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Nabel der Welt

Der Nabel der Welt ist der Mythologie zufolge der Weltenmittelpunkt. Zu allen Zeiten haben Herrscher diesen Punkt für sich reklamiert. «Nabel» heisst auf Lateinisch umbilicus, und der umbilicus urbis romanae, das offizielle Zentrum des römischen Strassennetzes und damit der Nabel der Welt, war ein kleiner Tempel auf dem Forum in Rom, dessen Ruinen man heute noch sehen kann. Von hier aus wurden die Meilen der römischen Heerstrassen gezählt. Und weil sich hier, wie man glaubte, die Welt der Lebenden und die der Toten berührten, wurden den Göttern der Unterwelt, des orcus, Opfer gebracht.

Schon die Griechen besassen ihren Nabel der Welt, den omphalos, einen mit Girlandenmustern verzierten Kultstein im Apollon-Tempel von Delphi. Der Sage nach soll der Stein als Meteor vom Himmel gefallen sein und die Stelle markiert haben, an der sich zwei Adler trafen, nachdem sie von Zeus auf die Reise geschickt worden waren, um den Nabel der Welt zu finden. Ein «Omphalion», einen aus bunten Marmorkreisen bestehenden Bereich, gibt es auch unter der Kuppel der Hagia Sophia in Istanbul, und sogar auf dem Berliner Schlossplatz gab es im 19. Jh. einen «Omphalos», einen achtarmigen Kandelaber des Architekten Karl Friedrich Schinkel, auf den sich alle Distanzangaben auf den preussischen Meilensteinen bezogen.

Delphi, Rom, Konstantinopel, Berlin: Wer sich heute für den Nabel der Welt hält, hat historisch gesehen ziemlich viel Konkurrenz.

Sündenbibel

Robert Barker war Drucker in London und von Berufes wegen auf exaktes Arbeiten bedacht. Sein Vater war königlicher Drucker gewesen. Nach seinem Tod erbte Sohn Robert das Patent und war nun offizieller Drucker von King James I.

Barkers wichtigstes Werk ist die King-James-Bibel, die bis heute einflussreichste englischsprachige Bibelübersetzung. Die erste Ausgabe erschien 1611 – ein gewaltiges Werk: Im Auftrag des Königs hatten 47 Gelehrte jahrelang daran gearbeitet.

Im Alten Testament, im 2. Buch Mose, steht in der King-James-Bibel

Thou shalt not commit adultery,

«du sollst nicht ehebrechen». Und ausgerechnet hier unterlief dem Drucker Robert Barker ein fataler Fehler. King James’ Sohn Charles war nach James’ Tod mittlerweile selbst König von England. Er hatte eine neue Auflage in Auftrag gegeben und 1000 Bibeln bestellt. Monate nach dem Druck im Jahr 1631 fiel der Blick des Königs bei den zehn Geboten auf den verhängnisvollen Satz

Thou shalt commit adultery,

«Du sollst ehebrechen» – das Wörtchen «not» war aus unerfindlichen Gründen beim Satz verloren gegangen.

Der König war ausser sich. Die Drucker wurden zu einer horrenden Geldstrafe verurteilt. Die bereits ausgegebenen Exemplare wurden beschlagnahmt und verbrannt. Indes: Einige wenige Exemplare entgingen der Vernichtung. Sie werden heute Wicked Bible genannt, «Sündenbibel», und sie sind Sammlern auf Auktionen Zehntausende Pfund wert.

Fidibus

Ein Fidibus ist ein harzhaltiger Holzspan oder auch ein gefalteter Papierstreifen, mit dem man eine Flamme vom offenen Feuer zum Herd oder auch zur Tabakspfeife beförderte. Fidibusse wurden in sogenannten Fidibusvasen gleich neben der Feuerstelle aufbewahrt und gehörten zum Alltag:

Bringt ihm, was er haben muß, Zeitung, Pfeife, Fidibus,

dichtete Wilhelm Busch in «Max und Moritz».

Der lateinisch klingende Fidibus taucht erst im 17. Jahrhundert auf und stammt aus der Studentensprache. Die Gebrüder Grimm führten das Wort auf den französischen Ausdruck fil de bois für «Holzspan» zurück, andere Sprachforscher vermuten als Ursprung pseudolateinische Zitate oder eine Verkürzung des Ausdrucks fidelibus frateribus, jene Tabakzirkel, in denen im Geheimen getrunken und geraucht wurde.

Ein Fidibus diente aber nicht bloss zum Feuermachen, sondern auch der Geheimhaltung. Ein Schreiber, der es besonders eilig hatte, rollte seinen Brief ein und kniff die Rolle danach mit Daumen und Zeigefinger mehrfach zusammen, von oben nach unten und immer rechtwinklig versetzt. Der Clou: Ein Röllchen, das auf diese Weise kunstvoll zusammengedrückt war, liess sich nach unbefugtem Öffnen unmöglich wieder genau gleich zusammenrollen. So gesehen ist der Fidibus ein früher Vorläufer der heutigen Verschlüsselung.

Noch heute finden sich in Archiven alte Briefe mit dem charakteristischen Gittermuster, die darauf schliessen lassen, dass dieser Fidibus einst wichtig und vertraulich war.

WC-Ente

Sauberkeit liegt dem Drogisten Walter Düring aus Dällikon im Kanton Zürich sozusagen im Blut: Seine Mutter Maria hat 1950 das Entkalkungsmittel Durgol erfunden, und Reinigungsmittel werden zum Geschäft der Familien-AG.

Nun gibt es stille Örtchen, die sich naturgemäss nicht gar so leicht putzen lassen – der nach innen gebogene Rand der Toilettenschüssel zum Beispiel. Walter Düring und seine Ehefrau Vera tüfteln und tüfteln, im Büro stapeln sich die Zeichnungen, und daraus wird eine Flasche, deren Hals so gebogen ist, dass sich der Reiniger auch dann noch unter den WC-Rand spritzen lässt, wenn die Flasche fast leer ist.

Ich sah mir meine Skizzen an und plötzlich machte es Klick,

sagt Düring später:

Ich hatte die technische Lösung gefunden. Sie sah aus wie ein Entenhals.

Ein von Hand geschnitzter Prototyp aus Holz wird 1980 patentiert, die WC-Ente kommt auf den Markt und tritt ihren Siegeszug an.

20 Jahre später, im Jahr 2000, läuft der Patentschutz aus, und heute wird der Reiniger «mit Entenhals-Technologie» vom amerikanischen Konzern SC Johnson hergestellt. Doch die Ente hat schon bessere Zeiten gesehen: Tests bemängeln seit Jahren bedenkliche Inhaltsstoffe, umweltschädliche Desinfektionsmittel oder Ameisensäure. Und doch kennt jedes Kind die Plastikflasche mit dem charakteristischen Hals: Die WC-Ente ist eine Design-Ikone, und sie prangt, zu Ehren des Erfinders Walter Düring, seit September 2025 auf einer 2.50-Franken-Briefmarke der Schweizerischen Post.

Glocke

Eine Glocke ist ein sogenanntes «Idiophon», auf Deutsch ein «Selbsttöner»: Einmal angeschlagen, klingt die Glocke von selbst weiter. Seit Jahrtausenden ruft ihr Ton die Gläubigen zum Gebet: Schon der römische Autor Sueton beschreibt Glocken, die auf dem Giebel des Jupitertempels auf dem Kapitol in Rom hingen.

Die ersten Glocken der Geschichte läuteten bereits im dritten Jahrtausend v. Chr. in China. Sie hatten einen Klöppel aus Holz und bestanden aus gebranntem Ton, doch um 2000 v. Chr. wurden, ebenfalls in China, die ersten Glocken aus Bronze gegossen.

Bronze ist die erste von Menschen hergestellte Metalllegierung aus Kupfer und Zinn. Der Klang von Glocken aus Bronze trägt weit, und der Schall verbreitet sich schneller, als der Mensch laufen kann. Daher waren Glocken zu allen Zeiten nicht nur Ruf zum Gebet, sondern auch Alarmsignal – die schnellstmögliche Warnung vor Sturm, Überschwemmung, Feuer, und vor Krieg.

A propos: Auch der Krieg braucht Bronze, denn es ist ein hartes Metall, aus dem man stets nicht nur Glocken, sondern auch Kanonen goss. Im Kriegsjahr 1940 befahl die nationalsozialistische Regierung Deutschlands, dass alle Kirchenglocken der Rüstungsindustrie auszuliefern seien, als Kupfer- und Zinnreserve für Patronen- und Granathülsen oder für die Achslager schwerer Motoren. Bei Kriegsende herrschte in grossen Teilen Europas buchstäblich Grabesstille: 80 000 Glocken waren abgehängt und zu Kriegsgerät umgeschmolzen worden.