Gutschein

Der Voucher fürs Ferienhotel, der Rabattcode fürs Schnäppchenportal: Gutscheine sind überall. In rechtlicher Hinsicht sind Gutscheine quasi bares Geld: Mit ihnen können wir eine Ware oder Leistung bezahlen. Steht auf dem Gutschein kein Name drauf, dann ist er ein Inhaberpapier: Um ihn einzulösen, reicht es aus, ihn vorzuweisen. Ausweis, Kaufvertrag, Unterschrift – alles nicht nötig.

Und doch ist die Sache mit den Gutscheinen einigermassen vertrackt. Im Gegensatz zu den Banknoten, deren Ausgabe der Nationalbank vorbehalten ist, kommt der Gutschein als solcher im Gesetz gar nicht vor. Und weil die fraglichen Beträge im Streitfall meist gering sind, kommen Aussteller auch kaum je vor Gericht.

Das ist erstaunlich, denn Gutscheine bieten durchaus Streitpotenzial. Viele von ihnen sind nämlich zeitlich limitiert, oft auf ein oder zwei Jahre. Bloss: Diese zeitliche Beschränkung ist fragwürdig, wenn nicht gar ungesetzlich, denn sie hat dieselbe Wirkung wie eine Verjährung. Ob Lebensmittelhändler, Gastwirt, Handwerker oder Verkäufer – die meisten Leistungen, für die Gutscheine ausgestellt werden, verjähren erst nach fünf Jahren. Und eine Verkürzung dieser Frist ist laut Schweizerischem Obligationenrecht verboten.

Weil das Gesetz ein Dschungel, der Gutschein dagegen handfeste Realität ist, helfen zwei Faustregeln weiter: Erstens: Liegt ein Gutschein mit kurzer Frist unter dem Christbaum und brauchen Sie gerade weder neue Handschuhe noch einen Ballonflug, verlangen Sie eine Verlängerung. Und zweitens: Wenn auch Ihnen einmal nur der Büchergutschein einfällt, dann verschenken Sie doch lieber gleich Banknoten. Die lassen sich überall einlösen, ohne Wenn und Aber.

Lewinsky, Monica

Es war ohne Zweifel der öffentlichste Seitensprung der Geschichte: jener von Bill Clinton, dem 42. Präsidenten der Vereinigten Staaten, und der damals 22-jährigen Praktikantin im Weissen Haus, Monica Lewinsky. Nie zuvor waren Milliarden von Menschen Zeugen einer einzigen Eskapade eines einzigen Mannes gewesen.

Dabei, so flunkerte Clinton am 26. Januar 1998, dabei war es gar kein Seitensprung gewesen: Nie habe er ein Verhältnis mit dieser Frau gehabt. Allein, es half nichts. Die Schlinge der Medien zog sich erbarmungslos zu; Zeitungen und Fernsehen bedienten willfährig eine ebenso lüsterne wie verklemmte Öffentlichkeit mit immer pikanteren Details. Volle 13 Monate lang befasste sich die Welt mit erotischen Praktiken, ihren Hinterlassenschaften auf einem ungewaschenen Kleid, den Möglichkeiten der DNA-Analyse, der amerikanischen Strafjustiz und schliesslich gar mit dem impeachment, dem Verfahren zur Absetzung eines Präsidenten.

Dabei war Clinton mit seinem kleinlauten Geständnis doch schon am 17. August 1998 zu Kreuze gekrochen. Allein – too little, too late. Zu Ende war die Affäre erst ein halbes Jahr später, als der Senat am 12. Februar 1999 einen zerknirschten und zermürbten Präsidenten freisprach: des Meineids und – hauchdünn, mit 50 zu 50 Stimmen – der Behinderung der Justiz.

Ach ja: Monica Lewinsky, unfreiwillige Titelheldin dieser Seifenoper, ist seit 2006 studierte Sozialpsychologin. Ihre Spuren verlieren sich im Internet, wo sie – unter therealmonica.com – als letztes Handtaschen verkauft hatte.

Pong

Schlichter könnte der Name nicht sein: «Pong» heisst das Game – ein grauer Strich als Schläger, ein Punkt als Ball, ein Zähler. Voilà. Graue Linien auf schwarzem Grund – mehr brauchte es vor vierzig Jahren nicht, um Menschen in Massen vor den Bildschirm zu bannen.

Pong
1972 in den USA vom Radio– und Fernsehbauer Magnavox gebaut, ist «Pong» sozusagen die reduktionistische Form des Tischtennis. Der Ballpunkt bewegt sich hin und her, prallt vom Schlägerstrich ab, und falls nicht, weil daneben, gibt’s einen Punkt für den Gegner. Beim Ur-«Pong» war das noch ein Mitspieler aus Fleisch und Blut, der – genau wie man selbst – einen Ur-Joystick aus grauem Plastik in den schweissnassen Händen hielt. Heute (im Web gibt es Abertausende spielbarer «Pongs») wird gegen einen Computergegner gesmasht.

«Pong», am Anfang noch ein fest verdrahteter, von Hand gelöteter Schaltkreis, ist der Urvater aller Computerspiele. Der wahre Kampf allerdings fand neben dem Bildschirm statt. «Pong»-Erfinder Magnavox erfuhr kurz nach der Einführung, dass Konkurrent Atari das Spiel ebenfalls auf den Markt gebracht hatte. Vor Gericht konnte Magnavox hieb- und stichfest beweisen, dass Atari-Gründer Nolan Bushnell höchstpersönlich die Idee geklaut hatte. Die Geldstrafe allerdings, satte 700 000 Dollar, erwies sich als glänzende Investition. In nur zwei Jahren nämlich verkaufte Atari 8000 Pong-Automaten, jeder davon schrankgross und ein Vermögen wert.

Nicht nur seine Existenz, sondern auch den Namen verdankt das Spiel der Juristerei. Der Name Pingpong war nämlich geschützt, und so liess Atari das «Ping» einfach weg. So hat Pong eine erstaunliche Karriere gemacht: Computergames sind heute eine Kunstform, und «Pong» ist Kultur.

Razzia

Grosseinsatz der Polizei, Waffen und Drogen beschlagnahmt, Mafiosi in Haft. Und wieder berichten die Medien über eine erfolgreiche Razzia. Ein sperriges Wort: «Razzia» kommt aus dem Arabischen und bedeutet ursprünglich «Schlacht» oder «Raubzug».

Streng genommen war die Razzia bei den Beduinen eine Sache der Gesetzesbrecher, nicht seiner Hüter. Wenn nach einer winterlichen Dürre oder einer Viehseuche die Kamele verendeten und der Proviant knapp wurde, unternahmen Krieger kurze Überfälle auf feindliche Sippen oder Stämme. Sofern eine solche Razzia nicht im Schutz der Nacht geschah und nach bestimmten Regeln ablief, galt sie nicht als ehrenrührig, ganz im Gegenteil: Den Moralvorstellungen der Wüste zufolge waren solche Razzien gleichsam sportliche Wettkämpfe, deren Teilnehmer Blutvergiessen nach Möglichkeit vermieden und deren Preis die Beute war. Sogar die Feldzüge des Propheten Mohammed auf der arabischen Halbinsel werden vom muslimischen Geschichtsschreiber Ibn Ishaq im 8. Jh. als غزوة, als «Beutezug», bezeichnet.

1830 begann die Kolonialmacht Frankreich mit der Eroberung Algeriens, und so hielt die Razzia Einzug ins militärische Vokabular, als Begriff für blutige Vergeltungsschläge gegen aufrührerische Berberstämme, die von einem grossarabischen Reich träumten und die französischen Soldaten mit Waffengewalt aus Algerien vertreiben wollten.

Wüstenkodex und Kolonialismus sind Geschichte. Heute gehört die Razzia nur noch in den Polizeijargon – und in die vermischten Meldungen.

Rhetorik

Rhetorik ist Griechisch und heisst «Redekunst». Nicht alle, die Reden halten, sind Künstler – ob Tischreferat oder Ansprache: Reden ist Mundwerk und nur ganz selten wirklich Kunst.

Im alten Griechenland war die Rhetorik hoch angesehen. Sie zählte (zusammen mit Grammatik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie) zu den sieben freien Künsten, der Bildung, nach der ein freier Mann strebte. Denn wem es gelang, vor Gericht oder auf dem Forum Menschen zu überzeugen, der hatte Macht.

So zu reden will geübt sein. Marcus Tullius Cicero war ein stotternder Aussenseiter im Establishment des alten Rom – und ein rhetorisches Jahrhunderttalent. Er studierte bei allen Meistern seiner Zeit. Ihren gekünstelten Stil (der in Rom führende Anwalt Hortensius wurde als «Tanzmeister» verspottet) fand Cicero lächerlich, und so schrieb er sich auf Rhodos beim griechischen Rhetor Molon ein. Einen ganzen Frühling und Sommer lang liess sich der junge Cicero drillen: Turnübungen, Atemübungen, Redeübungen – und kein einziges geschriebenes Wort, getreu Molons Devise: «Bei der Redekunst zählen nur drei Dinge: der Vortrag, der Vortrag und der Vortrag.»

Und Cicero lernte gut: Zurück in Rom, brachte er den mächtigen Gaius Verres, den räuberischen Prätor von Sizilien, vor Gericht. Verres und sein Verteidiger, eben jener Tänzer Hortensius, hatten nicht den Hauch einer Chance: Von zwei verfassten Brandreden brauchte Ankläger Cicero nur die erste zu halten, da floh der korrupte Verres bei Nacht und Nebel nach Marseille und kehrte nie wieder zurück.

Von Anakoluth bis Zeugma: Rhetorische Figuren tragen bis heute antike Namen. Doch ob Anklage oder Poetry Slam – nur auf drei Dinge kommt es an: den Vortrag, den Vortrag und den Vortrag. (Das übrigens ist die einfachste aller Figuren. Man nennt sie repetitio.)