Kanton

Deutschland hat seine Länder, Frankreich und Italien haben ihre Regionen, Departemente und Provinzen. Das leuchtet alles ein – weniger allerdings, wie die Schweiz ausgerechnet auf den Kanton gekommen ist. Bündnispartner der mittelalterlichen Eidgenossenschaft waren nämlich Städte und Länder, und in den frühen Bundesbriefen hiessen sie auch so. Weil aber eine Bergregion wie Uri herzlich wenig mit einer Stadt wie Bern zu tun hatte, sprach man ab dem 15. Jahrhundert ganz neutral von «Orten».

Französisch hiess das canton. Der stammt vom italienischen cantone ab, und der wiederum ist eng verwandt mit der deutschen Kante und hiess Bezirk oder Landstrich. So weit, so gut, nur: Die Deutschschweizer rümpften die Nase – und erfanden, als noblere Bezeichnung, den «Stand». Der klang stolz nach Freiheit und Souveränität – und hat sich in der kleinen Parlamentskammer, dem Ständerat, bis heute gehalten.

Mit dem Einmarsch der französischen Truppen und der Errichtung der helvetischen Republik nach französischem Vorbild wurde wieder alles anders. Im Frühling 1798 wurde die Schweiz erst in 10, dann 22 und schliesslich 19 je ungefähr gleich grosse Gebiete eingeteilt, die nun endgültig cantons oder Kantone hiessen, die aber bloss Verwaltungsbezirke waren, mit je einem Regierungsstatthalter an der Spitze. Die alten Stadtkantone blieben nur dem Namen nach und teils in völlig neuen Grenzen erhalten, und neu erfunden wurden die Kantone Léman, Wallis, Oberland, Aargau, Baden, Waldstätten, Lugano, Bellinzona, Thurgau, Linth, Säntis und Rätien.

Die Geschichte aber war unerbittlich. Die Helvetik und ihr politisches Reissbrett gingen kurz nach 1800 unter. Geblieben ist einzig der Kanton.

Khipu

Eine Schrift aus lauter Knoten: Die alten Inkas knüpften Botschaften in Schnüre aus Tierhaar, die sogenannten «Khipus». «Khipu» heisst wörtlich «Knoten», und ein «Khipu» sieht aus wie ein fächerförmiger Halsschmuck. Es besteht aus einer Hauptschnur, von der Dutzende von Nebenschnüren herabhängen, auf denen feine Knoten sitzen.

Bis heute wurden rund 800 «Khipus» gefunden, viele davon sind hervorragend erhalten. Die ältesten stammen von südamerikanischen Völkern des 7. Jh. n. Chr.; die meisten von den Inka, die vom 12. bis ins 16. Jh. ein Gebiet beherrschten, das von Equador über Peru und Bolivien bis nach Chile und Argentinien reichte.

Die Knoten waren keine Schrift für jedermann: Nur besonders ausgebildete Beamte waren in der Lage, sie zu knüpfen und zu lesen. «Khipus» waren denn auch eine Art Akten: 2016 wurde in Bolivien ein Lagerhaus aus dem 16. Jh. entdeckt, zusammen mit 29 Khipus, deren Knoten Zahlen bedeuten, die die gelagerte Menge an Erdnüssen, Chilis, Bohnen oder Mais festhielten. An einigen Stellen waren die Knoten aufgelöst, um bei Änderungen wieder neu geknüpft zu werden. Andere Khipus halten Steuern und geschuldete Arbeitsleistungen fest; ein ganz besonderes Khipu ist ein Kalender des Inkajahres 1532/33, mit 12 Mondmonaten plus einer Schnur mit 10 eingeschobenen Schalttagen.

Noch aufwändigere Khipus dienten dem Schriftverkehr: Ihre unterschiedlich gezwirnten und gefärbten Schnüre mit noch komplexeren Knoten bilden eine Silbenschrift für Briefe und Erzählungen. Diese Schrift allerdings lässt sich, im Gegensatz zu den Zahlenknoten, bis heute nicht entziffern.

Konjunktur

Es ist eigenartig mit der Konjunktur: Nie wird so oft über sie gesprochen wie dann, wenn sie sich verabschiedet. Es ist wohl nichts als menschlich, dass man nie so sehr ans Glück denkt wie dann, wenn es einen verlässt.

Dabei hat Konjunktur gar nichts mit Glück zu tun. Sondern lediglich mit der Geschäftslage in Unternehmen, in ganzen Branchen, einem nationalen Markt oder gar der gesamten Weltwirtschaft. Die Konjunktur wird gemessen, mit Kennwerten für Preise, Löhne, Produktionsmengen, Umsätze, Zinsen, die Arbeitslosigkeit, die Geldmenge und das jährliche Wirtschaftswachstum.

Doch auch wenn sie sich messen lässt, die Konjunktur – sie verhält sich immer ein bisschen wie das Meer. Forscher unterscheiden lange Wellen (50 bis 60 Jahre), mittlere Wellen (8 bis 11 Jahre) und kurze Wellen von etwa 40 Monaten. Der Verlauf einer solchen Konjunkturwelle lässt sich in mehrere Phasen unterteilen: den Aufschwung, die Hochkonjunktur, die Krise, den Abschwung und die Reprise.

Konjunktur ist das Wellenspiel von Gesamtangebot und Gesamtnachfrage. Wellen aber sind ein Phänomen der Natur, und so lässt sich auch die Konjunktur nicht so einfach beeinflussen. Schon gar nicht kurzfristig – Konjunkturpolitik, also der Versuch der öffentlichen Hand, durch eigenes Handeln übermässige Schwankungen zu verhindern, ist in der Regel längerfristig angelegt. Oder vielmehr: war. Versuche des Staates, in Zeiten des Niedergangs mit öffentlichen Aufträgen die lahmende Nachfrage anzukurbeln und damit aktiv in den Gang der Wirtschaft einzugreifen, geriet in der Schweiz in den letzten zwanzig Jahren immer mehr in die Kritik. Heute zwingt die Bundesverfassung den Staat dazu, seinen Haushalt im Gleichgewicht – und sich aus einer Beeinflussung der Wirtschaft herauszuhalten.

Mace

Es war eine skurrile Szene, die sich am 10. Dezember 2018 im britischen Unterhaus in London abspielte. Aus Protest gegen die chaotische «Brexit»-Debatte ergreift der Labour-Abgeordnete Lloyd Russell-Moyle den zwischen den Rednerpulten liegenden zeremoniellen Streitkolben, die sogenannte mace, und schickt sich an, mit ihr den Saal zu verlassen. Der Vorsitzende protestiert, die Abgeordneten geraten ausser sich, eine Saaldienerin stoppt den Frevler, nimmt ihm die kostbare Beute ab und legt sie wieder zurück.

Die mace ist eine zeremonielle Schlagwaffe aus vergoldetem Silber, 1,40 Meter lang und 7,2 Kilo schwer, eine Art Morgenstern, der im Mittelalter im Kampf Mann gegen Mann benutzt wurde. Das britische Königshaus besitzt insgesamt 13 dieser reich verzierten Streitkolben: 10 davon sind Teil der Kronjuwelen und lagern im Tower, drei sind Leihgaben ans Parlament, zwei ans Ober- und eine ans Unterhaus. Jeden Tag werden sie vom Sergeant at Arms feierlich herein-; am Abend wieder hinausgetragen. Ceremonial maces sind nichts Ungewöhnliches: Es gibt sie in Ländern der ganzen Welt; in Parlamenten oder auch an Universitäten.

Der Kolben, den der Abgeordnete Russell-Moyle zu rauben versuchte, stammt aus dem 17. Jahrhundert. Doch der Tumult hat nichts mit dem Wert der Waffe zu tun – sie hat vielmehr eine ganz besondere Bedeutung. Die mace ist das Symbol der königlichen Autorität, und weil Ober- und Unterhaus ihre Macht von der Krone ableiten, sind sie nur dann beschlussfähig, wenn sich die mace im Saal befindet. Wäre der Raub erfolgreich gewesen, hätte das die Debatte auf einen Schlag beendet.

Meilenstein

Sie waren eine Art Vorläufer unseres heutigen Navis, jene runden, mehr als mannshohen Säulen entlang wichtiger Römerstrassen. In den Stein eingemeisselt waren Namen und Ehrentitel des jeweiligen Kaisers und die Entfernung zur nächstgelegenen Stadt, angegeben in milia passuum, also in tausend Doppelschritten (umgerechnet etwa 1,5 Kilometer). Auf Lateinisch hiessen die Säulen miliaria, ein Wort, von dem unsere heutige «Meile» abstammt. Das miliarium aureum auf dem Forum in Rom war der Ursprung aller Meilensteine. Es war eine Säule aus vergoldeter Bronze mit den Strassennamen und Entfernungen in die wichtigsten Städte des Reichs. In gallischen und germanischen Provinzen dagegen, wo früher Kelten gelebt hatten, trugen die Steine Distanzangaben in keltischen Leugen und heissen deshalb «Leugensteine».

Römische Meilensteine gab es bereits im 3. Jh. v. Chr, doch die meisten stammen aus der Kaiserzeit, also aus den ersten drei Jahrhunderten unserer Zeitrechnung. Auch in der Schweiz wurden Meilensteine aufgestellt – einer davon wurde 2013 von einem Bauern in der Waadtländer Gemeinde Pompaples entdeckt. Die Inschrift nennt Mark Aurel und Lucius Verus, die von 161 bis 169 n. Chr. gemeinsam als römische Kaiser amtierten; darunter stand die Distanz von 39 Meilen bis Aventicum, das heutige Avenches. So sind römische Meilensteine heute zwar keine Wegweiser mehr, dafür aber wichtige Zeugen römischer Verwaltungsgeschichte.