Schnitt, goldener

Für den Mathematiker ist der Goldene Schnitt ein Verhältnis zweier Distanzen: Ein Punkt teilt eine Strecke dann im Goldenen Schnitt, wenn dabei der längere Teil zum kürzeren im selben Verhältnis steht wie die gesamte Strecke zum längeren. Es geht sogar noch trockener: Der Goldene Schnitt Φ (Phi) ist das Ergebnis einer Teilung der längeren durch die kürzere Strecke und beträgt rund 1,618.

Der Künstler dagegen erkennt in diesem ganz besonderen Verhältnis gestalterische Perfektion – nicht umsonst nannte man den Goldenen Schnitt auf Lateinisch proportio divina, die göttliche Proportion. Wir finden sie, wo immer Menschen Bedeutendes geschaffen haben: im Parthenon-Tempel in Athen (Säulen- im Vergleich zur Gesamthöhe: im Goldenen Schnitt), im Gemälde «Das Abendmahl» von Leonardo da Vinci (Jesus‘ offen auf dem Tisch liegende Hand: im Goldenen Schnitt), selbst in den Dimensionen unserer Kreditkarten (Breite und Höhe: im Goldenen Schnitt).

Über alle Zeiten hinweg: Diese rätselhafte Verhältniszahl 1,618 empfinden wir Menschen als ganz besonders ausgewogen und harmonisch. Vielleicht weil die Natur selbst diesem Verhältnis immer wieder folgt: in der Fibonacci-Folge, mit der Leonardo da Pisa im Jahr 1202 nachweisen wollte, wie sich Kaninchen im Lauf der Zeit vermehren, im spiralförmigen Aufbau von Tannzapfen oder Sonnenblumen, ja selbst in der Höhe der Wellenbewegungen, die heftigen Kursausschlägen an der Börse folgen.

Das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben,

schrieb Galileo Galilei anno 1623. Falls dem so ist, müsste der Titel dieses Buches lauten: «Der Goldene Schnitt».

Schreibmaschine, elektrische

7. Mai 1957: Die Hannover-Messe öffnete ihre Tore. In der Fachausstellung für Büromaschinen, der Mutter der heutigen CeBIT, stand der Star der Messe: die erste elektrische Schreibmaschine. Mechanische Schreibmaschinen gab es zwar schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts, und längst hatte der harte Anschlag das einstige Kratzen der Federkiele verdrängt.

Elektrische Schreibmaschine
Tippen war harte Arbeit: Eine Sekretärin, die pro Tag 100’000 Anschläge schaffte, drückte ein Gesamtgewicht von 6 Tonnen. Dass in Hannover nun ein Gerät präsentiert wurde, in dem ein Elektromotor die anstrengende Tipperei erledigte, verhiess Komfort und Effizienz.

Doch auch wenn sie zur Ikone der Geschäftswelt werden sollte: diese elektrische Schreibmaschine war bei weitem nicht die erste. Die hatte schon 1902 in Erie, Pennsylvania, der Erfinder George C. Blickensderfer entwickelt: die «Blick’s Electric». Sie war ein Wunder ihrer Zeit – und von Haus aus mit der so genannten «wissenschaftlichen» Tastatur versehen: Die im Englischen häufigsten Buchstaben D-H-I-A-T-E-N-S-O-R fanden sich auf der untersten Tastenreihe, wo sie der Schreiberin am nächsten waren. Das heutige Tastenlayout Q-W-E-R-T-Y hatte die Firma zwar auch auf Lager, riet aber streng davon ab.

Die «Blick’s Electric» mit ihrem wuchtigen, gusseisernen Rahmen konnte schon alles, was 60 Jahre später die legendäre Kugelkopf-Schreibmaschine «Selectric» von IBM auch konnte. Nur erfolgreich war sie nicht. Aber das lag weniger an der Maschine als vielmehr am Umstand, dass es in den Büros von 1902 etwas Entscheidendes noch gar nicht gab: elektrischen Strom.

Serviette

Wenn’s um Tischmanieren geht, waren die alten Römer Barbaren. Im «Gastmahl des Trimalchio», das uns der römische Dichter Titus Petronius in seinem Roman «Satyricon» vor Augen führt, tragen Dutzende Sklaven die erlesensten Speisen auf: In Honig und Mehl gebackene Haselmäuse, mit lebendigen Drosseln gefüllte Kuchenteigschweine und in Pfeffersauce schwimmenden Bratfisch. Unerlässliches Requisit dieses Inbegriffs der Dekadenz: Die lateinische mappa, die Serviette. Genaugenommen waren es deren zwei: Die grössere diente dazu, die mit teuren Stoffen bezogene Liege vor Flecken zu bewahren, die kleinere wurde in der linken Hand gehalten und diente als Mundtuch.

Mit Rom ging im 5. Jahrhundert auch die Serviette unter. Im dunklen Mittelalter pflegte man sich den Mund mit dem Ärmel und die Finger mit dem Tischtuch abzuwischen. Erst im 16. Jahrhundert entdeckte der Adel die Serviette neu. Das französische Wort bedeutet wörtlich «kleine Dienerin», und tatsächlich pflegten Bedienstete mit dem «Tellertuch», wie es auf Deutsch hiess, das Gedeck der hohen Gäste abzuwischen.

Ob Damast, Leinen oder Papier: Ohne Serviette nehmen wir heute keinen Happen mehr zu uns. Bei McDonald’s gibt’s zum Burger gleich ein halbes Dutzend davon. Meistens jedenfalls: Der 59-jährige Webster Lucas hatte Anfang 2014 zu seinem Big Mac eine einzige Papierserviette erhalten; eine zweite sei ihm, seiner Hautfarbe wegen und «aus rassistischen Gründen», verweigert worden. Einen Gratis-Burger zur Beschwichtigung schlug Lucas aus und verklagte McDonald’s stattdessen auf Schadenersatz. Im Umfang von 1,5 Millionen Dollar.

Smiley

Er ist eine Ikone des Glücklichseins: der gelbe Kreis mit zwei Punkten und einem aufwärts gerichteten Bogen, den wir als strahlendes Lächeln interpretieren und der in der Notation Semikolon-Bindestrich-Klammer mittlerweile jeden zweiten Satz ziert.

«Emoticon» nennt man solch stilisierte Fröhlichkeit, und zur Welt kam der Smiley – korrekt übrigens mit -ey und nicht etwa mit -ie geschrieben – im Jahr 1953. Um den Kitschfilm «Lili» mit Leslie Caron in der Hauptrolle bekannt zu machen, schalteten die Verleiher handgezeichnete Inserate, die zur Untermalung des Versprechens «Today you’ll laugh, cry, love» von drei lachenden, weinenden und liebenden Ur-Smileys geziert wurden. Der moderne Smiley – gelber Kreis, ovale schwarze Augen, Grübchen – ist bereits die Version 2.0. Gezeichnet hat ihn im Dezember 1963 der amerikanische Kriegsveteran und Werbegrafiker Harvey Ball, in 10 Minuten und im Auftrag einer Versicherung, die nach einer feindlichen Übernahme mit lustigen Anstecknadeln das Betriebsklima wieder heben wollte. Die Anstecker verbreiteten sich epidemisch, von den Angestellten und deren Familien übers ganze Land.

Der gelbe Strahlemann wirbt heute für alles, wofür es sich zu werben lohnt und macht viele Menschen reich. Allen voran den französischen Unternehmensberater Franklin Loufrani: Der meldete 1971 ein leicht verändertes Grinsen zum Patent an, das er sich zur Kennzeichnung der guten Nachrichten seines Auftraggebers «France Soir» angeblich selbst ausgedacht hatte. Loufrani ist heute Multimillionär und hält die Smiley-Nutzungsrechte in über 80 Ländern.

Erfinder Harvey Ball dagegen ging bis zu seinem Tod 2001 leer aus. Das Honorar für seinen Ur-Smiley waren gerade mal 45 Dollar.

Spiegel

Spieglein, Spieglein an der Wand: Wer ist die Schönste im ganzen Land?

Mal für Mal bestätigt der Spiegel, die schönste aller Frauen sei sie. Schneewittchen wächst heran, bis der Spiegel endlich erkennt:

Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.

Das eigene Gesicht zu betrachten, ist dem Menschen nicht gegeben. Dazu ist eine spiegelnde Oberfläche nötig. Die Physik besagt, dass der Ausfallswinkel eines Lichtstrahls, der auf einen ebenen Spiegel trifft, genau so gross ist wie sein Einfallswinkel. Deshalb sehen wir jedes Detail, wie es ist – scheinbar, denn: Der Spiegel zeigt nie die Realität, sondern immer nur deren seitenverkehrte Reflexion. Diese Brechung hat die Menschen schon immer fasziniert: In der griechischen Mythologie verliebt sich der bildschöne Narziss unglücklich in sein eigenes Spiegelbild im Wasser.

Die ersten Spiegel, so nehmen Archäologen an, werden tatsächlich flache, mit Wasser gefüllte Schalen gewesen sein – oder mühevoll polierte Oberflächen, etwa des schwarzen Vulkansteins Obsidian. Die Herstellung von Bronze machte die Sache einfacher: In Mesopotamien wurden um 3000 v. Chr. erste Bronzespiegel hergestellt, Spiegel, von denen schon das Alte Testament erzählt und die im alten Ägypten und Rom bereits gang und gäbe waren.

«Spiegel» kommt vom lateinischen speculum, «Abbild», und Verhaltensforscher sehen im Erkennen des eigenen Spiegelbildes bei Tieren oder kleinen Kindern ein Zeichen von Intelligenz und Abstraktionsvermögen. Selbst im Digitalzeitalter ist der Spiegel so faszinierend wie eh und je. Was einst Narziss die Quelle, ist uns heute das Handy und seine Frontkamera.