Nabel der Welt

Der Nabel der Welt ist der Mythologie zufolge der Weltenmittelpunkt. Zu allen Zeiten haben Herrscher diesen Punkt für sich reklamiert. «Nabel» heisst auf Lateinisch umbilicus, und der umbilicus urbis romanae, das offizielle Zentrum des römischen Strassennetzes und damit der Nabel der Welt, war ein kleiner Tempel auf dem Forum in Rom, dessen Ruinen man heute noch sehen kann. Von hier aus wurden die Meilen der römischen Heerstrassen gezählt. Und weil sich hier, wie man glaubte, die Welt der Lebenden und die der Toten berührten, wurden den Göttern der Unterwelt, des orcus, Opfer gebracht.

Schon die Griechen besassen ihren Nabel der Welt, den omphalos, einen mit Girlandenmustern verzierten Kultstein im Apollon-Tempel von Delphi. Der Sage nach soll der Stein als Meteor vom Himmel gefallen sein und die Stelle markiert haben, an der sich zwei Adler trafen, nachdem sie von Zeus auf die Reise geschickt worden waren, um den Nabel der Welt zu finden. Ein «Omphalion», einen aus bunten Marmorkreisen bestehenden Bereich, gibt es auch unter der Kuppel der Hagia Sophia in Istanbul, und sogar auf dem Berliner Schlossplatz gab es im 19. Jh. einen «Omphalos», einen achtarmigen Kandelaber des Architekten Karl Friedrich Schinkel, auf den sich alle Distanzangaben auf den preussischen Meilensteinen bezogen.

Delphi, Rom, Konstantinopel, Berlin: Wer sich heute für den Nabel der Welt hält, hat historisch gesehen ziemlich viel Konkurrenz.

Neat

Neat – alles und jedes wird heute abgekürzt, und heraus kommen modische Kunstwörter, über die – am Anfang – jeder stolpert, und die doch bald schon Allgemeingut sind.

Die Neat ist eindeutig noch in der Stolperphase, auch wenn sie nicht mehr ganz so jung ist: Das Schweizer Stimmvolk stimmte dem Bau eines neuen Tunnelsystems durch die Alpen schon 1992 zu. Und heute nimmt sie Gestalt an, die Neat. Vorläufig noch als Baustelle von gigantische Ausmassen: am Gotthard – hier entsteht mit 57 Kilometern der längste Tunnel der Welt – und am Lötschberg, mit einer Länge von knapp 35 Kilometern. Bald einmal wird auch am Ceneri gebaut, von zahllosen weiteren Aus- und Umbauten am Schweizer Bahnnetz ganz zu schweigen.

Was uns erwartet, ist ein Bauwerk der Superlative: Durch den Gotthard sollen 250 Stundenkilometer schnelle Züge rasen. Und 4000 Tonnen schwere Güterzüge. Der Lötschberg-Teil der Neat ist 2007 in Betrieb gegangen, auf den Gotthard werden wir noch bis mindestens 2016 warten müssen.

So mancher Politiker stolpert immer wieder auch über die Kosten: Als das Volk 1998 zur Finanzierung Ja sagte, rechneten die Neat-Optimisten noch mit Baukosten von 8 Milliarden Franken. Optimismus in allen Ehren heute rechnet Max Friedli, Direktor des Bundesamtes für Verkehr und quasi oberster Neat-Lokführer, schon mit bis zu 24 Milliarden Franken.

Trotzdem, so gigantisch diese Summe auch aussehen mag: Sie entspricht nur rund einem Fünftel dessen, was Bund und Kantone allein 2006 ausgegeben haben. Und dabei ist die Neat ohne Zweifel ein Jahrhundertbau. Ist sie erst einmal in Betrieb, wird, im bequemen Bahnsessel und bei Tempo 250, über ihren holprigen Namen garantiert niemand mehr stolpern.

Normalverbraucher, Otto

Er ist kein sehr anziehender Genosse. Er hat keine besonderen Ansprüche. Er nicht besonders klug und nicht besonders dumm. Er hat weder Ecken noch Kanten. Er ist der personifizierte Durchschnitt.

Sein Name: Normalverbraucher, Vorname Otto. Otto ist Kriegsheimkehrer, der vergeblich versucht hat, sich vor der Einberufung in die Wehrmacht zu drücken und der sich, nach seiner Entlassung, im Deutschland des Jahres 1948 nicht mehr zurechtfindet. Denn: Otto Normalverbraucher, gespielt vom jungen Gert Fröbe, ist zwar nicht der Held – dafür ist er viel zu mittelmässig –, aber doch die Hauptfigur im Film «Berliner Ballade», einer gewagten Mischung aus expressionistischem Schwank und Science-Fiction-Satire. Die «Berliner Ballade» – eine der ersten Produktionen nach dem Zweiten Weltkrieg und gedreht an Originalschauplätzen im zerbombten Berlin –, karikiert die überbordende Bürokratie (ohne Zuzugsgenehmigung keine Aufenthaltsbewilligung, ohne Arbeitsbescheinigung keine Zuzugsgenehmigung, ohne Zuzugsgenehmigung keine Arbeitsbescheinigung), und das Leben mit dem allgegenwärtigen Mangel an Arbeit, an Essen und an Menschlichkeit.

Der Name «Normalverbraucher» war keine Erfindung des Drehbuchautors, sondern schon seit Kriegsausbruch bestes Beamtendeutsch: Die Ausgabe der Lebensmittelkarten, ohne die nichts mehr ging, folgte einem ausgeklügelten System. Am meisten erhielten die «Schwerstarbeiter», am wenigsten die «Normalverbraucher». Heute ist Otto Normalverbraucher, ebenso wie Kollege Max Mustermann, ganz einfach Inbegriff der Norm: Sprichwörtliches Mittelmass.

Notnagel

Der sprichwörtliche Notnagel ist nichts, was man gerne wäre.

Du, Bursche? Was, du? Der Nothnagel zu sein, wo die Menschen sich rar machen?,

verhöhnt der Protagonist Major Ferdinand von Walter den dümmlichen, gestelzten Hofmarschall von Kalb in Friedrich Schillers Drama «Kabale und Liebe».

Der wirkliche Notnagel aber gehörte bis in die 1960er-Jahre zur festen Ausrüstung der Feuerwehr. Es ist ein rund 20 Zentimeter langer, kräftiger, spitz zulaufender Vierkantnagel, dessen oberes Ende eine seitliche Öse trägt, die aussieht wie ein nach unten offenes P. Den Notnagel trugen Feuerwehrleute in einer kleinen Ledertasche am Gürtel. Beim Bekämpfen eines Brandes konnte es nämlich vorkommen, dass ihnen die Flammen auf einmal den Weg abschnitten und ein Rückzug nicht mehr möglich war. Um sich in Sicherheit zu bringen, konnte der Feuerwehrmann seinen Notnagel mit dem Beil in einen Balken oder den Zimmerboden einschlagen und sich mit dem mitgeführten Seil durch ein Fenster hindurch ins Freie abseilen.

Eine Weiterentwicklung war der sogenannte Notring.

Dem Nothring ist der Vorzug vor dem Notnagel zu geben,

steht in den «Illustrierten Feuerlöschregeln für jedermann» von 1878,

da sein Stift mit starken Widerhaken versehen ist und dadurch ein Wiederherausgleiten desselben aus dem Holze nahezu unmöglich gemacht wird.

Der Notnagel oder der Notring waren daher alles andere als ein Notbehelf, sondern vielmehr ein einfacher, kostengünstiger und erstaunlich effektiver Lebensretter.

Ombudsmann

Ein Ombudsmann – oder eine Ombudsfrau – wird in der Regel von einem Parlament eingesetzt. Sie sollen sicherstellen, dass die Rechte von Bürgerinnen und Bürgern eingehalten werden, und sie überprüfen die Arbeit der Verwaltung. Der sperrige Name «Ombudsmann» kommt vom altnordischen Wort umboð, auf Deutsch «Auftrag» oder «Vollmacht». Der erste Ombudsmann der Geschichte war ein Schwede: Sein Amt wurde 1809 eingeführt und war als Vertrauensperson des Volkes gedacht. Das Beispiel machte Schule: Ombudsleute setzten sich erst in Skandinavien, nach dem Zweiten Weltkrieg dann auch in anderen Ländern Europas durch.

Heute haben die UNO, Regierungen, Organisationen und auch private Unternehmen eigene Ombudsleute. Ihre Dienste sind in der Regel kostenlos, sie arbeiten unabhängig, besitzen aber keine Verfügungsgewalt. Sie nehmen Beschwerden entgegen, hören zu, erklären, vermitteln und suchen Lösungen. Sie prüfen, ob die Verwaltung korrekt, verhältnismässig und bürgernah arbeitet. Viele Ombudsstellen stehen auch Angestellten der Verwaltung offen, die bei Problemen am Arbeitsplatz nicht weiterwissen.

Vorreiterin in der Schweiz war die Stadt Zürich, die 1971 eine erste Ombudsstelle einrichtete, andere Städte und Kantone folgten. Einzig auf Bundesebene hat’s bisher nicht geklappt: Viele Kantone und die bürgerlichen Parteien stellten sich quer, und so beschloss die zuständige Nationalratskommission 2004, auf ein entsprechendes Gesetz zu verzichten.