Kritikalität, selbstorganisierte

Als der dänische Physiker Per Bak Kindern beim Spielen am Strand zusah, wurde er auf einmal stutzig. Die Kinder liessen Sand aus der Hand rieseln, so dass ein Häufchen entstand. «Am Anfang ist dieses flach», schrieb Bak später in seinem Buch «How Nature Works» von 1996, «und die einzelnen Sandkörner bleiben mehr oder weniger liegen, wo sie gelandet sind. Die Bewegung des Sandes lässt sich aufgrund seiner physikalischen Eigenschaften beschreiben. Mit der Zeit aber werden die Hänge steiler, und es bilden sich kleine Lawinen. Und irgendwann wird eine Lawine so gewaltig sein, dass sie den Haufen als Ganzes erfasst.»

Bak beschloss, solche Sandhaufen am Computer zu simulieren, um so die durchschnittliche Grösse einer Lawine herauszufinden. Die ernüchternde Antwort, nach der Berechnung zahlloser virtueller Sandhaufen: Es gibt keine durchschnittliche Lawine. Die Eigenschaften von Systemen, die einen kritischen Punkt erreicht haben – ganz von selbst, ohne Zutun von aussen –, können sich urplötzlich dramatisch ändern. Wie gross dann eine nächste Lawine sein wird, lässt sich nicht mehr vorhersagen.

Diese Unberechenbarkeit nannte Bak «selbstorganisierte Kritikalität». Und die betrifft beileibe nicht nur Sandhaufen: Lawinen, Waldbrände, Erdbeben sind ebenfalls Systeme, die ganz von selbst kippen können. Das gilt schliesslich auch für die Wirtschaft und die Märkte: Der durchschnittliche Umfang eines Börsencrashs lässt sich mit Modellen nicht vorhersagen, und so kann eine Pleite, ein Konflikt, eine Epidemie das eine letzte Sandkorn sein, das den ganzen Haufen zum Einsturz bringt.

Litfasssäule

In der guten alten Zeit hiess Spam noch Reklame und wurde noch gelesen. So wurde das wilde Plakatieren im Berlin der 1840-er Jahre zur Plage: Jeder freie Fleck wurde mit Leim bestrichen und zugeklebt.

Litfasssäule
Litfasssäule
Zum grossen Verdruss der Stadt – und eines gewissen Ernst Litfass, Besitzer des gleichnamigen Verlagshauses und königlicher Hof- und Buchdrucker. Von den Plakatflächen in Paris und London inspiriert, schlug Litfass das Aufstellen von Säulen vor, an denen die Menschen ihre Plakate anbringen sollten.

Die Berliner Behörden wollten davon anfänglich nichts wissen, und erst nach jahrelangen Verhandlungen liess sich der Berliner Polizeipräsident Karl Ludwig von Hinkeldey herab, dem findigen Verleger eine erste Genehmigung zu erteilen. Die umfasste allerdings gleich noch ein Zehnjahresmonopol; Bedingung: Nebst den Annoncen mussten auch die neuesten Nachrichten publiziert werden.

Litfass liess sich nicht lange bitten und stellte 1855 die ersten 100 Säulen auf, weitere 50 folgten 10 Jahre später. Während des deutsch-französischen Kriegs 1870/71 wurden hier auch die ersten Kriegsdepeschen veröffentlicht.

Die Litfasssäulen waren ein voller Erfolg. Die Werber konnten sich darauf verlassen, dass ihre Plakate während der vollen Mietdauer hängen blieben, ohne überklebt zu werden, und die Behörden stellten fest, dass eine Zensur der Inhalte viel bequemer war. Das Publikum schliesslich las und las:

Ich geh auf meinen Wegen
bei Sonnenschein und Regen
immer um die Litfaßsäule rum,

kalauerte Kurt Tucholsky. So wurde Ernst Litfass zum reichen Mann – und zum Säulenheiligen der Werbung.

Migros-Wagen

Im Sommer 1925 tauchen in Zürich Flugblätter auf: «Migros – der fahrende Laden: An die intelligente Frau, die rechnen kann». Verfasser ist der Unternehmer Gottlieb Duttweiler. An seinem 37. Geburtstag, dem 15. August 1925, hat er mit einem Startkapital von 100 000 Franken die Migros AG gegründet – Geschäftsidee: Waren in grossen Mengen einkaufen, Zwischenhandel umgehen, Lagerkosten niedrig halten, minimale Margen einbehalten. Und vor allem: Der Laden soll zu den Kundinnen, nicht umgekehrt. Also beschafft Duttweiler fünf «Ford T»-Lastwagen, belädt sie mit Kaffee, Reis, Zucker, Teigwaren, Kokosfett und Seife und lässt sie an 178 Haltestellen in der Stadt Zürich Halt machen. Ein Kilo Nudeln etwa kostet 95 Rappen, viel weniger als bei der Konkurrenz.

Die Klapperkisten sind eine Sensation, auch wenn sich die junge Migros anfangs kaum über Wasser halten kann. Jeder Gewinnfranken wird sofort wieder investiert, und im Migros-Wagen einzukaufen, hat etwas Anrüchiges. Die angestammten Händler fürchten um ihre Pfründe und versuchen, die Migros in Misskredit zu bringen. Nicht selten versammeln sich erzürnte Gegner auf dem Dorfplatz und blockieren die Wagen; oft rückt gar die Polizei an, um Schlimmeres zu verhindern.

Doch Duttweilers Idee setzt sich durch. Schon ein Jahr später sind es 48 Migros-Wagen, und mehr als 80 Jahre lang gehören sie zum Schweizer Strassenbild – bis zum 30. November 2007, als im Wallis die letzten beiden Wagen ihre Runde machen. So ist die Migros endgültig sesshaft und zu einem der grössten Schweizer Unternehmen geworden.

Money

Ratternde Registrierkasse, rasselnde Münzen: Der Anfang des Songs «Money» der britischen Rockband «Pink Floyd», 1973 auf dem Album «The Dark Side of the Moon» erschienen, war ein aufnahmetechnisches Abenteuer. Komponist Roger Waters schüttelte einen mit Münzen gefüllten Kochtopf, und Schlagzeuger Nick Mason hatte angebohrte Pennies auf eine Schnur gefädelt. Auf das Geräusch-Intro folgt das ikonische h-Moll-Bassgitarrenriff im Sieben-Viertel-Takt, und dann entfaltet sich der Sechseinhalb-Minuten-Song zur epischen Absage an den schnöden Mammon.

«Money» wurde ein Welthit – Platz 13 in den «Billboard Hot 100», der einflussreichen US-Hitparade. Und seither wird das Stück immer dann zur akustischen Untermalung verwendet, wenn’s um Geld geht: als Soundtrack des Actionfilms «The Italian Job» von 2003 mit Mark Wahlberg in der Rolle des Safeknackers Charlie Croker, in Fernsehserien und Dokumentarfilmen.

Ausgerechnet «Money»: Bis dahin waren Pink Floyd nämlich arm gewesen wie Kirchenmäuse. Es kam vor, dass Veranstalter keine Gagen zahlten, weil sie meinten, was die Band da von sich gebe, sei gar keine Musik. Mit «The Dark Side of the Moon» sollte sich das gründlich ändern: Die Gesamteinnahmen der Band werden heute auf viele Hundert Millionen Euro geschätzt, und Ex-Bandleader Roger Waters, obwohl 1985 im wüsten Streit ausgeschieden, gilt als einer der zehn meistverdienenden Musiker der Welt.

Monopoly

Mit vier bis zum teuren Zürcher Paradeplatz, oder – Mist! – mit sechs übers Ziel hinaus zum billigen Kornplatz in Chur? «Monopoly» machte Generationen mit den Regeln der freien Marktwirtschaft vertraut. Die Regeln sind altbekannt: Es gilt, Boden aufzukaufen und seine Mitspieler in den Ruin zu treiben.

Doch darum ging es nicht nur auf, sondern auch neben dem Spielbrett. Monopoly geschaffen hat angeblich 1930 der Erfinder Charles Darrow, ebenso angeblich als Zeitvertreib während dessen Arbeitslosigkeit in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise. Erste Monopoly-Ausgaben entstanden in Handarbeit, die Darrow an Freunde und Nachbarn verkaufte. 1935 kaufte die Spielefirma Parker Brothers die Rechte am Spiel, das sie noch ein Jahr zuvor nicht hatte haben wollen, wegen «52 grundsätzlichen Fehlern». So grundsätzlich konnten die Fehler nicht gewesen sein, denn Monopoly wurde seinem Namen gerecht – und zum Bestseller.

Das wiederum rief den Wirtschaftsprofessor Ralph Anspach auf den Plan, der «Anti-Monopoly» entwickelte, mit umgekehrten Regeln: Das Spiel wird anfangs von Trusts beherrscht, die Spieler sammeln Anerkennungspunkte und schaffen allmählich eine freie Marktwirtschaft.

Es kam, wie es kommen musste – und Parker Brothers und Anspach fanden sich vor dem Supreme Court in Washington wieder. Doch die höchsten Richter der USA liessen Parker abblitzen und befanden, dass Monopoly gar kein Original sei, sondern vielmehr ein Plagiat. Das Original hat Jahrgang 1904, war von Hand gezeichnet, trägt die US-Patentnummer 748 626 und stammt von einer jungen, findigen Quäkerin aus Virginia. Es hiess «The Landlord’s Game».