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Tic Tac Toe

«Tic Tac Toe» ist ein jahrtausendealtes Strategiespiel für zwei Spieler. Abwechselnd setzen sie ein X oder ein O auf die Spielfläche mit dreimal drei Feldern. Wem es zuerst gelingt, eine Dreierlinie zu bilden – waagrecht, senkrecht, diagonal –, der hat gewonnen.

Bloss: Wenn keiner einen Fehler macht, ist das gar nie der Fall. Denn Tic Tac Toe ist ein Spiel, das zwar mehr als eine Viertelmillion möglicher Spielverläufe kennt, aber keinen Sieger – und wenn doch, dann nur, wenn einer den Durchblick nicht hat.

Erstaunlich also, dass auch heute noch jedes Kind das Spiel kennt. Das liegt daran, dass es so einfach ist: Kein anderes Spiel ist so rasch erklärt. Und kein anderes lässt sich so einfach programmieren: Es gibt zahllose Tic Tac Toes für Computer und Handy – unter dem Namen «OXO» war es 1952 eines der allerersten Games, die je für einen Computer geschrieben wurden.

Im Film «War Games» von 1983 spielte es sogar eine Hauptrolle: Dem jungen David gelingt es, in einen fremden Computer einzudringen und ein ihm unbekanntes Game namens «Globaler thermonuklearer Krieg» zu spielen. Was er nicht weiss: Der Computer steuert, ausgerechnet, Amerikas Atomraketen. Als David endlich erkennt, dass er gerade dabei ist, einen Atomkrieg auszulösen, lässt er den Computer in letzter Sekunde das Kinderspiel Tic Tac Toe spielen, bis dieser die strategische Sinnlosigkeit erkennt und die Raketenstarts abbricht.

A propos durchschauen: Fast so einfach wie die Spielregeln ist auch die Strategie. Beginnen Sie mit Ihrem X oder O stets in einer Ecke. Setzt Ihr Gegner danach nicht genau in die Mitte (und machen Sie keinen groben Schnitzer), dann werden Sie in jedem Fall gewinnen.

Knigge, Adolph Freiherr

Der Knigge – das sind eigentlich zwei. Der eine ist der notorische Besserwisser, den Kinder hassen, wenn sie sich bei Tisch benehmen sollen, als tafelten sie mit Königen. Und der andere heisst Adolph. Dieser Adolph Freiherr Knigge ist ein Aufklärer und Autor eines Buchs mit dem Titel «Über den Umgang mit Menschen». Mit diesem Buch, so schreibt Knigge im Jahr 1788,

will ich (…) einige Resultate aus den Erfahrungen ziehn, die ich gesammelt habe, während (…) ich mich unter Menschen aller Arten und Stände umhertreiben lassen und oft in der Stille beobachtet habe.

Mit Beobachten kennt sich Knigge aus. Er ist Verwaltungsbeamter an Fürstenhöfen, Mitglied in Orden und Geheimlogen, ein Anhänger der französischen Revolution – und steht daher selbst unter Beobachtung durch die Polizei. Für die Obrigkeit, die er als «Hofschranzen» beschimpft, hat Knigge nichts übrig – obwohl er selbst ein Adliger ist. Weil er aber nichts als Schulden geerbt hat, ist er gezwungen, sich mit dem «Hofgeschmeisse» abzugeben. Was Knigge vermitteln will, ist Höflichkeit ohne Speichelleckerei, Selbstbewusstsein ohne Überheblichkeit – mit einem Wort: nicht Regeln, sondern Werte:

Edler Anstand ist nicht Steifigkeit, verbindliche Höflichkeit und Aufmerksamkeit nicht Bocksbeutel, Grazie nicht Zwang, und echtes Talent, wahre Geschicklichkeit nicht Pedanterie.

Daher:

Sei, was Du bist, immer ganz und immer derselbe.

Heute gibt’s den Knigge für Kinder, für Kleider und Karriere, fürs Business und für Dummies. Ob all den Ratgebern dreht sich der Freiherr vermutlich im Grab um. Hätte er gewusst, dass sein Buch so gründlich missverstanden wird, er hätte es womöglich gar nie geschrieben.

Kirsche

Die Kirsche gehört zur Schweiz wie das Fondue und die Schokolade. Der Baum heisst auf Wissenschaftslatein prunus avium, was auf Deutsch «Vogelkirsche» heisst, weil Vögel die Früchte genauso mögen wie wir Menschen. Der Kirschbaum ist anspruchslos und gedeiht auch in höheren Lagen. Auf 450 Hektaren, umgerechnet der Fläche eines kleineren Dorfs, werden in der Schweiz jährlich über 3000 Tonnen Tafelkirschen geerntet; dazu kommen noch mehr Industrie- und Brennkirschen, die zu Konserven oder zu Schnaps verarbeitet werden.

Mit Schweizer Bauern ist gut Kirschen essen, und das haben wir dem Römer Lucius Licinius Lucullus zu verdanken. Lucullus, ein Zeitgenosse Cäsars und Ciceros, war nicht nur Feinschmecker, sondern vor allem Soldat. Sein Erzfeind hiess Mithridates, seines Zeichens Herrscher über das Königreich Pontos am Schwarzen Meer. General Lucullus marschierte im Jahr 74 v. Chr. mit einem römischen Heer nach Osten, wo er Mithridates binnen weniger Jahre vernichtend schlug.

Aus Pontos brachte Lucullus gewaltige Reichtümer mit. Zwischen all den Schätzen und Gefangenen, die der General beim Triumphzug durch die Strassen Roms zur Schau stellte, befanden sich auch geheimnisvolle Bäumchen aus der Stadt Giresun, deren cerasi genannte Früchte sich die Legionäre keck über die Ohren hängten. Die Bäumchen waren ein grosser Erfolg: In den folgenden 120 Jahren, so berichtet Plinius der Ältere in seiner «Historia Naturalis», breiteten sie sich über ganz Europa und bis nach Britannien aus. Und aus den exotischen cerasi, der Kriegsbeute eines römischen Feldherrn, sind unsere Kirschen geworden.

Panorama

Thun, 1809: Der junge Mann, das Gesicht voller Rasierschaum, setzt gerade das Rasiermesser an. Nebenan flicht eine Frau ihr Haar, derweil ihr die Magd das Schürzenband zu einer Schleife bindet. Es sind zwei von zahllosen Details auf einem gigantischen, über die Massen realistischen Gemälde, das uns einen Augenblick im Alltag des Städtchens vor Augen führt. Gigantisch, in der Tat: Das 360-Grad-Panoramabild, vom Basler Marquard Wocher gemalt, ist 7,5 Meter hoch und sage und schreibe 38 Meter breit. In einem eigenen Rundbau in Thun ausgestellt, bietet es einen atemberaubenden Blick über Schloss, Alpenkette und Umland und lässt den Betrachter in belebte Gassen und gar in die Fenster blicken. Die perfekte Illusion.

Es war kein geringes Wagnis, das Wocher auf sich nahm. Der Aufwand war enorm: Auf einem Dach hatte er sich eine hölzerne Plattform bauen lassen, von der aus er Unmengen von Skizzen anfertigte. Zurück in Basel, malte er fünf Jahre lang, ohne jede Hilfe, das grösste Bild seines Lebens.

Das gemalte Panorama ist ein Kind der industriellen Revolution und ein Massenmedium der ersten Stunde. Das aufstrebende Bürgertum suchte Unterhaltung und Illusion. Reisen war kaum erschwinglich, und Rundum-Panoramen machten es möglich, Unerreichbares zu erleben. Besonders beliebt war Geschichte: Von den fünf erhaltenen Panoramen der Schweiz zeigt eines die Schlacht bei Murten 1476, ein anderes den Grenzübertritt der 87 000 Soldaten der Bourbaki-Armee im Jura 1871.

Das beschauliche Thun-Panorama konnte da nicht mithalten. Eine Weile in Basel ausgestellt, fand es trotz Publikumserfolgen am Ende keinen Käufer. Maler Wocher starb 1830 in bitterer Armut.

Tausend-Franken-Note

Sie schulden 10 Millionen und zahlen in bar. Das lässt zwei Schlüsse zu. Erstens: Sie haben Dreck am Stecken. Und zweitens: In Ihrem Aktenkoffer liegen 1000-Franken-Noten.

Bargeld kommt Kriminellen ganz besonders entgegen – je grösser der Realwert, desto besser. Gangsters Liebling ist die Schweizer Tausendernote: Kein anderer Geldschein der Welt ist so viel wert wie die grösste Banknote der Schweiz; übertroffen wird sie nur von den 10 000-Dollar-Noten des Sultanats Brunei und jener von Singapur, die allerdings nicht mehr ausgegeben wird. Die grösste Note der Schweiz ist entsprechend beliebt – mehr als 60 Prozent des gesamten Notenumlaufs der Schweiz besteht aus Tausendern.

Wer das Licht scheut, liebt sie, die violette Note mit dem Konterfei des Kunsthistorikers Jacob Burckhardt: Der britische «Economist» rechnet vor, dass ein Gauner die Summe von 10 Millionen Dollar – in Schweizer Tausendernoten – in einer Aktentasche tragen kann, die weniger als 12 Kilo wiegt. In 500-Euro-Scheinen bräuchte er dazu bereits zwei Geldkoffer à 10 Kilo; in 100-Dollar-Scheinen, der grössten aktuellen Banknote der USA, bräuchte er Träger, um die 100 Kilo Papiergeld in acht Koffern schleppen zu können.

Sind grosse Noten also Mafiageld? Genaue Zahlen fehlen, doch ein britischer Polizeibericht von 2010 schätzt, dass 90 Prozent aller 500-Euro-Scheine, der Banknote mit dem zweithöchsten Realwert, für illegale Zahlungen genutzt werden. Die Europäische Zentralbank will diese grösste Euronote daher abschaffen. So etwas ist für die Schweizer Nationalbank kein Thema: Die 1000-Franken-Note ist und bleibt die ungekrönte Königin der Geldscheine dieser Welt.