Lorem ipsum

Grafikerinnen und Schriftsetzer kennen diesen Text auswendig:

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Das ist, mit Verlaub, lateinischer Unsinn. Und: Es ist gute alte (und sinnvolle) typografische Tradition. Das «Lorem ipsum», wie dieser Text heisst, ist schon seit ungefähr dem Jahr 1500 für Entwürfe üblich. Lorem ipsum bedeutet nichts. Sein Un-Sinn hat den Zweck, das Auge des Betrachters allein auf den Entwurf und nicht auf sprachlichen Inhalt zu lenken. Lorem ipsum scheint lateinisch, aber ist es nicht – schon das erste Wort lorem gibt es nicht. Lorem ipsum ist Blindtext, gestalterische Textmasse.

So dachte man. Aber Richard McClintock, Lateinlehrer am Hampden-Sydney-College in Virginia, war skeptisch. Er mochte nicht so recht an die Pseudolateintheorie glauben und suchte. Und wurde fündig:

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«Da ist niemand, der den Schmerz an sich liebt, der danach sucht und ihn haben möchte, einfach weil es Schmerz ist.» Solches schrieb, im Jahr 45 vor Christus, kein anderer als der begnadete Redner und Politiker Marcus Tullius Cicero in seinem philosophischen Werk De finibus bonorum et malorum.

Wenn Cicero das gewusst hätte! Heute gibt es im Web praktische Lorem ipsum-Generatoren, wo sich Grafiker Blindtexte in jeder gewünschten Länge erzeugen lassen können, und moderne Gestaltungsprogramme enthalten sogar eine Lorem-ipsum-Warnung, die verhindern soll, dass die lateinischen Worte aus Versehen gedruckt und veröffentlicht werden.

Marionette

Sie ist nicht sonderlich beliebt, doch sie zählt zum Stammpersonal der kleinen und der grossen Bühne: die Marionette. Ihre Herkunft aber hat nichts mit Puppentheater oder Politik zu tun, nein: Die Marionette, jene bewegliche, an Fäden aufgehängte Gliederpuppe, kommt vielmehr aus der Kirche. Ihr Name stammt vom französischen mariolette, dem Diminutiv von mariole, jener im Mittelalter so beliebten Marienfigur. Die Marionette ist also sozusagen die Urenkelin der heiligen Maria – auch wenn andere Sprachforscher der Ansicht sind, ihr Ursprung sei vielmehr die lateinische marita, die verheiratete Frau.

Weiblich, soviel steht fest, waren allerdings – falls überhaupt – allein die Puppen. Die Fäden zogen wie überall die Männer. Der erste bekannte Puppenspieler der Schweiz war, Mitte des 16. Jahrhunderts, ein Solothurner namens Heinrich Wirre. Knapp 100 Jahre später, zu Beginn des englischen Bürgerkriegs im Jahr 1642, schlossen die Puritaner alle Theater in London, und die plötzlich arbeitslosen Puppenspieler flohen aufs Festland, wo sie die englischen Klassiker mit Marionetten aufführten. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren auf Schweizer Jahrmärkten viele fremde und einheimische Wanderkomödianten anzutreffen, die Schattenfiguren, Handpuppen und Marionetten zur Schau stellten. Im 20. Jahrhundert schliesslich entstand in der Schweiz eine eigentliche Puppentheaterbewegung, und sogar Friedrich Dürrenmatt, Säulenheiliger des Schweizer Theaters, spielte 1947 beim Marionettentheater des Künstlerpaars Fernand und Elsi Giauque mit.

Eine Marotte des grossen Dürrenmatt? In sprachlicher Hinsicht ganz bestimmt. Beide, die Marionette und die Marotte, sind nämlich eng miteinander verwandt.

Mashup

Ein Mashup, von Englisch «mischen» oder «stampfen», ist ein Gemisch von Webtechnologien: Google Maps zum Beispiel wird mit Echtzeitdaten von Flügen gefüttert, mit Flugzeugsymbolen versehen – und fertig ist die Liveansicht aller Flüge über Zürich. Aber Mashups sind mehr: ein wilder Mix von Medien, die zu neuen, überraschenden Inhalten zusammengemischt werden.

Zum Beispiel so: Der britische Stand-up-Komiker Eddie Izzard nahm auf seiner Tour 2000 das Weltraumepos «Star Wars» und dessen dunklen Helden «Darth Vader» aufs Korn:

Da muss es auf dem Todesstern doch sowas wie eine Kantine gegeben haben, eine Cafeteria, tief unten, wo sich Darth Vader zwischen den Schlachten ein bisschen entspannen und auch mal was essen konnte.

Für den 18-jährigen Kevin alias «Thorn 2200» war das ein gefundenes Fressen: Er griff sich die Tonspur und fabrizierte einen Trickfilm mit putzigen Lego-Figuren in der Hauptrolle. Das Ergebnis ruckelt und wackelt – und ist überbordend komisch. Kevins Video «Death Star Canteen» ist auf Youtube bis heute über 13 Millionen Mal abgespielt worden.

Mashups sind so etwas die Stampfkartoffeln des Internet: Man nehme Tonspuren, Videos, Texte und Bilder, mische sie neu zusammen, schmecke sie mit eigenen Zutaten ab und lade sie neu hoch. Das nötige Werkzeug für Ton- und Filmbearbeitung findet sich heute auf jedem Computer, und Inhalte gibt’s im Web ohnehin frei Haus. Wer’s fachchinesisch mag, spricht von «Web 2.0» oder von user-generated content, auf gut Deutsch aber sind Mashups respektlos, originell und kreativ.

Und manchmal gar erfolgreicher als die Originale.

Mattenenglisch

Mattenenglisch ist ein alter, fast vergessener Berner Quartierdialekt – und es war eine Gaunersprache, die für Obrigkeit und Polizei unverständlich sein sollte. Die Matte ist die am Aareufer gelegene, vom übrigen Bern abgetrennte Berner Unterstadt. Hier lebten Handwerker, Fischer, Fuhrleute, frömdi Fötzle u Vagante, wie das fahrende Volk in der Oberstadt hiess. Händler und Flösser brachten Sprachfetzen aus dem Französischen, dem Jenischen und dem Jiddischen mit, die mit Berndeutsch zu einem eigentümlichen Soziolekt verschmolzen, der ursprünglich Mattenengisch hiess, weil man ihn in der Mattenenge sprach, der engsten Gasse des Quartiers; das verschmitzte l ist wohl einem unbekannten Humoristen geschuldet.

Tunz mer e Ligu Lehm!

So verlangt der Mätteler ein Stück Brot. Der Satz beginnt griechisch: Tunz von dos, «gib», e Ligu von oligon, «ein wenig». Lehm für «Brot» dagegen stammt vom hebräischen lechem ab.

Mattenenglisch ist nicht nur ein Dialekt mit vielen fremden Wörtern, sondern eine Geheimsprache mit festen Regeln, auf der Basis des Berndeutschen. Die Mätteler nennen ihr Quartier Mättu. Die Silben werden vertauscht, am Anfang wird ein betontes i ergänzt, der Schlussvokal durch ein langes e ersetzt: Ittume. Vertauschen und Ersetzen: Diese Form der Sprachverschlüsselung ist uralt und fand ihren Weg auf den Booten und Flössen des Mittelalters bis in den Berner Mattehafen.

Gauner soll es in Bern auch heute noch geben, doch die sprechen längst nicht mehr Mattenenglisch. Das tun nur noch einige wenige alte Mätteler – und der «Matteänglisch-Club», der Ittume Inglische Ibcle.

Mauer

Sie umgibt uns, sie wärmt und schützt. Und je nachdem hält sie uns auch gefangen: die Mauer. Aus ihr besteht jedes Haus, und sie ist synonym mit jenem unseligen Bau, der bis zum 9. November 1989 Berlin und die Welt in zwei Teile teilte.

Mauern sind eine Hinterlassenschaft der Römer. Zwar lernen wir in der Schule, dass das dekadente Rom dem Ansturm der Germanen nicht gewachsen war: «Als die Römer frech geworden», dichtete Joseph Victor von Scheffel 1847 in seinem Spottlied über den römischen Senator Varus, dessen drei Legionen im Jahr 9 nach Christus im Teutoburger Wald eine verheerende Niederlage erlitt, in der Schlacht gegen ein Germanenheer unter Führung eines Cheruskerfürsten namens Hermann.

Den Kampf um die beste Bauweise aber hatten die Römer gewonnen: Sie bauten schon vor zweitausend Jahren mit Stein – Naturstein oder gebrannter Lehm – und mit Zement. Und was sie bauten! Das Kolosseum oder das Pantheon in Rom sind eindrückliche Zeugnisse.

Und auch wenn sie später Spottlieder singen sollten: Beeindruckt waren auch die Germanen. Sie stellten mit Verwunderung fest, dass sich Häuser auch anders bauen liessen als aus geflochtenen und mit Lehm verschmierten Ruten und Zweigen. In der Wortgeschichte des Bauens, in Mauer und Wand zum Beispiel, zeigt sich ein epochaler Kulturwandel: hier die Wand, das gotische Wort für Rute, das von winden kommt und Flechtwerk bedeutet, da die Mauer, die vom lateinischen murus abstammt und die im Lauf der Zeit (und weil’s ein bisschen einfacher ist) von der Wand das weibliche Geschlecht übernommen hat.

Im Teutoburger Wald mag Senator Varus den Kürzeren gezogen haben. Auf den Bauplätzen der Welt aber hatten die Römer die längeren Spiesse.