Sen, Amartya

Die Harvard University ist sozusagen der Olymp der Wissenschaft. Hier lehrt der Ökonom, Philosoph und Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen. Sein Forschungsgebiet ist Armut. Und das kam so.

Amartya Sen stammt aus dem indischen Bundesstaat Westbengalen. 1933 in einem wohlhabenden Elternhaus geboren, erlebte der achtjährige Sen einen Schock: Auf offener Strasse wurde der muslimische Tagelöhner Kader Mia von einem extremistischen Hindu niedergestochen. Schwer verletzt schleppte sich Mia zum Haus der Familie Sen. Auf dem Weg ins Spital flüsterte der Sterbende, seine Frau habe ihn genau davor gewarnt: als Ausländer in einem Land sozialer Unrast Arbeit zu suchen; doch weil seine Familie nichts zu essen habe, sei ihm nichts anderes übrig geblieben. «Der Tod dieses Mannes hat mich geprägt», schreibt Sen in einem biografischen Essay. «Er hat mir klargemacht, dass ökonomische Unfreiheit einen Menschen zum hilflosen Opfer macht.»

Und so begann Amartya Sen, die Zusammenhänge zwischen ökonomischer Freiheit und sozialen Chancen zu untersuchen. Ihm fiel auf, dass die Wissenschaft das Phänomen der Armut ausgesprochen eindimensional betrachtete. Nicht einfach die Verteilung von Gütern bestimme, ob jemand arm sei, stellte Sen fest: Entscheidend sei vielmehr, wie viele Chancen auf Verwirklichung seiner Ziele ein Mensch habe. Diese capabilities seien es, die seinen Grad an ökonomischer Freiheit bestimmten.

Trotz all des Elends, das Amartya Sen erforscht, hat er sich seinen Schalk bewahrt: «Ich habe an vielen grossen Universitäten gelehrt», steht in seinem Lebenslauf zu lesen. «Einen anständigen nichtakademischen Job hatte ich nie.»

Solitaire

Am 18. Mai 2015 liess Microsoft die Korken knallen. Zu feiern gab es das 25-Jahr-Jubiläum der wichtigsten Software, die in Redmond im US-Bundesstaat Washington je entwickelt worden war. Wichtig vielleicht weniger im Sinne der Produktivität als vielmehr des allgemeinen Wohlbefindens, denn das Programm heisst «Solitaire».

Solitaire ist ein Kartenspiel, eine Computer-Patience, die der Microsoft-Angestellte Wes Cherry 1989 geschaffen hat. Die Kollegen waren begeistert, bis hoch zum obersten Chef Bill Gates: Mit diesem Game, so erkannten sie, würden Computerneulinge spielerisch mit der Computermaus vertraut werden. Und so kommt es, dass Solitaire seit dem Betriebssystem Windows 3 zum Inventar der meisten PCs dieser Welt gehört. Bis heute zur Freude von Hunderten von Millionen Spielern rund um den Globus.

Mit verheerenden Auswirkungen: Ungezählte Arbeitsstunden, Jahre, Jahrhunderte wurden mit Solitaire verzockt. Der Büroangestellte Edward Greenwood hatte 2006 das Pech, dass Michael Bloomberg, als Bürgermeister von New York City immerhin sein oberster Chef, während eines Besuchs einen Blick auf seinen Bildschirm erhaschte. Auf dem dummerweise ein Solitaire-Spiel zu sehen war. Der Bürgermeister fackelte nicht lange und liess den unglücklichen Gamer auf der Stelle feuern.

Obwohl als Produktivitätskiller verschrieen, ist Solitaire nicht totzukriegen. Das letzte Windows, mittlerweile Version 8, wurde zum ersten Mal seit 1990 ohne Spiel angeboten – in den Augen der Patience-Profis ein Fehler. Die warten daher ungeduldig auf Microsofts nächsten Streich: Das neue Solitaire mit einem bisschen Windows 10 drum rum.

Sparschäler

Jahrhundertelang wurde Gemüse mit dem Messer geschält. Das brauchte Geschick, und trotzdem fiel immer ein Teil dem Schneiden zum Opfer. Seit den späten 1930er-Jahren gab es zwar einen deutschen Sparschäler zu kaufen, der einem normalen Küchenmesser glich, aber auch der war nicht sonderlich praktisch.

Dem schuf Alfred Neweczerzal Abhilfe. Der in Davos geborene Elektromechaniker und Marktfahrer mit tschechischen Vorfahren war ein begnadeter Tüftler. 1947 liess er seinen neuartigen Küchenhelfer patentieren, mit dem sich Gemüse kinderleicht schälen liess, und taufte ihn auf den Namen «Rex». Ein U-förmig gebogener, ergonomischer Alubügel, darüber eine quer liegende, bewegliche Doppelklinge, die sich jederzeit der Gemüseform anpasst und nichts als die dünne Schale entfernt, dazu an der Seite eine kleine gebogene Zusatzklinge, mit der sich Kartoffelaugen bequem herausschneiden lassen.

In schlichtem Alu, heute auf Wunsch in allen Regenbogenfarben, als Jubiläumsausgabe sogar vergoldet: Neweczerzals Sparschäler ist Kult – jährlich wird er weltweit rund eine Million Mal verkauft. Jahrzehntelang wurde der «Rex» vom Familienunternehmen Zena AG in Affoltern am Albis hergestellt, das 2020 von Victorinox übernommen wurde. Seine elegante Form und seine einfache Handhabung machten den Sparschäler made in Switzerland zum Designklassiker, den 2003 sogar die Schweizerische Post mit einer 15-Rappen-Briefmarke verewigte. Ein Klassiker zum Schnäppchenpreis: Der «Rex» kostet bis heute fast genau gleich viel wie 1947: im günstigsten Fall 1.95 Franken.

Tafelsilber

Tafelsilber ist Tischgerät und Kapital: Mittellose Adlige, denen ausser einem Titel nichts geblieben war, trennten sich am Ende auch vom kunstvoll geschmiedeten Familienbesteck. Und das war keine Kleinigkeit. Ein reich gedeckter Tisch galt immer schon als Statussymbol. Als Queen Elisabeth II 1965 Deutschland besuchte, liess sie insgesamt sechs Tonnen Tafelsilber mitführen.

Tafelsilber ist ein ganzes Arsenal von Tellern, Schüsseln, Platten, Kasserollen, Saucièren, Schalen, Tassen, Bechern, Pokalen, Kandelabern – von den zahllosen Gabeln, Messern, Löffeln, Kellen, Servier-, Tranchier- und Spezialbestecken ganz zu schweigen. Das Tischgerät des Hauses Wittelsbach, eines der ältesten deutschen Adelshäuser, bestand aus über 3500 Teilen, die in den Silberkammern sorgfältig verwahrt wurden. Diese Silberkammern waren regelrechte Tresore – Gewölbe nahe der Küche und den Speisesälen, mit meterdicken Mauern, mit Türen aus gepanzerten Eichenbohlen und einem Riegelwerk aus Stahl.

In guten wie in schlechten Zeiten: Das königliche Tafelsilber – Silber mit einem Feingehalt von 800 Tausendsteln, teils vergoldet, selten gar Massivgold – war Teil des Staatsschatzes und diente notfalls als Rücklage. Der von Geldsorgen geplagte römisch-deutsche König Maximilian I musste 1496 sein Tafelsilber auf Jahre hinaus verpfänden; der Preussenkönig Friedrich Wilhelm I liess das seine im frühen 18. Jh. kurzerhand einschmelzen und zu Münzen prägen.

Heute ist fürstliches Tafelsilber nur noch in Museen anzutreffen. Ein sprichwörtlicher Notgroschen aber ist es geblieben – nicht für verarmte Adelshäuser, sondern für klamme Unternehmen.

Tauschhandel

Tausche Beeren gegen Brennholz: Tauschhandel war das ökonomische Prinzip der Steinzeit. Es leuchtete allen ein: Man produzierte, was man am besten konnte – Getreide, Brot, Wolle, Faustkeile. Und davon immer ein bisschen mehr, so dass man überschüssige Ware gegen Dinge eintauschen konnte, die man gerade brauchte.

Nur: Tauschhandel hat einen gewichtigen Nachteil. Wie misst man Wert? Wieviele Kaninchen kostet ein Bärenfell? Wer handelte, musste ein kompliziertes Umrechnungssystem im Kopf haben, vom Umstand einmal abgesehen, dass sich Kaninchen schlecht aufbewahren liessen, weil sie mit der Zeit streng zu riechen begannen.

So erfanden die Händler der Urzeit Werteinheiten, sogenanntes Primitivgeld wie etwa Tierzähne oder Muscheln. Dieses Urgeld hatte drei Zwecke: Es war Zahlungsmittel, Wertaufbewahrungsmittel und Wertmassstab. Damit konnte man zahlen, sparen und bewerten, so dass sich das Bärenfell auf einmal präzise in Kaninchen umrechnen liess. Im Grunde konnte jedes Gut zu Geld werden – die Bedingung war nur, dass erstens alle es akzeptierten, zweitens in seinen Wert vertrauten und dass es davon drittens weder zuviel noch zuwenig gab: Gold und Silber, mit der Zeit Papier– und schliesslich gar virtuelles Geld.

Doch allen Bitcoins zum Trotz: Steinzeitgeschäfte gibt es immer noch. Firmen tauschen Dienstleistungen aus, von denen alle Beteiligten profitieren und die am Ende mit Rechnung und Gegenrechnung belegt werden, die auf genau denselben Betrag lauten, so dass keinerlei Bargeld fliessen muss. Das nennt man dann englisch bartering – auf Deutsch nichts anderes als «Tauschhandel».