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Herrlich, dämlich

Was eine rechte Feministin ist, hat es immer schon gewusst: Die Unterdrückung der Frau in einer Welt der Männer hinterlässt Spuren – im Gemüt und in der Sprache. Herren sind herrlich, Damen einfach dämlich. Über den Einfluss von Sprache auf Denken und Handeln wurden schon ganze Bibliotheken geschrieben. In diesem Fall allerdings zu Unrecht. Denn «herrlich» hat mit Männern ebensowenig zu tun wie «dämlich» mit Frauen.

«Herrlich» kommt vom althochdeutschen hêr, das «glänzend» und «hervorragend» hiess. «Hehr» kommt heute etwas gar pathetisch daher, was unter anderem am Schweizerpsalm liegt, wonach «Gott im hehren Vaterland» wohnen soll. Schon früh wurde «hehr» allerdings mit den Herren der Schöpfung in Verbindung gebracht, weshalb sich Betonung und Schreibweise fälschlicherweise an «Herr» angeglichen haben.

«Dämlich» auf der anderen Seite stammt von einem heute vergessenen Verb ab, das dämeln und noch früher temelen hiess und «schlaftrunken sein» oder «taumeln» bedeutete, aber auch «dummes Zeug faseln», «sich albern benehmen» oder «nicht ganz bei Sinnen sein». Der Ursprung von «dämlich» ist Jahrtausende alt und geht allein schon deshalb nicht auf «Dame» zurück, weil die von der lateinischen domina abstammt und erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Deutschen ankam. Dass es nicht männlicher Chauvinismus war, der Dämlichkeit den Damen zuschrieb, zeigt sich am «Dämlack». Der ist erzdämlich – und ein Mann.

Luise F. Pusch übrigens, Feministin und Sprachforscherin, empfiehlt allen «dämlich» gescholtenen Frauen, eifrig zuzustimmen: Na klar doch! Herren sind herrlich, Damen dämlich, Winzer winzig und ihr Wein zum Weinen.

Talisman

Talisman in Carneol
Gläubigen bringt er Glück und Wohl

So schreibt Goethe in seinem «West-östlichen Divan». Ein Talisman ist ein Glücksbringer, jedenfalls solange wir an ihn glauben. Wie genau der Talisman das bewerkstelligt, ist dabei so rätselhaft wie das Wort. télesma heisst auf Griechisch «Abbild», «Zauberbild» und stammt aus dem alten Byzanz. Im arabischen Plural telsamân wanderte es nach Spanien und Italien ein und kam im 18. Jahrhundert im Deutschen an. In England, Holland, Skandinavien, Frankreich, Spanien, Italien – der Talisman heisst in allen Sprachen so und klingt verheissungsvoll nach Scheherazade und der Zauberwelt des Orients.

Die Vorstellung vom glücksbringenden Zauberbild kommt aus dem alten Mesopotamien, dem Gebiet zwischen den Flüssen Tigris und Euphrat im heutigen Syrien und Irak. Vor allem in den alten Metropolen Babylon und Ninive war es Brauch, jedes Wohnhaus mit einem schützenden Bild zu versehen, einer in Stein gemeisselten, oft rätselhaften Zwittergestalt zwischen Göttern, Menschen und Tieren. Heute ist ein Talisman ein kleiner Gegenstand, oft eine bildliche Darstellung aus Metall oder Halbedelstein, die man in der Tasche oder um den Hals trägt. Glück soll er bringen, und damit ist er gleichsam das Gegenteil des Amuletts, das Unglück abwehren und Krankheiten und bösen Zauber fernhalten soll.

Es ist nicht so, dass Menschen nicht auch hierzulande auf Glücksbringer vertraut hätten: Die Hasenpfote und der Glückspfennig sind uns, was den alten Ägyptern der Skarabäus war. Und wenn wir heute am Kühlergrill eines Lastwagens ein Hufeisen sehen, dann ist das ein fernes Echo der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht.

Galvanisieren

Am 6. November 1780 macht Luigi Galvani eine makabre Entdeckung: Mit Eisen und Kupfer berührt er einen abgetrennten Froschschenkel, und der zuckt zusammen. Was es mit Elektronen und Elektrolyten auf sich hat, versteht Galvani zwar nicht die Spur, aber die tretenden Froschbeine faszinieren ihn aufs Höchste. Elektrische Spannung lässt sich schon lange erzeugen, doch wozu diese rätselhafte Energie gut ist, weiss niemand. Und auf einmal zuckt da ein toter Muskel. Also, folgert Galvani, muss Strom offenbar Leben spenden.

Mit wahrem Feuereifer macht sich die Medizin daran, diese wundersame Wiedererweckung der Toten zu erforschen. Praktischerweise führen die Ärzte ihre Experimente gleich an den Richtstätten durch. Soeben Hingerichteten werden Stromstösse versetzt, die Krämpfe werden gemessen, und das grausige Schauspiel zieht womöglich noch mehr Schaulustige an als zuvor die Hinrichtung selbst.

Lebendig wird keiner mehr. Das nach seinem Entdecker benannte «Galvanisieren» von Toten ist mehr Spekakel als Forschung und wird Anfang des 19. Jahrhunderts überall verboten. Doch mittlerweile wird Elektrizität längst an Lebenden erprobt: zur Behandlung von Nervenkrankheiten, von chronischen Schmerzen, von Schwermut.

Und so hält der Strom Einzug ins ärztliche Inventar. Der grausame Elektroschock, den Milos Forman 1975 in «One Flew Over the Cuckoos Nest» anprangerte, ist zwar Vergangenheit. Aber noch immer wird mit Strom behandelt: Die moderne Elektrokrampftherapie soll schwer depressiven Menschen helfen. Mit Luigi Galvanis zuckenden Froschbeinen hat diese Therapie nichts mehr zu tun: Behandelt wird nach allen Regeln der Kunst – und unter Narkose.

Scrib

Deutschland, England, USA – wie man es dreht und wendet, der Computer ist ein Ausländer. Doch einer seiner Vorfahren war ein echter Schweizer. Und das kam so:

1976 traf Jean-Daniel Nicoud, Physikprofessor an der EPFL Lausanne, auf einem Swissair-Flug nach Boston zufällig einen Vertreter der Lausanner Firma Bobst Graphic. Ein Wort gab das andere, und am Ende waren sich die beiden einig, gemeinsam einen tragbaren Computer für Journalisten zu entwickeln, der Texte speichern und verschicken konnte.

Das Ergebnis hiess «Scrib» und war eine mittlere Revolution. Das in Olivgrün und Beige gehaltene, 16 Kilo schwere Gerät sah aus wie eine elektrische Schreibmaschine und speicherte Texte auf zwei Mikrokassetten à je 8000 Zeichen. Auf der Rückseite befand sich ein 7-Zoll-Bildschirm, den man mithilfe eines ausklappbaren Spiegels sehen konnte, und mit einem Akustikkoppler liessen sich die Texte mit atemberaubenden 300 Bit pro Sekunde in die Redaktionen übermitteln. Nach dem Fussballspiel belagerten also die Reporter die wenigen Telefonkabinen des Stadions, und nach dem Senden folgte stets ein längeres Korrekturgespräch, weil der analoge Zeitimpuls des Münztelefons alle paar Zeilen die Sportprosa in Kauderwelsch verwandelt hatte.

Trotzdem war das Gerät ein Erfolg. Rund 1000 Stück wurden verkauft; 1978 erhielt der «Scrib» in San Francisco gar einen Designpreis. Die Firma Bobst Graphic ging unter, doch die «Scrib»-Maschinen zählten volle zehn Jahre lang zum Inventar von Zeitungsverlagen, die begriffen hatten, dass die Zukunft dem Computer gehört.

Fernbedienung

1950. Der Fernseher ist noch ein edles Möbel aus poliertem Nussbaumholz. «Lazy Bones» heisst das neue Gerät der amerikanischen Fernsehfirma «Zenith». Der Couch potato kann im Sitzen den Sender wechseln, und seine faulen Knochen geraten nur dann in Gefahr, wenn er über die «Lazy Bones» stolpert: Diese erste Fernbedienung der Welt nämlich hängt noch an einem Kabel.

Die Stolperfalle steht in krassem Widerspruch zu den populären Science-fiction-Filmen mit ihren futuristischen Raumschiffen. Eugene F. McDonald Jr. ist ein früherer Navy-Commander und Gründer von «Zenith». Vor allem hasst er Fernsehwerbung. Eine bessere Zapp-Maschine muss her. 1955 präsentiert der Ingenieur Eugene Polley dem Chef, der sich auch in der Firma als «Commander» anreden lässt, die brandneue «Flash-matic». Die sieht aus wie eine Mischung aus Pistole und Duschbrause – und ist im Wesentlichen eine Taschenlampe. Ihr Licht wird von vier Fotozellen in den Ecken des Fernsehapparats erkannt. Zielt der Zuschauer nach oben links oder rechts, wechselt der Sender, die unteren Zellen schalten das Bild oder den Ton aus. Das wäre wirklich Science fiction – wenn nicht ab und zu die Morgendämmerung den Fernseher in voller Lautstärke losbrüllen liesse.

Und so kommt ein anderer Tüftler, der 43-jährige Physiker Robert Adler, auf den Ultraschall. Weil die Fernbedienung aber ohne Batterien funktionieren soll, baut Adler eine Art Taschenklavier mit Klangstäben aus Aluminium, deren unhörbarer Ton vom Fernseher erkannt wird. «Space Command» heisst der Apparat, der das Sofa zur Kommandobrücke und Adler zum Vater der modernen Fernbedienung macht.

Ironie der Geschichte: Adler, zeitlebens ein begnadeter Erfinder, hat das Fernsehen nie gemocht.