Sündenbock

Wo immer etwas schief läuft, da wird ein Sündenbock gesucht. Nur gut, dass wir es da nicht mehr so halten wie in der Bibel:

Und Aaron soll den Ziegenbock herbringen. Er soll seine beiden Hände auf seinen Kopf legen und über ihm bekennen alle Missetaten der Israeliten (…). Er soll sie dem Bock auf den Kopf legen und ihn (…) in die Wüste bringen lassen, dass also der Bock alle Missetaten auf sich nehme und in die Wildnis trage. Und man lasse ihn in der Wüste.

Der zu einem grausamen Tod verurteilte Sündenbock stammt aus einer ausführlichen Opferanleitung des Alten Testaments. Dem dritten Buch Mose zufolge hat Gott das Ritual Moses älterem Bruder Aaron befohlen. Es bildet den Hintergrund des höchsten jüdischen Feiertags, des Jom Kippur. Der Jom Kippur, übersetzt «Tag der Sühne», wird von vielen Juden eingehalten. Gläubige fasten 25 Stunden lang. In Israel steht das öffentliche Leben still – die Strassen sind autofrei, Restaurants und Cafés sind ebenso geschlossen wie die Grenzübergänge und der Flughafen.

Die Vorstellung, einen Bock für die Menschen zu opfern, gibt es in vielen Kulturen. Auch in der Schweiz: Unterhalb von Göschenen liegt der 2000 Tonnen schwere Teufelsstein, der Sage nach vom Teufel aus Wut dorthin geschleudert. Für den erfolgreichen Bau der Teufelsbrücke hatte man ihm die Seele des ersten Wesens versprochen, das darüber ginge. Die Urner aber, bauernschlau, jagten als erstes einen Ziegenbock hinüber. Niemand kam zu Schaden – ausser einem armen Bock.

Takeaway

In der Steinzeit müssen die Menschen davon geträumt haben: ein allzeit bereiter Auftragsjäger, der auf Kommando das Schnitzel erlegt und brät – in weniger als einer Viertelstunde. Der Gasthof des Mittelalters, eine Art «Come-on-in», kam dem Traum schon ziemlich nah, doch seine Vollendung heisst «Takeaway».

Takeaway
Takeaway
Weil der Auftragsjägertraum ein globaler ist, hat seine Erfüllung viele Namen: Deutschland hat seinen Imbissstand, Österreich seine Würstelbude oder sein Buffet. Der Schweizer Takeaway ist zwar ein Anglizismus, aber nur einer von vielen: Der hungrige Schotte geht zum carry-out, der Amerikaner zum take-out, der Inder zum parcel und der Chinese zum tapau, was soviel heisst wie «pack’s ein». Auch korrektes Bestellen erfordert einige Kenntnis: Amerika und Kanada bestellen to go, England to take away oder to eat out – Letzteres meint also keineswegs den reziproken Essensvorgang im Fall akuter Magenverstimmung.

So unterschiedlich die Schnellküchen auch heissen mögen: Ihr Angebot ist einigermassen globalisiert. Pizza in allen Varianten, Kebab mit alles oder wenigstens mit viel Scharf, daneben fish and chips und natürlich Sandwiches und Wurst in allen Variationen.

Dass man bei soviel Einheitsbrei auch die lokale Küche pflegen kann, zeigt der oberfränkische Würstchenmann mit seinem rechteckigen, tragbaren Wurstkessel: 1881 erfand eine Metzgerei in der Stadt Hof den Wärschtlamo, und bis heute locken die Wärschtlamänner mit dem Ruf «haass senn sa, koid wern sa», heiss sind sie, kalt werden sie.

Takeaway muss dabei durchaus nichts Vergängliches sein: Ihrem Wärschtlamo haben die Hofer auf dem Sonnenplatz gar ein Denkmal gesetzt.

Talisman

Talisman in Carneol
Gläubigen bringt er Glück und Wohl

So schreibt Goethe in seinem «West-östlichen Divan». Ein Talisman ist ein Glücksbringer, jedenfalls solange wir an ihn glauben. Wie genau der Talisman das bewerkstelligt, ist dabei so rätselhaft wie das Wort. télesma heisst auf Griechisch «Abbild», «Zauberbild» und stammt aus dem alten Byzanz. Im arabischen Plural telsamân wanderte es nach Spanien und Italien ein und kam im 18. Jahrhundert im Deutschen an. In England, Holland, Skandinavien, Frankreich, Spanien, Italien – der Talisman heisst in allen Sprachen so und klingt verheissungsvoll nach Scheherazade und der Zauberwelt des Orients.

Die Vorstellung vom glücksbringenden Zauberbild kommt aus dem alten Mesopotamien, dem Gebiet zwischen den Flüssen Tigris und Euphrat im heutigen Syrien und Irak. Vor allem in den alten Metropolen Babylon und Ninive war es Brauch, jedes Wohnhaus mit einem schützenden Bild zu versehen, einer in Stein gemeisselten, oft rätselhaften Zwittergestalt zwischen Göttern, Menschen und Tieren. Heute ist ein Talisman ein kleiner Gegenstand, oft eine bildliche Darstellung aus Metall oder Halbedelstein, die man in der Tasche oder um den Hals trägt. Glück soll er bringen, und damit ist er gleichsam das Gegenteil des Amuletts, das Unglück abwehren und Krankheiten und bösen Zauber fernhalten soll.

Es ist nicht so, dass Menschen nicht auch hierzulande auf Glücksbringer vertraut hätten: Die Hasenpfote und der Glückspfennig sind uns, was den alten Ägyptern der Skarabäus war. Und wenn wir heute am Kühlergrill eines Lastwagens ein Hufeisen sehen, dann ist das ein fernes Echo der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht.

Teebeutel

«Abwarten und Tee trinken», pflegen wir zu sagen – und vergessen dabei, dass man beim Warten eigentlich noch gar nichts trinken konnte, denn nach dem Ziehenlassen musste man den Tee erst noch absieben. Dass das Teetrinken bequemer – und schneller – geworden ist, verdanken wir den beiden Erfinderinnen Roberta Lawson und Mary McLaren aus Milwaukee, Wisconsin. Die beiden waren es leid, jedesmal den restlichen, schal gewordenen Tee wegzugiessen und sich über die Verschwendung zu ärgern. Ihr neuartiger «tea leaf holder» (auf Deutsch «Teeblatthalter») sollte das ändern: Ein kleines Säckchen aus dünnem Baumwollstoff, das Tee für genau eine Tasse enthielt, liess sich bequem mit Wasser übergiessen – convenience ohne foodwaste, würden wir heute sagen.

Die ersten kommerziellen Teebeutel von 1904 waren noch handgenäht, doch so richtig Fahrt nahm die Idee auf, als der Teehändler Thomas Sullivan seinen kostbaren Tee in platzsparende Seidenbeutel abpackte. Seine Kundinnen aber tauchten die Beutel gleich so ins Wasser, in der Annahme, das sei von Sullivan so vorgesehen.

Wahre Teekenner haben für die Beutel nur Verachtung übrig. Und doch landen die jährlich rund 30 Millionen Tonnen Tee zum grossen Teil in Teebeuteln. Die bestehen längst nicht mehr aus Baumwolle, sondern meist aus den Fasern der Blätter einer ostasiatischen Bananenart namens Abacá. Und auch genäht wird nichts mehr: Teebeutel werden, ohne Verwendung von Klebstoff, nach dem Abfüllen maschinell gefaltet.

Teigtaschen

Dem wahren Feinschmecker sind sie ein Graus: die Ravioli. Das liegt weniger am Gericht als vielmehr an seiner Verpackung: Seit Generationen gibt es sie, in eintöniger Tomatensauce schwimmend, in Dosen zu kaufen; kurz aufgewärmt, ergeben sie eine hastige Mahlzeit.

Ravioli, diese kulinarischen Einwanderer aus Italien, sind also Fastfood? Von wegen. Teigtaschen aus Hefe, Blätter- oder Nudelteig und mit Gemüse-, Fisch- oder Fleischfüllung sind auf der ganzen Welt heimisch. Ihre Zubereitung ist simpel: Der Teig aus Mehl oder Hartweizengriess, Wasser, Salz und Ei wird flach ausgerollt und zugeschnitten. Jeder Teil wird mit der gewünschten Füllung belegt, mehr oder weniger kunstvoll geschlossen und danach gekocht, gedünstet, gebraten oder frittiert. Das Ergebnis heisst dann je nach Weltengegend Krapfen, Maultaschen, Tortelloni, Kreplach, Piroggen, Empanadas, Pelmeni, Boraki, Wareniki oder Pow. Alle sind sie ein bisschen anders und doch ein bisschen gleich, denn allen ist gemeinsam, dass man von aussen nicht erkennen kann, was drinsteckt.

Und das ist Absicht. Denn zum einen lassen sich so patent die Reste vom Vortag verarbeiten, und zum anderen verbirgt die Tarnung aus Teig diskret, dass die Zutaten nicht zwingend von der allerbesten Qualität zu sein brauchen. Und dann gab es noch diesen einen, ganz besonders gewichtigen Grund: An Freitagen durften fastende Katholiken im Gedenken an den Karfreitag, den Hinrichtungstag Jesu Christi, kein Fleisch essen. Teigtaschen machten es möglich, sich selbst im Kloster hemmungslos der Fleischeslust hinzugeben. Im Schwabenland heissen die Maultaschen daher treuherzig «Herrgottsbscheisserle».