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Minox

Die Fotokameras der 1930er-Jahre sind technische Wunderwerke. Doch ob Kompakt oder Spiegelreflex, ob Kleinbild- oder Rollfilm: Kameras sind gross und schwer und hängen den Fotografen wie Mühlsteine um den Hals.

Walter Zapp, 1905 im Baltikum geboren, kriegstraumatisiert, Schulabbrecher, findet in den Wirren nach dem Ersten Weltkrieg am Ende doch noch eine Lehrstelle als Kunstfotograf. Rasch zeigt sich: Der junge Zapp ist hoch begabt. 1934 beginnt er, in Riga eine Fotokamera zu entwickeln, die kleiner ist als alles, was die Welt je gesehen hat. Der erste Prototyp folgt zwei Jahre später, eine Art achtes Weltwunder der Fotografie: Eine hochpräzise Kamera namens «Minox», von lateinisch minor («kleiner»), aus Edelstahl, 130 Gramm und kleiner als zwei Feuerzeuge, mit fester Blende von 3,5 und Verschlusszeiten bis zu einer Tausendstelsekunde. Der Winzling braucht einen Spezialfilm, dessen Negative erst 6,5 mal 9, später 8 mal 11 Millimeter klein sind. Optik und Mechanik sind von einer unerhörten Qualität, so dass sich selbst Geheimdokumente und Pläne gestochen scharf abfotografieren lassen.

Das rief, wen wundert’s, nicht nur die Künstler, sondern auch die Schlapphüte auf den Plan. «On Her Majesty’s Secret Service» («Im Geheimdienst ihrer Majestät») von 1969 mag trotz des Drehs auf dem Schilthorn zu den dürftigeren Filmen zählen. Doch die Minox, mit der George Lazenby alias James Bond eine geheime Karte abfotografiert, liess dem Publikum die Augen übergehen.

Der Spionage-Kamera namens «Minox», jenem Meisterwerk des Erfinders Walter Zapp, war ein ungeheurer Erfolg beschieden: 75 Jahre lang wurde sie produziert. Die allerletzte lief erst 2012 vom Band.

Solitaire

Am 18. Mai 2015 liess Microsoft die Korken knallen. Zu feiern gab es das 25-Jahr-Jubiläum der wichtigsten Software, die in Redmond im US-Bundesstaat Washington je entwickelt worden war. Wichtig vielleicht weniger im Sinne der Produktivität als vielmehr des allgemeinen Wohlbefindens, denn das Programm heisst «Solitaire».

Solitaire ist ein Kartenspiel, eine Computer-Patience, die der Microsoft-Angestellte Wes Cherry 1989 geschaffen hat. Die Kollegen waren begeistert, bis hoch zum obersten Chef Bill Gates: Mit diesem Game, so erkannten sie, würden Computerneulinge spielerisch mit der Computermaus vertraut werden. Und so kommt es, dass Solitaire seit dem Betriebssystem Windows 3 zum Inventar der meisten PCs dieser Welt gehört. Bis heute zur Freude von Hunderten von Millionen Spielern rund um den Globus.

Mit verheerenden Auswirkungen: Ungezählte Arbeitsstunden, Jahre, Jahrhunderte wurden mit Solitaire verzockt. Der Büroangestellte Edward Greenwood hatte 2006 das Pech, dass Michael Bloomberg, als Bürgermeister von New York City immerhin sein oberster Chef, während eines Besuchs einen Blick auf seinen Bildschirm erhaschte. Auf dem dummerweise ein Solitaire-Spiel zu sehen war. Der Bürgermeister fackelte nicht lange und liess den unglücklichen Gamer auf der Stelle feuern.

Obwohl als Produktivitätskiller verschrieen, ist Solitaire nicht totzukriegen. Das letzte Windows, mittlerweile Version 8, wurde zum ersten Mal seit 1990 ohne Spiel angeboten – in den Augen der Patience-Profis ein Fehler. Die warten daher ungeduldig auf Microsofts nächsten Streich: Das neue Solitaire mit einem bisschen Windows 10 drum rum.

Kautschuk

Als Hernándo Cortés, der Eroberer Mexikos, seinem Auftraggeber König Karl V, den noch unbekannten Kakao und die anderen mitgebrachten Wunderdinge vorführte, war darunter auch eine Mannschaft «langmähniger Wilder», wie ein Augenzeuge schrieb. Ihre Aufmachung – kurze Hose aus Leder – und ihr rituelles Spiel, eine Art Basketball, erregten weit weniger Aufsehen als das exotische Material, aus dem der Ball gemacht war – ein Stoff, den die Indios seit Jahrtausenden kannten und den sie «Kautschuk» nannten.

Kautschuk, wörtlich «Tränen des Baums», wird aus Latex hergestellt, dem Milchsaft des Kautschukbaums. Dieser Saft wird durch Ritzen der Baumrinde gewonnen und ist der nachwachsende Rohstoff für die Herstellung von Gummi. Lange Zeit wuchs der Wunderbaum allein am Amazonas; Brasilien besass ein natürliches Monopol. Bis zum Jahr 1876. Da sammelte der britische Abenteurer Henry Wickham insgeheim 70 000 der kostbaren Samen, gab die Pakete als «Orchideen» aus und schickte sie nach London. In den Gewächshäusern der königlichen Kew Gardens an der Themse wuchsen 2000 Kautschuksetzlinge heran, die dann nach Malaysia verschifft wurden. Nur acht Bäumchen überlebten den Transport, doch das Tropenklima Südostasiens liess sie prächtig gedeihen.

Für Brasiliens Export war das ein schwerer Schlag. Die Kautschukbäume breiteten sich in Asien, Indien und Westafrika aus. Brasilien dagegen, dessen eigene Gummibäume seit jeher von Parasiten geschwächt waren, hatte der neuen Konkurrenz nichts entgegenzusetzen. Schmuggler Wickham, dieser Biopirat der ersten Stunde, ging in die Geschichtsbücher ein. Als «Henker des Amazonas».

Serviette

Wenn’s um Tischmanieren geht, waren die alten Römer Barbaren. Im «Gastmahl des Trimalchio», das uns der römische Dichter Titus Petronius in seinem Roman «Satyricon» vor Augen führt, tragen Dutzende Sklaven die erlesensten Speisen auf: In Honig und Mehl gebackene Haselmäuse, mit lebendigen Drosseln gefüllte Kuchenteigschweine und in Pfeffersauce schwimmenden Bratfisch. Unerlässliches Requisit dieses Inbegriffs der Dekadenz: Die lateinische mappa, die Serviette. Genaugenommen waren es deren zwei: Die grössere diente dazu, die mit teuren Stoffen bezogene Liege vor Flecken zu bewahren, die kleinere wurde in der linken Hand gehalten und diente als Mundtuch.

Mit Rom ging im 5. Jahrhundert auch die Serviette unter. Im dunklen Mittelalter pflegte man sich den Mund mit dem Ärmel und die Finger mit dem Tischtuch abzuwischen. Erst im 16. Jahrhundert entdeckte der Adel die Serviette neu. Das französische Wort bedeutet wörtlich «kleine Dienerin», und tatsächlich pflegten Bedienstete mit dem «Tellertuch», wie es auf Deutsch hiess, das Gedeck der hohen Gäste abzuwischen.

Ob Damast, Leinen oder Papier: Ohne Serviette nehmen wir heute keinen Happen mehr zu uns. Bei McDonald’s gibt’s zum Burger gleich ein halbes Dutzend davon. Meistens jedenfalls: Der 59-jährige Webster Lucas hatte Anfang 2014 zu seinem Big Mac eine einzige Papierserviette erhalten; eine zweite sei ihm, seiner Hautfarbe wegen und «aus rassistischen Gründen», verweigert worden. Einen Gratis-Burger zur Beschwichtigung schlug Lucas aus und verklagte McDonald’s stattdessen auf Schadenersatz. Im Umfang von 1,5 Millionen Dollar.

Sündenbock

Wo immer etwas schief läuft, da wird ein Sündenbock gesucht. Nur gut, dass wir es da nicht mehr so halten wie in der Bibel:

Und Aaron soll den Ziegenbock herbringen. Er soll seine beiden Hände auf seinen Kopf legen und über ihm bekennen alle Missetaten der Israeliten (…). Er soll sie dem Bock auf den Kopf legen und ihn (…) in die Wüste bringen lassen, dass also der Bock alle Missetaten auf sich nehme und in die Wildnis trage. Und man lasse ihn in der Wüste.

Der zu einem grausamen Tod verurteilte Sündenbock stammt aus einer ausführlichen Opferanleitung des Alten Testaments. Dem dritten Buch Mose zufolge hat Gott das Ritual Moses älterem Bruder Aaron befohlen. Es bildet den Hintergrund des höchsten jüdischen Feiertags, des Jom Kippur. Der Jom Kippur, übersetzt «Tag der Sühne», wird von vielen Juden eingehalten. Gläubige fasten 25 Stunden lang. In Israel steht das öffentliche Leben still – die Strassen sind autofrei, Restaurants und Cafés sind ebenso geschlossen wie die Grenzübergänge und der Flughafen.

Die Vorstellung, einen Bock für die Menschen zu opfern, gibt es in vielen Kulturen. Auch in der Schweiz: Unterhalb von Göschenen liegt der 2000 Tonnen schwere Teufelsstein, der Sage nach vom Teufel aus Wut dorthin geschleudert. Für den erfolgreichen Bau der Teufelsbrücke hatte man ihm die Seele des ersten Wesens versprochen, das darüber ginge. Die Urner aber, bauernschlau, jagten als erstes einen Ziegenbock hinüber. Niemand kam zu Schaden – ausser einem armen Bock.