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blümerant

«Mir ist ganz blümerant» heisst auf Deutsch: Mir ist schwindlig, mir ist flau im Magen. «Blümerant» kommt von der französischen Farbbezeichnung bleu mourant, «sterbendes Blau». Und dieses sterbende Blau stammt aus dem sogenannt friderizianischen Rokoko. Friedrich II, genannt der Grosse (oder auch der «alte Fritz») war seit 1740 König in Preussen. Und Friedrich liebte das «weisse Gold», wie man Porzellan auch nannte. Für seine Schlösser gab er bei der königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin 21 verschiedene Services in Auftrag, bei dem Unternehmen, das er 1763 selbst übernommen hatte. Am allerliebsten mochte er das im Rokoko-Stil gehaltene Service «Neuzierat».

Der König war nicht nur oberster Firmenchef, er pflegte auch bei Gestaltung und Dekor mitzureden. Das Blau für den Fonds und die handgemalten Blüten erwies sich als ganz besonders heikel. Es dauerte lange, bis den Chemikern im Labor der Berliner Manufaktur die Mischung jenes ganz besonderen Graublau gelang, das der König so sehr liebte und mit dem er sich im Schloss Sanssouci in Potsdam so gern umgab.

Bleu mourant war nicht nur die Farbe der Blüten auf dem weissen Porzellan, es ist auch die Gesichtsfarbe von jemandem, dem es gerade nicht so gut geht. Blümerant werden kann einem auch bei den Preisen: Die Manufaktur existiert bis heute, doch die Produktion des königlichen Services wurde 2021 eingestellt. Ein gut erhaltenes Tee– oder Kaffeegedeck, komplett mit Kannen, Tassen, Untertassen und Zuckerdose, kann bei Auktionen Tausende Euro kosten.

Dodekaeder, römische

1739 berichtete ein gewisser Mr. North in London von einem rätselhaften Fund im englischen Aston: ein geometrischer Körper aus Bronze, etwa faustgross und hohl, mit insgesamt zwölf Flächen, jede davon ein Fünfeck und mit einem unterschiedlich grossen Loch in der Mitte, dazu an jeder Ecke eine kleine Kugel.

Dieser Zwölfflächner, in der Fachsprache ein Dodekaeder, blieb ein Rätsel. Man fand bald heraus, dass er aus spätrömischer Zeit stammt, zwischen dem 2. und 4. Jh. Die Verwunderung stieg, als bald weitere Dodekaeder auftauchten. Bisher fand man in Römersiedlungen rund 130 Stück, manche schlicht, manche aufwändig dekoriert, in England, Frankreich, Deutschland, bis nach Ungarn, oft als Grabbeigaben, aber auch in Brunnen oder Flüssen, so als seien sie verloren gegangen. Auch in der Schweiz (in Augst, Windisch und Avenches) wurden solche Dodekaeder gefunden.

Wer hat sie hergestellt? Römer? Oder Kelten? Waren sie Dekoration, einfach schön anzusehen? Waren es Kultgegenstände? Spielwürfel? Messgeräte? Kerzenhalter für dickere und dünnere Kerzen, deren unterschiedliche Brenndauer die Zeit massen? Dienten sie astronomischen Zwecken – oder, weil alle Dodekaeder im kühlen Klima nördlich der Alpen gefunden wurden, am Ende gar eine Art Strickliesel für Handschuhe?

Niemand weiss es. Fest steht einzig: Solange in der römischen Literatur keine verlässlichen Hinweise auftauchen, rätselt die Forschung munter weiter.

Kalifornien

Mythische Inseln haben die Menschen immer fasziniert: Atlantis, Avalon, Thule – der Mythologie zufolge alles Inseln. Keine davon wurde je entdeckt, mit einer Ausnahme: der Insel Kalifornien. Vom 17. bis ins 19. Jahrhundert zeigen Weltkarten die beiden mexikanischen Bundesstaaten «Baja California» und «Baja California Sur» als Insel. Und das kam so.

In einer Geschichte von 1510 beschrieb der spanische Schriftsteller Garci Rodriguez de Montalvo ein mythisches Land:

Wisse, dass rechter Hand der Indien eine Insel namens California liegt (…). Sie ist von schwarzen Frauen bevölkert, ohne einen einzigen Mann unter ihnen, denn sie leben nach Art der Amazonen.

Die Insel, so heisst es weiter, werde von einer Königin namens Calafia regiert – daher auch Kalifornien –, und auf der ganzen Insel gebe es kein anderes Metall als Gold.

Als Seeleute des spanischen Entdeckers Hernán Cortéz wenig später die Baja California entdeckten, meinten sie eine Insel zu erkennen und nannten sie prompt «Kalifornien». Cortés selbst schwante zwar, das sei eine Mär, doch die Geschichte von der mythischen Amazoneninsel war einfach zu gut. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und volle 200 Jahre lang stellten Kartografen im Westen der Neuen Welt eine grosse Insel dar.

Die Stunde der Wahrheit schlug 1774 und 1776: Mexikanische Landexpeditionen entschieden die Sache zweifelsfrei, und seither ist Niederkalifornien, was es immer gewesen war: eine schmale, langgestreckte Halbinsel.

Bauer

Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt.

So fängt das Lied an, das in den 1920er-Jahren in einer Liedersammlung des tschechisch-deutschen Musiklehrers Walther Hensel erschien. Doch mit Pferden oder der Landwirtschaft hat der Bauer ursprünglich nichts zu tun. Das Wort kommt vielmehr vom althochdeuschen būr, wie man den Bauern in Schweizer Dialekten heute noch nennt. Seit dem 8. Jh. war ein būr ganz einfach ein Haus – davon zeugen heute noch Ortsnamen wie Büren, Altbüron, das «bei den alten Häusern» hiess, Steckborn oder sogar Mammern (von man-burron).

Wer nun im selben Haus oder auch im selben Dorf wohnte, der war ein ge-būr, wörtlich ein «Mit-būr», ein Mitbewohner. Diesen ge-būr, den Gebauer, gibt’s bis heute als Nachnamen, und būr für «Haus» findet sich auch im deutschen Vogelbauer, das nicht einen Geflügelzüchter meint, sondern, eben, ein Vogelhaus, einen Käfig oder eine Voliere – būr als Haus ist nur in solchen Einzelfällen erhalten geblieben.

Beim ge-būr hingegen verschwand nach und nach die sperrige Vorsilbe, und aus dem Gebauer wurde unser heutiger Bauer als Bezeichnung für den, der Vieh züchtet und die Felder bestellt. Wie dieser Bedeutungswandel vom Mitbewohner zum Landwirt zustande kam, weiss die Sprachforschung bis heute nicht. Auch wenn er recht jung ist: In seiner Bibelübersetzung braucht Martin Luther das Wort «Bauer» noch selten, statt dessen spricht er vom «Ackermann». Und auch der ist heute noch ein Name.

Nabel der Welt

Der Nabel der Welt ist der Mythologie zufolge der Weltenmittelpunkt. Zu allen Zeiten haben Herrscher diesen Punkt für sich reklamiert. «Nabel» heisst auf Lateinisch umbilicus, und der umbilicus urbis romanae, das offizielle Zentrum des römischen Strassennetzes und damit der Nabel der Welt, war ein kleiner Tempel auf dem Forum in Rom, dessen Ruinen man heute noch sehen kann. Von hier aus wurden die Meilen der römischen Heerstrassen gezählt. Und weil sich hier, wie man glaubte, die Welt der Lebenden und die der Toten berührten, wurden den Göttern der Unterwelt, des orcus, Opfer gebracht.

Schon die Griechen besassen ihren Nabel der Welt, den omphalos, einen mit Girlandenmustern verzierten Kultstein im Apollon-Tempel von Delphi. Der Sage nach soll der Stein als Meteor vom Himmel gefallen sein und die Stelle markiert haben, an der sich zwei Adler trafen, nachdem sie von Zeus auf die Reise geschickt worden waren, um den Nabel der Welt zu finden. Ein «Omphalion», einen aus bunten Marmorkreisen bestehenden Bereich, gibt es auch unter der Kuppel der Hagia Sophia in Istanbul, und sogar auf dem Berliner Schlossplatz gab es im 19. Jh. einen «Omphalos», einen achtarmigen Kandelaber des Architekten Karl Friedrich Schinkel, auf den sich alle Distanzangaben auf den preussischen Meilensteinen bezogen.

Delphi, Rom, Konstantinopel, Berlin: Wer sich heute für den Nabel der Welt hält, hat historisch gesehen ziemlich viel Konkurrenz.