Notnagel

Der sprichwörtliche Notnagel ist nichts, was man gerne wäre.

Du, Bursche? Was, du? Der Nothnagel zu sein, wo die Menschen sich rar machen?,

verhöhnt der Protagonist Major Ferdinand von Walter den dümmlichen, gestelzten Hofmarschall von Kalb in Friedrich Schillers Drama «Kabale und Liebe».

Der wirkliche Notnagel aber gehörte bis in die 1960er-Jahre zur festen Ausrüstung der Feuerwehr. Es ist ein rund 20 Zentimeter langer, kräftiger, spitz zulaufender Vierkantnagel, dessen oberes Ende eine seitliche Öse trägt, die aussieht wie ein nach unten offenes P. Den Notnagel trugen Feuerwehrleute in einer kleinen Ledertasche am Gürtel. Beim Bekämpfen eines Brandes konnte es nämlich vorkommen, dass ihnen die Flammen auf einmal den Weg abschnitten und ein Rückzug nicht mehr möglich war. Um sich in Sicherheit zu bringen, konnte der Feuerwehrmann seinen Notnagel mit dem Beil in einen Balken oder den Zimmerboden einschlagen und sich mit dem mitgeführten Seil durch ein Fenster hindurch ins Freie abseilen.

Eine Weiterentwicklung war der sogenannte Notring.

Dem Nothring ist der Vorzug vor dem Notnagel zu geben,

steht in den «Illustrierten Feuerlöschregeln für jedermann» von 1878,

da sein Stift mit starken Widerhaken versehen ist und dadurch ein Wiederherausgleiten desselben aus dem Holze nahezu unmöglich gemacht wird.

Der Notnagel oder der Notring waren daher alles andere als ein Notbehelf, sondern vielmehr ein einfacher, kostengünstiger und erstaunlich effektiver Lebensretter.

Null

Am Anfang war das Zählen. Doch das hatte Grenzen: Die Blätter an den Bäumen, die Sterne am Himmel – sie blieben unzählbar. Mit grossen Mengen taten sich die Menschen lange schwer, und das lag auch an der fehlenden Null.

Einer der Ursprünge unseres Zahlensystems liegt in Babylon. 3700 Jahre alte Schrifttafeln in Keilschrift enthalten Ziffern, deren Position schon ihren Wert angibt. Doch die Babylonier kannten keine Null: 216 konnte ebenso gut 2106 bedeuten – den Ausschlag gab erst der Kontext. Das mag seltsam klingen, ist aber bis heute nichts Ungewöhnliches: Two forty auf die Frage nach dem Preis eines Bustickets in London heisst zwei Pfund 40; geht es dagegen um ein Flugticket nach Paris, sind two forty 240 Pfund.

Auch im römischen Zahlensystem gab es keine Null, denn römische Zahlen dienten vor allem dazu, das Ergebnis des Zählens konkreter Güter festzuhalten, und «0» oder «-7» wären unsinnige Antworten auf die Frage gewesen, wie viele Ochsen ein Bauer zum Pflügen braucht.

Die Null hat ihren Anfang da, wo auch unsere Ziffern herkommen: in Indien. Forscher der Universität Oxford haben in einem aus dem heutigen Pakistan stammenden Manuskript aus 3. oder 4. Jh. die erste moderne Null entdeckt – in der Form eines schlichten Punkts. Aus diesem Punkt sollte sich über die Jahrhunderte unsere bauchige Null entwickeln – und mit ihr ein System, das auch negative Zahlen zulässt. Dezimal – 0 bis 9 –, binär – 0 und 1 –, Algorithmus, Computer, künstliche Intelligenz: Ohne Null wäre alles nichts. Ihre Erfindung war eine Sternstunde der Wissenschaft.

Nylon

Wörter erzählen Geschichten: Mauer zum Beispiel kommt vom lateinischen murus, Wand dagegen von winden, weil die Germanen ihre Häuser nicht mauerten, sondern aus Zweigen flochten. Je älter das Wort, desto dunkler seine Herkunft, und einige Wörter sind so alt, dass sich ihre Geschichte nicht mehr nachvollziehen lässt.

Nylon
Nylon
Aber es gibt auch ganz junge Wörter, die den Sprachforschern Kopfzerbrechen bereiten. Ein solches Wort ist Nylon – die Kunstfaser, die der Chemiker Wallace Carrothers in den frühen dreissiger Jahren entdeckte. Carrothers arbeitete beim amerikanischen Chemiekonzern DuPont und forschte bereits seit 1930 an Polymeren herum, an chemischen Verbindungen, die aus langen Molekülketten bestehen, und die sich zu langen, zähen Fasern ziehen lassen. Ihr Schwachpunkt: sie schmolzen bereits bei niedrigen Temperaturen. 1935 gelang Carrothers der Durchbruch: Seine neue Faser war stark und hitzebeständig, und rasch sollte sie die Welt der Damenstrümpfe, der Fallschirme und der Angelschnüre revolutionieren.

Nylon lässt sich chemisch exakt beschreiben. Nur das Wort gibt Rätsel auf. Die landläufige Meinung, Nylon sei ein Abkürzungswort für den gegen Japan gerichteten Ausruf now you lousy old nipponese, ist ebenso falsch wie die Annahme, das Wort komme von New York und London, wo Nylon produziert wurde. Zwar weiss man, dass DuPont seinen neuen Stoff ursprünglich NoRun taufen wollte, auf deutsch soviel wie «keine Laufmasche». Aus Furcht vor dem Richter (auch damals konnte eine Laufmasche bereits zu Klagen führen) liess man diesen etwas zu viel versprechenden Namen allerdings wieder fallen.

Woher der Name Nylon wirklich kommt, weiss niemand mehr genau. Gewusst hätte es vermutlich der Chemiker Carrothers. Der aber nahm sich, schwer depressiv, zwei Jahre nach seiner grossen Erfindung das Leben.

Obelisk

Asterix‘ bester Freund heisst Obelix. Und das ist pure Ironie: Obelix kommt von Obelisk, jener steinernen Spitzsäule der alten Ägypter. Was Obelix dagegen aus seinem Steinbruch haut, gleicht viel eher den rohen Menhiren der Bretagne, und die Korpulenz des Steinhauers hat mit den schlanken Obelisken auch herzlich wenig zu tun.

Ein Obelisk wurde von Hunderten von Arbeitern mit Steinkugeln aus dem kostbaren Rosengranit der Steinbrüche von Assuan geschlagen. In der Vorstellungswelt der alten Ägypter ist er eine Verbindung zwischen Mensch und den Göttern. Die ältesten Obelisken stammen aus der Zeit um 2300 vor Christus, als der altägyptische Pharao Teti II zwei damals noch glatte, schmucklose Granitsäulen vor dem Tempel des Sonnengottes Re aufstellen liess. Nur die Spitze war vergoldet und reflektierte das göttliche Sonnenlicht. Später erhielten die immer paarweise gesetzten Obelisken, deren Gewicht ohne weiteres 200 bis 500 Tonnen betragen konnte, aufwändige, senkrecht verlaufende Hieroglyphenbänder.

Die imposanten Säulen waren seit jeher beliebte Souvenirs der jeweiligen Machthaber. Ägyptische Obelisken stehen in Rom, London, New York. Vor dem Tempel Ramses II in Luxor steht nur noch eine einsame Spitzsäule, ihr Gegenstück, offiziell ein Geschenk Ägyptens, liess der französische König Louis Philippe an der Place de la Concorde in Paris aufstellen.

Nur ein Obelisk, der grösste aller Zeiten, liess sich nie von der Stelle bewegen: Er wiegt bis zu 1200 Tonnen, ist 42 Meter lang und liegt noch immer im Steinbruch von Assuan. Als sich herausstellte, dass ein Riss im Stein die Säule würde brechen lassen, wurde er, erst halb vollendet, aufgegeben.

Obolus

Auch im Reich der Mythologie wurde mit klingender Münze bezahlt. Der Einheitsarif des Fährmanns Charon für eine Fahrt über den Styx war den alten Griechen genau bekannt: Das Ticket in den Hades kostete einen Obolus. Und weil die Verstorbenen keinen Geldbeutel mitnehmen konnten, legte man ihnen diesen Obolus vor der Bestattung unter die Zunge. Ausgerechnet dieser Totenritus hat der unscheinbaren Münze ein langes Leben beschert: Noch heute leisten wir unseren Obolus, wenn wir eine Gebühr, ein Trinkgeld, eine Spende entrichten.

Der Obolus, diese Silbermünze im antiken Griechenland, war ein Sechstel einer Drachme wert. Das griechische Wort obolós bezeichnete ursprünglich allerdings kein Geldstück, sondern vielmehr einen kleinen Bratspiess. Als man die Münzen noch nicht aus runden Metallplättchen schlug und noch nicht mit den Porträts der jeweiligen Herrscher versah, hatten sie eine einfache, spitze Form und wurden im Volksmund ganz einfach «Spiesse» – oboloí – genannt. Mit dem Obolus sprachlich eng verwandt ist denn auch der Obelisk, jene schlanke Spitzsäule, die dem nicht ganz so schlanken Gallier Obelix den Namen gab.

Übrigens: Wer zu einer Sache sein Scherflein beiträgt, bezahlt genau gleich viel wie einst Charons Passagiere. Ab dem 12. Jahrhundert war Obolus nämlich das lateinische Wort für den deutschen Scherf, ebenfalls eine kleine Silbermünze. Ein Scherf gleich ein Obolus: Aller Inflation zum Trotz (und zum Verdruss des Fährmanns) blieb der Tarif ins Jenseits über die Jahrhunderte stets derselbe. In einem barocken Gedicht über Charon steht zu lesen:

Itzt klagt der starcke Greis mit einer sauren Miene,
dass ihm die Überfahrt nicht einen Scherff verdiene.