Nelson, Horatio

Horatio Nelson war krank, oft und heftig – Zeit seines Lebens litt Englands berühmtester Admiral ausgerechnet an der Seekrankheit.

Und doch sollte die See seine Heimat werden. Sohn eines Reverend, lernte er schon als Bub segeln, und mit nur 12 Jahren heuerte er wie viele andere bei der Royal Navy an, nicht als Bootsjunge, sondern – weil sein erster Kapitän ein Onkel war – gleich als Midshipman und damit Offiziersanwärter. Nelsons offenkundiges Talent und die Protektion seines Onkels waren die steife Brise in den Segeln seiner Karriere.

Die Klippen waren gesundheitlicher Natur. Einmal zwang die Malaria Nelson von Bord, später das Gelbfieber, schliesslich Holzsplitter, die sich beim Treffer einer französischen Festungskanone in sein rechtes Auge gebohrt hatten, am Ende eine spanische Musketenkugel, die eine Amputation seines rechten Arms nötig machte.

Dennoch kletterte Nelson die Wanten von Militär und Adel hoch, wurde Vizeadmiral und Graf, als königlicher Dank für eine ganze Reihe gewonnener Gefechte.

Seine letzte, vier Stunden dauernde Seeschlacht schlug Nelson 1805 an Bord seines Flaggschiffs «HMS Victory» am Kap Trafalgar. Überragender Taktiker, der er war, brachte er den vereinigten Flotten Frankreichs und Spaniens eine vernichtende Niederlage bei. Auf Deck von einem französischen Scharfschützen getroffen, starb der Admiral, kurz nachdem man ihm von seinem überwältigenden Sieg berichtet hatte.

Damit der Leichnam nicht zerfiel, wurde Nelson in einem vollen Brandyfass nach London zurückgebracht. Sein Grab liegt in der St. Pauls Cathedral, sein Denkmal am Trafalgar Square, sein Schiff im Trockendock in Portsmouth. Unter Deck: noch immer das geschichtsträchtige Fass.

Nerd

Er ist jung, blass und genial. Er sitzt den ganzen Tag am Computer, bricht das Gesetz, ernährt sich von Pizza und ist genauso sozial wie sportlich, nämlich gar nicht. Das Klischee ist wenig zimperlich, wenn’s um den Nerd geht, wie der meist jugendliche Technik- und Computerfreak heute heisst. Dass wir immer wieder von Nerds lesen, die Datenbanken überfallen, trägt wenig dazu bei, dieses Vorurteil abzubauen.

Nerd
So schräg wie die Nerds ist auch ihr Name. Das Wort soll aus einem Kindergedicht von 1950 stammen oder eine Abkürzung für Northern Electric Research and Development sein. Wieder andere wollen wissen, dass es jugendlicher Unfug war, der darin bestand, das Wort drunk («betrunken») rückwärts auszusprechen. Phonetisch geschrieben, soll das «nerd» ergeben haben. Eines allerdings ist sonnenklar: Nerds sind lichtscheu. Das liegt daran, dass Computer nie an der Sonne stehen (eine ungesunde Blässe nennt man scherzhaft «Bildschirmbräune»), und natürlich auch daran, dass nicht immer mit dem Gesetz in Einklang steht, was Nerds so alles treiben.

Nicht immer legal, aber immer kreativ: im Film «War Games» spielte 1983 Matthew Broderick die Rolle des jungen, hochbegabten David, der sich mit seinen Hackerkünsten kostenlose Flugtickets ergaunert, auch wenn er schliesslich die Welt an den Rand eines Atomkriegs bringt. Einem anderen genialen Nerd, Steve Jobs‚ Freund Steve Wozniak, haben wir die «Blue Box» zu verdanken, ein Gerät, mit dem man schon 1971 kostenlos, wenngleich illegal Ferngespräche führen konnte.

Wozniaks nächste Erfindung allerdings, der erste Personal Computer namens «Apple I», hat Geschichte geschrieben. Ihm verdanken wir, dass Apple heute nicht nur ein Apfel und Nerd nicht nur ein Zungenbrecher ist.

Ness of Brodgar

Am Ende der Jungsteinzeit, vor mehr als 5000 Jahren, war die Hauptinsel der schottischen Orkneys das Zentrum einer kaum bekannten Zivilisation. Weil auf Orkney kaum Bäume wachsen, bauten die Menschen mit Stein, und so sind prähistorische Grabanlagen, Steinkreise und – wie in Skara Brae an der Westküste – ganze Dörfer erhalten geblieben, die aussehen, als seien sie von ihren Bewohnern gerade erst verlassen worden.

Doch die grösste aller Fundstätten, der «Ness of Brodgar», bereitet der Wissenschaft bis heute Kopfzerbrechen. Auf der Landzunge zwischen zwei Seen stiess eine Bäuerin im April 2003 beim Pflügen auf eine Steinplatte mit vier exakt halbkreisförmigen Aussparungen. Die herbeigerufenen Archäologen waren nicht auf das gefasst, was sie in den folgenden Jahren nach und nach freilegen sollten: einen vier Fussballfelder grossen Tempelbezirk mit monumentalen Bauten. Spiegelglatte Mauern zeugen vom unglaublichen Geschick ihrer Baumeister. Die grösste Halle trug ein Dach aus dünnen Steinplatten, die Fugen säuberlich mit Ton abgedichtet, das Abwasser floss in eine Kanalisation.

Wer waren die Menschen, die um 3200 v. Chr. den «Ness of Brodgar» errichtet haben? Welche Gottheiten haben sie verehrt? All das ist bis heute unbekannt. Das grösste Rätsel aber sind die Feuerstellen und die Überreste von mehreren Hundert Rindern, die alle auf einmal geschlachtet wurden, um eine Unzahl von Gästen zu bewirten. Nach diesem gigantischen Festmahl, so fanden die Forscher heraus, rissen die Menschen Tempelmauern und Dächer ein und verliessen die Insel. Weshalb und mit welchem Ziel, darüber kann die Wissenschaft bis heute nur spekulieren.

Neurofinanz

Unser Hirn besitzt Zentren für Furcht, Zorn, Freude, Trauer, Vertrauen, Ekel, Überraschung oder Neugier – aber keines für Geld. Die Verhaltensökonomen, Hirnforscher und Psychologen der Neurofinanzforschung haben herausgefunden, dass Geldsachen nur unmassgeblich im präfrontalen Cortex entschieden werden, der für verstandesmässiges Überlegen und das Regulieren der Gefühle zuständig wäre, sondern viel stärker im limbischen System, dem Sitz von Triebhaftigkeit und Emotion. Kontostand und Börsenkurs werden unmittelbar übersetzt: Gewinn in Glück, Verlust in Schmerz. Einen Kursverlust kann unser Hirn dabei nicht von einem verstauchten Fuss unterscheiden. Es tut weh, und wir greifen zur Abwehr der Urzeit, Kampf oder Flucht.

Als erstes rufen wir das Programm «Kampf» ab: Wir sind frustriert und kühlen unser Mütchen mit einem erbosten Anruf bei der Bank. Die Prozedur «Flucht» dagegen ist Abwiegeln – am besten gar nicht hinsehen. Fällt der Kurs weiter und weiter, beginnt die Nebennierenrinde Stresshormone auszuschütten. Unser Hirn fällt in den Panikmodus – und Panik ist die Mutter aller Börsencrashs. Selbst bei einem Gewinn wird der Verstand ausgeschaltet: Registriert das Hirn nämlich einen Profit, will es ihn haben, hier und jetzt. Das Belohnungszentrum namens nucleus accumbens wird aktiv, und was noch lange Gewinne abgeworfen hätte, wird zu früh verkauft.

Deshalb, sagen Neurofinanzforscher, verdient der durchschnittliche Anleger auf die Dauer auch kein Geld: Unser steinzeitliches Hirn ist mit der Komplexität der Börse überfordert. Wenn’s um Geld geht, regiert nicht der Kopf, sondern der Bauch.

Normalverbraucher, Otto

Er ist kein sehr anziehender Genosse. Er hat keine besonderen Ansprüche. Er nicht besonders klug und nicht besonders dumm. Er hat weder Ecken noch Kanten. Er ist der personifizierte Durchschnitt.

Sein Name: Normalverbraucher, Vorname Otto. Otto ist Kriegsheimkehrer, der vergeblich versucht hat, sich vor der Einberufung in die Wehrmacht zu drücken und der sich, nach seiner Entlassung, im Deutschland des Jahres 1948 nicht mehr zurechtfindet. Denn: Otto Normalverbraucher, gespielt vom jungen Gert Fröbe, ist zwar nicht der Held – dafür ist er viel zu mittelmässig –, aber doch die Hauptfigur im Film «Berliner Ballade», einer gewagten Mischung aus expressionistischem Schwank und Science-Fiction-Satire. Die «Berliner Ballade» – eine der ersten Produktionen nach dem Zweiten Weltkrieg und gedreht an Originalschauplätzen im zerbombten Berlin –, karikiert die überbordende Bürokratie (ohne Zuzugsgenehmigung keine Aufenthaltsbewilligung, ohne Arbeitsbescheinigung keine Zuzugsgenehmigung, ohne Zuzugsgenehmigung keine Arbeitsbescheinigung), und das Leben mit dem allgegenwärtigen Mangel an Arbeit, an Essen und an Menschlichkeit.

Der Name «Normalverbraucher» war keine Erfindung des Drehbuchautors, sondern schon seit Kriegsausbruch bestes Beamtendeutsch: Die Ausgabe der Lebensmittelkarten, ohne die nichts mehr ging, folgte einem ausgeklügelten System. Am meisten erhielten die «Schwerstarbeiter», am wenigsten die «Normalverbraucher». Heute ist Otto Normalverbraucher, ebenso wie Kollege Max Mustermann, ganz einfach Inbegriff der Norm: Sprichwörtliches Mittelmass.