Alle Beiträge von twb

Nylon

Wörter erzählen Geschichten: Mauer zum Beispiel kommt vom lateinischen murus, Wand dagegen von winden, weil die Germanen ihre Häuser nicht mauerten, sondern aus Zweigen flochten. Je älter das Wort, desto dunkler seine Herkunft, und einige Wörter sind so alt, dass sich ihre Geschichte nicht mehr nachvollziehen lässt.

Nylon
Nylon
Aber es gibt auch ganz junge Wörter, die den Sprachforschern Kopfzerbrechen bereiten. Ein solches Wort ist Nylon – die Kunstfaser, die der Chemiker Wallace Carrothers in den frühen dreissiger Jahren entdeckte. Carrothers arbeitete beim amerikanischen Chemiekonzern DuPont und forschte bereits seit 1930 an Polymeren herum, an chemischen Verbindungen, die aus langen Molekülketten bestehen, und die sich zu langen, zähen Fasern ziehen lassen. Ihr Schwachpunkt: sie schmolzen bereits bei niedrigen Temperaturen. 1935 gelang Carrothers der Durchbruch: Seine neue Faser war stark und hitzebeständig, und rasch sollte sie die Welt der Damenstrümpfe, der Fallschirme und der Angelschnüre revolutionieren.

Nylon lässt sich chemisch exakt beschreiben. Nur das Wort gibt Rätsel auf. Die landläufige Meinung, Nylon sei ein Abkürzungswort für den gegen Japan gerichteten Ausruf now you lousy old nipponese, ist ebenso falsch wie die Annahme, das Wort komme von New York und London, wo Nylon produziert wurde. Zwar weiss man, dass DuPont seinen neuen Stoff ursprünglich NoRun taufen wollte, auf deutsch soviel wie «keine Laufmasche». Aus Furcht vor dem Richter (auch damals konnte eine Laufmasche bereits zu Klagen führen) liess man diesen etwas zu viel versprechenden Namen allerdings wieder fallen.

Woher der Name Nylon wirklich kommt, weiss niemand mehr genau. Gewusst hätte es vermutlich der Chemiker Carrothers. Der aber nahm sich, schwer depressiv, zwei Jahre nach seiner grossen Erfindung das Leben.

Okay

In Ordnung, das war gestern. Heute heisst das okay. Ob es um den Preis eines Massanzugs geht oder die moralische Bewertung eines Seitensprungs: alles ist okay. Was uns da so selbstverständlich über die Lippen kommt, ist ein Lieblingskind der Sprachgeschichte.

Okay
Okay
«Ok» ruft abenteuerlichste Spekulationen hervor, und einige davon klingen ganz plausibel: Der deutsche Sprachrat vermutet den Ursprung auf deutschen Druckfahnen mit dem Vermerk «ohne Korrektur», o.k. Die deutsche Bundeswehr dagegen glaubt an die Abkürzung für «Ober-Kommando»; die american army an zero killed, null k, keine Opfer. Sprachforscher wiederum vermuten den Ursprung im Dialekt der Choctaw-Indianer, wo das Wort okeh soviel heisst wie «Ja, in Ordnung». Und schliesslich gibt’s da noch die Boxer und Humoristen, die behaupten, ok sei schlicht das Gegenteil von k.o.

Die plausibelste Herleitung stammt vom im Jahr 2002 verstorbenen amerikanischen Sprachwissenschaftler Allan Walker Read. Seine Geschichte geht so: In den 1830-er und 1840-er Jahren gab es an der amerikanischen Ostküste die beliebte Mode, alltägliche Ausdrücke mit möglichst unsinnigen Abkürzungen zu versehen. Da stand etwa kg für no go, ow stand für all right – ganz nach dem Motto: Je falscher, desto besser.

Ok, soviel fand Read heraus, stammt von einem Kolumnisten, der dieser Abkürzungsmasche erlag und am 23. März 1829 in einer Satire der Boston Morning Post ok schrieb – als spassige Abkürzung für all correct. All mit o, correct mit k: Das war gleich doppelt falsch – und in den Augen der Spassvögel also auch doppelt so gut.

Dass hinter ok also viel Falsches steckt, das wissen wir heute nicht mehr – oder höchstens dann, wenn wir hören, ein sündhaft teurer Massanzug oder ein kleiner Seitensprung seien «okay».

Portal

Was der Bibliothek der gute alte Katalog war, ist dem Internet das Portal. Jede Website, die etwas auf sich hält, nennt sich heute – ganz modisch und neudeutsch – ein Portal.

Neudeutsch? Uraltdeutsch wäre richtiger. Denn wie so oft, wenn’s um unsere Sprache geht, ist die Antike nicht weit. Der Ursprung des Portals ist das lateinische porta, die Tür. Das Tor ist ein so einprägsames Sinnbild für Eingang oder Übergang, dass es als lateinisches Lehnwort gleich mehrmals ins Deutsche übernommen wurde. Und jedes Mal entstand daraus ein anderes deutsches Wort.

Schon im ersten Jahrhundert vor Christus wurde porta eingedeutscht – zur heutigen Furt, dem seichten Durchgang durch einen Fluss, den man an dieser Stelle mit Pferd und Wagen durchqueren konnte, ohne jämmerlich zu ersaufen.

Aber auch die wörtliche Übersetzung der lateinischen Tür fand ihren Weg zu den Germanen: Das war etwa im sechsten Jahrhundert und führte zur heutigen Pforte.

Noch später, als Prachtbauten in Mode kamen, besann man sich wieder auf die grossen antiken Vorbilder – und nannte ein prunkvolles Tor Portal. Und da sich die neuen Medien nicht gerade durch übermässige Bescheidenheit auszeichnen, muss heute als Bezeichnung für Einstiegsseiten ins Internet natürlich der vornehmste dieser Begriffe herhalten: eben das Portal.

Wieviel bescheidener ist da für einmal das Englische: Die grösste Bibliothek der Welt, die Library of Congress in Washington, nennt ihre Portalseite schlicht und einfach home.

Kader

All animals are equal – alle Tiere sind gleich, erklären die Schweine in George Orwells satirischem Roman «Animal Farm». Das sind Menschen auch: vor dem Gesetz und vor der Grippe. Wenn es aber um Einfluss und Einkommen geht, dann hört jede Gleichheit auf. Dann treten sie auf den Plan: die Kader, die Kaste der Führenden in Wirtschaft, Technik, Politik, Militär und Sport.

Kader
Kader
Ein Franzose, der sich über die Rüge seines Vorgesetzten ärgert und ihn insgeheim une tête carrée nennt, hat recht. Das hat nicht etwa mit einer Verunglimpfung der Kader zu tun, sondern allein mit der Herkunft des Wortes. «Kader» kommt vom französischen cadre, Rahmen, Einfassung. Cadre bedeutete im 19. Jahrhundert eine erfahrene Heeresabteilung, eine gut trainierte Sportmannschaft. Der Ursprung ist das lateinische quadrus, viereckig. Kader und Quader sind also enge Verwandte, und wenn Deutsche ihre unbeliebten Chefs «Quadratschädel» nennen, dann stehen ihnen die Engländer mit blockhead in nichts nach.

Ganz besonders beliebt waren Parteikader, Armeekader, ja selbst Reisekader ausgerechnet im Reich des Proletariats, in der Sowjetunion. Doch auch wenn der Sowjetkommunismus ausgedient hat – die Kader, wie sie übrigens auch auf russisch heissen, sind alles andere als Auslaufmodelle. Selbst in der durch und durch republikanischen Schweiz werden Kader gleich in hellen Scharen herangezogen: Die Telefonbücher listen allein hierzulande gegen zweitausend Kaderschulen auf.

Warum der Kaderberuf so ungemein attraktiv ist? Auch das wussten George Orwells Schweine schon. Alle Tiere sind gleich. Aber einige sind eben gleicher als alle anderen.

Suchmaschine

Die wichtigste Maschine des modernen Lebens kocht keinen Kaffee, und sie treibt auch kein Auto an. Die Internet-Suchmaschine hat weder Kolben noch Zylinder, sondern besteht aus einer schlichten Seite mit einem Eingabefeld. Wir tippen einen Begriff ein, und schon durchsucht die Suchmaschine das weltweite Datennetz und listet ihre Funde auf.

Nur: Ganz so einfach ist es nicht. Eine Suchmaschine ist ein hoch raffiniertes Computerprogramm, das nur auf den leistungsfähigsten Rechnern der Welt läuft. Zudem ist das Internet so gross, dass es im Grunde gar nicht mehr durchsuchbar ist. Rund 150 Millionen Websites, so schätzen Analysten, sind zur Zeit in Betrieb, und jede davon enthält Dutzende, vielleicht Zehntausende von Dokumenten. Im Vergleich zu diesem Datenozean ist selbst die grösste Bibliothek der Welt, die Library of Congress in Washington, ein Notizbuch.

Damit uns eine Suchmaschine dennoch finden lässt, wonach wir suchen, muss sie sich sehr geschickt anstellen. Das Web ist verteilt auf Abermillionen einzelner Computer und wäre für eine Suche viel zu langsam. Also erstellt eine Suchmaschine mit speziellen Hilfsprogrammen einen sogenannten Index – eine Datenstruktur des Web – und speichert ihn ab. Diese Indexdaten lassen sich viel rascher durchsuchen, sind aber dafür von gestern: Allein Google braucht mehrere Wochen, um das Web einmal neu zu indexieren. Aktuelles, von Medien abgesehen, hat so fast keine Chance. Ein weiteres Problem: Das Web wächst schneller, als die Suchmaschinen es indexieren können, davon abgesehen, dass gar nicht alle Inhalte für die Öffentlichkeit bestimmt sind und gezielt versteckt werden. Die Folge: Die meisten Dokumente bleiben im Dunkel des so genannten «Deep Web».

Das «Surface Web» allerdings ist auch so noch gross genug. Der Begriff «Suchmaschine», bei Google eingegeben, liefert mehr als 21 Millionen Treffer.