Skara Brae

Der Wind und die Gischt gehören zu Orkney, der Inselgruppe nördlich von Schottland, wie das Salz zum Meer. Sie sind schuld daran, dass hier keine Bäume wachsen. Und das ist ein Segen.

Denn Menschen pflegen mit dem zu bauen, was sie haben. In waldigen Mitteleuropa war das Holz, und bis auf Stümpfe im Seegrund, die von Pfahlbauern zeugen, ist von Bauten der Jungsteinzeit kaum etwas übrig geblieben.

Auf Orkney ist das anders. Hier bauten die Menschen vor 4500 Jahren mit Stein, dem feinkörnigen, rötlichen Sandstein, der sich dank seiner Schichtung leicht in ebene Platten spalten lässt. Und so hat auf Orkney ein ganzes Dorf aus der Jungsteinzeit überdauert – perfekt erhalten, fast so, als sei es gestern erst von seinen Bewohnern verlassen worden. Skara Brae wird das Dorf genannt, und dass es überhaupt entdeckt wurde, ist wieder dem Wetter zu verdanken. Nachdem die Mauern jahrtausendelang von einer Sanddüne bedeckt waren, riss im Winter 1850 ein schwerer Sturm Teile der Küste ins Meer, und erste Umrisse wurden sichtbar.

Skara Brae ist heute ausgegraben und konserviert. Die Siedlung besteht aus insgesamt neun Häusern und einer Werkstatt, deren Dächer zwar fehlen, deren Inneneinrichtung jedoch gut erhalten ist: Bettkästen, Wandnischen, Feuerstellen, Hausaltäre und rechteckige Wassertanks, in denen die Napfschnecken frisch gehalten wurden, die man als Köder zum Fischen benötigte. Die Bewohner fingen Dorsche, hielten Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine, bauten Gerste an und buken Brot. Und lebten in ihren wind- und wasserdichten, gut beheizten Steinhäusern so behaglich, wie das möglich war – gänzlich unbehelligt von Sturm und Gischt, die noch vorher da waren.

Smiley

Er ist eine Ikone des Glücklichseins: der gelbe Kreis mit zwei Punkten und einem aufwärts gerichteten Bogen, den wir als strahlendes Lächeln interpretieren und der in der Notation Semikolon-Bindestrich-Klammer mittlerweile jeden zweiten Satz ziert.

«Emoticon» nennt man solch stilisierte Fröhlichkeit, und zur Welt kam der Smiley – korrekt übrigens mit -ey und nicht etwa mit -ie geschrieben – im Jahr 1953. Um den Kitschfilm «Lili» mit Leslie Caron in der Hauptrolle bekannt zu machen, schalteten die Verleiher handgezeichnete Inserate, die zur Untermalung des Versprechens «Today you’ll laugh, cry, love» von drei lachenden, weinenden und liebenden Ur-Smileys geziert wurden. Der moderne Smiley – gelber Kreis, ovale schwarze Augen, Grübchen – ist bereits die Version 2.0. Gezeichnet hat ihn im Dezember 1963 der amerikanische Kriegsveteran und Werbegrafiker Harvey Ball, in 10 Minuten und im Auftrag einer Versicherung, die nach einer feindlichen Übernahme mit lustigen Anstecknadeln das Betriebsklima wieder heben wollte. Die Anstecker verbreiteten sich epidemisch, von den Angestellten und deren Familien übers ganze Land.

Der gelbe Strahlemann wirbt heute für alles, wofür es sich zu werben lohnt und macht viele Menschen reich. Allen voran den französischen Unternehmensberater Franklin Loufrani: Der meldete 1971 ein leicht verändertes Grinsen zum Patent an, das er sich zur Kennzeichnung der guten Nachrichten seines Auftraggebers «France Soir» angeblich selbst ausgedacht hatte. Loufrani ist heute Multimillionär und hält die Smiley-Nutzungsrechte in über 80 Ländern.

Erfinder Harvey Ball dagegen ging bis zu seinem Tod 2001 leer aus. Das Honorar für seinen Ur-Smiley waren gerade mal 45 Dollar.

SMS

Ich smse, Du smst, er smst – mit Verlaub: Das ist unmöglich. Erstaunlich, dass dieser Zungenbrecher, nach Handy und Internet, der grösste Erfolg der modernen Telekommunikation geworden ist. Und noch viel erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass SMS, der short message service, gar nicht als Dienst fürs Publikum gedacht war.

Aber von vorn: Der SMS-Dienst wurde Mitte der 80er Jahre vom finnischen Ingenieur Matti Makkonen erfunden. SMS, wie wir es heute kennen, hatte er überhaupt nicht im Sinn; Makkonen suchte lediglich nach einer Möglichkeit für Mobilfunkbetreiber, ihren Kunden eine simple Nachricht zukommen zu lassen, zum Beispiel, wenn der Handydienst mal wieder überlastet war. Daher auch die Beschränkungen: Eine SMS fasst auch heute noch höchstens 160 Zeichen.

Makkonens Idee überzeugte, und das weit mehr als er sich je erträumt hätte. SMS fand Eingang in den Mobilfunkstandard GSM, und rund ein Jahr nach dessen Einführung, am 3. Dezember 1992, ging das erste, sozusagen historische SMS von einem Computer an ein Handy im britischen Vodafone-Netz. Der Text, merry christmas, war zwar nicht ganz so historisch, aber dennoch: Als 1993 die ersten SMS-fähigen Handys auf den Markt kamen, reagierte das Publikum so begeistert, dass ausgerechnet diese mühselige Tipperei auf den winzigen Tasten dem Mobiltelefon erst so richtig zum Durchbruch verhalf. 2010, so schätzt die internationale Fernmeldeunion ITU, wurden weltweit 6,1 Billionen SMS verschickt. Wäre jedes dieser SMS durchschnittlich 12 Zentimeter lang, reichten sie alle zusammen bis hoch zum Jupiter.

Nur dieses unmögliche Verb! Aber die Gralshüter des guten Deutsch wissen Rat. Die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden schlägt vor: Wir simsen.

Social Media

Vor fünf Jahren waren Social Media noch esoterischer Slang blasser Informatikgurus. Heute sind sie Alltag: Facebook und Twitter sind längst, was der Antike das Forum und dem Mittelalter der Marktplatz war. Nur der Begriff «Social Media» führt in die Irre. Denn sozial waren die Neuen Medien selbst dann schon, als es sie noch gar nicht gab.

Als nämlich 1989 der damals 33-jährige Wissenschaftler Tim Berners-Lee am Cern in Genf auf nur 12 Seiten das skizzierte, was wir heute Web nennen, nahm er Facebook & Co. glatt vorweg: Jedermann sollte, so seine Vision, Inhalte frei kommentieren und Links hinzufügen können. Das war, schon 1989 und Jahre vor dem ersten Webserver, die Urmutter dessen, was wir heute «posten», «liken», «twittern» oder «followen» nennen.

Sozial war das Web also von Anfang an, selbst dann, als es nicht länger nur eine Sache für Forscher, sondern für die ganze Welt war. Der Renner von Homepages der ersten Stunde waren die Gästebücher, weil sie einen öffentlichen Austausch zuliessen, und als 2002 ein anderer Visionär, der 26-jährige Philosoph Stewart Butterfield, mit flickr.com eine Plattform ins Netz stellte, auf der jedermann nach Belieben nicht nur seinen Senf, sondern auch Bilder dazugeben konnte, hatte er nicht einfach ein gigantisches Fotoalbum erfunden, sondern ein soziales Netzwerk der ersten Stunde. Facebook und Twitter, die heute für die ganz grossen Schlagzeilen sorgen, kamen erst später.

Der Mensch ist ein durch und durch soziales Wesen, und mediale Litfasssäulen, gedruckt und gesendet, gibt es genug. Das Web kann gar nicht anders, als sozial zu sein.

Solitaire

Am 18. Mai 2015 liess Microsoft die Korken knallen. Zu feiern gab es das 25-Jahr-Jubiläum der wichtigsten Software, die in Redmond im US-Bundesstaat Washington je entwickelt worden war. Wichtig vielleicht weniger im Sinne der Produktivität als vielmehr des allgemeinen Wohlbefindens, denn das Programm heisst «Solitaire».

Solitaire ist ein Kartenspiel, eine Computer-Patience, die der Microsoft-Angestellte Wes Cherry 1989 geschaffen hat. Die Kollegen waren begeistert, bis hoch zum obersten Chef Bill Gates: Mit diesem Game, so erkannten sie, würden Computerneulinge spielerisch mit der Computermaus vertraut werden. Und so kommt es, dass Solitaire seit dem Betriebssystem Windows 3 zum Inventar der meisten PCs dieser Welt gehört. Bis heute zur Freude von Hunderten von Millionen Spielern rund um den Globus.

Mit verheerenden Auswirkungen: Ungezählte Arbeitsstunden, Jahre, Jahrhunderte wurden mit Solitaire verzockt. Der Büroangestellte Edward Greenwood hatte 2006 das Pech, dass Michael Bloomberg, als Bürgermeister von New York City immerhin sein oberster Chef, während eines Besuchs einen Blick auf seinen Bildschirm erhaschte. Auf dem dummerweise ein Solitaire-Spiel zu sehen war. Der Bürgermeister fackelte nicht lange und liess den unglücklichen Gamer auf der Stelle feuern.

Obwohl als Produktivitätskiller verschrieen, ist Solitaire nicht totzukriegen. Das letzte Windows, mittlerweile Version 8, wurde zum ersten Mal seit 1990 ohne Spiel angeboten – in den Augen der Patience-Profis ein Fehler. Die warten daher ungeduldig auf Microsofts nächsten Streich: Das neue Solitaire mit einem bisschen Windows 10 drum rum.