DAB

Wenn ich Radio hören will, dann schalte ich mein altes Transistorradio ein. Je nach Wetterlage knackt es manchmal ein bisschen, rauscht ab und zu – und ich erinnere mich an die Zeit von Radio Beromünster, als nachts immer wieder ein algerischer Sender dazwischenfunkte. Das Rauschen und Knacken – es gehört zum Radio seit 1912, als die Physikabteilung der Uni Basel die erste Radioantenne aufspannte: zwischen einem Uhrmacheratelier am Nadelberg und dem Turm der Peterskirche.

Das Rauschen war den Radiotechnikern seit jeher ein Dorn um Ohr: Alle neuen Radiotechniken versuchten, ihm zu Leibe zu rücken – mithilfe der Mittel-, der Kurz-, der Ultrakurzwelle. Und heute nun machen ihm drei Buchstaben endgültig den Garaus: DABDigital Audio Broadcasting, zu deutsch: digitales Radio. Zugegegeben: In einer Zeit, da alles Alte analog und schlecht ist und alles Neue digital und gut, klingt das wenig spektakulär.

Und das ist falsch. Denn DAB ist eine kleine Radiorevolution. DAB ist Radio in HiFi-Qualität, egal, ob zuhause oder im Auto. Ihr Programm hat dabei immer dieselbe Frequenz – vorbei ist das lästige Herumfingern am Autoradio, wenn das Echo der Zeit mal wieder im Rauschen verhallt ist. DAB funkt nicht mehr wie UKW, sondern bündelt die Töne von bis zu einem Dutzend Stationen in einem einzigen Datenstrom. Das Hantieren mit Frequenzen ist passé: Ein DAB-Radio zerlegt die empfangenen Daten und präsentiert Ihnen Ihr Lieblingsprogramm mit seinem vollen Namen, mit der gespielten Musik und vielem mehr. DAB-Programme gibt’s in der Schweiz immer mehr – seit 1999 alle SRG-Programme, seit 2008 dazu über ein Dutzend privater Radios jeder Couleur.

Doch selbst wenn digitale Technik angeblich die Welt zum Dorf macht – der algerische Sender von einst jedenfalls ist mit DAB in unerreichbare Ferne gerückt.

Damoklesschwert

Ob Schuldenkrise oder Klimaerwärmung: An Damoklesschwertern ist kein Mangel. Warum das Schwert über unseren Köpfen hängt, hat uns im Jahr 45 v. Chr. der römische Politiker Marcus Tullius Cicero erzählt. Damokles, ein Höfling, war im Palast von Dionysios eingeladen, dem Tyrannen der sizilianischen Stadt Syrakus. Er bestaunte die opulente Tafel, wandte sich an den Gastgeber und bekannte, wie sehr er ihn um diesen ungeheuren Reichtum beneide. Der Fürst schmunzelte und bot Damokles an, es doch einfach selbst ausprobieren und einen ganzen Tag lang in die Herrscherrolle zu schlüpfen.

Damokles war begeistert: Gebadet und mit kostbaren Ölen parfümiert, liess er sich auf dem goldenen Thron nieder, und vor ihm wurden die erlesensten Speisen aufgetürmt. Da glitt sein Blick in die Höhe, und über sich sah Damokles ein Schwert in der Luft schweben, aufgehängt an einem einzigen Pferdehaar. Die bösartig funkelnde Spitze war drohend auf seinen Kopf gerichtet – als Zeichen dafür, dass Macht und Luxus nur um den Preis tödlicher Gefahr zu haben sind. Schlagartig verging Damokles der Appetit, vergessen waren Diener und Delikatessen, und er floh in Panik.

Die Geschichte ist uralt – Cicero hat sie vermutlich beim griechischen Geschichtsschreiber Diodoros gelesen und in einer seiner philosophischen Schriften als Beispiel für nur allzu vergängliches Glück aufgeführt. Seitdem hängt ein sprichwörtliches Schwert über dem Scheitel eines jeden, der die Gefährlichkeit seines Tuns zwar erkennt, die Bedrohung um der Bequemlichkeit willen aber in den Wind schlägt.

Das war auch beim Tyrannen Dionysios im 4. Jahrhundert v. Chr. nicht anders: Machtkämpfe und ein bewaffneter Putsch machten seiner Dynastie ein gewaltsames Ende.

Datei

Kaum ein Wort treibt uns um wie «Datei». Spätestens wenn die Worte «nicht gefunden» am Bildschirm prangen, steigt der Blutdruck in ungesunde Höhen. Das Wort klingt nach staubigem Kontor, doch tatsächlich ist «Datei» ein Kunstwort aus der Feder des Deutschen Instituts für Normung (DIN). Es ist ein Zusammenzug aus «Daten» (von lateinisch datum, «das Gegebene») und der althergebrachten Kartei.

Ob Text, Bild oder Ton: Erst als Datei kann der Computer mit Inhalten umgehen. Die Datei ist die digitale Entität schlechthin, und sie ist Teil der sogenannten «Schreibtischmetapher», die versucht, abstrakten digitalen Inhalten einen gegenständlichen Anschein zu geben. Die Datei ist eine zusammenhängende, maschinenlesbare, auf einem Datenträger dauerhaft gespeicherte Menge von Informationen. Sie war ein Meilenstein der Computergeschichte: Die ersten elektronischen Rechner waren zwar in der Lage, komplexe Berechnungen durchzuführen, aber die Ergebnisse waren flüchtig; ein Speichern war nicht möglich. Der erste Speicher war eine vom amerikanischen Konzern RCA entwickelte Elektronenröhre, die im Februar 1950 vom Wissenschaftsmagazin «Popular Science» als bahnbrechende Erfindung gefeiert wurde. Diese Röhre wies den Weg in die Zukunft – in einer Zeit, in der das englische Wort file noch «Aktenhefter» oder allenfalls «Lochkarte» bedeutete. Dateisysteme, wie wir sie heute nutzen, wurden erst durch Computer möglich, die in den 1960-er Jahren entwickelt wurden.

Seit Jahrzehnten ist die Datei buchstäblich in aller Munde. Doch allmählich hat ihre letzte Stunde geschlagen: Auf Smartphones und Tablets gibt’s nur noch Texte und Songs, Fotos und Filme. Die Datei wird allmählich abgelöst von dem, worauf es wirklich ankommt: dem eigentlichen Inhalt.

Daumen drücken

Daumen drücken die Menschen, seit sie Daumen haben. Die Redensart war schon im alten Rom gang und gäbe:

Das Sprichwort sagt, dass wir den Daumen drücken sollen, wenn wir jemanden mögen,

schrieb Plinius der Ältere in seiner «Historia Naturalis». Wenn der Imperator im Zirkus das Publikum aufforderte, über das Schicksal eines Gladiators zu entscheiden, hielt die johlende Menge entweder den Daumen nach unten – damit war der Pechvogel dem Tod geweiht –, oder aber es drückte den Daumen, wie wir es tun, und der Gladiator blieb am Leben.

Auch den alten Germanen galt der Daumen als «Glücksfinger» mit übernatürlichen Kräften. Ihn einzuschlagen und mit den vier übrigen Fingern zu drücken war eine Art Bannzauber gegen Dämonen und Hexen; die Gebrüder Grimm nennen noch 1816 in ihren «Deutschen Sagen» den Brauch, mit nächtlichem Daumendrücken einem Alptraum vorzubeugen:

Wenn der Alp drücket, und man kann den Daumen in die Hand bringen, so muss er weichen.

Der Grund für die Sonderstellung des Daumens liegt auf der Hand: Der Verlust eines der vier Finger ist zu verschmerzen, doch ohne Daumen, den kräftigsten aller Finger, kann man ein Werkzeug nicht mehr halten. Besonders makaber: Selbst nach dem Tod seines Besitzers wurde dem Daumen Zauberkraft zugeschrieben: Daumen gehenkter Diebe wurden nicht selten geraubt, in Gold oder Silber gefasst und von abergläubischen Spielern in der Tasche getragen.

Das Daumendrücken ist seit jeher vor allem eine germanische Sitte. In Frankreich oder England ist der Aberglaube an die Magie der Finger zwar ebenso verbreitet. Nur werden hier keine Daumen gedrückt, sondern («croiser les doigts», «keep one’s fingers crossed») die Finger gekreuzt.

Daumenkino

Ein Daumenkino ist ein Büchlein voller Zeichnungen, die sich, eine um die andere, geringfügig unterscheiden. Blättert man die Seiten mit dem Daumen in rascher Folge ab, entsteht die Illusion einer Bewegung. Das Auge sieht einen Film – einen Film, der so lange dauert, wie das Büchlein dick ist. Daumenkinos sind ein Vergnügen für Kinder, und sie sind einer der Vorläufer von Kino und Fernsehen.

Daumenkinos gab es schon ums Jahr 1600. Doch es sollte bis 1868 dauern, dass ein gewisser John Barnes Linnett, Drucker in Birmingham, ein flip book patentieren liess, auf Deutsch ein «Blätterbuch». Wesentlich älter ist eine Schüssel aus der Bronzezeit, die iranische Archäologen in Schahr-e Sochte ausgruben und die, um die eigene Achse gedreht, eine hochspringende Ziege zeigt, die nach Baumzweigen schnappt.

Wie alt das Daumenkino aber tatsächlich ist, wissen Archäologen erst seit kurzem. Münzengrosse, seitlich mit zwei kleinen Löchern versehene Tonscheiben, die auf beiden Seiten eingekerbte Tierfiguren zeigten, gaben der Wissenschaft lange Zeit Rätsel auf. Sie waren in Frankreich und Spanien gefunden worden, und sie waren unzweifelhaft uralt – 14 000 bis 21 000 Jahre alt. Bloss: Stellten sie Götzen dar? War das Kunst? Die jüngste Antwort lautet: Es war Kinderspielzeug. Zieht man einen Faden durch die beiden Ösen und zwirbelt ihn auf, erzeugen die Tonscheiben beim Drehen die Illusion eines davonpreschenden Rehs. Mit solcherlei Spielzeug, so nehmen die Forscher heute an, wurden Steinzeitkinder auf ein Erwachsenenleben vorbereitet – als Handwerker und als Jäger.