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Mellotron

Der Kunde aus Kalifornien hiess Bill Fransen, und als er im britischen Birmingham ankam, hatte er eine seltsame Erfindung dabei. Der Prototyp sah aus wie eine Hausorgel mit zwei Manualen und einer Reihe von Reglern und Knöpfen. Hinter jeder Taste sass ein schmaler Tonbandapparat, der ein Band mit dem Ton eines Musikinstruments abspielte, einer Flöte oder Geige. Jede Taste drückte ihr Band gegen einen Tonkopf, der die Aufnahme abspielte. Genau diese Tonköpfe waren Fransens Problem: Sie mussten schmal sein, von hoher Qualität, und Franson brauchte eine ganze Menge davon.

Die konnten seine Geschäftspartner von der Tonbandfirma Bradmatic Ltd. liefern, und mehr als das: Der BBC-Dirigent Eric Robinson kümmerte sich um die Tonaufnahmen – Klarinette, Posaune, ja sogar eine Mandoline –, und Bradmatic überarbeitete die Konstruktion. Schon ein Jahr später, 1963, kam das neue Musikinstrument auf den Markt, das «Mellotron» Mk I. Ein Jahr später folgte die weiter verbesserte Mk II mit noch mehr Sounds.

Mit einem Preis von 1000 Pfund war das Mellotron enorm teuer – in einer Zeit, in der ein einfaches Häuschen für zwei-, dreitausend Pfund zu haben war. Dennoch: Manfred Mann, The Moody Blues – die britischen Bands waren begeistert. Und als die Beatles Ende 1966 in London ihre Single «Strawberry Fields Forever» aufnahmen, kam das Mellotron zu seinem ganz grossen Auftritt. Seither ist das Mellotron, diese Mutter aller Sampler und Synthesizer, ein Fall für die Instrumentengeschichte.

Salär

«Salär» kommt vom französischen «salaire», und das wiederum geht auf «salarium» zurück, das lateinische Wort für Sold. Wie das Wort Salat stammen sie alle vom Ur-Wort «sal» ab, das seit Jahrtausenden «Salz» bedeutet. Kochsalz – genauer: Natriumchlorid – ist der wichtigste aller Mineralstoffe. Im Körper eines erwachsenen Menschen zirkulieren 150 bis 300 Gramm Salz. Täglich werden bis zu 20 Gramm davon ausgeschieden, und dieses Salz muss über die Nahrung wieder ersetzt werden.

Am Meer ist die Salzgewinnung im Prinzip einfach: Meerwasser enthält durchschnittlich 35 Gramm Salz pro Liter. Es wird in flache, «Salzgärten» genannte Becken geleitet, und nach dem Verdunsten lassen sich die zurückbleibenden Salzkristalle ernten. Daneben wurde zu allen Zeiten Steinsalz aus unterirdischen Lagerstätten gewonnen, in Wasser gelöst und in flachen Pfannen eingedampft. Von diesem Verfahren übrigens stammt der Name «Kochsalz» – nicht weil man das Salz zum Kochen braucht, sondern weil es durch Sieden gewonnen wurde.

Salz wurde sogar als Geldersatz gebraucht. Römische Legionäre erhielten ihren Sold gelegentlich in Form von Salzfisch, der auf den langen Märschen nicht verdarb. Salz hatte immer auch eine hohe symbolische Bedeutung: Im Barock galt Salz auf Gemälden als Symbol der Reinheit und, weil lebensnotwendig, für Christus selbst. Das Salzfass umzustossen, galt als ausgesprochen schlechtes Omen.

Ein Salär ist heute Geld, und ein Leben ohne Geld ist undenkbar. In Island aber, wo das Konservieren mit Salz lebensnotwendig war, sagt man noch immer: «Das Leben ist Salzfisch».

Wäscheklammer

Die Wäscherin im Mittelalter hatte genau zwei Möglichkeiten: Entweder klemmte sie die Wäsche mit einer Klammer fest, die aus einem einfachen Holzstück mit Schlitz bestand, oder aber sie hängte die Kleider lose über die Leine. Beides war nicht ohne Tücken: Entweder scheuerte das Holz mit der Zeit den Stoff durch, oder der Wind verteilte die Wäsche übers Land.

Das änderte sich erst 1853, nachdem Erfinder David M. Smith im US-Bundesstaat Vermont über das Problem nachgedacht hatte. Seine neuartige Wäscheklammer besass zwei Holzschenkel mit einem Stift als Achse. Oberhalb, zwischen die beiden Griffe geklemmt, fand sich eine separate Feder, welche die Klammer nach dem Loslassen wieder zusammenpresste. «Meine Erfindung», so schrieb Smith, «beschädigt den Stoff nicht, wie das eine herkömmliche Klammer tut, und ein weiterer wichtiger Vorteil besteht darin, dass sie sich vom Wind nicht losreissen lässt».

So simpel eine einfache Wäscheklammer auch scheinen mag – in der Zeit der Industrialisierung war sie Gegenstand einer wahren Erfindungswut. Für Klammern aller Art wurden zwischen 1852 und 1887 allein in den USA 146 Patente erteilt. Eine markante Verbesserung war schliesslich die Erfindung des ebenfalls in Vermont lebenden Solon E. Moore: Sein Patent von 1887 zeigt eine Wäscheklammer mit nur noch einem gebogenen Drahtstück, das zugleich als Spiralfeder und als Achse dient. Eben diese Klammer ist es, die seither in unterschiedlichsten Ausführungen unsere Wäsche an der Leine hält: aus Plastik – oder aber, ökologischer, aus Birkenholz, das nicht abfärbt und keine Harzflecken hinterlässt.

@-Zeichen

Die erste E-Mailnachricht der Welt stammt vom Informatiker Ray Tomlinson. Sie war bloss ein Test und bestand aus einem wirren Buchstabensalat. Es war das Jahr 1971; die US-Regierung unter Richard Nixon machte Druck, um gegenüber der Sowjetunion nicht in Rückstand zu geraten, und Tomlinson arbeitete an einem Programm, mit dem sich Daten über ein Netzwerk verschicken liessen. Das Netz hiess noch Arpanet, und angeschlossen waren gerade mal 15 Computer, grösser als Kühlschränke. Ihre technischen Bezeichnungen aber waren viel zu kompliziert, und so suchte Tomlinson nach Rechneradressen, die man sich merken konnte. Ausgerechnet auf dem Telex seiner Firma, oberhalb des P, fand er ein Steuerzeichen, das im Datenverkehr noch nicht gebraucht wurde, das @-Zeichen. At, auf Deutsch «bei», passte gut: Der Bauplan der neuen Adressen – Name, @-Zeichen, Domäne – liess sich ohne weiteres lesen als «Person X bei Unternehmen Y».

Und doch: Das @-Zeichen ist uralt. Schon im Mittelalter gab es Ligaturen, Buchstabenverbindungen aus a und d für das lateinische ad, «zu» oder «bei». Weil sich das @-Zeichen auf alten Wein- und Olivenfässern findet, nimmt man an, dass es von den Mauren als Masseinheit nach Europa gebracht worden war. Spanische, portugiesische und französische Händler brauchten es als Bezeichnung für eine arroba, was ungefähr 10 Kilo oder 15 Litern entsprach.

Dass E-Mail zu einer der wichtigsten Computeranwendungen überhaupt werden sollte, war 1971 noch nicht abzusehen. Auch das @ hat Karriere gemacht. Es steht heute für das gesamte Internetzeitalter.

Rechts, links

Frankreich, August 1789. Die insgesamt 1315 Delegierten der drei Stände, des Adels, des Klerus und des dritten Standes, betraten den Sitzungssaal. Nichts war mehr wie zuvor. Gerade sechs Wochen war es her, dass eine aufgeputschte Menge die Bastille gestürmt hatte, um deren Waffenlager zu plündern. Treibende Kraft waren nicht länger die privilegierten Stände, sondern vielmehr der tiers état, die freien Bauern und Bürger. Aus der bisherigen Ständeversammlung war die assemblée constituante geworden, die verfassunggebende Nationalversammlung.

Eine entscheidende Frage teilte die Abgeordneten in zwei Lager: Sollte dem König weiterhin ein absolutes Vetorecht zukommen, wie es die Aristokraten wollten, oder sollte vielmehr das Volk mehr Macht erhalten und der Monarchie Grenzen setzen können, wie es die sogenannten patriotes verlangten? Um dieser Kontroverse deutlich sichtbar Ausdruck zu geben, liessen sich an diesem 28. August die Anhänger des Absolutismus zur Rechten des Ratspräsidenten nieder, die Volksvertreter zu seiner Linken. Ausschlag für diese neue Sitzordnung gab das Vorbild des britischen Unterhauses: Zur Rechten des Vorsitzenden die Regierungspartei, zur Linken die Opposition.

Selbst wenn schon im Revolutionsjahr 1789 von einheitlichen Blöcken keine Rede sein konnte: Seit dieser historischen Sitzung in Versailles teilt sich die Politik im Volksmund nicht in konservativ oder progressiv, nationalistisch oder internationalistisch, elitär oder egalitär, sondern ganz einfach in rechts und links.