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Teigtaschen

Dem wahren Feinschmecker sind sie ein Graus: die Ravioli. Das liegt weniger am Gericht als vielmehr an seiner Verpackung: Seit Generationen gibt es sie, in eintöniger Tomatensauce schwimmend, in Dosen zu kaufen; kurz aufgewärmt, ergeben sie eine hastige Mahlzeit.

Ravioli, diese kulinarischen Einwanderer aus Italien, sind also Fastfood? Von wegen. Teigtaschen aus Hefe, Blätter- oder Nudelteig und mit Gemüse-, Fisch- oder Fleischfüllung sind auf der ganzen Welt heimisch. Ihre Zubereitung ist simpel: Der Teig aus Mehl oder Hartweizengriess, Wasser, Salz und Ei wird flach ausgerollt und zugeschnitten. Jeder Teil wird mit der gewünschten Füllung belegt, mehr oder weniger kunstvoll geschlossen und danach gekocht, gedünstet, gebraten oder frittiert. Das Ergebnis heisst dann je nach Weltengegend Krapfen, Maultaschen, Tortelloni, Kreplach, Piroggen, Empanadas, Pelmeni, Boraki, Wareniki oder Pow. Alle sind sie ein bisschen anders und doch ein bisschen gleich, denn allen ist gemeinsam, dass man von aussen nicht erkennen kann, was drinsteckt.

Und das ist Absicht. Denn zum einen lassen sich so patent die Reste vom Vortag verarbeiten, und zum anderen verbirgt die Tarnung aus Teig diskret, dass die Zutaten nicht zwingend von der allerbesten Qualität zu sein brauchen. Und dann gab es noch diesen einen, ganz besonders gewichtigen Grund: An Freitagen durften fastende Katholiken im Gedenken an den Karfreitag, den Hinrichtungstag Jesu Christi, kein Fleisch essen. Teigtaschen machten es möglich, sich selbst im Kloster hemmungslos der Fleischeslust hinzugeben. Im Schwabenland heissen die Maultaschen daher treuherzig «Herrgottsbscheisserle».

Tipp-ex

Am Anfang war der Tippfehler. Der Radiergummi, der ihn ungeschehen machen sollte, war hart und rauh. Die brachiale Alternative war ein scharfes Taschenmesser, und das Ergebnis konnte durchaus schon mal ein Loch im Papier sein.

Tipp-ex
Die texanische Banksekretärin Bette Nesmith Graham vertippte sich – und dachte nach. «Ein Künstler korrigiert nie, indem er ausradiert», sagte sie später: «Er übermalt. Also habe ich beschlossen, zu tun, was Künstler tun.» Ihr Rezept war eine weisse, wasserlösliche Temperafarbe, mit der sie den Tippfehler bestrich und nach dem Trocknen überschrieb. Jahrelang hielt sie ihre Erfindung geheim und tüftelte weiter, bis sie ihre Mixtur 1956 als «Mistake Out» und später als «Liquid Paper» zu vermarkten begann, als Flüssigpapier. Den Nachteil – der Lack musste immer erst trocknen – machte drei Jahre später der Deutsche Wolfgang Dabisch wett, mit seinen pulverbeschichteten Papierstreifen namens «Tipp-ex».

Der Nutzen war enorm – nicht nur in den Büros dieser Welt, sondern auch in den Laboren der Verhaltensbiologen. Forscher der Goethe-Universität in Frankfurt am Main setzten Vögel in Käfige, deren Boden sie sorgfältig mit «Tipp-ex»-Papierchen beklebt hatten. Beim Hochspringen hinterliessen die Vögel deutliche Kratzspuren – im Herbst nach Norden hin, weil sie nach Süden aufbrechen wollten, im Frühling genau umgekehrt.

Heute, im Zeitalter der Backspace-Taste, ist «Tipp-ex» nur noch eine Erinnerung an beschwerliche Zeiten. Unverzagte Maschinenschreiber kaufen den Lack der Bette Nesmith Graham immer noch: im Fläschchen zu 20 Milliliter und statt dem alten Pinsel mit dem praktischen Auftragschwämmchen.

Abakus

Der Abakus ist ein Gerät, wie es einfacher nicht sein könnte: Ein Holzrahmen, dazwischen aufgespannt eine Reihe von Stäben, auf denen schwarze Perlen aufgereiht sind. Was aussieht wie ein Kinderspielzeug, ist tatsächlich ein raffinierter Rechner, erfunden vor über dreitausend Jahren in Indien und China. Im Mittelalter entdeckten Japaner den Zählrahmen, und in einer etwas vereinfachten Form hielt er Einzug in den Handel der aufgehenden Sonne.

Der Abakus hat es in sich. In Windeseile kann man mit ihm addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren; selbst Quadrat– und Kubikwurzeln lassen sich damit ziehen. Wenn’s ums einfache Zusammenzählen geht, kommen fingerfertige Händler mit dem Zählrahmen gar schneller zum Ziel als wir mit dem Taschenrechner.

Den Abakus kannten bereits die Römer, auch wenn ihre Version – bedingt durch das umständliche Zahlensystem – nicht ganz so leistungsfähig war. Der lateinische Name stammt vom noch älteren griechischen abax ab, einer mit feinem Sand bestreuten Platte, die zum Skizzieren oder eben zum Rechnen diente.

Jahrhundertelang in Gebrauch, wurde der Abakus in Westeuropa erst durch das schriftliche Rechnen mit den neuen indisch-arabischen Zahlen und später durch die ersten mechanischen Rechenmaschinen verdrängt. Die russische Variante, der Stschoty (von russisch Stschot, «Rechnung»), lebte auf den Märkten der früheren Sowjetunion weiter; in russischen Schulen wurde Rechnen mit dem Abakus noch bis in die Neunzigerjahre unterrichtet. Heute ist der Abakus nur noch, wonach er aussieht: Ein Spielzeug. Aber eines mit Geschichte.

Sen, Amartya

Die Harvard University ist sozusagen der Olymp der Wissenschaft. Hier lehrt der Ökonom, Philosoph und Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen. Sein Forschungsgebiet ist Armut. Und das kam so.

Amartya Sen stammt aus dem indischen Bundesstaat Westbengalen. 1933 in einem wohlhabenden Elternhaus geboren, erlebte der achtjährige Sen einen Schock: Auf offener Strasse wurde der muslimische Tagelöhner Kader Mia von einem extremistischen Hindu niedergestochen. Schwer verletzt schleppte sich Mia zum Haus der Familie Sen. Auf dem Weg ins Spital flüsterte der Sterbende, seine Frau habe ihn genau davor gewarnt: als Ausländer in einem Land sozialer Unrast Arbeit zu suchen; doch weil seine Familie nichts zu essen habe, sei ihm nichts anderes übrig geblieben. «Der Tod dieses Mannes hat mich geprägt», schreibt Sen in einem biografischen Essay. «Er hat mir klargemacht, dass ökonomische Unfreiheit einen Menschen zum hilflosen Opfer macht.»

Und so begann Amartya Sen, die Zusammenhänge zwischen ökonomischer Freiheit und sozialen Chancen zu untersuchen. Ihm fiel auf, dass die Wissenschaft das Phänomen der Armut ausgesprochen eindimensional betrachtete. Nicht einfach die Verteilung von Gütern bestimme, ob jemand arm sei, stellte Sen fest: Entscheidend sei vielmehr, wie viele Chancen auf Verwirklichung seiner Ziele ein Mensch habe. Diese capabilities seien es, die seinen Grad an ökonomischer Freiheit bestimmten.

Trotz all des Elends, das Amartya Sen erforscht, hat er sich seinen Schalk bewahrt: «Ich habe an vielen grossen Universitäten gelehrt», steht in seinem Lebenslauf zu lesen. «Einen anständigen nichtakademischen Job hatte ich nie.»

Bleistift

Ein rechter Maler, klug und fleissig,
Trägt stets ’nen spitzen Bleistift bei sich.

So reimte einst Wilhelm Busch, im übrigen selbst ein begnadeter Bleistiftzeichner. Der Stift heisst falsch, weil seine Mine nicht im mindesten aus Blei besteht.

Bleistift
Und doch: Ein Stift aus Blei war er lange Zeit. Blei ist weich, und sein Abrieb ergibt zwar schwache, aber erkennbare Konturen. Und so gossen schon vor 5000 Jahren die alten Ägypter Blei in Bambus-, Schilf- oder Papyrusstängel. Plinius der Ältere schreibt, dass im Rom des ersten Jahrhunderts n. Chr. der Griffel aus reinem Blei – stilus plumbeus – gang und gäbe war. Noch bis ins Mittelalter griffen Maler beim Vorzeichnen zum so genannten reissbley, doch für wirklichen Zeichenkomfort war das zu hart, nahm das Papier zu sehr mit und war der Gesundheit des Künstlers nicht eben zuträglich.

Das änderte sich, als englische Hirten 1564 in der Grafschaft Cumberland – so will es die Legende – an den Wurzeln eines umgestürzten Baumes eine tiefschwarze Masse bemerkten, in der sie Bleierz zu erkennen glaubten und mit der sich ein Schaf gut markieren liess. Im benachbarten Keswick entstand die erste, bis heute erhaltene Bleistiftmanufaktur, die den Grundstein zu einer eigentlichen Bleistiftindustrie legte. Der schwarze Wunderstoff wurde in zylindrische Form gepresst und in eckige Hülsen aus Silber, Gold oder das sündhaft teure, aber wohlriechende Zedernholz gesteckt. Bleistifte konnten gut und gern dreimal mehr kosten als eine teure Feder.

Es sollte lange dauern, bis die Wissenschaft herausfand, dass des Bleistifts Kern nicht aus Blei, sondern vielmehr aus Graphit besteht. Dem griffigen Namen indes konnte das nichts mehr anhaben.