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Murphy’s Law

Es scheint ein Gesetz zu sein. Und es lautet: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein fallendes Butterbrot auf seiner Butterseite landet, ist proportional zum Wert des Perserteppichs. Das ist Murphy’s Law. In aller Kürze und englisch: shit happens.

Murphys Gesetz kennen wir alle. Und es ist so alt wie die Menschheit. Da gibt es zum Beispiel den englischen Vers, den eine Zeitung in Ohio 1841 abdruckte:

I never had a slice of bread – particularly large and wide
That did not fall upon the floor – and always on the buttered side.

Wieder das fallende Butterbrot, aber das kennen Sie ja schon. Eine andere Version von Murphys Law, so fand die American Dialect Society heraus, stammt vom Ingenieur Alfred Holt. Der erklärte 1877 an einer Konferenz: Alles, was auf hoher See schiefgehen kann, wird früher oder später schiefgehen.

Murphys Namen trägt das Gesetz seit 1949. Da arbeitete Captain Edward A. Murphy auf der Edwards Luftwaffenbasis in Kalifornien. Als Ingenieur war er für das Projekt MX 981 zuständig, das messen sollte, wieviel Bremskraft ein Mensch aushalten kann, dann etwa, wenn er mit dem Schleudersitz aus einem Jet katapultiert wird. Er liess einen Schimpansen auf eine Zentrifuge schnallen, beschleunigte, bremste und stellte fest – Ergebnis: null. Die Messgeräte zeigten nichts an. Grund: Sie waren von einem Techniker genau falschherum verkabelt worden. Und Murphy stellte fest: Was für fallende Butterbrote gilt, gilt auch für wissenschaftliche Experimente.

Ob das nun die wahre Geschichte von Murphys Law ist? Wer weiss das schon. Immerhin stand sie zwar auf der offiziellen Website der Edwards Air Force Base. Aber wahr? Auch die Airforce scheint Zweifel zu haben. Im Januar 2007 wurde die nette Anekdote sang- und klanglos gelöscht.

SMS

Ich smse, Du smst, er smst – mit Verlaub: Das ist unmöglich. Erstaunlich, dass dieser Zungenbrecher, nach Handy und Internet, der grösste Erfolg der modernen Telekommunikation geworden ist. Und noch viel erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass SMS, der short message service, gar nicht als Dienst fürs Publikum gedacht war.

Aber von vorn: Der SMS-Dienst wurde Mitte der 80er Jahre vom finnischen Ingenieur Matti Makkonen erfunden. SMS, wie wir es heute kennen, hatte er überhaupt nicht im Sinn; Makkonen suchte lediglich nach einer Möglichkeit für Mobilfunkbetreiber, ihren Kunden eine simple Nachricht zukommen zu lassen, zum Beispiel, wenn der Handydienst mal wieder überlastet war. Daher auch die Beschränkungen: Eine SMS fasst auch heute noch höchstens 160 Zeichen.

Makkonens Idee überzeugte, und das weit mehr als er sich je erträumt hätte. SMS fand Eingang in den Mobilfunkstandard GSM, und rund ein Jahr nach dessen Einführung, am 3. Dezember 1992, ging das erste, sozusagen historische SMS von einem Computer an ein Handy im britischen Vodafone-Netz. Der Text, merry christmas, war zwar nicht ganz so historisch, aber dennoch: Als 1993 die ersten SMS-fähigen Handys auf den Markt kamen, reagierte das Publikum so begeistert, dass ausgerechnet diese mühselige Tipperei auf den winzigen Tasten dem Mobiltelefon erst so richtig zum Durchbruch verhalf. 2010, so schätzt die internationale Fernmeldeunion ITU, wurden weltweit 6,1 Billionen SMS verschickt. Wäre jedes dieser SMS durchschnittlich 12 Zentimeter lang, reichten sie alle zusammen bis hoch zum Jupiter.

Nur dieses unmögliche Verb! Aber die Gralshüter des guten Deutsch wissen Rat. Die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden schlägt vor: Wir simsen.

Blackberry

Eigentlich war es ja einfach ein erster Arbeitstag, wie wir ihn alle schon erlebt haben. Nur dass wir nicht Barack Obama heissen und nicht den Job des US-Präsidenten bekommen haben.

Und darum schrieb die Weltpresse auch nicht über uns und unser Handy, sondern über Barack Obama und sein geliebtes Blackberry. Oder besser: über sein früheres Blackberry. Für nicht Eingeweihte: Blackberry ist der Hersteller von Handys der Spitzenklasse – mit E-Mail, Internet und vielem mehr.

Doch Barack Obama musste sich von seinem Blackberry verabschieden. Der Entzug wird Obama schwer getroffen haben – die amerikanischen Medien hatten schon lange über eine veritable Blackberry-Sucht des neuen Präsidenten spekuliert – aber er musste sein.

Da ist einmal die Sicherheit: Wenn es Hacker bereits schaffen, in die Computer der Nasa, der US Air Force, ja selbst des Weissen Hauses einzudringen, dann ist ein Blackberry einfach nicht sicher genug. Aber da ist noch ein anderer Grund: ein Gesetz aus dem Jahr 1978, der Presidential Records Act. Dieses Gesetz schreibt vor, dass jedes Fitzelchen Korrespondenz eines amerikanischen Präsidenten archiviert und für die Nachwelt aufgehoben werden muss. Mit dem Handy an Archivaren vorbeigeschmuggelte E-Mails, und seien sie noch so privat, sind Obama also sogar per Gesetz verboten.

Schon seinem Vorgänger, George W. Bush, kam der Presidential Records Act in die Quere. Vor seinem Amtsantritt soll sich Bush von seinen Mailfreunden verabschiedet haben mit den Worten: «Das macht mich traurig. Ich habe mich mit jedem von Euch gern unterhalten.» Sein Vorgänger wiederum, Bill Clinton, hatte damit allerdings kein Problem: Clinton benutzte im Weissen Haus nämlich überhaupt keinen Computer.

Unwort

Auch Sie werden schon darüber gestolpert sein: Jährlich kürt eine hochkarätige Professorenjury das – und jetzt kommt’s – Unwort des Jahres. Welch ein Wort! Un-Wort!

Es ist Programm: Das Unwort des Jahres ist zwar ein öffentlich gebrauchtes Wort, aber es sollte keines sein. Es ist ein Wort, das uns schaudern macht. Besonders produktiv ist in dieser Hinsicht die Wirtschaft: Da war etwa die Entlassungsproduktivität – damit gemeint sind Gewinne, die ein Unternehmen macht, nachdem es überflüssige Mitarbeiter entlassen hat. Oder da gab es das Humankapital – der Mensch als buchhalterische Grösse. Übel auch die Ich-AG, die uns Individuen auf Börsentitel reduziert. Oder der Wohlstandsmüll – Menschen, die nicht arbeiten wollen oder können.

Politik und Geschichte sind vor schlimmen Wortschöpfungen nicht gefeit. Da wäre etwa das Tätervolk – in Wort gegossene, kollektive Schuldzuweisung. Gotteskrieger – oder nicht doch einfach Verbrecher? Oder eines der schlimmsten Un-Wörter, die es je gab: der Kollateralschaden – die Bezeichnung für Todesopfer, die von Generälen zwar nicht beabsichtigt waren, aber grosszügig in Kauf genommen wurden.

Wörter, eines schlimmer als das andere. Aber muss es denn gleich ein Unwort sein? Wort, das seine Existenz gleich selbst verneint? Sprache, die sich – mit einer kleinen Vorsilbe – gleich selbst die Sprache nimmt? Un-Wort, das mag zwar originell gedacht sein, ist aber eigentlich viel eher Un-Sinn. Wären Menschenmaterial & Co. Unwörter, dann wären sie ja gar nicht erst zu beklagen.

Papier ist geduldig, sagt man. Doch welche Elefantenhaut erst die Sprache haben muss, wenn Jahr für Jahr sogar ihre selbsternannten Wächter in unwörtliche Abgründe schlittern!

Lewinsky, Monica

Es war ohne Zweifel der öffentlichste Seitensprung der Geschichte: jener von Bill Clinton, dem 42. Präsidenten der Vereinigten Staaten, und der damals 22-jährigen Praktikantin im Weissen Haus, Monica Lewinsky. Nie zuvor waren Milliarden von Menschen Zeugen einer einzigen Eskapade eines einzigen Mannes gewesen.

Dabei, so flunkerte Clinton am 26. Januar 1998, dabei war es gar kein Seitensprung gewesen: Nie habe er ein Verhältnis mit dieser Frau gehabt. Allein, es half nichts. Die Schlinge der Medien zog sich erbarmungslos zu; Zeitungen und Fernsehen bedienten willfährig eine ebenso lüsterne wie verklemmte Öffentlichkeit mit immer pikanteren Details. Volle 13 Monate lang befasste sich die Welt mit erotischen Praktiken, ihren Hinterlassenschaften auf einem ungewaschenen Kleid, den Möglichkeiten der DNA-Analyse, der amerikanischen Strafjustiz und schliesslich gar mit dem impeachment, dem Verfahren zur Absetzung eines Präsidenten.

Dabei war Clinton mit seinem kleinlauten Geständnis doch schon am 17. August 1998 zu Kreuze gekrochen. Allein – too little, too late. Zu Ende war die Affäre erst ein halbes Jahr später, als der Senat am 12. Februar 1999 einen zerknirschten und zermürbten Präsidenten freisprach: des Meineids und – hauchdünn, mit 50 zu 50 Stimmen – der Behinderung der Justiz.

Ach ja: Monica Lewinsky, unfreiwillige Titelheldin dieser Seifenoper, ist seit 2006 studierte Sozialpsychologin. Ihre Spuren verlieren sich im Internet, wo sie – unter therealmonica.com – als letztes Handtaschen verkauft hatte.