Pyjama

Der Pyjama ist nicht bloss ein Fall fürs Bett, sondern auch für die Wissenschaft. 2013 hat die amerikanische National Sleep Foundation belegt, dass der Pyjama der beliebteste Schlafanzug der Welt ist – laut einer gross angelegten Studie zumindest in den USA, in Kanada, Mexiko, Grossbritannien, Deutschland und Japan. Das Nachthemd, der Trainingsanzug, Unterwäsche oder auch gar nichts – all das kommt statistisch gesehen nicht an den Pyjama heran.

Der Pyjama stammt aus dem mittleren Osten und aus Indien. Pāy-jāmeh hiess auf persisch ursprünglich nichts anderes «Beinkleid», und über Indien und England kam beides, Wort und Hose, nach Europa. Die britischen Kolonialherren hatten die bequeme, leichte Kleidung Mitte des 17. Jahrhunderts in Indien kennengelernt. So wurde der Pyjama in Europa zu einer leichten Freizeithose – und geriet, wie so manche Mode, bald wieder in Vergessenheit. In den 1870er-Jahren aber blühte der Handel zwischen Indien und Grossbritannien auf, und auf einmal waren Stoffe wie Baumwolle oder Seide in grossem Stil verfügbar. Und damit begann sozusagen die Renaissance des Pyjamas. Zur leichten Hose kam ein Hemd mit Knöpfen, und bis zum Ende des Ersten Weltkriegs hatte der Pyjama das davor für Männer und Frauen übliche Nachthemd verdrängt. In den 1930er-Jahren kam gar der Strandpyjama in Mode, eine leichte, weite Frauenhose für den Urlaub am Meer.

Auch in China hat sich der Pyjama durchgesetzt, als Zeichen des Wohlstandes seines Besitzers. Trotz behördlicher Kampagnen gegen dieses «unzivilisierte» Benehmen ist es in einigen Städten bis heute üblich, im Pyjama aus dem Haus zu gehen und einzukaufen.

Reisen

Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen, dichtete Matthias Claudius im 18. Jahrhundert. Heute haben wir eine Menge zu erzählen, denn nie ist die Menschheit so oft und so weit gereist wie heute. Das Bundesamt für Statistik hat errechnet, dass 2005 jeder Schweizer und jede Schweizerin 10 Tagesreisen unternommen haben, dazu 2,7 Reisen, die mehr als einen Tag dauerten. Tagesreisen fanden innerhalb der Schweiz statt, jede zweite Reise mit Übernachtungen dagegen ging ins Ausland.

Nur: Was die Statistiker als Reise bezeichnen, ist uns längst nicht mehr in jedem Fall als Reise bewusst. Wenn wir mit dem Zug nach Bern fahren und ins Museum gehen, nennen wir das einen Ausflug. Das ist noch nicht lange so: Jeremias Gotthelf alias Albert Bitzius beschreibt anschaulich in seinem kaum bekannten Roman «Jakobs Wanderungen», was Reisen in den 1840er Jahren bedeutete: Titelheld Jakob «trappete also durch den Kot dahin, den kürzesten Weg nach Paris über Bern Genf zu, von wo es gar nicht mehr weit bis Paris sei, wie er aus sicheren Quellen vernommen hatte. Indessen die Wege von Zürich gegen Bern hin sind grausam lang, sei es Kot, sei es Staub.»

Eine Reise war seit jeher grosses Unterfangen: Im Mittelalter war eine Reise ein Aufbruch – auf eine Handelsreise, in die Emigration, auf einen Kriegszug. Der Ursprung ist das althochdeutsche risan, das steigen hiess, und ebenso fallen. Beide Bedeutungen gibt es heute noch: als «steigen» im englischen to rise – als «fallen» im deutschen rieseln.

Heute ist Reisen ein Klacks. Wir steigen ins Auto, in den Zug, ins Flugzeug, und reisen lässt es sich so angenehm, wie sich das Gotthelfs Jakob nie hätte träumen lassen. Übrigens: Reisen tun wir vor allem privat: Nur jede achte Reise, so fanden die Statistiker des Bundes heraus, dient geschäftlichen Zwecken.

Rubikwürfel

Alea iacta est.

«Der Würfel ist gefallen» – an jenes legendäre Zitat Julius Cäsars wird auch einer gedacht haben, der mit Macht und Politik nichts, dafür mit Design und Architektur ganz viel im Sinn hatte: Ernö Rubik, Jahrgang 1944 und Dozent an der Hochschule für industrielle Kunst in Budapest, ersann den Rubikwürfel, um das räumliche Vorstellungsvermögen seiner Studenten zu trainieren.

Der Rubikwürfel hat eine Kantenlänge von etwas weniger als sechs Zentimetern, besteht aus insgesamt 26 Teilwürfeln, deren Flächen mit farbiger Folie beklebt sind und deren Anordnung jede Menge Kopfzerbrechen bereitet. Denn alle drei Würfelebenen lassen sich in jeder Raumachse drehen, was eine immense Zahl an Kombinationen zulässt – insgesamt, so rechnen Mathematiker vor, gibt es mehr als 43 Trillionen Möglichkeiten, den bunten Würfel zu verdrehen. Nur eine einzige allerdings ist die richtige – die nämlich, die am Ende auf jeder Seite eine einfarbige Fläche zeigt.

Der Würfel, 1975 patentiert und heute fast so berühmt wie Cäsars Diktum, hielt bald Einzug in den kapitalistischen Westen. 1981 erreichte die Würfelmanie ihren Höhepunkt. 160 Millionen Würfel – aus britischer und amerikanischer Produktion, aber auch in Form fernöstlicher Billigprodukte – wurden schon damals verdreht und verdreht und verdreht, mit endloser Geduld und in der Regel ohne Erfolg. Bis das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» ein Einsehen hatte und in Ausgabe Nummer 4/1981 eine Komplettlösung veröffentlichte.

Das tat dem Zauber des Würfels keinen Abbruch: Die jüngsten Rubikwürfel drehen sich im Web und auf dem iPhone, und an offiziellen Meisterschaften im so genannten speedcubing messen sich die Besten. Weltrekordhalter ist der Holländer Erik Akkersdijk – 2008 schaffte er den Rubikwürfel in 7,08 Sekunden.

Schach

Schach ist ein Spiel mit Geschichte. Und wenn man’s genau nimmt, ist es sogar ein Spiel mit Geschichten – einer wahren und einer erfundenen.

Schach
Die wahre ist rasch erzählt: Man nimmt an, dass das Schach zwischen 500 und 100 v. Chr. in Indien entwickelt wurde. Seinen Namen erhielt es im alten Persien – Schach heisst auf Persisch «König». Araber brachten das Spiel über Nordafrika bis nach Spanien, und von da kam es ums Jahr 1000 nach Mitteleuropa. Seitdem hat das Schachspiel tatsächlich eine ganze Reihe von Königen gekrönt: Boris Spasski, Bobby Fischer, Anatoli Karpow – und einer dieser Schachkönige, Garri Kasparow, wurde 1997 von einem ungleichen Gegner entthront: von «Deep Blue», dem von IBM gebauten Schachcomputer.

Viel weniger profan ist die andere, die erfundene Geschichte: von einem Weisen namens Sessa Ebn Daher, der, so die Legende, das Schachspiel für seinen schwermütigen König Shehram erfunden hat. Der König war von diesem Spiel so begeistert, dass er dem weisen Sessa die Erfüllung eines Wunsches gewährte.

Der Weise lächelte – und bat um nichts weiter, als dass ihm auf das erste Feld des Schachbretts ein Weizenkorn gelegt werde, auf das zweite zwei, auf das dritte vier – und so immer weiter, immer auf das nächste Feld doppelt soviel wie auf das vorherige.

König Shehram war sehr ungehalten über diesen lächerlichen Wunsch – jedenfalls so lange, bis seine Hofmathematiker zu Ende gerechnet hatten. Zur Erfüllung des Wunsches hätte nämlich aller Reichtum der Welt nicht ausgereicht. Fällig gewesen wären am Ende mehr als 18 Trillionen Weizenkörner, eine Zahl mit 20 Stellen. Und soviel Weizen gibt es auf der ganzen Welt nicht – es sei denn, die ganze Erdoberfläche inklusive aller Meere und Polkappen, wäre fruchtbares Ackerland und würde zehn Jahre lang ausschliesslich mit Weizen bebaut.

Es gibt Geschichten, die so faszinierend sind, dass sie so etwas wie profane Wahrheit gar nicht nötig haben.

Serviette

Wenn’s um Tischmanieren geht, waren die alten Römer Barbaren. Im «Gastmahl des Trimalchio», das uns der römische Dichter Titus Petronius in seinem Roman «Satyricon» vor Augen führt, tragen Dutzende Sklaven die erlesensten Speisen auf: In Honig und Mehl gebackene Haselmäuse, mit lebendigen Drosseln gefüllte Kuchenteigschweine und in Pfeffersauce schwimmenden Bratfisch. Unerlässliches Requisit dieses Inbegriffs der Dekadenz: Die lateinische mappa, die Serviette. Genaugenommen waren es deren zwei: Die grössere diente dazu, die mit teuren Stoffen bezogene Liege vor Flecken zu bewahren, die kleinere wurde in der linken Hand gehalten und diente als Mundtuch.

Mit Rom ging im 5. Jahrhundert auch die Serviette unter. Im dunklen Mittelalter pflegte man sich den Mund mit dem Ärmel und die Finger mit dem Tischtuch abzuwischen. Erst im 16. Jahrhundert entdeckte der Adel die Serviette neu. Das französische Wort bedeutet wörtlich «kleine Dienerin», und tatsächlich pflegten Bedienstete mit dem «Tellertuch», wie es auf Deutsch hiess, das Gedeck der hohen Gäste abzuwischen.

Ob Damast, Leinen oder Papier: Ohne Serviette nehmen wir heute keinen Happen mehr zu uns. Bei McDonald’s gibt’s zum Burger gleich ein halbes Dutzend davon. Meistens jedenfalls: Der 59-jährige Webster Lucas hatte Anfang 2014 zu seinem Big Mac eine einzige Papierserviette erhalten; eine zweite sei ihm, seiner Hautfarbe wegen und «aus rassistischen Gründen», verweigert worden. Einen Gratis-Burger zur Beschwichtigung schlug Lucas aus und verklagte McDonald’s stattdessen auf Schadenersatz. Im Umfang von 1,5 Millionen Dollar.