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Alarm

Ein Alarm ist eine ernste Warnung.

Gleich schallet ein Alarmen;
Da wand ich mich zu ruck
Alß vil mich kond vmbgreiffen
Mit meinen augen beyd
Ich mörder sah durchstreiffen
Die Felder weit und breit,

dichtete Anfang des 17. Jahrhunderts der deutsche Jesuit Friedrich Spee. Seit jeher lebt der Mensch in Gruppen zusammen, und sobald Gefahr droht, ermöglicht der Alarm das Aufbieten aller Kräfte, um den Kampf aufzunehmen und die Gemeinschaft in Sicherheit zu bringen. Eine funktionierende Alarmorganisation war zu allen Zeiten wichtig – so wichtig, dass sie sogar eigene Berufe hervorbrachte: Der Torwächter im Mittelalter schlug Alarm, sobald sich Unbekannte vor der Stadtmauer zusammenrotteten, der Türmer läutete die Feuerglocke, wenn er einen Brand entdeckte, in Burgen und auf Berggipfeln hielten Wachen stets zwei Holzstösse bereit, um bei drohender Gefahr ein Hochwacht- oder Kreidfeuer zu entzünden – tagsüber mit feuchtem Holz, damit der Rauch weithin sichtbar blieb, nachts dagegen mit trockenen Scheitern, damit das Feuer möglichst hell aufloderte.

Heute alarmieren vor allem Apparate – von der automatischen Brandmeldeanlage über die Alarmanlage gegen Einbrecher bis hin zum Radio, dessen Wecker ebenfalls «Alarm» heisst. Letzteres ist eine ziemliche Verharmlosung: Das Wort stammt nämlich vom alten italienischen Weckruf all‘ arme! ab, auf Deutsch «zu den Waffen!»

Ein Alarm will unter allen Umständen wahrgenommen werden, und deshalb ist er vor allem eins: Laut, unerträglich laut. Es ist daher kein Zufall, dass vom mittelalterlichen «all‘ arme!» auch ein anderes, weit gebräuchlicheres Wort abstammt: der «Lärm».

Pyjama

Der Pyjama ist nicht bloss ein Fall fürs Bett, sondern auch für die Wissenschaft. 2013 hat die amerikanische National Sleep Foundation belegt, dass der Pyjama der beliebteste Schlafanzug der Welt ist – laut einer gross angelegten Studie zumindest in den USA, in Kanada, Mexiko, Grossbritannien, Deutschland und Japan. Das Nachthemd, der Trainingsanzug, Unterwäsche oder auch gar nichts – all das kommt statistisch gesehen nicht an den Pyjama heran.

Der Pyjama stammt aus dem mittleren Osten und aus Indien. Pāy-jāmeh hiess auf persisch ursprünglich nichts anderes «Beinkleid», und über Indien und England kam beides, Wort und Hose, nach Europa. Die britischen Kolonialherren hatten die bequeme, leichte Kleidung Mitte des 17. Jahrhunderts in Indien kennengelernt. So wurde der Pyjama in Europa zu einer leichten Freizeithose – und geriet, wie so manche Mode, bald wieder in Vergessenheit. In den 1870er-Jahren aber blühte der Handel zwischen Indien und Grossbritannien auf, und auf einmal waren Stoffe wie Baumwolle oder Seide in grossem Stil verfügbar. Und damit begann sozusagen die Renaissance des Pyjamas. Zur leichten Hose kam ein Hemd mit Knöpfen, und bis zum Ende des Ersten Weltkriegs hatte der Pyjama das davor für Männer und Frauen übliche Nachthemd verdrängt. In den 1930er-Jahren kam gar der Strandpyjama in Mode, eine leichte, weite Frauenhose für den Urlaub am Meer.

Auch in China hat sich der Pyjama durchgesetzt, als Zeichen des Wohlstandes seines Besitzers. Trotz behördlicher Kampagnen gegen dieses «unzivilisierte» Benehmen ist es in einigen Städten bis heute üblich, im Pyjama aus dem Haus zu gehen und einzukaufen.

Katalog

Das Wort «Katalog» kommt vom griechischen kata légein, «hersagen» oder «aufzählen». Genau das ist es, was einst der Zettelkasten tat (und was heute Datenbanken tun). Der Katalog ist mindestens so alt wie die Bibliothek, und die wiederum geht auf das mouseîon der alten Griechen zurück, eine Mischung aus Tempel, Museum, Universität und Bibliothek. Auch hier müssen schon Kataloge bei der Suche nach bestimmten Schriftrollen geholfen haben, selbst wenn vom grössten dieser Museen, der legendären Bibliothek von Alexandria, kein Fitzelchen übriggeblieben ist.

Ähnlich ging es einer der grössten Bibliotheken der Renaissance, jener des Hernando Colón, eines unehelichen Sohnes von Christoph Kolumbus. Colón hatte den Ehrgeiz, die Leistungen seines berühmten Vaters noch zu übertreffen – nicht mit Expeditionen, sondern mit der grössten Universalbibliothek seiner Zeit. 15 000 Werke soll die Sammlung einmal umfasst haben; Rechtsstreitigkeiten liessen sie nach Colóns Tod 1539 auf weniger als die Hälfte schrumpfen. Sie kann als «Biblioteca Colombina» in Sevilla heute noch konsultiert werden.

Colón und seine eigens dafür angestellten Bibliothekare waren ehrgeizig und ungemein fähig. Vor wenigen Monaten erst wurde in Dänemark ein Buch entdeckt mit dem Titel «Libro de los epitomes» – Colóns 2000 Seiten starker, säuberlich von Hand geschriebener Bibliothekskatalog, der jedes einzelne der Bücher verzeichnet, einschliesslich einer präzisen Zusammenfassung des Inhalts. Und weil so viele Bände verschwunden sind, enthält Colóns gross angelegter Katalog heute die letzten Spuren von Wissen, das ohne ihn gänzlich verloren wäre.

Protektionismus

Das Erheben von Zöllen ist eine praktische Sache. Dem Staat bescheren sie Einnahmen, und der Wirtschaft bieten sie Schutz vor billiger Konkurrenz aus dem Ausland. Aussenhandelspolitik mithilfe von Schutzzöllen nennt man nach dem lateinischen Wort für «Schutz» Protektionismus.

Historisch gesehen ist freier Handel die Ausnahme und Protektionismus die Regel,

schrieb 1993 der angesehene Wirtschaftshistoriker Paul Bairoch. Protektionismus hat durchaus Vorteile. Die Schutzzollpolitik Otto von Bismarcks 1878 etwa stützte die Preise im deutschen Kaiserreich mit Abgaben auf Eisen, Getreide, Holz und Vieh, aber auch Tabak, Tee und Kaffee, was tatsächlich die wirtschaftliche Entwicklung förderte. Dann aber zeigte sich: Preise und Lebenshaltungskosten stiegen, Löhne und Nachfrage blieben tief, die Auslandsabhängigkeit der Industrie wuchs. Gleichzeitig lief die deutsche Politik ins Leere, weil die umliegenden Staaten ebenfalls in die protektionistische Trickkiste griffen. Deutschlands Exporte schrumpften, die noch junge Chemie-, Elektro- und Maschinenindustrie litt.

Protektionismus kann beim Aufbau neuer Wirtschaftszweige helfen, die noch nicht wettbewerbsfähig genug sind. Entwicklungsländer wie China stiegen auch dank breit verhängter Schutzzölle zu Industrieländern auf. Trotzdem wird Protektionismus heute in einer unaufhaltsam globalisierten Welt kritisch gesehen. Er behindert den Handel und schützt unwirtschaftliche Branchen, hält die Preise künstlich hoch und schadet damit mehr, als er nützt. Aber: Drohungen wie die des US-Präsidenten Donald Trump gegen Deutschland und China zeigen, dass die Tage des Protektionismus noch lange nicht gezählt sind.

Antischall

Es ist nicht einfach, im Flugzeug Schlaf zu finden – Triebwerke, Gespräche, das schreiende Baby. Dagegen hilft Ohropax, das den Lärm zumindest dämpft. Weil wir uns aber unbewusst auf die Geräusche zu konzentrieren beginnen, helfen die Stöpsel nur bedingt. Auch ein Kopfhörer mit lauter Musik schafft keine Abhilfe: Lärm plus Musik ist dann einfach noch lauter. Das einzige, was wirklich hilft, ist «Antischall».

Schall ist eine Abfolge von Über- und Unterdruck der Luft, der sich kugelförmig ausbreitet – je schneller die Schallwellen aufeinanderfolgen, desto höher der Ton, je höher der Druckunterschied, desto lauter. Hier kommt der Kopfhörer mit Antischall ins Spiel, auf Englisch «active noise control». Im Inneren der Hörmuschel des Kopfhörers sitzt neben dem Lautsprecher auch ein Mikrofon, das den gedämpften Umgebungslärm aufzeichnet. Für jede einzelne Schallwelle wird von der Kopfhörermembran eine gegenläufige Welle erzeugt – bei Überdruck ein gleich grosser Unterdruck oder umgekehrt, die beide zum exakt gleichen Zeitpunkt auf dem Trommelfell auftreffen. Die Wellen, Druck und Gegendruck, heben sich bei jeder Schwingung auf, und der Lärm wird im physikalischen Sinn gänzlich ausgelöscht.

Das heisst: Fast ganz. Jeder Mensch besitzt ein individuell geformtes Aussen-, Mittel- und Innenohr. Weil Antischallkopfhörer aber Industrieprodukte sind, stellen sie immer einen Kompromiss dar, so dass auch der Antischall zumindest ein leises Rauschen zurücklässt. Unter Laborbedingungen allerdings, und aufwändig ans Gehör angepasst, ist Antischall zumindest theoretisch tatsächlich das Ende des Lärms.