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Goldhamster

Der edelste aller Hamster ist der Goldhamster. Er ist deutlich kleiner als sein europäischer Vetter, der Feldhamster, und seinen Namen hat er von seinem Fell, das (bis auf seinen weissen Bauch) ein leuchtendes Rotbraun zeigt. Wie das Edelmetall ist auch der Goldhamster selten. Er kommt nur im syrisch-türkischen Grenzgebiet vor, hauptsächlich in der Hochebene von Aleppo. Die Ebene ist fruchtbar und dicht besiedelt, und die Tiere ernähren sich vom angebauten Getreide und den Feldfrüchten. Weil Goldhamster als Schädlinge gelten, werden sie gejagt und vergiftet, und die Art ist heute gefährdet.

1930 brach der Biologe Israel Aharoni zu einer Expedition nach Syrien auf, um nach Hamstern zu suchen, die sich problemlos vermehren liessen und die für medizinische Versuche geeignet waren. Zusammen mit seinem örtlichen Führer gelang es Aharoni, ein Nest mit einem Goldhamsterweibchen und insgesamt elf Jungen ausfindig zu machen und aus einer Tiefe von zweieinhalb Metern auszugraben. Die Mutter biss sofort eines ihrer Jungen tot (um ihm ein Leben als Versuchstier zu ersparen, schrieb Aharoni in sein Notizbuch). Die Mutter wurde eingeschläfert, bevor sie den Rest ihres Wurfs töten konnte.

Die in der Zoologie noch kaum bekannten Tiere wurden transportfertig gemacht, und obwohl am Ende nur ein Weibchen und drei Männchen in Jerusalem ankamen (die übrigen waren entwischt), begannen sie sich in den Labors der Hebräischen Universität prächtig zu vermehren. Bis heute stammen nahezu alle Goldhamster, die als Haustiere gehalten oder als Versuchstiere gebraucht werden, von diesen vier Hamsterjungen aus der syrischen Wüste ab.

Computervirus

Die Geschichte der Computerviren beginnt 1949. John von Neumann, ungarisch-amerikanischer Mathematiker und Professor an der Universität von Illinois, beschreibt in einem Essay ein Computerprogramm, das sich wie ein Organismus fortpflanzen kann. Ein Code, der in der Lage ist, sich selbst zu reproduzieren – das ist zwar erst graue Theorie, aber eine wissenschaftliche Sensation. 1972 wird der österreichische Ingenieur Veith Risak konkreter. Sein Artikel mit dem Titel «Selbstreproduzierende Automaten mit minimaler Informationsübertragung» ist die erste präzise Bauanleitung für einen Virus – damals noch in der Programmiersprache «Assembler» und für einen der damaligen Grossrechner von Siemens gedacht.

So richtig ernst wird es im Januar 1986. Basit und Amjad Farooq Alvi aus Lahore, Pakistan, sind Programmierer von Medizinalsoftware. Zu ihrem Leidwesen werden die Disketten immer öfter raubkopiert, und so sehen sich die Brüder gezwungen, ihr Programm zu schützen. Ein Virus, der allererste für das vorherrschende Betriebssystem MS-DOS, befällt alle Rechner, auf denen eine illegale Kopie läuft. Der Schädling selbst hat durchaus noch Charme: Im Code veröffentlichen die beiden Brüder nämlich ihre Postadresse mitsamt der Telefonnummer, damit man sie kontaktieren kann, um eine legale Kopie der Software zu kaufen und den befallenen Computer wieder zu desinfizieren. Immer mehr aufgebrachte Nutzer aus aller Welt rufen an. Die Brüder rechtfertigen sich wortreich, dass ihre Absicht keine schlechte gewesen sei – bis am Ende die Leitung zusammenbricht.

So kommt es, dass die Computerviren ihren Siegeszug antreten – und dass Antivirenprogramme ein Milliardengeschäft werden.

Broch

Ein Broch ist ein Wohnturm aus der Eisenzeit. Er hat keine Wände, sondern meterdicke Rundmauern, keinerlei Fenster und statt einer Tür einen niedrigen Eingangstunnel. Brochs wurden vor über zweitausend Jahren gebaut – im nordöstlichsten Zipfel Schottlands und auf den noch nördlicher gelegenen Inseln Orkney und Shetland. Die mächtigen Gebäude aus Trockenmauern, von Hand aufgeschichtet und ohne jeden Mörtel, boten Schutz vor Regen, Kälte und Wind – und vor den Feinden, die zu allen Zeiten übers Meer kamen und die es auf das fruchtbare Ackerland und die reichen Fischgründe abgesehen hatten.

Der Broch von Mousa auf den Shetlands ist der besterhaltene überhaupt. Er misst 15 Meter im Durchmesser, ist mehr als 13 Meter hoch und fast vollständig erhalten. Die viereinhalb Meter dicken Aussenmauern sind doppelwandig und hohl. Sie enthalten drei Kammern und eine Steintreppe, die bis auf die Mauerkrone hochführt. Im Inneren des kreisrunden Schlots sind ein Wassertank und eine Feuerstelle eingebaut.

Längst nicht alle Rätsel sind gelöst: Wie viele Menschen lebten in einem Broch? Gab es Holzböden, mehrere Stockwerke? Wie wurden die Dächer konstruiert, und womit wurden sie gedeckt? Klarer scheint dagegen, dass die Türme von den Rundhäusern abstammen, wie sie für die britischen Inseln typisch waren. Die hatten nämlich einen grossen Vorteil: Im Verhältnis zum Raum, den sie bieten, haben runde Bauten die kleinste Oberfläche.

Dass wir Brochs heute noch bestaunen können, hat übrigens einen ganz einfachen Grund: Weil das Klima im Norden für Bäume zu rauh ist, baute man mit Stein – mit Stein, der die Jahrtausende, im Gegensatz zum Holz, fast unbeschadet überdauerte.

Postfach

1873 hält die Moderne Einzug: Nach dem Vorbild der beliebten lock boxes in den USA eröffnet die Schweizerische Post als eines der ersten Länder Europas ihre allererste Postfachanlage. Sie besteht aus Dutzenden abschliessbarer Fächer, in die frühmorgens alle ankommenden Briefe einsortiert werden.

Das Postfach bietet seinem Besitzer drei Vorteile: Er braucht erstens nicht auf den Briefträger zu warten, sondern kann seine Briefpost abholen, so früh er mag. Zweitens kann er seine Wohnadresse für sich behalten: Die Postadresse lautet nur auf das Postfach, dessen Nummer und den Ort. Und drittens verteilen grössere Poststellen die eintreffende Post gleich mehrmals pro Tag. Das Postfach ist daher eine patente Dienstleistung für Firmen, Behörden, Vereine und für ungeduldige, auf Diskretion bedachte Briefeschreiber.

1873 noch postalische Avantgarde, haben E-Mail und Smartphone dem Postfach in den letzten 10 Jahren arg zugesetzt. Heute gibt es in der Schweiz noch rund 360 000 Postfächer. Doch obwohl die Post jährlich immer noch rund 18 Millionen Briefe zustellt, stehen 150 000 Postfächer leer. Das kommt die Post teuer zu stehen: In Städten stehen Postfachanlagen oft an Orten mit hohen Mieten.

Im Gegensatz zu den Telefonkabinen, die noch immer zur Grundversorgung der Post gehören, sind die Postfächer nicht Teil des gesetzlich vorgeschriebenen service public. 200 Anlagen wurden schweizweit bereits abgebaut, und die Nachfrage sinkt weiter. Obwohl sich die Postkunden eigentlich freuen könnten: Bei mehr als fünf adressierten Briefen pro Tag ist der Dienst nämlich gratis. Weil die Briefe auf Papier aber immer weniger werden, ist auch das Postfach immer mehr ein Dienst von gestern.

Goldberg, Rube

Reuben Lucius Goldberg, Jahrgang 1883, war Ingenieur mit Abschluss an der University of California in Berkeley. Seine wahre Leidenschaft aber galt dem Zeichnen, zuerst als Cartoonist in San Francisco, später in New York. Für seine politischen Karikaturen in der «New York Sun» erhielt Rube Goldberg 1948 den Pulitzer-Preis. Seine bekannteste Figur aber ist Professor Lucifer Gorgonzola Butts, und der ist über die Massen komisch. In diesem Comic kommen immer wieder die kompliziertesten Maschinen zur Bewältigung der einfachsten Aufgaben vor. Diese hier erklärte Goldberg in einem Film von 1940 gleich selbst:

Kellner setzt Katze B auf den Geschirrstapel A. Katze B sieht ausgestopfte Maus C. Katze springt auf Maus und betätigt damit Hebel D, der brennende Kerze E an Zündschnur F hält, worauf Bombe G explodiert, was ganz sanft Tür H öffnet.

Unsinnige Apparate wie dieser Türöffner machten die nach ihrem Zeichner benannten «Rube-Goldberg-Maschinen» zum Inbegriff unnötig komplizierter Technik.

Goldbergs detailverliebte Mechanismen erinnern an Patentschriften, und sie ziehen Nerds bis heute in ihren Bann. Auf Youtube versuchen sich Rube-Goldberg-Tüftler gegenseitig zu überbieten, mit Hunderten komplexester Konstruktionen mit Kugeln und schiefen Bahnen, Rädern und Hebeln, Glaskolben und Bunsenbrennern, ja selbst Kaninchen und Goldhamstern, die nach minutenlanger Arbeit am Ende nichts anderes vollbringen als etwa das Umblättern einer Zeitung. Rube Goldberg und sein verrückter Comicprofessor hätten ihre helle Freude daran.