World of Warcraft

Das Spiel ist anders: Es heisst nicht Dame oder Halma, sondern World of Warcraft, auf Deutsch Welt der Kriegskunst. Und mit Halma hat es höchstens den Spieltrieb gemein, den es befriedigt und befeuert. World of Warcraft, Ende 2004 veröffentlicht, ist buchstäblich das grösste Spiel der Welt. Es spielt in einer Fantasiewelt, die dem Roman «Der Herr der Ringe» des britischen Mittelalter-Spezialisten J.R.R. Tolkien nachempfunden ist – einer kriegerischen Welt, bevölkert von Menschen und Zwergen, Drachen und Orks. In World of Warcraft geht es ums Töten von Monstern, Kriegsfürsten und finsteren Legionären.

Aber World of Warcraft ist viel mehr als nur ein Kriegsspiel. Es ist eine riesige künstliche Welt – mit Dörfern und Städten auf drei bis zum letzten Grashalm nachgebildeten Kontinenten, mit weltweit 10 Millionen Spielern, die miteinander über Internet verbunden sind.

Alle Spieler unterhalten eine Spielfigur, die einen Beruf erlernt, Erfahrungen sammelt, neue Talente entwickelt. Und sie haben viel zu tun, diese Figuren: Sie dezimieren Monster und Orks, sie kämpfen allein oder gemeinsam in so genannten Gilden – und: Sie verdienen Geld. World of Warcraft ist auch Handel – mit einer eigenen Währung, Banken, Auktionshäusern.

Auch ausserhalb des Spiels geht es um Geld, um viel Geld: Hersteller ist das Unternehmen Blizzard Entertainment, das World of Warcraft für rund 25 Franken verkauft. Danach kostet das Spielen weitere 15 Franken pro Monat. Im Jahr 2007 verdiente Blizzard allein mit diesen monatlichen Gebühren über eine Milliarde Dollar.

World of Warcraft steht auch in der Kritik: nicht nur der Kosten wegen, sondern wegen seines enormen Suchtpotenzials, wegen der Vereinsamung süchtiger Jugendlicher.

Da loben wir uns doch das gute alte Halma.

Würfel

Alea iacta est.

«Der Würfel ist gefallen»: Dieses Zitat schreibt der römische Geschichtsschreiber Sueton dem grossen Julius Cäsar zu, als der, unschlüssig, mit seiner Armee im Rücken am gallisch-italienischen Grenzfluss Rubikon stand. Bis ein Hirte einem der Soldaten die Trompete entriss und kurzerhand zum Angriff blies. Cäsar wusste: Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Da klingt Schicksal an, im Grossen wie im Kleinen. So mancher Feldherr und Spieler hat gewürfelt und gewonnen oder verloren. Die Kunst ist voll davon: Geoffrey Chaucer beschreibt das mittelalterliche englische Würfelspiel hazard in seinen berühmten Canterbury Tales, und der Nachfahr von hazard mit dem Namen craps, lockt auch heute noch Spieler zu Tausenden in die Spielcasinos.

Vom Würfel als Instrument des Zufalls geht eine eigentümliche Faszination aus, seit Tausenden von Jahren. Iranische Archäologen haben 5000 Jahre alte Knochenwürfel ausgegraben: in den Ruinen von Shahr-e Sokhta, wörtlich «verbrannte Stadt». Diese prähistorischen Würfel tragen schon Bohrungen in Form unserer heutigen Augen, und sie gehören zu einem altiranischen Brettspiel, das ebenfalls seinen Weg auf unsere Spieltische gefunden hat: im Mittelalter nannte man es Wurfzabel, später Tricktrack oder Puff – und heute Backgammon.

In der Wissenschaft ist ein Würfel ein gleichseitiges Hexaeder – etwas weniger mathematisch und dafür deutsch: ein Körper mit sechs Flächen und gleich langen Kanten. Auch wenn dieser Würfel im landläufigen Sinn in der Herstellung der einfachste ist: Es gibt auch Würfel mit Flächen in Drei- oder Sechseckform, mit acht, zwölf oder gar 20 Flächen.

Im Fall des unschlüssigen Julius Cäsar hätte ein einfacher Sesterz gereicht – Kopf oder Zahl. Aber die Würfel waren gefallen, und der Rest ist Geschichte: Cäsar setzte sich gegen seinen Widersacher Pompeius durch, zerschlug die Republik und wurde Roms Diktator.

X

X ist der geheimnisvollste aller Buchstaben: Er steht für einen Wert, den man nicht kennt. X ist die grosse Unbekannte, und die Suche nach ihrem Ursprung ist eine Reise durch die Jahrhunderte.

Ums Jahr 825 schrieb der persische Gelehrte Mohammed al-Chwarizmi ein Werk über das Rechnen mit den indischen Ziffern von 0 bis 9. Das Büchlein hiess al-Jebr, woraus unser Wort «Algebra» entstanden ist. Darin führte al-Chwarizmi vor, wie sich Gleichungen mit Unbekannten elegant lösen lassen. Alle Werte wurden nicht mit Symbolen, sondern mit Worten ausgedrückt; die unbekannte Grösse nannte al-Chwarizmi stets ‏شيء [∫a’i], was auf Arabisch ganz einfach «Sache» bedeutet.

Das indisch-arabische Zahlensystem war dem der alten Römer, das in Europa noch immer in Gebrauch war, weit überlegen und fand seinen Weg nach Spanien. Hier stiessen die Übersetzer auf ein Problem: Im Hochspanischen kam der Laut [∫] nicht vor, und so griffen die Schreiber der Not gehorchend zum griechischen Buchstaben Chi, der äusserlich unserem X ziemlich ähnlich sieht. Um auch ausserhalb Spaniens verstanden zu werden, musste die arabisch-spanische Algebra ein weiteres Mal übersetzt werden: diesmal ins Lateinische, die internationale Sprache der Wissenschaft. Und weil das griechische Chi im Lateinischen keine Entsprechung hat, schrieb man es fortan als X.

«Project X», «The X-Files»: Wenn wir also zum x-ten Mal einen Film sehen, der ein X im Titel trägt, dann wissen wir jetzt, warum: weil man in Spanien das [∫] nicht aussprechen kann.

Xerox

Der 22. Oktober 1938 war ein historischer Tag. Chester Carlson, der sich mit Gelegenheitsarbeiten ein Physikstudium verdient und danach gleich auch noch ein juristisches Abendstudium angehängt hatte, war kein Fan von Langsamkeit. Damit plagte ihn sein Beruf ohnehin schon genug – die Arbeit in der Patentabteilung einer Elektrofirma bestand aus mühseligem Abtippen von Patentschriften –, und Carlson fand, das müsste doch eigentlich viel schneller gehen.

Carlsons Patent unter dem Titel «Elektrofotografie» hatte zwar noch den Charme von Zeichnungen eines Leonardo da Vinci, aber es legte den Grundstein zur modernen Fotokopie. In seinem Behelfslabor im New Yorker Vorort Astoria rieb er eine mit Schwefel beschichtete Metallplatte heftig mit seinem Taschentuch, lud sie so elektrostatisch auf und belichtete sie durch eine Glasplatte hindurch, die das mit Tinte geschriebene Datum trug: «Astoria 10-22-38». Nach der Belichtung bestreute Carlson das Metall mit hauchfeinen Bärlappsporen, und der Schriftzug wurde sichtbar. An einem darüber gelegten Wachspapier schliesslich blieb der gelbliche Puder haften – und fertig war die erste Fotokopie der Geschichte.

Bis zur ersten kommerziellen Maschine mit dem Namen «Model A» im Jahr 1949, die auf Knopfdruck kopierte, sollte es noch eine ganze Weile dauern. Doch dann nahm die Revolution in den Schreibstuben und Kontoren ihren Lauf.

Das Wort «Xerografie» (von griechisch xeros, «trocken», und graphein, «schreiben») liessen sich Carlson und seine Chefs erst später einfallen. Es war nicht weniger erfolgreich: Das gleichnamige Unternehmen hat heute eine Bilanzsumme von über 30 Milliarden Dollar, und «fotokopieren» heisst auf Englisch ganz einfach to xerox.

Yale, Linus

Der Mann war ein leidenschaftlicher Schlosser: Jede freie Minute verbrachte er in seiner kleinen Werkstatt und baute Schlösser. Oft aber hatte er anderes zu tun – sein Name war Louis Auguste, besser bekannt als Louis XVI, König von Frankreich.

70 Jahre später im US-Bundesstaat New York: Linus Yale senior ist Erfinder und hält mehr als ein Dutzend Patente für Schlösser, Dreschmaschinen und Sägemühlen. Sein Sohn Linus Yale junior dagegen studiert Malerei. Doch die Pflicht ist stärker. 1850 tritt der Junior ins Familiengeschäft ein, und als sein Vater stirbt, stellt der junge Linus Yale auf Schlösser um, die unter keinen Umständen zu knacken sind.

Schliessvorrichtungen, in denen Schlüssel einen Riegel bewegen, gibt es seit Jahrtausenden. Ihre Achillesferse aber ist seit jeher das Schlüsselloch: An dieser verräterischen Öffnung machen sich auch Unbefugte zu schaffen, mit geeignetem Werkzeug, und sei es auch nur mit Schiesspulver. Also erfindet Yale das Kombinationsschloss für Banksafes, die das hinter massivem Stahl versteckte Schlüsselloch erst nach der Eingabe der Kombination freigeben.

Yales bedeutendste Konstruktion aber ist ein Schloss, das viel kleiner ist – und das wir auch heute noch benutzen: das 1861 patentierte Zylinderschloss mit seinem charakteristischen flachen Schlüssel. Diese neuen Schlösser stellt Yale erstmals in Massenproduktion her, auch dies eine seiner bahnbrechenden Erfindungen.

Um diesen Platz in der Geschichte hätte Louis Auguste den Konstrukteur Yale beneidet: Er selbst kam nicht als Schlosser zu Ruhm, sondern als glückloser König, von der Revolution zum einfachen citoyen degradiert und 1793 auf der Pariser Place de la Concorde hingerichtet.