Notaphon

Achtung, Achtung, hier Notaphon, Name und Adresse des Teilnehmers, sprechen Sie bitte jetzt.

Wer 1946 den deutschen Erfinder Willy Müller und dessen Firma Phonova AG in Küsnacht am Zürichsee anruft, hört die Nachricht eines der ersten Anrufbeantworter der Schweiz. Das neue Gerät, ein sogenannter «Telephonograph», ist der Neuen Zürcher Zeitung eine volle Seite wert. Tatsächlich gibt es einiges zu erklären:

Bei Abwesenheit des angerufenen Telephonteilnehmers schaltet sich der vollautomatische Telephonograph ein, nimmt die Meldung entgegen und spricht diese später dem Angerufenen zu, gleichgültig nach welcher Telephonstation der Welt.

Das «Notaphon», wie das Gerät heisst, ist zwar nicht der erste Anrufbeantworter der Welt, aber der bisher kleinste. Es hat die Masse und das Gewicht eines der damaligen Röhrenradios, und in seinem Inneren dreht sich eine 32 Zentimeter grosse Magnettonplatte, eine halbe Stunde lang aufzeichnen kann – ein technischer Durchbruch. Die über zwei Dutzend Regler, Tasten und Lämpchen setzen ein gründliches Handbuchstudium voraus. Und schon 1946 hat der Datenschutz oberste Priorität: Das Gerät lässt sich nur mit Schloss und Schlüssel entsperren, und will man die Nachrichten aus der Ferne und per Telefon abhören, horcht eine Funktion namens «Geheimschloss» auf ein Passwort aus gesprochenen Vokalen.

Das Notaphon,

jubelt 1948 die Militärzeitschrift «Pionier»,

ist ein Präzisionsgerät voller Eleganz, das durch seinen geringen Platzbedarf und seine Betriebssicherheit den Anforderungen an das moderne Leben ganz und gar entspricht.

Noten, tironische

«Fräulein, zum Diktat!» Jahrzehntelang machte das Kommando klar, wer hier der Chef ist. Zumindest vorgeblich. Denn ging’s erst einmal zur Sache, dann vollbrachte die Sekretärin mit Stift und Stenoblock ein Wunder: Die geschraubten Formulierungen fanden ihren Weg genauso schnell aufs Papier, wie der Direktor sie formulieren konnte.

Als Erfinder der Stenografie gilt der englische Arzt und Pfarrer Timothy Bright, der mit seinem Werk «Characterie» von 1588 den Grundstein zu allen modernen Kurzschriftsystemen legte. Tatsächlich ist das Wunder der Fräuleins dieser Welt um viele Jahrhunderte älter und heisst «tironische Noten».

Marcus Tullius Tiro war der Privatsekretär und Vertraute Ciceros, eines der bedeutendsten Politiker und Redner des alten Rom. Tiro war zwar ein Sklave, doch beileibe kein gewöhnlicher. Er schaffte es, mittels 4000 selbst ersonnener Kurzzeichen Reden im Senat und vor Gericht in Echtzeit zu notieren. Anschliessend erstellte er ein wortgetreues Protokoll – eine Revolution in einer Stadt, die auf Wachstafeln kritzelte und die zu sagen pflegte: Verba volant, scripta manent – «Worte sind flüchtig, allein Geschriebenes bleibt». Viele Reden Ciceros, darunter auch die flammende Anklage gegen den Verschwörer Catilina vor dem versammelten Senat, wurden auf diese Weise protokolliert und blieben so erhalten.

Eine dieser tironischen Noten, ein unscheinbares Winkelchen nach rechts, hat bis heute überlebt – im deutschen Fraktursatz als «⁊c.» (Abkürzung für «et cetera») und als «⁊» in Irland, wie beim Sklaven Tiro im 1. Jahrhundert v. Chr., als Zeichen für «und».

Notgroschen

Spare in der Zeit, dann hast du in der Not, sagt das Sprichwort. Einen Notgroschen auf der Seite zu haben, ist immer gut. Je fetter der Groschen, desto höher sein Wert, und daher kommt auch sein Name. Im französischen Tours wurde im Mittelalter eine Silbermünze geprägt, die im Latein der Zeit denarius grossus hiess, auf Deutsch «fetter Denar». Verbreitet war der grossus auch in Böhmen, wo das «ss» als «sch» ausgesprochen wird. So kam der Grosch nach Deutschland und wurde zum «Groschen».

Notgroschen hat man nicht selten unter dem Haus vergraben, damit sie nicht zur leichten Beute wurden. Geschah das Schlimmste, blieben sie da unentdeckt liegen, und so tauchen bei Bauarbeiten und Grabungen immer wieder sogenannte Hortfunde auf, einst in Lederbeuteln, Holzkassetten oder Tongefässen vergrabene Notgroschen.

Wie sinnvoll es war, einen Notgroschen anzulegen, erkannte im 16. Jahrhundert Julius, Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel. Es waren kriegerische Zeiten, und seine beiden Brüder waren in der Schlacht gefallen. Julius liess eigens Münzen prägen, die «Lösetaler» oder «Juliuslöser» hiessen, und befahl, dass jeder Hauseigentümer ein solches Geldstück als Notgroschen einzulösen hatte.

Das hat nichts von seiner Bedeutung verloren. Nach wie vor werden in der Schweiz pro Haushalt und Monat 1700 Franken zurückgelegt – für Wünsche, fürs Alter, und für den Fall der Fälle.

Notnagel

Der sprichwörtliche Notnagel ist nichts, was man gerne wäre.

Du, Bursche? Was, du? Der Nothnagel zu sein, wo die Menschen sich rar machen?,

verhöhnt der Protagonist Major Ferdinand von Walter den dümmlichen, gestelzten Hofmarschall von Kalb in Friedrich Schillers Drama «Kabale und Liebe».

Der wirkliche Notnagel aber gehörte bis in die 1960er-Jahre zur festen Ausrüstung der Feuerwehr. Es ist ein rund 20 Zentimeter langer, kräftiger, spitz zulaufender Vierkantnagel, dessen oberes Ende eine seitliche Öse trägt, die aussieht wie ein nach unten offenes P. Den Notnagel trugen Feuerwehrleute in einer kleinen Ledertasche am Gürtel. Beim Bekämpfen eines Brandes konnte es nämlich vorkommen, dass ihnen die Flammen auf einmal den Weg abschnitten und ein Rückzug nicht mehr möglich war. Um sich in Sicherheit zu bringen, konnte der Feuerwehrmann seinen Notnagel mit dem Beil in einen Balken oder den Zimmerboden einschlagen und sich mit dem mitgeführten Seil durch ein Fenster hindurch ins Freie abseilen.

Eine Weiterentwicklung war der sogenannte Notring.

Dem Nothring ist der Vorzug vor dem Notnagel zu geben,

steht in den «Illustrierten Feuerlöschregeln für jedermann» von 1878,

da sein Stift mit starken Widerhaken versehen ist und dadurch ein Wiederherausgleiten desselben aus dem Holze nahezu unmöglich gemacht wird.

Der Notnagel oder der Notring waren daher alles andere als ein Notbehelf, sondern vielmehr ein einfacher, kostengünstiger und erstaunlich effektiver Lebensretter.

Null

Am Anfang war das Zählen. Doch das hatte Grenzen: Die Blätter an den Bäumen, die Sterne am Himmel – sie blieben unzählbar. Mit grossen Mengen taten sich die Menschen lange schwer, und das lag auch an der fehlenden Null.

Einer der Ursprünge unseres Zahlensystems liegt in Babylon. 3700 Jahre alte Schrifttafeln in Keilschrift enthalten Ziffern, deren Position schon ihren Wert angibt. Doch die Babylonier kannten keine Null: 216 konnte ebenso gut 2106 bedeuten – den Ausschlag gab erst der Kontext. Das mag seltsam klingen, ist aber bis heute nichts Ungewöhnliches: Two forty auf die Frage nach dem Preis eines Bustickets in London heisst zwei Pfund 40; geht es dagegen um ein Flugticket nach Paris, sind two forty 240 Pfund.

Auch im römischen Zahlensystem gab es keine Null, denn römische Zahlen dienten vor allem dazu, das Ergebnis des Zählens konkreter Güter festzuhalten, und «0» oder «-7» wären unsinnige Antworten auf die Frage gewesen, wie viele Ochsen ein Bauer zum Pflügen braucht.

Die Null hat ihren Anfang da, wo auch unsere Ziffern herkommen: in Indien. Forscher der Universität Oxford haben in einem aus dem heutigen Pakistan stammenden Manuskript aus 3. oder 4. Jh. die erste moderne Null entdeckt – in der Form eines schlichten Punkts. Aus diesem Punkt sollte sich über die Jahrhunderte unsere bauchige Null entwickeln – und mit ihr ein System, das auch negative Zahlen zulässt. Dezimal – 0 bis 9 –, binär – 0 und 1 –, Algorithmus, Computer, künstliche Intelligenz: Ohne Null wäre alles nichts. Ihre Erfindung war eine Sternstunde der Wissenschaft.