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Euphemismus

In der Antike war Rhetorik eine hoch angesehene Wissenschaft, und ohne das Beherrschen der kunstvollen Rede war eine Laufbahn als Anwalt, Politiker oder Heerführer undenkbar. In Rhetorikschulen wie der des Apollonius Molon auf Rhodos büffelten selbst Redner aus dem fernen Rom wie Marcus Tullius Cicero die Formen des geschliffenen Vortrags bis zum Umfallen. Bis heute tragen die rhetorischen Formen griechische Namen.

Eine davon ist der Euphemismus. Sein Name kommt von euphemein, «Gutes berichten». Der Euphemismus ist ein Hüllwort, eine abmildernde, oft beschönigende Umschreibung für einen schwierigen, anstössigen Sachverhalt oder gar für ein Tabu. Anzutreffen ist er besonders häufig im Bereich von Sexualität, von Krankheit und Tod. Wenn er auf dem Betriebsausflug die fette Firmenchefin «mollig» macht, dann ist der Euphemismus noch ausgesprochen nett. Wenn das Altersheim allerdings in «Seniorenresidenz» umbenannt wird, die dann nicht mehr von Putzfrauen, sondern von «Raumpflegerinnen» gereinigt wird, dann fängt das Verschleiern an. Wahre Beschönigungsvirtuosen sind die Manager und Politiker: Die einen reden von «Humankapital» und meinen damit Arbeiter, deren Ausbildung und Entlöhnung viel zuviel Geld kostet, und von «Restrukturierung», wenn sie sie am Ende in Massen entlassen. Die anderen haben Unwörter wie «Kollateralschäden» und «ethnische Säuberungen» auf dem Gewissen – und damit unschuldige Kriegsopfer bis hin zum Völkermord. Kein Wunder, dass der Euphemismus, ursprünglich ein Stilmittel der Rhetorik, derart in Verruf geraten ist.

Dabei wäre er eigentlich der hübschere – sein hässlicher Bruder nämlich ist der Dysphemismus: Dessen Ziel ist die eigentliche Schmährede, von der Abwertung einer Person oder Sache bis hin zum handfesten Schimpfwort.

Shitstorm

Das Wort gehört eindeutig nicht zum guten Ton, und doch entfährt es uns so manches Mal, wenn – Sch…! – Verzeihung, so manches Mal, wenn uns etwas misslingt. Auch die englische Übersetzung sh… ist im Schwang, und wenn sich die gleich kübelweise über den Urheber eines Blogs oder einer Facebookseite ergiesst, in Form von Schimpf-und-Schande-Kommentaren im Minutentakt, dann spricht man von einem Shitstorm. Wenn man das fremde Fäkalwort meiden wollte, könnte man wie der Duden von «Empörungswelle» sprechen, oder, wie die Gesellschaft für deutsche Sprache vorschlägt, von «Netzhetze». Vergeblich. Wenn im Web ein Entrüstungssturm losbricht, wenn es Schmähungen nur so hagelt, dann spricht man neudeutsch von einem Shitstorm.

Das Wort erfreut sich einiger Beliebtheit. In der Schweiz wurde «Shitstorm» 2012 gar zum Wort des Jahres gekürt. Betroffen ist der Politiker, der sich seinen Doktortitel erschummelt hat, ebenso wie der Konzern, der betrügerischer Absprachen überführt wird. Für den Shitstorm gibt es eine Art Beaufort-Skala: von 0 (Windstille, keine kritischen Rückmeldungen) bis 6 (ungebremste Polemik eines aufgepeitschten Publikums, Orkan). Wenn ein solcher Sturm erst einmal so richtig tobt, dann reichen die Ratschläge selbsternannter Krisenkommunikationsexperten von Abschalten betroffener Webseiten bis hin zu fieberhafter Versöhnungshektik. Und alles taugt dann in etwa so viel wie das Aufspannen eines Regenschirms inmitten des Tornados.

Immerhin: Wie alle Stürme zieht auch der Shitstorm weiter. Irgendwann. Und die gebeutelten Social-Media-Manager mögen sich trösten mit der Erkenntnis, dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können. Wie sagt doch der Volksmund? Wenn Dir ein Vogel auf den Kopf sch…, dann sei froh, dass Elefanten nicht fliegen können.

Avatar

Wenn Sie Ihrer Figur in Ihrem Lieblingsgame oder auf Twitter ein Gesicht verleihen – ein Foto oder eine Grafik –, dann nennt man diese Figur Avatar. Der Avatar ist unser virtuelles Selbst in der Brave New World des Internet, und spätestens seit 2009 und dem 3D-Kinospektakel dieses Namens, das seinen Machern gegen drei Milliarden Dollar in die Kassen gespült hat, ist das seltsame Wort auch im Deutschen angekommen. Mit Web oder Kino hat der Avatar hat allerdings nicht das mindeste zu tun: Das Wort stammt aus der altindischen Tempelsprache Sanskrit und ist der Name für einen vom Himmel herabgestiegenen Gott oder für die Verkörperung einer göttlichen Eigenschaft in Form eines Menschen oder Tiers. Im Hinduismus ist der Avatar ein Gefährte, ein Lehrer des Menschen auf seinem Weg hin zur Vollkommenheit.

Doch Nerds, ganz besonders die Programmierer von Computergames, haben einen unbezähmbaren Hang zum Profanen. Schon 1986, notabene drei Jahre vor der Geburt des World Wide Web, brachte die Firma des Star-Wars-Produzenten George Lucas in Kalifornien ein Game für den Commodore C64 auf den Markt. Das Spiel hiess «Habitat» und entführte den Spieler via Telefon, Akustikkoppler und Modem in ein virtuelles Universum. In «Habitat» hiessen die Figuren der Gamer zum ersten Mal «Avatar», und das Game erwies sich als so erfolgreich, dass seine Nachfolger wie zum Beispiel «World of Warcraft» heute Jahr für Jahr Milliarden einspielen. In einem Projekt mit dem Namen «2045 Initiative» arbeitet der 32-jährige russische Multimillionär Dimitri Itskow gar daran, einen buchstäblich unsterblichen Roboter zu schaffen, in Menschengestalt und Massenproduktion, mit einem ausdrucksfähigen künstlichen Gesicht, menschliche Intelligenz, Bewusstsein und Persönlichkeit inbegriffen. Sein Name: «Avatar».

Tabelle

Wann immer wir eine schwierige Entscheidung treffen – was spricht dafür? was dagegen? – dann erstellen wir eine Tabelle. In der Wissenschaft heisst sie matrix, auf Lateinisch «Gebärmutter», doch auf Deutsch ist die Darstellung in waagrechten Zeilen und senkrechten Spalten ganz einfach eine Tabelle. Im Grunde ist zwar auch das Latein und heisst «Brettchen» oder «Gedächtnistäfelchen», doch schon Goethe war die Tabelle als Ordnungsprinzip vertraut, als er 1809 seine Farbenlehre entwarf und überlegte, ob er auch eine Tonlehre in Angriff nehmen sollte. In Form einer «ausführlichen Tabelle», versteht sich.

Die Tabelle ist so etwas wie die kognitive Allzweckwaffe des modernen Menschen. Vor- und Nachteile, Namen und Daten – alles pflegen wir säuberlich in Zeilen und Spalten zu gliedern. In der Informatik die Datenbank, in der Wirtschaft die Bilanz, in der Chemie das Periodensystem – alles Tabellen. Und 1979 schliesslich schrieben die beiden knapp 30-jährigen Informatiker Dan Bricklin und Bob Frankston für den «Apple II» ein Programm namens Visicalc, das in Tabellen rechnen konnte: Jede einzelne Zelle konnte alle nur erdenklichen Berechnungen durchführen. «Visicalc» machte den Computer zu einer unendlichen Menge von Taschenrechnern, und das so, dass jedermann das auf Anhieb verstand. Ohne diese Urmutter aller Tabellenkalkulationen wäre der Computer kaum geworden, was er heute ist, und was Menschen alles in Tabellen speichern, wollen wir lieber gar nicht erst wissen.

Bei Goethe war die Tabelle noch eine mit Feder und Tinte geschriebene Liste von Gedanken, ein Gedächtnistäfelchen eben. Ihr Nachfolger hat noch immer die Form eines Brettchens, ist aber mittlerweile ein Hochleistungscomputer und nennt sich Handy.

zip

Nach dem Rad ist der Reissverschluss die wohl bedeutendste Erfindung der Geschichte: Ein Kleidungsstück, eben noch offen, ist – zip – zu. Weil das schneller geht, als man hingucken kann, heisst das auf Englisch to zip.

Tempo, das wollte auch der amerikanische Programmierer Phil Katz. Er schrieb ein Programm, das beliebig viele Dateien komprimierte und in eine einzige Datei packte, und dazu ein zweites, mit dem man sie wieder auspacken und in ihrer ursprünglichen Verzeichnisstruktur speichern konnte. Beides war so effizient, dass Katz seine Software «PKzip» nannte – PK wie Phil Katz, zip, schnell wie ein zipper.

Phil Katz war mehr Genie als Unternehmer. Seine Erfindung, das zip-Format, das Mathematiker heute noch staunen lässt, gab er zur kostenlosen Nutzung frei. Dass seine Firma PKware Inc. heute noch existiert, ist das Verdienst seiner Mutter Hildegard, die sich ums Büro und die Kunden kümmerte, wenn sich Katz – nicht immer, aber immer öfter – volllaufen liess. Dennoch war die zip-Software ein Erfolg. Andere Kompressionsprogramme taten dasselbe, nur schlechter, und PKzip fegte sie förmlich vom Markt. Heute kann jeder Computer Dateien per Mausklick zippen und entpacken. Und nicht nur das: Italienische Linguisten zippen mittelalterliche Texte, deren Urheber bisher unbekannt waren. Und siehe da: Die individuelle Kompressionsrate, eine Art Fingerabdruck des Verfassers, erlaubt es, den anonymen Text einem bekannten Autor zuzuweisen.

Der zip-Algorithmus zählt heute zu den Meilensteinen der Computerentwicklung. Sein Schöpfer dagegen, Phil Katz, starb im Jahr 2000, erst 37-jährig, paranoid, vereinsamt, in einem billigen Hotelzimmer in Milwaukee, Wisconsin, in den Händen seine letzte Flasche Pfefferminzschnaps.