Mace

Es war eine skurrile Szene, die sich am 10. Dezember 2018 im britischen Unterhaus in London abspielte. Aus Protest gegen die chaotische «Brexit»-Debatte ergreift der Labour-Abgeordnete Lloyd Russell-Moyle den zwischen den Rednerpulten liegenden zeremoniellen Streitkolben, die sogenannte mace, und schickt sich an, mit ihr den Saal zu verlassen. Der Vorsitzende protestiert, die Abgeordneten geraten ausser sich, eine Saaldienerin stoppt den Frevler, nimmt ihm die kostbare Beute ab und legt sie wieder zurück.

Die mace ist eine zeremonielle Schlagwaffe aus vergoldetem Silber, 1,40 Meter lang und 7,2 Kilo schwer, eine Art Morgenstern, der im Mittelalter im Kampf Mann gegen Mann benutzt wurde. Das britische Königshaus besitzt insgesamt 13 dieser reich verzierten Streitkolben: 10 davon sind Teil der Kronjuwelen und lagern im Tower, drei sind Leihgaben ans Parlament, zwei ans Ober- und eine ans Unterhaus. Jeden Tag werden sie vom Sergeant at Arms feierlich herein-; am Abend wieder hinausgetragen. Ceremonial maces sind nichts Ungewöhnliches: Es gibt sie in Ländern der ganzen Welt; in Parlamenten oder auch an Universitäten.

Der Kolben, den der Abgeordnete Russell-Moyle zu rauben versuchte, stammt aus dem 17. Jahrhundert. Doch der Tumult hat nichts mit dem Wert der Waffe zu tun – sie hat vielmehr eine ganz besondere Bedeutung. Die mace ist das Symbol der königlichen Autorität, und weil Ober- und Unterhaus ihre Macht von der Krone ableiten, sind sie nur dann beschlussfähig, wenn sich die mace im Saal befindet. Wäre der Raub erfolgreich gewesen, hätte das die Debatte auf einen Schlag beendet.

Meilenstein

Sie waren eine Art Vorläufer unseres heutigen Navis, jene runden, mehr als mannshohen Säulen entlang wichtiger Römerstrassen. In den Stein eingemeisselt waren Namen und Ehrentitel des jeweiligen Kaisers und die Entfernung zur nächstgelegenen Stadt, angegeben in milia passuum, also in tausend Doppelschritten (umgerechnet etwa 1,5 Kilometer). Auf Lateinisch hiessen die Säulen miliaria, ein Wort, von dem unsere heutige «Meile» abstammt. Das miliarium aureum auf dem Forum in Rom war der Ursprung aller Meilensteine. Es war eine Säule aus vergoldeter Bronze mit den Strassennamen und Entfernungen in die wichtigsten Städte des Reichs. In gallischen und germanischen Provinzen dagegen, wo früher Kelten gelebt hatten, trugen die Steine Distanzangaben in keltischen Leugen und heissen deshalb «Leugensteine».

Römische Meilensteine gab es bereits im 3. Jh. v. Chr, doch die meisten stammen aus der Kaiserzeit, also aus den ersten drei Jahrhunderten unserer Zeitrechnung. Auch in der Schweiz wurden Meilensteine aufgestellt – einer davon wurde 2013 von einem Bauern in der Waadtländer Gemeinde Pompaples entdeckt. Die Inschrift nennt Mark Aurel und Lucius Verus, die von 161 bis 169 n. Chr. gemeinsam als römische Kaiser amtierten; darunter stand die Distanz von 39 Meilen bis Aventicum, das heutige Avenches. So sind römische Meilensteine heute zwar keine Wegweiser mehr, dafür aber wichtige Zeugen römischer Verwaltungsgeschichte.

Minitel

Es ist gross, blaugrau und hässlich: ein Plastiktelefon mit einem Bildschirm, auf dem blasse, grobpixelige Zeichen flimmern, und mit einer Tastatur, deren Buchstaben noch alphabetisch geordnet sind und deren Sondertasten noch connection oder envoi heissen. Das archaische Gerät hört auf den Namen «Minitel» und ist das Kind einer französischen Revolution, 1977 angezettelt durch den Präsidenten der République, Giscard d’Estaing. «Telematik» heisst das Zauberwort, und damit gemeint ist die Vernetzung von Terminals, mit denen sich zentral gespeicherte Informationen abrufen lassen. Schon ein Jahr später verkündet Telecom-Generaldirektor Gérard Théry der Welt, dass das Minitel die Ära des Papiers beenden werde.

Und das ist nur zur Hälfte übertrieben: Die Minitels, kostengünstig und in grossen Stückzahlen produziert, werden von der französischen PTT gratis an die Haushalte abgegeben, und die Grande Nation tippt los, dass die Drähte glühen. 1985, Jahre bevor das World Wide Web erfunden wird, sind bereits eine Million Minitels in Betrieb.

Der ursprüngliche Zweck des Apparats ist ein Ersatz für die überlastete Telefonauskunft, doch bald schon werden per Minitel Fahrkarten gekauft, Bankgeschäfte getätigt und private Nachrichten verschickt. Ende der 1980-er Jahre hat der Dienst mehr Nutzer als der amerikanische Internetgigant Compuserve, und selbst die legendäre Rede des US-Vizepräsidenten Al Gore über den information superhighway von 1994 ist vom Vorbild Minitel inspiriert.

Noch heute tippen Hunderttausende auf ihren Retro-Terminals. Doch dem Ansturm einer Alles-Immer-Überall-Gesellschaft ist das Minitel, dieses Internet der ersten Stunde, nicht gewachsen: Am 30. Juni 2012 schlägt seine letzte Stunde.

Mückengeld

Mücken sind nicht bloss lästig, weil sie nachts summen, sie stechen auch. Das Blut braucht das Mückenweibchen, um Eier zu bilden, die es dann in Feuchtgebieten ablegt, am liebsten in Schlamm und Morast. Und das ist ein Problem, vor allem rund um Stauseen. Denn wenn viel Wasser gebraucht wird und der Pegel sinkt, wird Schlamm freigelegt. Und wo es viel Schlamm gibt, da steht eine Mückenplage ins Haus.

Das kann die SBB teuer zu stehen kommen. 1932 nämlich liessen die Bundesbahnen im Bezirk Einsiedeln eine Staumauer bauen, um die Sihl aufzustauen, das neue Kraftwerk mit Turbinenwasser zu versorgen und Bahnstrom zu erzeugen. Die Bevölkerung allerdings befürchtete Mückenplagen und war skeptisch. So wurde in einem zehnseitigen Vertrag zwischen den SBB und dem Kanton Schwyz zentimetergenau festgelegt, welche Pegelhöhe der Sihlsee zu welcher Jahreszeit aufzuweisen habe. Und damit sich die SBB auch wirklich daran halten, wurde eine Strafe vereinbart für jeden einzelnen Tag, an dem diese Mindesthöhe nicht eingehalten wird, das sogenannte «Mückengeld». Es beträgt 2500 Franken pro Tag. Am 1. Juni dieses Jahres war es wieder einmal so weit: Der Pegel war zu niedrig, die SBB mussten Wasser aus dem Zürich- in den Sihlsee hochpumpen – doch bis der seine vertragliche Minimalhöhe wieder erreicht hatte, wurde eine Strafe von mehreren 10 000 Franken fällig.

In Zukunft könnte das noch teurer werden: Die Konzession läuft nämlich in zwei Jahren aus, und laut neuem Vertragstext liegt das Mückengeld, das bei zuwenig Wasser im Sihlsee anfällt, bei zwischen 20 000 und 45 000 Franken. Pro Tag.

Museum

Wer von der Muse geküsst werden will, der geht am besten ins Museum. museum ist lateinisch und bezeichnet den Ort des Studiums, eine Universität oder, im engeren Sinn, eine Bibliothek. Und das noch ältere griechische museion hiess nichts anderes als Musentempel.

Ein solches Museion stand zum Beispiel in Alexandria, am Hof von König Ptolemaios I, im dritten Jahrhundert vor Christus. Die sagenhafte Bibliothek von Alexandria sollte nichts weniger als das gesammelte Wissen der Zeit enthalten: alle Schriftrollen, Schrifttafeln und Bücher aller Völker und Zeiten. Als Cäsar im Jahr 48 vor Christus auf der Suche nach seinem Widersacher Pompejus nach Alexandria kam und nach heftigen Kämpfen im Residenzviertel in die Enge getrieben wurde, liess er kurzerhand sämtliche im Hafen liegenden Schiffe anzünden. Mit ihnen soll die auch die legendäre Bibliothek in Flammen aufgegangen sein.

Tatsächlich haben Archäologen die Existenz der Bibliothek von Alexandria nie nachweisen können, Überreste wurden bis heute nicht gefunden. Doch ein Menschheitstraum ist sie geblieben: eine frei zugängliche Sammlung allen Wissens an einem einzigen Ort. Das Museion in diesem umfassenden Sinn gibt es dagegen wohl: zum einen in Form gigantischer Bibliotheken wie der Library of Congress in Washington mit ihren mehr als 138 Millionen Titeln, und zum anderen archive.org, das Internet-Archiv des Computerwissenschaftlers Brewster Kahle mit seinen unvorstellbaren Datenmengen, das alle zwei Monate das gesamte zugängliche Internet archiviert und öffentlich macht.

Ob die Musen wirklich jeden dieser zahllosen Autoren geküsst haben, ist fraglich. Doch die Idee des Museums als Ort der Inspiration und des Denkens ist gerade im Zeitalter des Web aktuell wie nie.