Rand und Band, ausser

«Zwei ausser Rand und Band», heisst die Filmkomödie von 1977 in der deutschen Übersetzung. Die zwei, das sind Bud Spencer und Terence Hill, und ausser Rand und Band sind sie in der Tat: Als Streifenpolizisten in Miami nehmen die beiden, nach einer ellenlangen Schlägerei, eigenhändig gleich eine ganze Gangsterbande fest.

Tatsächlich kommt die Redensart «ausser Rand und Band geraten» aber weder aus Hollywood noch von der Polizei, sondern von Fässern, genauer: vom Handwerk der Küfer, Fassmacher, Fassbinder oder Böttcher. Jahrtausende lang waren Fässer neben Krügen und Amphoren die wichtigsten Behälter für Flüssigkeiten und Waren aller Art. Sogar Geschirr pflegte man in Fässer mit heisser, flüssiger Butter einzulegen. Kühlte die Butter ab und wurde fest, war das Geschirr im Fass sicher verstaut und konnte beim Transport mit Pferd und Wagen keinen Schaden nehmen – daher die Redensart «alles in Butter».

Ein hölzernes Fass besteht aus gehobelten Brettern, die über dem Feuer oder mit Dampf gebogen werden und die man Dauben nennt. Am Rand sind diese Dauben mit einer innen liegenden Nut versehen, in die der Deckel und der Boden eingepasst werden; aussenrum wird das Fass durch eiserne Bänder zusammengehalten. Passiert also ein Unglück, und der Boden springt aus der Nut oder ein Band rutscht ab, dann wird das Fass undicht, oder es fällt gleich ganz auseinander. In diesem Fall ist das Fass in der Sprache der Küfer, buchstäblich, ausser Rand und Band.

Rasterfahndung

1979 standen die Frankfurter Polizei und das Bundeskriminalamt vor einem Problem, und die Lösung, die der damalige BKA-Chef vorschlug, hiess «Rasterfahndung». Zwei Jahre waren seit dem Terrorjahr 1977 vergangen: Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Dresdner-Bank-Vorstandssprecher Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer waren erschossen worden, die Lufthansa-Maschine «Landshut» gekapert und entführt.

In der Zwischenzeit aber war die Polizei den Terroristen immer näher gekommen. Sie wusste, dass die RAF in Frankfurt am Main unter falschen Namen Wohnungen gemietet hatte, aber sie wusste nicht, wo. Klar war, dass die Terroristen ihre Stromrechnungen nicht von einem normalen Bankkonto bezahlten, sondern in bar – um keine Spuren zu hinterlassen. Die Fahnder beschafften also ein Magnetband, auf dem alle 18 000 Frankfurter Bürger gespeichert waren, die ihre Rechnungen in bar bezahlten. Rasterfahndung, das heisst: Nach und nach alle unverdächtigen Namen nach bestimmten Kriterien (oder «Rastern») aus der Liste löschen: Die gemeldeten Einwohnerinnen. Autobesitzer. Rentnerinnen. Bezüger von Stipendien. Versicherte. Hausbesitzer – und so immer weiter, bis am Ende noch genau zwei Namen übrig blieben: der eines Drogenhändlers und tatsächlich der eines Mitglieds der RAF.

Die Rasterfahndung ist umstritten, denn alle erfassten Personen werden am Anfang verdächtigt, und die raffiniert miteinander kombinierten Daten können leicht missbraucht werden. 1979 in Frankfurt aber war die Methode erfolgreich: Nach einer Schiesserei und schwer verletzt konnte der gesuchte Terrorist Rolf Heißler in der angegebenen Wohnung verhaftet werden.

Razzia

Grosseinsatz der Polizei, Waffen und Drogen beschlagnahmt, Mafiosi in Haft. Und wieder berichten die Medien über eine erfolgreiche Razzia. Ein sperriges Wort: «Razzia» kommt aus dem Arabischen und bedeutet ursprünglich «Schlacht» oder «Raubzug».

Streng genommen war die Razzia bei den Beduinen eine Sache der Gesetzesbrecher, nicht seiner Hüter. Wenn nach einer winterlichen Dürre oder einer Viehseuche die Kamele verendeten und der Proviant knapp wurde, unternahmen Krieger kurze Überfälle auf feindliche Sippen oder Stämme. Sofern eine solche Razzia nicht im Schutz der Nacht geschah und nach bestimmten Regeln ablief, galt sie nicht als ehrenrührig, ganz im Gegenteil: Den Moralvorstellungen der Wüste zufolge waren solche Razzien gleichsam sportliche Wettkämpfe, deren Teilnehmer Blutvergiessen nach Möglichkeit vermieden und deren Preis die Beute war. Sogar die Feldzüge des Propheten Mohammed auf der arabischen Halbinsel werden vom muslimischen Geschichtsschreiber Ibn Ishaq im 8. Jh. als غزوة, als «Beutezug», bezeichnet.

1830 begann die Kolonialmacht Frankreich mit der Eroberung Algeriens, und so hielt die Razzia Einzug ins militärische Vokabular, als Begriff für blutige Vergeltungsschläge gegen aufrührerische Berberstämme, die von einem grossarabischen Reich träumten und die französischen Soldaten mit Waffengewalt aus Algerien vertreiben wollten.

Wüstenkodex und Kolonialismus sind Geschichte. Heute gehört die Razzia nur noch in den Polizeijargon – und in die vermischten Meldungen.

Rechenmaschine

Um es mit Karl Valentin zu sagen: Rechnen ist schön, macht aber viel Arbeit. Und tatsächlich erfindet der Mensch technische Hilfsmittel, seit er rechnen kann. Schon vor 3000 Jahren wurde in China der Abakus gebaut, jener patente Zählrahmen mit den aufgereihten Holzperlen, mit dem fingerfertige Händler in Sekundenschnelle addierten und subtrahierten und dessen Gebrauch in russischen Schulen noch bis in die Neunzigerjahre gelehrt wurde. Im 17. Jahrhundert konstruierten Mathematiker wie der Franzose Blaise Pascal oder der Deutsche Gottfried Wilhelm Leibniz die ersten mechanischen Rechenmaschinen, die addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren konnten und von denen einzelne Modelle bis heute erhalten sind.

In den 1940-er Jahren entwickelte der Österreicher Curt Herzstark den ersten mechanischen Taschenrechner namens «Curta». Er hat die Form einer kleinen Konservendose, wird über eine Reihe von Schiebereglern und Kurbeln bedient und kann selbst Dreisatzrechnen und Wurzeln ziehen. 140 000 «Curtas» wurden bis 1970 in Liechtenstein produziert. Und im selben Jahr schliesslich kam mit dem Canon Pocketronic der erste elektronische Taschenrechner auf den Markt, mit zwölf Stellen und den vier Grundoperationen, zum Preis von umgerechnet 2400 Dollar.

Neuer, kleiner, leistungsfähiger: Diese Formel allerdings ist falsch. Der erste mechanische Computer der Geschichte berechnete Sonnen- und Mondkalender, Tag- und Nachtgleichen und die Umlaufbahnen von fünf Planeten. Dieser sogenannte Mechanismus von Antikythera, möglicherweise gebaut vom griechischen Mathematiker Archimedes von Syrakus, stammt aus dem 1. Jahrhundert vor Christus.

Rechts, links

Frankreich, August 1789. Die insgesamt 1315 Delegierten der drei Stände, des Adels, des Klerus und des dritten Standes, betraten den Sitzungssaal. Nichts war mehr wie zuvor. Gerade sechs Wochen war es her, dass eine aufgeputschte Menge die Bastille gestürmt hatte, um deren Waffenlager zu plündern. Treibende Kraft waren nicht länger die privilegierten Stände, sondern vielmehr der tiers état, die freien Bauern und Bürger. Aus der bisherigen Ständeversammlung war die assemblée constituante geworden, die verfassunggebende Nationalversammlung.

Eine entscheidende Frage teilte die Abgeordneten in zwei Lager: Sollte dem König weiterhin ein absolutes Vetorecht zukommen, wie es die Aristokraten wollten, oder sollte vielmehr das Volk mehr Macht erhalten und der Monarchie Grenzen setzen können, wie es die sogenannten patriotes verlangten? Um dieser Kontroverse deutlich sichtbar Ausdruck zu geben, liessen sich an diesem 28. August die Anhänger des Absolutismus zur Rechten des Ratspräsidenten nieder, die Volksvertreter zu seiner Linken. Ausschlag für diese neue Sitzordnung gab das Vorbild des britischen Unterhauses: Zur Rechten des Vorsitzenden die Regierungspartei, zur Linken die Opposition.

Selbst wenn schon im Revolutionsjahr 1789 von einheitlichen Blöcken keine Rede sein konnte: Seit dieser historischen Sitzung in Versailles teilt sich die Politik im Volksmund nicht in konservativ oder progressiv, nationalistisch oder internationalistisch, elitär oder egalitär, sondern ganz einfach in rechts und links.