Ness of Brodgar

Am Ende der Jungsteinzeit, vor mehr als 5000 Jahren, war die Hauptinsel der schottischen Orkneys das Zentrum einer kaum bekannten Zivilisation. Weil auf Orkney kaum Bäume wachsen, bauten die Menschen mit Stein, und so sind prähistorische Grabanlagen, Steinkreise und – wie in Skara Brae an der Westküste – ganze Dörfer erhalten geblieben, die aussehen, als seien sie von ihren Bewohnern gerade erst verlassen worden.

Doch die grösste aller Fundstätten, der «Ness of Brodgar», bereitet der Wissenschaft bis heute Kopfzerbrechen. Auf der Landzunge zwischen zwei Seen stiess eine Bäuerin im April 2003 beim Pflügen auf eine Steinplatte mit vier exakt halbkreisförmigen Aussparungen. Die herbeigerufenen Archäologen waren nicht auf das gefasst, was sie in den folgenden Jahren nach und nach freilegen sollten: einen vier Fussballfelder grossen Tempelbezirk mit monumentalen Bauten. Spiegelglatte Mauern zeugen vom unglaublichen Geschick ihrer Baumeister. Die grösste Halle trug ein Dach aus dünnen Steinplatten, die Fugen säuberlich mit Ton abgedichtet, das Abwasser floss in eine Kanalisation.

Wer waren die Menschen, die um 3200 v. Chr. den «Ness of Brodgar» errichtet haben? Welche Gottheiten haben sie verehrt? All das ist bis heute unbekannt. Das grösste Rätsel aber sind die Feuerstellen und die Überreste von mehreren Hundert Rindern, die alle auf einmal geschlachtet wurden, um eine Unzahl von Gästen zu bewirten. Nach diesem gigantischen Festmahl, so fanden die Forscher heraus, rissen die Menschen Tempelmauern und Dächer ein und verliessen die Insel. Weshalb und mit welchem Ziel, darüber kann die Wissenschaft bis heute nur spekulieren.

Obolus

Auch im Reich der Mythologie wurde mit klingender Münze bezahlt. Der Einheitsarif des Fährmanns Charon für eine Fahrt über den Styx war den alten Griechen genau bekannt: Das Ticket in den Hades kostete einen Obolus. Und weil die Verstorbenen keinen Geldbeutel mitnehmen konnten, legte man ihnen diesen Obolus vor der Bestattung unter die Zunge. Ausgerechnet dieser Totenritus hat der unscheinbaren Münze ein langes Leben beschert: Noch heute leisten wir unseren Obolus, wenn wir eine Gebühr, ein Trinkgeld, eine Spende entrichten.

Der Obolus, diese Silbermünze im antiken Griechenland, war ein Sechstel einer Drachme wert. Das griechische Wort obolós bezeichnete ursprünglich allerdings kein Geldstück, sondern vielmehr einen kleinen Bratspiess. Als man die Münzen noch nicht aus runden Metallplättchen schlug und noch nicht mit den Porträts der jeweiligen Herrscher versah, hatten sie eine einfache, spitze Form und wurden im Volksmund ganz einfach «Spiesse» – oboloí – genannt. Mit dem Obolus sprachlich eng verwandt ist denn auch der Obelisk, jene schlanke Spitzsäule, die dem nicht ganz so schlanken Gallier Obelix den Namen gab.

Übrigens: Wer zu einer Sache sein Scherflein beiträgt, bezahlt genau gleich viel wie einst Charons Passagiere. Ab dem 12. Jahrhundert war Obolus nämlich das lateinische Wort für den deutschen Scherf, ebenfalls eine kleine Silbermünze. Ein Scherf gleich ein Obolus: Aller Inflation zum Trotz (und zum Verdruss des Fährmanns) blieb der Tarif ins Jenseits über die Jahrhunderte stets derselbe. In einem barocken Gedicht über Charon steht zu lesen:

Itzt klagt der starcke Greis mit einer sauren Miene,
dass ihm die Überfahrt nicht einen Scherff verdiene.

Palaver

Wenn die Roten sich einmal bei einem solchen Palaver befinden, pflegt dieses fast kein Ende zu nehmen,

schreibt Karl May in seinem Klassiker «Winnetou». Und so wissen wir seit unserer Kindheit, dass ein Palaver nichts als ein langatmiges, fruchtloses Gerede ist.

Im alten Griechenland war παραβολή, parabolē, noch ein literarisches Gleichnis, und als solches ist es verwandt mit der deutschen Parabel und der Parole. Als dieses Wort als palavra bei den Seeleuten Portugals ankam, wurde es zum Begriff für langwierige, oft ergebnislose Verhandlungen mit den Händlern an den Küsten Westafrikas.

Tatsächlich hat das Palaver auf dem afrikanischen Kontinent eine lange Tradition. Und hier ist es alles andere als leeres Geschwätz. Ein afrikanisches Palaver ist ein Dialog auf Augenhöhe, freundlich im Ton und friedvoll in der Absicht, und sein Ziel ist es, im weitesten Sinn ein Problem zu lösen. Keiner der Teilnehmer hat den Ausweg parat, keiner will ein Ergebnis durchsetzen. Lösungen werden gesucht und, von gleich zu gleich, entwickelt. Dabei geht es nie nur um die Sache, sondern immer auch um die Gemeinschaft, den Konsens. Mehrheit gegen Minderheit, eine Kontroverse, ein Streit, all das wird konsequent vermieden. Kurzum: Das Ziel des Palavers ist, was wir heute eine Win-win-Situation nennen.

Und weil ein Palaver viel mehr sucht als bloss den schnellen Ausweg, kann es viel Zeit in Anspruch nehmen. Aber: Am Ende steht die belastbare Übereinkunft, die für alle bindend ist, weil alle sie gemeinsam erarbeitet und ihr am Ende zugestimmt haben. So gesehen, wäre der Welt durchaus mehr Palaver zu wünschen.

Panorama

Thun, 1809: Der junge Mann, das Gesicht voller Rasierschaum, setzt gerade das Rasiermesser an. Nebenan flicht eine Frau ihr Haar, derweil ihr die Magd das Schürzenband zu einer Schleife bindet. Es sind zwei von zahllosen Details auf einem gigantischen, über die Massen realistischen Gemälde, das uns einen Augenblick im Alltag des Städtchens vor Augen führt. Gigantisch, in der Tat: Das 360-Grad-Panoramabild, vom Basler Marquard Wocher gemalt, ist 7,5 Meter hoch und sage und schreibe 38 Meter breit. In einem eigenen Rundbau in Thun ausgestellt, bietet es einen atemberaubenden Blick über Schloss, Alpenkette und Umland und lässt den Betrachter in belebte Gassen und gar in die Fenster blicken. Die perfekte Illusion.

Es war kein geringes Wagnis, das Wocher auf sich nahm. Der Aufwand war enorm: Auf einem Dach hatte er sich eine hölzerne Plattform bauen lassen, von der aus er Unmengen von Skizzen anfertigte. Zurück in Basel, malte er fünf Jahre lang, ohne jede Hilfe, das grösste Bild seines Lebens.

Das gemalte Panorama ist ein Kind der industriellen Revolution und ein Massenmedium der ersten Stunde. Das aufstrebende Bürgertum suchte Unterhaltung und Illusion. Reisen war kaum erschwinglich, und Rundum-Panoramen machten es möglich, Unerreichbares zu erleben. Besonders beliebt war Geschichte: Von den fünf erhaltenen Panoramen der Schweiz zeigt eines die Schlacht bei Murten 1476, ein anderes den Grenzübertritt der 87 000 Soldaten der Bourbaki-Armee im Jura 1871.

Das beschauliche Thun-Panorama konnte da nicht mithalten. Eine Weile in Basel ausgestellt, fand es trotz Publikumserfolgen am Ende keinen Käufer. Maler Wocher starb 1830 in bitterer Armut.

Predigt

Die Wortgeschichte kann entlarvend sein: Predigt, also das, was der Pfarrer auf der Kanzel hält, kommt vom lateinischen praedicare, «ausrufen», «rühmen», «anpreisen» oder «behaupten». Eine praedicatio, auf Deutsch eben eine Predigt, ist also zumindest in sprachlicher Hinsicht eine im Brustton der Überzeugung geäusserte Behauptung. Eine noch dazu, deren Sinn sich nicht ganz in jedem Fall erschliesst. Es war ausgerechnet einer der bekanntesten Prediger des Mittelalters, Berthold von Regensburg, der im 13. Jahrhundert gleich selbst die Kardinalsfrage stellte: warumbe solte ich zuo der predige gân?

Ja, warum eigentlich? Schliesslich war die Predigt zu allen Zeiten nicht nur, was die Homiletik untersucht, die Lehre von der Predigt, ihrer Form und Darbietung. Gehalten wurde Predigten auch längst nicht immer in der Kirche: «In Gesellenvereinen», so wettert der alternde Gotthelf mit Blick auf den Sittenverfall der 1840er Jahre, «wurde die Notwendigkeit einer Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse gelehrt, die freie Liebe gepredigt und bisweilen sogar der Polygamie das Wort geredet.»

Freie Liebe, Polygamie – das kann nicht gutgehen. Das schreit geradezu nach einer Predigt, und die war zu allen Zeiten auch Standpauke und Donnerwetter. Was Wunder, dass bald einmal «Gardinenpredigt» hiess, was hinter zugezogenen Bettvorhängen der Gatte von seiner entrüsteten Gattin zu hören bekam. Und weil Unsitte und Schelte einigermassen global zu sein pflegen, heisst der entsprechende Monolog auch in England curtain lecture.