieb immer ein bisschen Satz zurück, und das trübte den Genuss. So nahm Melitta Bentz eines Tages eine Konservendose zur Hand, schlug mit Hammer und Nagel Löcher in den Boden und legte ein zurechtgeschnittenes Löschpapier hinein. Darauf kam das gemahlene Pulver; mit kochendem Wasser übergossen, rann satzfreier Kaffee heraus – das Kaffeekränzchen war begeistert. Melitta Bentz experimentierte weiter, und 1908 wurde der

mit Filtrierpapier arbeitende Kaffeefilter mit auf der Unterseite gewölbtem Boden sowie mit schräg gerichteten Durchflusslöchern

patentiert.

Die Konkurrenz schlief nicht. Bald stellten verschiedene Hersteller Filter mit gelochtem oder geschlitztem Bodensieb vor, Kaffee-Eier, Siebrohre, Kaffeekannen mit herausnehmbarem Filtereinsatz. Das Rennen aber machten die Einwegpapierfilter mit dem passenden Halter, erst aus Aluminium oder emailliertem Blech, später, damit man sich nicht die Finger verbrannte, aus Porzellan.

Einfach, günstig, ökologisch – und bei manchen gar als sorgsam inszeniertes Kaffeeritual mit ausgeklügelter Aufgusstechnik: Selbst heute, bei all den Vollautomaten, Kapsel- und Kolbenmaschinen ist der Kaffee aus dem (biologisch abbaubaren) Filter alles andere als von gestern. In Schweizer Kaffeebars wird wieder Filterkaffee ausgeschenkt, und in Deutschland ist er von allen Zubereitungsarten nach wie vor die Nummer eins.

Bermuda-Dreieck

Am Nachmittag des 5. Dezember 1945 bricht «Flug 19», eine Staffel aus fünf Bombern der US-Navy, von Fort Lauderdale zu einem Trainingsflug auf. Doch dann verlieren die Piloten jede Orientierung, der Treibstoff wird knapp. Um 18.20 Uhr funkt Staffelführer Charles C. Taylor:

Alle bleiben eng zusammen. Wenn wir kein Land erreichen, müssen wir notwassern. Sobald der erste unter 10 Gallonen fällt, gehen wir alle gemeinsam runter.

Es ist das letzte Lebenszeichen. Flugboote, Rettungsflugzeuge, ein Flugzeugträger suchen tagelang das Meer ab, ohne Erfolg. Keine Trümmerteile, keine Ölspur, nichts. «Flug 19» bleibt verschollen. Schlimmer noch: Auch eines der Suchflugzeuge verschwindet spurlos.

Seither gilt die Region vor der Ostküste Floridas als gefährlichste der Welt: Hier sollen mehr Schiffe und Flugzeuge verschwunden sein als irgendwo sonst. Monsterwellen? Magnetfelder? Methangasblasen? Seeungeheuer? Die Fantasie der Sensationsblätter kennt keine Grenzen. Noch dreissig Jahre nach dem ersten Unglück sammelt Buchautor Charles Berlitz Dutzende solcher Unglücke und fabuliert über Menschen sammelnde Aliens. Sein Buch verkauft sich bis heute prächtig.

Plausible Erklärungen für das Verschwinden der Schiffe und Flugzeuge liegen seit langem auf dem Tisch. Erwiesen ist zudem, dass es im Bermuda-Dreieck gar keine Häufung gibt – das Ganze, schreibt etwa der Sachbuchautor und Pilot Lawrence David Kusche, sei in etwa so logisch, wie wenn man sämtliche Autounfälle in Arizona auf ein und dieselbe Ursache zurückführen würde. Nur sind Statistiken nicht ganz so spannend wie saftige Storys. Und so ist dem Mythos vom Bermuda-Dreieck vermutlich noch ein langes Leben beschieden.