Gutschein

Der Voucher fürs Ferienhotel, der Rabattcode fürs Schnäppchenportal: Gutscheine sind überall. In rechtlicher Hinsicht sind Gutscheine quasi bares Geld: Mit ihnen können wir eine Ware oder Leistung bezahlen. Steht auf dem Gutschein kein Name drauf, dann ist er ein Inhaberpapier: Um ihn einzulösen, reicht es aus, ihn vorzuweisen. Ausweis, Kaufvertrag, Unterschrift – alles nicht nötig.

Und doch ist die Sache mit den Gutscheinen einigermassen vertrackt. Im Gegensatz zu den Banknoten, deren Ausgabe der Nationalbank vorbehalten ist, kommt der Gutschein als solcher im Gesetz gar nicht vor. Und weil die fraglichen Beträge im Streitfall meist gering sind, kommen Aussteller auch kaum je vor Gericht.

Das ist erstaunlich, denn Gutscheine bieten durchaus Streitpotenzial. Viele von ihnen sind nämlich zeitlich limitiert, oft auf ein oder zwei Jahre. Bloss: Diese zeitliche Beschränkung ist fragwürdig, wenn nicht gar ungesetzlich, denn sie hat dieselbe Wirkung wie eine Verjährung. Ob Lebensmittelhändler, Gastwirt, Handwerker oder Verkäufer – die meisten Leistungen, für die Gutscheine ausgestellt werden, verjähren erst nach fünf Jahren. Und eine Verkürzung dieser Frist ist laut Schweizerischem Obligationenrecht verboten.

Weil das Gesetz ein Dschungel, der Gutschein dagegen handfeste Realität ist, helfen zwei Faustregeln weiter: Erstens: Liegt ein Gutschein mit kurzer Frist unter dem Christbaum und brauchen Sie gerade weder neue Handschuhe noch einen Ballonflug, verlangen Sie eine Verlängerung. Und zweitens: Wenn auch Ihnen einmal nur der Büchergutschein einfällt, dann verschenken Sie doch lieber gleich Banknoten. Die lassen sich überall einlösen, ohne Wenn und Aber.

Helikoptergeld

Es sind nur zwei Sätze, aber sie klingen ziemlich verlockend:

Lassen Sie uns annehmen, eines Tages flöge ein Helikopter über das Land und liesse Geldscheine vom Himmel fallen. Alle wüssten, dies sei einmalig und würde sich nicht wiederholen.

Diese extravagante Idee hatte 1969 der US-Ökonom und spätere Nobelpreisträger Milton Friedman. Er dachte darüber nach, was passieren würde, wenn eine Notenbank die Geldmenge auf einen Schlag ausweitet – und das Geld nicht an Banken oder Unternehmen ausgibt, sondern direkt an das Volk. Ein Arbeiter etwa, der einen halben Jahresverdienst angespart hat, besässe nun auf einmal ein ganzes Jahreseinkommen. Jetzt könnte er zufrieden auf einen doppelten Kontostand blicken, doch das würde er laut Friedman eben nicht tun, im Gegenteil. Er würde diesen einmaligen Geldsegen gleich wieder ausgeben. Des einen Ausgaben sind des anderen Einnahmen, und so müsste dieses Helikoptergeld der Wirtschaft einen Konjunkturschub verleihen.

Geld, das vom Himmel fällt: Friedmans Gedankengang löste heftige Kontroversen aus. Helikoptergeld steigert Kaufkraft und Steuereinnahmen, ohne Arbeitskosten oder Steuern zu erhöhen, sagen Befürworter; die Gegner argumentieren, Helikoptergeld sei gefährlich und unliberal, weil es die Eigenverantwortung des Einzelnen untergräbt und die Sparer bestraft. Die möglichen Folgen waren selbst Autor Friedman nicht ganz klar:

Es ist sehr schwierig, etwas über den Verlauf zu sagen

schrieb er in seinem Buch «Die optimale Geldmenge».

Es kann alles sein – von einem Verdoppeln der Preise über Nacht bis hin zu langen Auf und Ab des Marktes.

Hochwacht

Atemlos stürmt Aragorn in die Halle des Königs von Rohan:

Die Leuchtfeuer von Minas Tirith, die Leuchtfeuer brennen! Gondor ruft um Hilfe!

Grimmig antwortet König Théoden:

Und Rohan wird antworten! Die Heerschau soll beginnen!

Die Szene aus «Der Herr der Ringe» handelt von den Leuchtfeuern der fiktiven Stadt Minas Tirith, die um Hilfe ruft. In der Schweiz hiessen diese Signalfeuer «Hochwachten», und sie waren dem Sprachhistoriker und Fantasy-Autor J. R. R. Tolkien durchaus vertraut.

Mit weithin sichtbaren Flammen wurde in der alten Eidgenossenschaft die Mobilisierung von Truppen ausgelöst. Hochwacht um Hochwacht entzündete das Feuer, und so wurde der Alarm über das gesamte Signalnetz hinweg weitergegeben. Hochwachten gab es in den Kantonen Luzern, Zürich, Freiburg, Thurgau, und das Netz der 156 sogenannten «Chutzen» im Kanton Bern reichte gar vom Rhein bis an den Genfersee. In nur drei Stunden konnte mit ihnen das gesamte Kantonsgebiet alarmiert werden.

Frühe Signalfeuer bestanden aus einem Baum, der mit Stroh umgeben und in Brand gesteckt wurde. Ab dem 15. Jahrhundert wurden daraus ausgeklügelte Systeme: eine bemannte Wachthütte oder ein Wachtturm, ein trockener Holzstoss, ein Visierinstrument (damit eine gewöhnliche Feuersbrunst nicht mit einem Signal verwechselt wurde), eine Eisenpfanne mit Harz oder Pech und ein Mörser. Nachts wurden Signale mit Feuer weitergegeben, tagsüber mit Rauch und bei Nebel mit einem Kanonenschuss.

Zum letzten Mal eingesetzt wurden die Hochwachten 1870 im Deutsch-Französischen Krieg. Heute dagegen dienen sie nur noch als Messpunkte der Landesvermessung – und, ihrer Aussicht wegen, als beliebte Wanderziele.

Holland

Die Niederlande und Holland: Das sind zwei Namen für ein einziges Land, das fast exakt so klein ist wie die Schweiz.

Offiziell heissen die Niederlande Nederland, auf deutsch: Tiefland – und das ist wörtlich zu nehmen. Die Hälfte des Landes liegt höchstens einen Meter über Meer; ein Viertel gar, von 3000 Kilometer langen Dämmen geschützt, sogar unterhalb des Meeresspiegels. Und doch hat der Name Nederland nur bedingt mit der geografischen Höhe zu tun. Die Niederlande waren lange Teil des Herrschaftsgebiets des Fürstenhauses Habsburg, das Gebiete sowohl am Ober- als auch am Niederrhein besass, die oberen und die niederen Rheinlande. Die Flussbezeichnung wurde überflüssig, als die Habsburger ihre oberrheinischen Gebiete verloren. Was blieb, waren die Niederlande.

Hoch und tief findet sich auch in der Sprache: Wir Schweizer sprechen wie die Deutschen Hochdeutsch, die Niederländer wie die Engländer Niederdeutsch. Der Unterschied besteht im Umgang mit den Lauten: Was für uns besser ist als nichts, heisst in Holland better van nit. Was für uns abgeschlossen ist, wird in Holland afgesloten. Und doch: Wie eng verwandt unsere Sprachen sind, lässt sich daran ablesen, dass wir die Holländer zwar kaum verstehen, aber ihre Zeitungen trotzdem ohne weiteres lesen können.

Der Name Holland dagegen bezeichnet eigentlich nur den Nordwesten des Landes. Holland war die bedeutendste Provinz des Königreichs. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Provinz unterteilt – in Nordholland mit der Hauptstadt Haarlem, und Südholland mit der Hauptstadt Den Haag. Weil diese zwei tonangebenden Provinzen in den übrigen zehn nicht sonderlich beliebt sind, mögen auch viele Niederländer den Namen Holland nicht besonders. Ein Holländer gilt durchaus schon mal als geizig oder ungastlich.

Ausser, natürlich, in Holland.

Inflationsziel

Das Papier, das 2010 in Washington erschien, barg Zunder. Sein Autor Olivier Blanchard, damals Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, dachte laut darüber nach, ob es nicht sinnvoll wäre, dass sich Notenbanken in guten Zeiten ein Inflationsziel von 4 Prozent setzen sollten. Im Klartext: Notenbanken sollten darauf abzielen, dass ein Dollar jährlich 4 Prozent an Wert verlöre, in 17 Jahren immerhin die Hälfte seines Werts. Ein Aufschrei war die Folge.

Das Ziel jeder Notenbank ist es, die Preise stabil zu halten. Eine Marktwirtschaft, ja der soziale Friede eines Landes hängen davon ab, dass Geld seinen Wert behält. In den Augen der Notenbanken aber heisst «Preisstabilität» nicht ein Nullwachstum, sondern vielmehr ein sachtes Ansteigen. Die Schweizerische Nationalbank, die Europäische Zentralbank und das Amerikanische Fed verfolgen unisono das Ziel eines Preisanstiegs von bis zu 2 Prozent. Die Entrüstung, die Blanchard entgegenschlug, war der vorgeschlagenen Höhe dieses Anstiegs geschuldet – bei den in Bern, Frankfurt und Washington salonfähigen 2 Prozent dauert die Halbwertszeit eines Dollars immerhin 34 Jahre.

Inflation, in Massen genossen, schmiert die Wirtschaft. Arbeitgeber profitieren, weil die Reallöhne sinken, ohne dass die Nominallöhne gekürzt werden müssten. Wenn ein Gut morgen mehr kostet als heute, wird es eher früher gekauft als später. Bei 0 Prozent Inflation fehlen diese Anreize, und im Fall einer Deflation, wenn die Preise allgemein fallen, werden Käufe in die Zukunft verschoben, weil sie dann günstiger sind. Eine geplante Inflation – ob von zaghaften 2 oder forschen 4 Prozent – ist daher vor allem eine geldpolitischer Spielraum, der eine blühende Wirtschaft vor dem Welken schützen soll.