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Appeasement

«Appeasement», sagt das Lexikon der Bundeszentrale für politische Bildung, «steht in den internationalen Beziehungen für eine Politik der Zurückhaltung, der Beschwichtigung und des Entgegenkommens gegenüber aussenpolitisch aggressiven Staaten, zum Beispiel die britische Politik gegenüber dem Deutschen Reich vor 1939». To appease ist Englisch und heisst «abwiegeln», «besänftigen». Englands Premier Neville Chamberlain glaubte daran, dass Deutschland nach seiner Niederlage im Ersten Weltkrieg übel behandelt worden war und ein Entgegenkommen gegenüber Adolf Hitler einen neuen Krieg würde verhindern können. Aussenminister Anthony Eden wollte von dieser Leisetreterei nichts wissen und wurde prompt durch Lord Halifax ersetzt, der über beste Beziehungen zu Deuschland verfügte. «Obwohl vieles im System der Nazis England fundamental bedrohte», schrieb der in sein Tagebuch, «war ich gegenüber Hitlers Errungenschaften nicht blind, insbesondere seiner Leistung, den Kommunismus aus seinem Land herauszuhalten.» Da hatte Hitler die KPD bereits verboten und ihre Funktionäre ins KZ werfen lassen.

Ihren Gipfel erreichte die britische Appeasement-Politik im Münchner Abkommen von 1938, das den Nazis die Annexion der tschechischen Sudetengebiete erlaubte. «Peace for our time» – den Frieden habe er damit gesichert, verkündete stolz der Premier in London. Doch schon ein halbes Jahr später, als Nazideutschland auch die übrige Tschechoslowakei besetzte und das Abkommen brach, wurde Chamberlain klar, dass seine Politik kläglich gescheitert war.

Seither hat «Appeasement» einen schalen Beigeschmack. Hardlinern dient der Begriff regelmässig als Warnung vor einem möglichen Scheitern: vor den Kriegen auf den Falklands, am Golf, im Kosovo, im Irak – und heute gegenüber dem Iran.

Styropor

Träume sind Schäume, und Styropor ist ein Traum von einem Schaumstoff. Er ist billig, leicht, formbar, dabei aber druckfest, wetterfest, isoliert gegen Strom und gegen Kälte, lässt sich mit heissem Draht schneiden und nach Gebrauch vollständig wiederverwerten. Wir kennen den Stoff als Platte, die Häuser isoliert, und als Verpackung, die Eier und Computer schützt.

Am Anfang stand der Zufall. 1835 kaufte der Berliner Apotheker Eduard Simon eine Menge Harz des Amberbaums, der auf Rhodos und in der Türkei wächst. Dieses Harz namens «Styrax» wurde seit jeher für Arznei, Räucherwerk und Parfüm genutzt. Simon destillierte das Harz, erhielt eine klare Flüssigkeit, die er «Styrol» nannte, und wenn er das Wässerchen ein paar Monate lang stehen liess, war es auf einmal keines mehr, sondern vielmehr eine dickflüssige Masse – eine Substanz namens «Polystyrol», der Vater des Stoffs, aus dem die Schäume sind.

Gut 100 Jahre später experimentierte der BASF-Chemiker Fritz Stastny weiter, vergass dabei prompt eine der Proben – und erlebte sein blaues Wunder: «Klare Lösung bei Raumtemperatur bis 1. Dezember 1949 gelagert», schrieb er in sein Laborjournal. «Durchsichtige harte Scheibe entnommen. Diese Scheibe, die in einer Schuhcremedose im Trockenschrank vergessen worden war, verwandelte sich in den folgenden 36 Stunden zu einem kleinen Schaummonster. Der Dosendeckel sass neckisch wie eine Baskenmütze auf einem 26 Zentimeter hohen Schaumstrang.»

Damit war der Styropor erfunden. Nur auf einen einheitlichen Markennamen konnte man sich nie einigen, und so heisst der Stoff von Land zu Land anders: in Deutschland «Styrodur», in Österreich «Austrotherm», in Ungarn «Hungarocell» und in der Schweiz «Sagex».

Cyborg

«I’ll be back» – «Ich komme wieder»: So klang 1984 die Stimme des «Terminators» Arnold Schwarzenegger, des wohl berühmtesten aller Cyborgs. Das Wort ist ein Zusammenzug aus «kybernetisch» und «Organismus» – und der Cyborg namens Schwarzenegger ein Multitalent: Erfolgreicher Bodybuilder, Hollywood-Filmschauspieler und von 2003 bis 2011 gleich auch noch Gouverneur des US-Bundesstaats Kalifornien.

Cyborg
Erfunden hat die Cyborgs aber nicht der berühmte Muskelmann, sondern ein 1925 geborener Wissenschaftler namens Manfred Clynes, auch er ursprünglich ein Österreicher – und dazu ein Universalgenie: Clynes, ein persönlicher Freund Albert Einsteins, war ein brillanter Pianist, der biologische Gesetze entdeckte, einen Hirnröntgencomputer erfand und, im Jahr 1960, das «Cyborg-Konzept» veröffentlichte. Laut Clynes ist ein «Cyborg» eine Einheit aus Mensch und Maschine, die in unwirtlichen Umgebungen die Lebensfunktionen maschinell aufrechterhält. «Ich dachte, es wäre gut, ein Konzept zu entwickeln, das es Menschen ermöglicht, sich von den Beschränkungen ihrer Umwelt so weit zu befreien, wie sie es wünschen», gab Clynes später zu Protokoll.

Taucher mit ihren Sauerstoffflaschen oder Kampfpiloten, die in ihren Jets Sauerstoffmasken trugen, waren also per definitionem die Cyborgs der ersten Stunde, und folgerichtig war es die Weltraumbehörde Nasa, die Clynes‘ Konzept aufgriff und Systeme entwickelte, die (etwa in Form eines Raumanzugs) ein Überleben ermöglichten, wo Leben sonst unmöglich wäre. Der Gipfel dieser Entwicklung hiess «Apollo 11», und 1969 machte der Cyborg namens Neil Armstrong stolpernd Geschichte mit dem Satz: «Ein kleiner Schritt für einen Menschen, doch ein grosser Sprung für die Menschheit.»

Zwickelerlass

Sommer 1932. Die Weltwirtschaftskrise tobt, Unternehmen schliessen zu Tausenden ihre Tore, die Weimarer Republik taumelt ihrem Ende entgegen. Die deutsche Politik müht sich ab, sieben Millionen Arbeitslose zu ernähren und zu kleiden. Nur der konservative Beamte Franz Bracht hat andere Sorgen. Und denkt sich flugs eine Notverordnung aus, die ausgerechnet eine hinreichende Bekleidung von Badenden durchsetzen soll.

§ 1. Das öffentliche Nacktbaden oder Baden in anstössiger Bekleidung ist verboten.

So lautet am 18. August 1932 die neue Bestimmung des strammen Katholiken Bracht. Berlin wundert sich, frönt aber unbeirrt seiner Freizügigkeit, und am 28. September legt der erzürnte Sittenwächter nach:

§ 1.1. Das öffentliche Nacktbaden ist untersagt.

§ 1.2. Frauen dürfen öffentlich nur baden, falls sie einen Badeanzug tragen, der Brust und Leib an der Vorderseite des Oberkörpers vollständig bedeckt, unter den Armen fest anliegt sowie mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist.

§ 1.3. Männer dürfen öffentlich nur baden, falls sie wenigstens eine Badehose tragen, die mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist.

Die Wirtschaft lag darnieder, Menschen hungerten, und da verordnete ein stellvertretender Reichskommissar den Badenden doch tatsächlich einen «Zwickel», wie das dreieckige, von Gesetzes wegen exakt im Schritt auf die Badehose aufzunähende Stoffdreieck hiess. Berlin nahm’s mit Humor: Dutzende Kabarettisten zehrten von der obrigkeitlichen Regulierungswut, und das Publikum prustete. Bis vier Monate später, am 30. Januar 1933, Adolf Hitler dem fröhlichen Treiben ein düsteres Ende setzte.

Hobbit

Sie sind nur halb so gross wie wir, werden oft ein wenig rund um die Leibesmitte, tragen keine Schuhe, essen viel und lachen gern, und sie hassen alles, was ihre Beschaulichkeit stört: die Hobbits. Sie leben in einem Idyll namens «The Shire», geschaffen von John Ronald Reuel Tolkien. In «The Hobbit» und dem sechsteiligen Epos «The Lord of the Rings» hat Tolkien der Welt Fantasy-Literatur beschert, die heute zur Weltliteratur zählt. Unnötig, zu sagen, dass die beiden Hobbits Bilbo und sein Neffe Frodo Baggins ihre notorische Abneigung gegen Abenteuer notgedrungen überwinden. Aber davon erzählen, neben Tausenden von Buchseiten, mittlerweile auch die in Neuseeland gedrehte Filmtrilogie «Der Herr der Ringe», die – mit einem Budget von 280 Millionen Dollar gedreht – mit 17 Oscars prämiert wurde und weltweit gegen drei Milliarden Dollar eingespielt hat.

In Vergessenheit gerät da gern der, dem die Welt die Hobbits verdankt: J.R.R. Tolkien. Der war nicht nur ein passionierter Schreiber mit einer blühenden Fantasie, sondern vor allem Professor und einer der führenden Philologen seiner Zeit. Neben seinen Hobbit-Abenteuern widmete sich Tolkien der alt- und mittelenglischen Literatur, je spannender, desto besser: «Gawain und der grüne Ritter», von Tolkien übersetzt und kommentiert, ist so etwas wie ein Fantasy-Thriller des Mittelalters.

«The Hobbit», dieses Urwerk der Tolkien’schen Fantasiewelt, am 21. September 1937 in London erschienen, entstand beim Erzählen von Gutenachtgeschichten – Tolkien war ein hingebungsvoller Familienvater – und beim Korrigieren von Schülerarbeiten. Auf der Rückseite eines besonders langweiligen Papiers notierte er schon Ende der Zwanziger die ersten Worte des Romans, der Geschichte schreiben sollte:

In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit.