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Jassen

Einen Schweizer Stammtisch ohne Politik mag es geben – einen ohne Jass dagegen kaum. Nichts ist so urschweizerisch wie das Jassen.

Das Wort aber ist es nicht: Der «Jass» ist vielmehr Importware aus den Niederlanden. Schweizer Söldner, so nimmt man an, brachten das Jassen aus Holland mit, und der Jass, der Trumpfbauer, ist also (ebenso wie die Trumpf-Neun, das holländische Nell) ein Ausländer. Auch das Spiel ist keineswegs made in Switzerland: Spielkarten kommen aus Ostasien und sind vermutlich über die Seidenstrasse nach Europa eingewandert.

Die ältesten Spielkarten der Deutschschweiz stammen aus dem Jahr 1470. Sie liegen im Historischen Museum Basel und tragen die Farben Schellen, Schilten, Eicheln und Federn. Sie werden einem Basler Maler zugeschrieben, da der Schilten-Under einen Baslerstab auf der Brust trägt. Die Farbe «Rosen» übrigens kam erst später dazu, da die ursprünglichen Federn angeblich zu stark ans Rupfen von Hühnern erinnerte.

Das Wort «Jass» ist vermutlich eine Verkürzung von Paljas (in vielen Schweizer Dialekten Paiass), auf Deutsch «Hanswurst» oder «Narr». Tatsächlich lässt sich nur ein Narr in die Karten blicken – auch wenn die genau dafür gemacht sind: Spielkarten sind deshalb punktsymmetrisch, damit man sie auch dann noch erkennen kann, wenn sie kopfstehen.

Ob schweizerisch oder nicht, interessiert längst niemanden mehr. Jasskarten sind nach dem Standard ISO-216 auf das Format A8 genormt. Und auch von gestern sind sie nicht: Gejasst wird heute, neben dem Stammtisch, im Internet und per iPhone-App.

Risiko

Wenn Sie alle Risiken vermeiden wollen, haben Sie bald keine Risiken mehr zu vermeiden, weil Sie nicht mehr im Geschäft sind.

Solcherlei Logik stammt von Joe Ackermann, dem Noch-Chef der Deutschen Bank und Bald-Chef der Zürich-Versicherung.

Was heute an den Märkten in aller Munde ist, hatte früher ganz einfach mit Mut zu tun – ob mit dem Mut des Seefahrers oder dem des Ritters, darüber streitet die Sprachwissenschaft bis heute. Risiko geht, so sagen die einen, auf das griechische rhizikon oder das spanische risco zurück, auf Deutsch «Klippe». Die anderen sind davon überzeugt, dass Risiko von einem frühromanischen Verb rixicare abstammt, auf Deutsch «streiten, Widerstand leisten». Und so streiten die Forscher munter weiter, auch wenn beide, die Seefahrer und die Turnierkämpfer, den schlagenden Beweis schuldig bleiben.

Ob zu Wasser oder zu Land: Der Kampf mit den Wellen und der gegen den Gegner war unberechenbar. Und eben diese Unkalkulierbarkeit war zu allen Zeiten der Schrecken der Kaufleute. Ob ihre Schiffsladung an Klippen zerschellte oder einem Krieg zum Opfer fiel – das Geschäft war und blieb ein Wagnis.

Wie der Kaufmann mit diesem Risiko umgeht, das beschreibt die so genannte Entscheidungstheorie. Schielt er nach dem grössmöglichen Gewinn und setzt alles auf eine Karte, ist er risikoaffin. Entscheidet er dagegen allein nach sachlichen Kriterien, ist er risikoneutral, geht er auf Nummer sicher, dann ist er risikoscheu. Und die Ackermänner dieser Welt wissen: Vermeidet der Kaufmann das Risiko ganz, dann ist er bald keiner mehr.

Menetekel

Ein Menetekel, so erklärt der Duden, ist das geheimnisvolle Anzeichen eines drohenden Unheils. Eine ziemliche Untertreibung: Als der babylonische Kronprinz Belsazar im 6. Jahrhundert v. Chr. dieses Anzeichen sah, war er am nächsten Tag tot.

Es mag auch daran gelegen haben, dass der mit seinen Getreuen zechende und Gott lästernde Belsazar die Zeichen ganz einfach nicht verstand. Die Bibel berichtet, während des wüsten Gelages seien wie von Geisterhand an der Palastwand, in flammender Schrift, die Worte erschienen: Mene mene tekel upharsin. Im Deutsch der Luther-Bibel von 1534 heisst das «gezählt, gewogen, geteilt». Die Flammen an der Wand lassen den Prinzen erbleichen, und keiner seiner Berater kann mit dem Spruch etwas anfangen. Erst der Palastdiener und Traumdeuter Daniel wagt eine Deutung: «Die Tage Deiner Herrschaft sind gezählt, Du bist gewogen und für zu leicht befunden, und Dein Reich wird unter den Medern und den Persern aufgeteilt werden».

So will es das Alte Testament. Tatsächlich ist Daniels Deutung eine sehr freie Übersetzung aus dem Akkadischen, einer heute ausgestorbenen Sprache, die bis ins erste Jahrhundert nach Christus in Mesopotamien und im heutigen Syrien gesprochen wurde. Mene mene tekel besteht, nüchtern betrachtet, nur aus uralten umgangssprachlichen Einheiten, darunter die hebräischen Währungen Mine und Schekel. Ein unlösbares Rätsel.

Und so sitzt Belsazar bleich und schlotternd vor der verglimmenden Schrift, und Daniels Deutung hallt im Raum. Das Ende von der Geschichte: Daniel wird reich belohnt, Belsazar umgebracht, und seither ist das Menetekel eine eingängige Kurzform des Sprichworts: «Hochmut kommt vor dem Fall».

Rhetorik

Rhetorik ist Griechisch und heisst «Redekunst». Nicht alle, die Reden halten, sind Künstler – ob Tischreferat oder Ansprache: Reden ist Mundwerk und nur ganz selten wirklich Kunst.

Im alten Griechenland war die Rhetorik hoch angesehen. Sie zählte (zusammen mit Grammatik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie) zu den sieben freien Künsten, der Bildung, nach der ein freier Mann strebte. Denn wem es gelang, vor Gericht oder auf dem Forum Menschen zu überzeugen, der hatte Macht.

So zu reden will geübt sein. Marcus Tullius Cicero war ein stotternder Aussenseiter im Establishment des alten Rom – und ein rhetorisches Jahrhunderttalent. Er studierte bei allen Meistern seiner Zeit. Ihren gekünstelten Stil (der in Rom führende Anwalt Hortensius wurde als «Tanzmeister» verspottet) fand Cicero lächerlich, und so schrieb er sich auf Rhodos beim griechischen Rhetor Molon ein. Einen ganzen Frühling und Sommer lang liess sich der junge Cicero drillen: Turnübungen, Atemübungen, Redeübungen – und kein einziges geschriebenes Wort, getreu Molons Devise:

Bei der Redekunst zählen nur drei Dinge: der Vortrag, der Vortrag und der Vortrag.

Und Cicero lernte gut: Zurück in Rom, brachte er den mächtigen Gaius Verres, den räuberischen Prätor von Sizilien, vor Gericht. Verres und sein Verteidiger, eben jener Tänzer Hortensius, hatten nicht den Hauch einer Chance: Von zwei verfassten Brandreden brauchte Ankläger Cicero nur die erste zu halten, da floh der korrupte Verres bei Nacht und Nebel nach Marseille und kehrte nie wieder zurück.

Von Anakoluth bis Zeugma: Rhetorische Figuren tragen bis heute antike Namen. Doch ob Anklage oder Poetry Slam – nur auf drei Dinge kommt es an: den Vortrag, den Vortrag und den Vortrag. (Das übrigens ist die womöglich älteste aller Figuren. Man nennt sie repetitio.)

Tram

Zur Welt kam das Tram in England. Am 25. März 1807 wurde im südwalisischen Swansea ein Pferd angeschirrt und vor die hölzerne Schienenkutsche gespannt, die aussah, als wolle sie gleich den wilden Westen durchqueren. Damit war die erste Pferdebahn geboren. Ihr helvetisches Pendant liess noch etwas auf sich warten: Erst 1862 liessen sich die Genfer Stadtväter von den Vorzügen dieses Zwitters aus Postkutsche und Eisenbahn überzeugen und nahmen das erste Rösslitram in Betrieb.

Auch wenn die Geschichte bekannt ist: Woher der Name kommt – «Tram» (vom englischen tramway) –, liegt im Dunkeln. Der Ursprung ist, so wird spekuliert, das altnordische Wort für «Balken», das als tram oder trämel im Zimmermannswesen und in vielen Dialekten noch heute gebräuchlich ist. Dieser (im übrigen männliche) Tram wurde Anfang des 16. Jahrhunderts in Schottland zum Synonym für die auf Schienen laufende Lore in Kohleminen und später für jede Art von Schienenwagen.

Wie alle Fahrzeuge wurde auch das Tram zunächst mit Hafer betrieben, später mit Kohle, da und dort mit Diesel, dann endlich mit elektrischem Strom. Vieles hat sich im Laufe der Jahrzehnte geändert: nicht nur die Futtermittel, sondern auch die Länge. Die ersten Schweizer Kutschen boten Platz für eine Handvoll Reisende; Hochleistungstrams von heute sind über 40 Meter lang, fassen mehr als 200 Passagiere und bieten Klimaanlage und drahtloses Internet.

Die Moderne machte auch vor der historischen Schienenkutsche von Swansea nicht Halt: Das Zugpferd wurde der Reihe nach von einem Segel, einer Dampfmaschine, einem Diesel- und einem Elektromotor abgelöst. Bis schliesslich 1960 der schärfste Konkurrent des Trams das Geschäft übernahm: der Bus.