Cyanometer

Ein Cyanometer ist ein einfacher Ring aus Karton. Seine Segmente zeigen, von hell bis dunkel, alle möglichen Blautöne an. Hält man das Cyanometer gegen den Himmel, findet man stets ein Blau, das zur aktuellen Himmelsfarbe passt.

Erfunden hat das Cyanometer der Genfer Naturforscher Horace Bénédict de Saussure in den 1760er-Jahren. De Saussure erkannte, dass der Blauwert auf den Wassergehalt der Luft schliessen lässt: Je blauer der Himmel, desto weniger Dampf, je weisser, desto mehr. De Saussure trug die Blautöne mit Wasserfarbe auf insgesamt 53 Papierstreifen auf, die er auf einen Pappring klebte, von weiss, das de Saussure mit «0» bezeichnete, über alle Blautöne hinweg bis hin zu schwarz , das den Wert «52» trug.

Solche Cyanometer pflegte de Saussure an befreundete Wissenschaftler abzugeben mit dem Ziel, das Himmelsblau an möglichst vielen verschiedenen Orten zu ermitteln. Tatsächlich trug der junge Alexander von Humboldt 1802 ein solches Cyanometer bei sich, als er in Ecuador den 6263 Meter hohen Chimborazo bestieg, der damals als höchster Berg der Erde galt. Der Aufstieg war beschwerlich, und die Alpinisten kämpften mit der Höhenkrankheit. Erst auf dem Gipfel klarte das Wetter auf und gab den Blick frei auf das dunkelste Blau, das bis dahin je gemessen wurde: 46 Grad auf dem Cyanometer.

Das Blau des Himmels messen kann heute jedermann: De Saussures Cyanometer gibt’s, ganz einfach, als App.

Cyborg

«I’ll be back» – «Ich komme wieder»: So klang 1984 die Stimme des «Terminators» Arnold Schwarzenegger, des wohl berühmtesten aller Cyborgs. Das Wort ist ein Zusammenzug aus «kybernetisch» und «Organismus» – und der Cyborg namens Schwarzenegger ein Multitalent: Erfolgreicher Bodybuilder, Hollywood-Filmschauspieler und von 2003 bis 2011 gleich auch noch Gouverneur des US-Bundesstaats Kalifornien.

Cyborg
Erfunden hat die Cyborgs aber nicht der berühmte Muskelmann, sondern ein 1925 geborener Wissenschaftler namens Manfred Clynes, auch er ursprünglich ein Österreicher – und dazu ein Universalgenie: Clynes, ein persönlicher Freund Albert Einsteins, war ein brillanter Pianist, der biologische Gesetze entdeckte, einen Hirnröntgencomputer erfand und, im Jahr 1960, das «Cyborg-Konzept» veröffentlichte. Laut Clynes ist ein «Cyborg» eine Einheit aus Mensch und Maschine, die in unwirtlichen Umgebungen die Lebensfunktionen maschinell aufrechterhält. «Ich dachte, es wäre gut, ein Konzept zu entwickeln, das es Menschen ermöglicht, sich von den Beschränkungen ihrer Umwelt so weit zu befreien, wie sie es wünschen», gab Clynes später zu Protokoll.

Taucher mit ihren Sauerstoffflaschen oder Kampfpiloten, die in ihren Jets Sauerstoffmasken trugen, waren also per definitionem die Cyborgs der ersten Stunde, und folgerichtig war es die Weltraumbehörde Nasa, die Clynes‘ Konzept aufgriff und Systeme entwickelte, die (etwa in Form eines Raumanzugs) ein Überleben ermöglichten, wo Leben sonst unmöglich wäre. Der Gipfel dieser Entwicklung hiess «Apollo 11», und 1969 machte der Cyborg namens Neil Armstrong stolpernd Geschichte mit dem Satz: «Ein kleiner Schritt für einen Menschen, doch ein grosser Sprung für die Menschheit.»

DAB

Wenn ich Radio hören will, dann schalte ich mein altes Transistorradio ein. Je nach Wetterlage knackt es manchmal ein bisschen, rauscht ab und zu – und ich erinnere mich an die Zeit von Radio Beromünster, als nachts immer wieder ein algerischer Sender dazwischenfunkte. Das Rauschen und Knacken – es gehört zum Radio seit 1912, als die Physikabteilung der Uni Basel die erste Radioantenne aufspannte: zwischen einem Uhrmacheratelier am Nadelberg und dem Turm der Peterskirche.

Das Rauschen war den Radiotechnikern seit jeher ein Dorn um Ohr: Alle neuen Radiotechniken versuchten, ihm zu Leibe zu rücken – mithilfe der Mittel-, der Kurz-, der Ultrakurzwelle. Und heute nun machen ihm drei Buchstaben endgültig den Garaus: DABDigital Audio Broadcasting, zu deutsch: digitales Radio. Zugegegeben: In einer Zeit, da alles Alte analog und schlecht ist und alles Neue digital und gut, klingt das wenig spektakulär.

Und das ist falsch. Denn DAB ist eine kleine Radiorevolution. DAB ist Radio in HiFi-Qualität, egal, ob zuhause oder im Auto. Ihr Programm hat dabei immer dieselbe Frequenz – vorbei ist das lästige Herumfingern am Autoradio, wenn das Echo der Zeit mal wieder im Rauschen verhallt ist. DAB funkt nicht mehr wie UKW, sondern bündelt die Töne von bis zu einem Dutzend Stationen in einem einzigen Datenstrom. Das Hantieren mit Frequenzen ist passé: Ein DAB-Radio zerlegt die empfangenen Daten und präsentiert Ihnen Ihr Lieblingsprogramm mit seinem vollen Namen, mit der gespielten Musik und vielem mehr. DAB-Programme gibt’s in der Schweiz immer mehr – seit 1999 alle SRG-Programme, seit 2008 dazu über ein Dutzend privater Radios jeder Couleur.

Doch selbst wenn digitale Technik angeblich die Welt zum Dorf macht – der algerische Sender von einst jedenfalls ist mit DAB in unerreichbare Ferne gerückt.

Damoklesschwert

Ob Schuldenkrise oder Klimaerwärmung: An Damoklesschwertern ist kein Mangel. Warum das Schwert über unseren Köpfen hängt, hat uns im Jahr 45 v. Chr. der römische Politiker Marcus Tullius Cicero erzählt. Damokles, ein Höfling, war im Palast von Dionysios eingeladen, dem Tyrannen der sizilianischen Stadt Syrakus. Er bestaunte die opulente Tafel, wandte sich an den Gastgeber und bekannte, wie sehr er ihn um diesen ungeheuren Reichtum beneide. Der Fürst schmunzelte und bot Damokles an, es doch einfach selbst ausprobieren und einen ganzen Tag lang in die Herrscherrolle zu schlüpfen.

Damokles war begeistert: Gebadet und mit kostbaren Ölen parfümiert, liess er sich auf dem goldenen Thron nieder, und vor ihm wurden die erlesensten Speisen aufgetürmt. Da glitt sein Blick in die Höhe, und über sich sah Damokles ein Schwert in der Luft schweben, aufgehängt an einem einzigen Pferdehaar. Die bösartig funkelnde Spitze war drohend auf seinen Kopf gerichtet – als Zeichen dafür, dass Macht und Luxus nur um den Preis tödlicher Gefahr zu haben sind. Schlagartig verging Damokles der Appetit, vergessen waren Diener und Delikatessen, und er floh in Panik.

Die Geschichte ist uralt – Cicero hat sie vermutlich beim griechischen Geschichtsschreiber Diodoros gelesen und in einer seiner philosophischen Schriften als Beispiel für nur allzu vergängliches Glück aufgeführt. Seitdem hängt ein sprichwörtliches Schwert über dem Scheitel eines jeden, der die Gefährlichkeit seines Tuns zwar erkennt, die Bedrohung um der Bequemlichkeit willen aber in den Wind schlägt.

Das war auch beim Tyrannen Dionysios im 4. Jahrhundert v. Chr. nicht anders: Machtkämpfe und ein bewaffneter Putsch machten seiner Dynastie ein gewaltsames Ende.

Datei

Kaum ein Wort treibt uns um wie «Datei». Spätestens wenn die Worte «nicht gefunden» am Bildschirm prangen, steigt der Blutdruck in ungesunde Höhen. Das Wort klingt nach staubigem Kontor, doch tatsächlich ist «Datei» ein Kunstwort aus der Feder des Deutschen Instituts für Normung (DIN). Es ist ein Zusammenzug aus «Daten» (von lateinisch datum, «das Gegebene») und der althergebrachten Kartei.

Ob Text, Bild oder Ton: Erst als Datei kann der Computer mit Inhalten umgehen. Die Datei ist die digitale Entität schlechthin, und sie ist Teil der sogenannten «Schreibtischmetapher», die versucht, abstrakten digitalen Inhalten einen gegenständlichen Anschein zu geben. Die Datei ist eine zusammenhängende, maschinenlesbare, auf einem Datenträger dauerhaft gespeicherte Menge von Informationen. Sie war ein Meilenstein der Computergeschichte: Die ersten elektronischen Rechner waren zwar in der Lage, komplexe Berechnungen durchzuführen, aber die Ergebnisse waren flüchtig; ein Speichern war nicht möglich. Der erste Speicher war eine vom amerikanischen Konzern RCA entwickelte Elektronenröhre, die im Februar 1950 vom Wissenschaftsmagazin «Popular Science» als bahnbrechende Erfindung gefeiert wurde. Diese Röhre wies den Weg in die Zukunft – in einer Zeit, in der das englische Wort file noch «Aktenhefter» oder allenfalls «Lochkarte» bedeutete. Dateisysteme, wie wir sie heute nutzen, wurden erst durch Computer möglich, die in den 1960-er Jahren entwickelt wurden.

Seit Jahrzehnten ist die Datei buchstäblich in aller Munde. Doch allmählich hat ihre letzte Stunde geschlagen: Auf Smartphones und Tablets gibt’s nur noch Texte und Songs, Fotos und Filme. Die Datei wird allmählich abgelöst von dem, worauf es wirklich ankommt: dem eigentlichen Inhalt.