Bergkristall

Ambitionierte Mineraliensucher nennt man Strahler. Zwei von ihnen, Franz von Arx und Paul von Känel, entdeckten am 21. September 2005 am Planggenstock im Kanton Uri eine Kluft, aus der ihnen Hunderte perfekt geformter Kristalle entgegenfunkelten. 10 Millionen Jahre hatte es gedauert, bis sich diese Bergkristalle in der Tiefe der Alpen gebildet hatten, aus Quarz, der im bis zu 400 Grad heissen Tiefenwasser gelöst war. Weitere fünf Millionen Jahre sollten vergehen, bis die beiden Strahler auf den Schatz stiessen. Ein Jahrhundertfund: Nie zuvor waren im Alpenraum derart grosse Quarze gefunden worden. Einer der Riesenkristalle ist über einen Meter lang; das gesamte Gewicht des Kristallschatzes wiegt gegen zwei Tonnen. Besichtigt werden kann er im Naturhistorischen Museum Bern.

Mit einem bisschen Glück kann jedermann auf der Bergwanderung einen Kristall finden. Oft ist er bräunlich gefärbt, dann spricht man von Rauchquarz, oft auch weiss – Milchquarz –, gelegentlich rosa – Rosenquarz –, violett – Amethyst –, selten gelb – Citrin –, und manchmal, ja manchmal ist er rein und klar wie Wasser, ein Bergkristall. Alle bestehen sie aus Siliziumdioxid; die Wissenschaft spricht von einem α- oder Tiefquarz. Der ist, nach dem Feldspat, das zweithäufigste Mineral der Erde und bildet einen Hauptteil der Erdkruste. Weil die Kristalle so hart sind – mit ihnen lässt sich sogar Fensterglas ritzen –, sind sie auch sehr witterungsbeständig. Der grösste Teil des Sandes im Meer besteht aus Quarz. Quarz wird als Baustoff genutzt und findet Verwendung in der Keramik-, Glas- und Zementindustrie.

Bermuda-Dreieck

Am Nachmittag des 5. Dezember 1945 bricht «Flug 19», eine Staffel aus fünf Bombern der US-Navy, von Fort Lauderdale zu einem Trainingsflug auf. Doch dann verlieren die Piloten jede Orientierung, der Treibstoff wird knapp. Um 18.20 Uhr funkt Staffelführer Charles C. Taylor:

Alle bleiben eng zusammen. Wenn wir kein Land erreichen, müssen wir notwassern. Sobald der erste unter 10 Gallonen fällt, gehen wir alle gemeinsam runter.

Es ist das letzte Lebenszeichen. Flugboote, Rettungsflugzeuge, ein Flugzeugträger suchen tagelang das Meer ab, ohne Erfolg. Keine Trümmerteile, keine Ölspur, nichts. «Flug 19» bleibt verschollen. Schlimmer noch: Auch eines der Suchflugzeuge verschwindet spurlos.

Seither gilt die Region vor der Ostküste Floridas als gefährlichste der Welt: Hier sollen mehr Schiffe und Flugzeuge verschwunden sein als irgendwo sonst. Monsterwellen? Magnetfelder? Methangasblasen? Seeungeheuer? Die Fantasie der Sensationsblätter kennt keine Grenzen. Noch dreissig Jahre nach dem ersten Unglück sammelt Buchautor Charles Berlitz Dutzende solcher Unglücke und fabuliert über Menschen sammelnde Aliens. Sein Buch verkauft sich bis heute prächtig.

Plausible Erklärungen für das Verschwinden der Schiffe und Flugzeuge liegen seit langem auf dem Tisch. Erwiesen ist zudem, dass es im Bermuda-Dreieck gar keine Häufung gibt – das Ganze, schreibt etwa der Sachbuchautor und Pilot Lawrence David Kusche, sei in etwa so logisch, wie wenn man sämtliche Autounfälle in Arizona auf ein und dieselbe Ursache zurückführen würde. Nur sind Statistiken nicht ganz so spannend wie saftige Storys. Und so ist dem Mythos vom Bermuda-Dreieck vermutlich noch ein langes Leben beschieden.

Berserker

«Kämpfen wie ein Berserker» ist eine Redensart, die einiges über eine Zeit erzählt, die wir finsteres Mittelalter nennen, weil wir kaum etwas darüber wissen. Das altnordische Wort «Berserker» steht für einen Krieger, der sich in ein Bärenfell hüllt. Zugegeben: So ein Fell ist schwer und in der Schlacht hinderlich – Berserker komme vielmehr von bar, «ohne», wenden einzelne Forscher ein, denn ohne schwere Rüstung sei ein Kämpfer wendiger gewesen.

Berserker, soviel jedenfalls steht fest, ist eine Wortschöpfung aus dem Jahr 872, und sie steht in einem Loblied auf den norwegischen König Harald I, auch «Schönhaar» genannt:

Es brüllten die Berserker,
der Kampf kam in Gang,
es heulten die Wolfspelze
und schüttelten die Eisen.

Die Bärenhäuter und die Wolfspelze sind Krieger, die für ihre bedingungslose Raserei weitherum gefürchtet sind. Der isländische Nationaldichter Snorri Sturluson beschreibt im 13. Jahrhundert in einer seiner bekanntesten Sagas Männer, «wild wie Hunde oder Wölfe. Sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie Bären oder Stiere. Sie erschlugen ihre Gegner, und weder Feuer noch Stahl konnte ihnen etwas anhaben. Das waren die Berserker.»

Im 12. Jahrhundert werden die Berserker in Skandinavien und auf Island zum Inbegriff des Elitesoldaten. Sie stehen in der vordersten Kampflinie, beissen in den Schild, und ihr ekstatisches Brüllen ist so furchterregend, dass der Gegner weiche Knie bekommt. Diese Tobsuchtsanfälle deuten Forscher heute übrigens mit einer Art von Selbsthypnose mit dem Zweck, die Wahrnehmung und den Schmerz zu dämpfen – oder, ganz einfach, durch Alkohol.

Beutelbuch

Es ist stärker als wir: Wir setzen uns hin – im Bus, im Café –, und der erste Handgriff gilt dem Handy. Diese Zwangshandlung ist kein Kind des 21. Jahrhunderts: Tatsächlich ist das Lesen auf die Schnelle seit Jahrhunderten gang und gäbe.

Vom 14. bis ins 16. Jahrhundert machte das sogenannte Beutelbuch das Lesen mobil. Ein Beutel aus feinem Leder oder Samt umhüllte ein Büchlein mit meist religiösem Inhalt – etwa ein Gebets- oder Liederbuch. Dieser Beutel war so lang, dass er sich verknoten und um den Gürtel schlingen liess; der Knoten – manchmal auch ein Haken oder Ring – verhinderte, dass das Buch herausrutschte.

Beutelbücher wurden in Klöstern hergestellt, wo es Buchbindereien gab; erst später schlossen sich weltliche Buchbinder zu Zünften zusammen. Die kleinformatigen Bücher bestanden aus von Hand beschriebenen, gelegentlich gar mit kunstvollen Initialen versehenen Pergamentseiten. Diese wurden mit Nadel und Faden zu einem Buchblock geheftet und mit einem hölzernen Deckel versehen. Darauf folgte der Lederbezug, den man am einen Ende überstehen liess, so dass der typische lange Beutel entstand. Schliessen aus Bronze oder Messing hielten die Buchdeckel zusammen und verhinderten, dass sich das Buch von selbst öffnete.

Beutelbücher waren bei Pilgern, Kaufleuten und Gelehrten beliebt. Man trug sie stets bei sich, und in der Kutsche oder bei der Rast hob man das am Gürtel baumelnde Buch hoch und las. Wie das Handy war das Beutelbuch ein Alltagsgegenstand und nutzte sich ab. In den Handschriftenabteilungen europäischer Bibliotheken sind heute nur noch 23 Exemplare zu finden.

Bezoar

Ein Bezoar ist ein kugelförmiger oder länglicher, grauer, brauner oder schwarzer und vor allem seltener Stein. Nüchtern betrachtet, ist er eine ausgesprochen unappetitliche Sache: Er entsteht im Magen eines Tieres, gelegentlich auch des Menschen, wenn sich Unverdauliches wie Haar oder Fasern verklumpt. Bei Wiederkäuern, deren Mageninhalt immer wieder umgewälzt wird, kann sich ein solcher Klumpen im Verdauungstrakt einnisten und mit der Zeit versteinern – wird das Tier geschlachtet, kommen die harten, glänzenden Kugeln zum Vorschein. So ansehnlich sie auch sein mögen: In der Tiermedizin gilt ein Bezoar als sogenannter pathologischer Gastrolith, auf Deutsch ein Magenstein.

Und doch war ein Bezoar begehrt und seinem Besitzer lieb und teuer: Besonders ansehnliche Exemplare, die vor allem von Gämsen und Bezoarziegen stammten, wurden nicht selten in Gold gefasst und als Schmuckstück um den Hals getragen. Denn Bezoaren sagte man seit der Antike einen Schutz vor Vergiftungen nach – das Wort padzahr stammt aus dem Persischen und bedeutet wörtlich «gegen Gift». Besonders europäische Herrscher, die sich vor Giftanschlägen fürchteten, hielten ihre kostbar verzierten Bezoare in Ehren – obwohl Ambroise Paré, der Leibarzt des französischen Königs, schon 1565 nachgewiesen hatte, dass der Glaube an die heilenden Steine Humbug war. Das Experiment: Ein Koch hatte Silberbesteck gestohlen und war zum Tode verurteilt worden. Ihm wurde ein Gift verabreicht und danach ein Pulver aus zermahlenem Bezoar; sieben Stunden später war der Koch tot. So findet man Bezoare heute nur noch in Pharmazie- und Medizinmuseen – und manchmal in den Schatzkammern des europäischen Hochadels.