Tafelsilber

Tafelsilber ist Tischgerät und Kapital: Mittellose Adlige, denen ausser einem Titel nichts geblieben war, trennten sich am Ende auch vom kunstvoll geschmiedeten Familienbesteck. Und das war keine Kleinigkeit. Ein reich gedeckter Tisch galt immer schon als Statussymbol. Als Queen Elisabeth II 1965 Deutschland besuchte, liess sie insgesamt sechs Tonnen Tafelsilber mitführen.

Tafelsilber ist ein ganzes Arsenal von Tellern, Schüsseln, Platten, Kasserollen, Saucièren, Schalen, Tassen, Bechern, Pokalen, Kandelabern – von den zahllosen Gabeln, Messern, Löffeln, Kellen, Servier-, Tranchier- und Spezialbestecken ganz zu schweigen. Das Tischgerät des Hauses Wittelsbach, eines der ältesten deutschen Adelshäuser, bestand aus über 3500 Teilen, die in den Silberkammern sorgfältig verwahrt wurden. Diese Silberkammern waren regelrechte Tresore – Gewölbe nahe der Küche und den Speisesälen, mit meterdicken Mauern, mit Türen aus gepanzerten Eichenbohlen und einem Riegelwerk aus Stahl.

In guten wie in schlechten Zeiten: Das königliche Tafelsilber – Silber mit einem Feingehalt von 800 Tausendsteln, teils vergoldet, selten gar Massivgold – war Teil des Staatsschatzes und diente notfalls als Rücklage. Der von Geldsorgen geplagte römisch-deutsche König Maximilian I musste 1496 sein Tafelsilber auf Jahre hinaus verpfänden; der Preussenkönig Friedrich Wilhelm I liess das seine im frühen 18. Jh. kurzerhand einschmelzen und zu Münzen prägen.

Heute ist fürstliches Tafelsilber nur noch in Museen anzutreffen. Ein sprichwörtlicher Notgroschen aber ist es geblieben – nicht für verarmte Adelshäuser, sondern für klamme Unternehmen.

Tausend-Franken-Note

Sie schulden 10 Millionen und zahlen in bar. Das lässt zwei Schlüsse zu. Erstens: Sie haben Dreck am Stecken. Und zweitens: In Ihrem Aktenkoffer liegen 1000-Franken-Noten.

Bargeld kommt Kriminellen ganz besonders entgegen – je grösser der Realwert, desto besser. Gangsters Liebling ist die Schweizer Tausendernote: Kein anderer Geldschein der Welt ist so viel wert wie die grösste Banknote der Schweiz; übertroffen wird sie nur von den 10 000-Dollar-Noten des Sultanats Brunei und jener von Singapur, die allerdings nicht mehr ausgegeben wird. Die grösste Note der Schweiz ist entsprechend beliebt – mehr als 60 Prozent des gesamten Notenumlaufs der Schweiz besteht aus Tausendern.

Wer das Licht scheut, liebt sie, die violette Note mit dem Konterfei des Kunsthistorikers Jacob Burckhardt: Der britische «Economist» rechnet vor, dass ein Gauner die Summe von 10 Millionen Dollar – in Schweizer Tausendernoten – in einer Aktentasche tragen kann, die weniger als 12 Kilo wiegt. In 500-Euro-Scheinen bräuchte er dazu bereits zwei Geldkoffer à 10 Kilo; in 100-Dollar-Scheinen, der grössten aktuellen Banknote der USA, bräuchte er Träger, um die 100 Kilo Papiergeld in acht Koffern schleppen zu können.

Sind grosse Noten also Mafiageld? Genaue Zahlen fehlen, doch ein britischer Polizeibericht von 2010 schätzt, dass 90 Prozent aller 500-Euro-Scheine, der Banknote mit dem zweithöchsten Realwert, für illegale Zahlungen genutzt werden. Die Europäische Zentralbank will diese grösste Euronote daher abschaffen. So etwas ist für die Schweizer Nationalbank kein Thema: Die 1000-Franken-Note ist und bleibt die ungekrönte Königin der Geldscheine dieser Welt.

Telegramm

Die Post, ob Tontafeln der Sumerer oder Wachstafeln der Römer, war eine praktische, aber nicht immer ganz zuverlässige Angelegenheit. Je grösser die Distanz, desto länger brauchte der Brief, und nicht selten ging er gleich ganz verloren.

Um Botschaften zu übermitteln, wurde schon im 17. Jahrhundert mit Rauch und Licht experimentiert, doch so richtig Schwung in die Sache brachte erst der elektrische Strom – und ganz besonders der erste elektromagnetische Schreibtelegraf des Amerikaners Samuel Morse. Sein Gerät, das Punkte und Striche mit einem Stahlstift in Papierstreifen presste oder mit einem Tintenrad aufzeichnete, war einfach und robust. Als in den 1930er-Jahren aus den Morsezeichen Buchstaben und aus dem Telegrafen- der Telexdienst wurde, war die Begeisterung gross: Nun konnten Firmen eigene Geräte ans Netz anschliessen.

Der moderne Telegraphenapparat gleicht äußerlich einer gewöhnlichen Bureauschreibmaschine und kann deshalb von jeder Daktylo ohne besondere Fachkenntnisse bedient werden,

jubelte 1956 die Neue Zürcher Zeitung. Und doch: Telegrafieren blieb ein kostspieliges Unterfangen. Weil sich die Gebühr nach der Anzahl der Wörter richtete, brachte der Telex gar eine eigene Sprache hervor: Anstatt «Ich komme am Freitag um 17 Uhr an» lautete die – nur halb so teure – Nachricht: «Ankomme Freitag 17 Uhr».

Das Bessere ist der Feind des Guten, und Telefax und E-Mail machten dem Telex den Garaus. Seit 1999 ist das Telegramm in der Schweiz Vergangenheit, und am 14. Juli 2013 schlossen auch in Indien die allerletzten Telegrafenämter, nach 163 Jahren Betrieb.

Teufelsstein

Unterhalb von Göschenen liegt der sogenannte «Teufelsstein». Er ist 13 Meter hoch und 2000 Tonnen schwer, und hierher versetzt hat ihn – nein, nicht der Teufel, sondern vielmehr eine mächtige Hydraulikpresse. Und das kommt so:

In alten Zeiten hatten die Urner mehrmals versucht, in der Schöllenenschlucht eine Brücke zu bauen. Vergeblich: Jedesmal stürzte der Bau in die wilde Reuss. Da schlug der Teufel ein Geschäft vor: Er werde die Brücke bauen, wenn er dafür die Seele bekomme, die als erste die Brücke überquere. Gesagt, getan. Die Urner aber, bauernschlau, jagten als erstes einen Ziegenbock hinüber. Wutentbrannt griff der Teufel nach einem riesigen Felsen, um damit das Bauwerk zu zerschlagen. Ein in den Stein geritztes Kreuz aber verwirrte den Teufel so sehr, dass er die Brücke verfehlte. So will es jedenfalls die alte Sage.

Tatsache ist, dass der Teufelsstein, der seit Menschengedenken auf dem Teufelssteinmätteli bei Göschenen lag, 1968 der geplanten Gotthardautobahn im Weg war. Die Ingenieure waren um eine Lösung nicht verlegen und planten, den lästigen Block zu sprengen. Aber auch sie hatten die Rechnung ohne die Urner gemacht: Die Naturforschende Gesellschaft, der Göschener Gemeinderat, die Natur- und Heimatschutzkommissionen von Bund und Kanton, ja sogar die Göschener Schuljugend mit einer Schülerzeitung – alle fachten sie einen wahren Entrüstungssturm an. Bis der Bund klein beigab und statt dessen eine Versetzung vorschlug.

Und so kam es, dass 1973 moderne Technik und Kosten von gut 300 000 Franken dem Teufel ins Handwerk pfuschten und den Granitblock um 127 Meter nach Norden schoben, wo er bis heute liegt.

Theaterdonner

Der sogenannte «Theaterdonner» gehört seit jeher zur Geräuschkulisse der internationalen Politik. Er ist eine martialische Drohung, die in erster Linie fürs einheimische Publikum gedacht, aber nicht wirklich ernst gemeint ist – dem Polterer geht es darum, als starker Mann dazustehen, ohne das Risiko eines echten Konflikts eingehen zu müssen.

Die Bretter, die die Welt bedeuten: Das Theater war immer schon eine Illusionsmaschine. Der grosse griechische Ingenieur Archimedes von Syrakus oder der erste Automatenbauer der Geschichte, Heron von Alexandria, dachten sich komplizierte Hebekräne und Spezialeffekte für die Bühne aus. Deren Krönung war seit jeher das Gewitter: Der Klang von Regen wurde mit einer lederbespannten und mit getrockneten Linsen gefüllten Walze erzeugt, der Einschlag eines Blitzes mit herabfallenden, flach aufschlagenden Brettern oder mit Schiesspulver. Ganz besonders erfinderisch machte der Donner: Mächtige, mit Fäusten bearbeitete Donnerbleche; mit Steinen gefüllte Fässer oder schwere Eisenkugeln, die auf dem Schnürboden hin und her gerollt wurden; schwer beladene Donnerwagen mit kantigen Rädern; Donnerrinnen, durch die Steine in die Tiefe polterten; Donnerpauken, deren Fell mit Kies belegt war, damit der Donner auch ordentlich nachgrollte. Um 1800 wurde gar eine eigentliche Donnermechanik erfunden, die mit Filz bespannte Zahnräder über einen Resonanzboden laufen liess.

Ob Politik oder Theater – so täuschend echt Theaterdonner auch grollen mag: Er grollt stets zum Schein.