Neurofinanz

Unser Hirn besitzt Zentren für Furcht, Zorn, Freude, Trauer, Vertrauen, Ekel, Überraschung oder Neugier – aber keines für Geld. Die Verhaltensökonomen, Hirnforscher und Psychologen der Neurofinanzforschung haben herausgefunden, dass Geldsachen nur unmassgeblich im präfrontalen Cortex entschieden werden, der für verstandesmässiges Überlegen und das Regulieren der Gefühle zuständig wäre, sondern viel stärker im limbischen System, dem Sitz von Triebhaftigkeit und Emotion. Kontostand und Börsenkurs werden unmittelbar übersetzt: Gewinn in Glück, Verlust in Schmerz. Einen Kursverlust kann unser Hirn dabei nicht von einem verstauchten Fuss unterscheiden. Es tut weh, und wir greifen zur Abwehr der Urzeit, Kampf oder Flucht.

Als erstes rufen wir das Programm «Kampf» ab: Wir sind frustriert und kühlen unser Mütchen mit einem erbosten Anruf bei der Bank. Die Prozedur «Flucht» dagegen ist Abwiegeln – am besten gar nicht hinsehen. Fällt der Kurs weiter und weiter, beginnt die Nebennierenrinde Stresshormone auszuschütten. Unser Hirn fällt in den Panikmodus – und Panik ist die Mutter aller Börsencrashs. Selbst bei einem Gewinn wird der Verstand ausgeschaltet: Registriert das Hirn nämlich einen Profit, will es ihn haben, hier und jetzt. Das Belohnungszentrum namens nucleus accumbens wird aktiv, und was noch lange Gewinne abgeworfen hätte, wird zu früh verkauft.

Deshalb, sagen Neurofinanzforscher, verdient der durchschnittliche Anleger auf die Dauer auch kein Geld: Unser steinzeitliches Hirn ist mit der Komplexität der Börse überfordert. Wenn’s um Geld geht, regiert nicht der Kopf, sondern der Bauch.

Normalverbraucher, Otto

Er ist kein sehr anziehender Genosse. Er hat keine besonderen Ansprüche. Er nicht besonders klug und nicht besonders dumm. Er hat weder Ecken noch Kanten. Er ist der personifizierte Durchschnitt.

Sein Name: Normalverbraucher, Vorname Otto. Otto ist Kriegsheimkehrer, der vergeblich versucht hat, sich vor der Einberufung in die Wehrmacht zu drücken und der sich, nach seiner Entlassung, im Deutschland des Jahres 1948 nicht mehr zurechtfindet. Denn: Otto Normalverbraucher, gespielt vom jungen Gert Fröbe, ist zwar nicht der Held – dafür ist er viel zu mittelmässig –, aber doch die Hauptfigur im Film «Berliner Ballade», einer gewagten Mischung aus expressionistischem Schwank und Science-Fiction-Satire. Die «Berliner Ballade» – eine der ersten Produktionen nach dem Zweiten Weltkrieg und gedreht an Originalschauplätzen im zerbombten Berlin –, karikiert die überbordende Bürokratie (ohne Zuzugsgenehmigung keine Aufenthaltsbewilligung, ohne Arbeitsbescheinigung keine Zuzugsgenehmigung, ohne Zuzugsgenehmigung keine Arbeitsbescheinigung), und das Leben mit dem allgegenwärtigen Mangel an Arbeit, an Essen und an Menschlichkeit.

Der Name «Normalverbraucher» war keine Erfindung des Drehbuchautors, sondern schon seit Kriegsausbruch bestes Beamtendeutsch: Die Ausgabe der Lebensmittelkarten, ohne die nichts mehr ging, folgte einem ausgeklügelten System. Am meisten erhielten die «Schwerstarbeiter», am wenigsten die «Normalverbraucher». Heute ist Otto Normalverbraucher, ebenso wie Kollege Max Mustermann, ganz einfach Inbegriff der Norm: Sprichwörtliches Mittelmass.

Notaphon

Achtung, Achtung, hier Notaphon, Name und Adresse des Teilnehmers, sprechen Sie bitte jetzt.

Wer 1946 den deutschen Erfinder Willy Müller und dessen Firma Phonova AG in Küsnacht am Zürichsee anruft, hört die Nachricht eines der ersten Anrufbeantworter der Schweiz. Das neue Gerät, ein sogenannter «Telephonograph», ist der Neuen Zürcher Zeitung eine volle Seite wert. Tatsächlich gibt es einiges zu erklären:

Bei Abwesenheit des angerufenen Telephonteilnehmers schaltet sich der vollautomatische Telephonograph ein, nimmt die Meldung entgegen und spricht diese später dem Angerufenen zu, gleichgültig nach welcher Telephonstation der Welt.

Das «Notaphon», wie das Gerät heisst, ist zwar nicht der erste Anrufbeantworter der Welt, aber der bisher kleinste. Es hat die Masse und das Gewicht eines der damaligen Röhrenradios, und in seinem Inneren dreht sich eine 32 Zentimeter grosse Magnettonplatte, eine halbe Stunde lang aufzeichnen kann – ein technischer Durchbruch. Die über zwei Dutzend Regler, Tasten und Lämpchen setzen ein gründliches Handbuchstudium voraus. Und schon 1946 hat der Datenschutz oberste Priorität: Das Gerät lässt sich nur mit Schloss und Schlüssel entsperren, und will man die Nachrichten aus der Ferne und per Telefon abhören, horcht eine Funktion namens «Geheimschloss» auf ein Passwort aus gesprochenen Vokalen.

Das Notaphon,

jubelt 1948 die Militärzeitschrift «Pionier»,

ist ein Präzisionsgerät voller Eleganz, das durch seinen geringen Platzbedarf und seine Betriebssicherheit den Anforderungen an das moderne Leben ganz und gar entspricht.

Noten, tironische

«Fräulein, zum Diktat!» Jahrzehntelang machte das Kommando klar, wer hier der Chef ist. Zumindest vorgeblich. Denn ging’s erst einmal zur Sache, dann vollbrachte die Sekretärin mit Stift und Stenoblock ein Wunder: Die geschraubten Formulierungen fanden ihren Weg genauso schnell aufs Papier, wie der Direktor sie formulieren konnte.

Als Erfinder der Stenografie gilt der englische Arzt und Pfarrer Timothy Bright, der mit seinem Werk «Characterie» von 1588 den Grundstein zu allen modernen Kurzschriftsystemen legte. Tatsächlich ist das Wunder der Fräuleins dieser Welt um viele Jahrhunderte älter und heisst «tironische Noten».

Marcus Tullius Tiro war der Privatsekretär und Vertraute Ciceros, eines der bedeutendsten Politiker und Redner des alten Rom. Tiro war zwar ein Sklave, doch beileibe kein gewöhnlicher. Er schaffte es, mittels 4000 selbst ersonnener Kurzzeichen Reden im Senat und vor Gericht in Echtzeit zu notieren. Anschliessend erstellte er ein wortgetreues Protokoll – eine Revolution in einer Stadt, die auf Wachstafeln kritzelte und die zu sagen pflegte: Verba volant, scripta manent – «Worte sind flüchtig, allein Geschriebenes bleibt». Viele Reden Ciceros, darunter auch die flammende Anklage gegen den Verschwörer Catilina vor dem versammelten Senat, wurden auf diese Weise protokolliert und blieben so erhalten.

Eine dieser tironischen Noten, ein unscheinbares Winkelchen nach rechts, hat bis heute überlebt – im deutschen Fraktursatz als «⁊c.» (Abkürzung für «et cetera») und als «⁊» in Irland, wie beim Sklaven Tiro im 1. Jahrhundert v. Chr., als Zeichen für «und».

Notgroschen

Spare in der Zeit, dann hast du in der Not, sagt das Sprichwort. Einen Notgroschen auf der Seite zu haben, ist immer gut. Je fetter der Groschen, desto höher sein Wert, und daher kommt auch sein Name. Im französischen Tours wurde im Mittelalter eine Silbermünze geprägt, die im Latein der Zeit denarius grossus hiess, auf Deutsch «fetter Denar». Verbreitet war der grossus auch in Böhmen, wo das «ss» als «sch» ausgesprochen wird. So kam der Grosch nach Deutschland und wurde zum «Groschen».

Notgroschen hat man nicht selten unter dem Haus vergraben, damit sie nicht zur leichten Beute wurden. Geschah das Schlimmste, blieben sie da unentdeckt liegen, und so tauchen bei Bauarbeiten und Grabungen immer wieder sogenannte Hortfunde auf, einst in Lederbeuteln, Holzkassetten oder Tongefässen vergrabene Notgroschen.

Wie sinnvoll es war, einen Notgroschen anzulegen, erkannte im 16. Jahrhundert Julius, Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel. Es waren kriegerische Zeiten, und seine beiden Brüder waren in der Schlacht gefallen. Julius liess eigens Münzen prägen, die «Lösetaler» oder «Juliuslöser» hiessen, und befahl, dass jeder Hauseigentümer ein solches Geldstück als Notgroschen einzulösen hatte.

Das hat nichts von seiner Bedeutung verloren. Nach wie vor werden in der Schweiz pro Haushalt und Monat 1700 Franken zurückgelegt – für Wünsche, fürs Alter, und für den Fall der Fälle.