Rhetorik

Rhetorik ist Griechisch und heisst «Redekunst». Nicht alle, die Reden halten, sind Künstler – ob Tischreferat oder Ansprache: Reden ist Mundwerk und nur ganz selten wirklich Kunst.

Im alten Griechenland war die Rhetorik hoch angesehen. Sie zählte (zusammen mit Grammatik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie) zu den sieben freien Künsten, der Bildung, nach der ein freier Mann strebte. Denn wem es gelang, vor Gericht oder auf dem Forum Menschen zu überzeugen, der hatte Macht.

So zu reden will geübt sein. Marcus Tullius Cicero war ein stotternder Aussenseiter im Establishment des alten Rom – und ein rhetorisches Jahrhunderttalent. Er studierte bei allen Meistern seiner Zeit. Ihren gekünstelten Stil (der in Rom führende Anwalt Hortensius wurde als «Tanzmeister» verspottet) fand Cicero lächerlich, und so schrieb er sich auf Rhodos beim griechischen Rhetor Molon ein. Einen ganzen Frühling und Sommer lang liess sich der junge Cicero drillen: Turnübungen, Atemübungen, Redeübungen – und kein einziges geschriebenes Wort, getreu Molons Devise:

Bei der Redekunst zählen nur drei Dinge: der Vortrag, der Vortrag und der Vortrag.

Und Cicero lernte gut: Zurück in Rom, brachte er den mächtigen Gaius Verres, den räuberischen Prätor von Sizilien, vor Gericht. Verres und sein Verteidiger, eben jener Tänzer Hortensius, hatten nicht den Hauch einer Chance: Von zwei verfassten Brandreden brauchte Ankläger Cicero nur die erste zu halten, da floh der korrupte Verres bei Nacht und Nebel nach Marseille und kehrte nie wieder zurück.

Von Anakoluth bis Zeugma: Rhetorische Figuren tragen bis heute antike Namen. Doch ob Anklage oder Poetry Slam – nur auf drei Dinge kommt es an: den Vortrag, den Vortrag und den Vortrag. (Das übrigens ist die womöglich älteste aller Figuren. Man nennt sie repetitio.)

Riesenrad

Chicago, 1892. Die Vorbereitungen für die Weltausstellung laufen auf Hochtouren. Der Eisenbahningenieur George Washington Gale Ferris aus Illinois hat einen kühnen Plan: Seine Erfindung soll das bekannteste Bauwerk der Zeit, den Pariser Eiffelturm, in den Schatten stellen. Einen Turm hat Ferris nicht im Sinn. Er denkt an ein Rad, eine Art «hochkant gestelltes Karussell», über 80 Meter hoch, mit 36 Gondeln, gross wie Eisenbahnwaggons, die über 2000 Passagiere aufnehmen können.

Vom Organisationskomitee wird der schlaksige Ingenieur erst einmal ausgelacht: Zu fragil, zu unsicher, viel zu teuer. Doch Ferris ist zäh. Wieder und wieder spricht er vor, und als dem Komitee am Ende die Zeit davonläuft – eine Attraktion à la Eiffelturm ist nicht in Sicht –, erhält Ferris grünes Licht.

In den wenigen Monaten bis zur Eröffnung begeistert Ferris Investoren, gründet die «Ferris Wheel Company» und baut zusammen mit neun Stahlbaufirmen das grösste Rad seit dessen Erfindung. Als die Weltausstellung 1893 ihre Tore öffnet, dreht sich das Riesenrad, von Dampfmaschinen angetrieben, um eine Stahlachse, die allein 56 Tonnen wiegt. Die Presse bejubelt den Triumph amerikanischer Ingenieurskunst, Millionen Besucher steigen mit dem Riesenrad in luftige Höhen.

Doch dann geht es bergab. Im November ist die Weltausstellung zu Ende, das Rad wird abgebaut und eingemottet. Ferris, gesundheitlich angeschlagen, sucht fieberhaft nach neuen Möglichkeiten. Vergeblich. Ein Börsencrash lähmt die Wirtschaft, Patentjäger bauen das Rad in grossem Stil nach, Ferris stirbt, erst 37-jährig und vereinsamt, an Typhus. Den Ruhm des Erfinders aber kann ihm keiner nehmen: Auf Englisch heisst «Riesenrad» bis heute Ferris wheel.

Rimessen

Menschen ohne Arbeit sind zum Auswandern gezwungen, und ganze Familien, Dörfer, ja ganze Landstriche leben von den Löhnen, die in anderen Ländern, auf anderen Kontinenten verdient werden. Dieses Geld, das Migranten regelmässig in ihre Heimat zurückschicken, um ihre Angehörigen zu unterstützen, nennt man «Rimessen», vom lateinischen Verb remittere, was ganz einfach «zurückschicken» heisst.

Rimessen sind keine Kinkerlitzchen. Die Weltbank schätzt, dass heute 230 Millionen Menschen gegen 600 Milliarden Dollar pro Jahr nach Hause schicken; allein aus der Schweiz sind es über 7 Milliarden Dollar. Der Löwenanteil geht in Entwicklungsländer. Zum Vergleich: Entwicklungshilfegelder betragen weltweit nur ein Viertel dessen, was Migranten an Rimessen entrichten. Mit diesem Geld werden Kinder zur Schule geschickt, werden Häuser gebaut, werden Geräte gekauft, wird der tägliche Bedarf der Familie gedeckt.

Das belebt die lokale Wirschaft, lässt die Einschulungsquote steigen und die Kindersterblichkeit sinken. In Ländern wie Moldawien, Tadschikistan, Kirgisien, Nepal, Liberia, Gambia oder Haiti machen Rimessen ein Viertel bis sogar ein Drittel dessen aus, was überhaupt an Waren hergestellt oder an Dienstleistungen erbracht wird.

Unter den Empfängern sind nicht nur Angehörige, sondern gelegentlich auch Kriminelle oder in seltenen Fällen gar Terroristen, und daher geraten die Rimessen immer wieder ins Visier der Behörden. Angesichts der enormen Beträge und ihrer vitalen Bedeutung aber sind sie aus dem Leben ganzer Kontinente nicht mehr wegzudenken.

Risiko

Wenn Sie alle Risiken vermeiden wollen, haben Sie bald keine Risiken mehr zu vermeiden, weil Sie nicht mehr im Geschäft sind.

Solcherlei Logik stammt von Joe Ackermann, dem Noch-Chef der Deutschen Bank und Bald-Chef der Zürich-Versicherung.

Was heute an den Märkten in aller Munde ist, hatte früher ganz einfach mit Mut zu tun – ob mit dem Mut des Seefahrers oder dem des Ritters, darüber streitet die Sprachwissenschaft bis heute. Risiko geht, so sagen die einen, auf das griechische rhizikon oder das spanische risco zurück, auf Deutsch «Klippe». Die anderen sind davon überzeugt, dass Risiko von einem frühromanischen Verb rixicare abstammt, auf Deutsch «streiten, Widerstand leisten». Und so streiten die Forscher munter weiter, auch wenn beide, die Seefahrer und die Turnierkämpfer, den schlagenden Beweis schuldig bleiben.

Ob zu Wasser oder zu Land: Der Kampf mit den Wellen und der gegen den Gegner war unberechenbar. Und eben diese Unkalkulierbarkeit war zu allen Zeiten der Schrecken der Kaufleute. Ob ihre Schiffsladung an Klippen zerschellte oder einem Krieg zum Opfer fiel – das Geschäft war und blieb ein Wagnis.

Wie der Kaufmann mit diesem Risiko umgeht, das beschreibt die so genannte Entscheidungstheorie. Schielt er nach dem grössmöglichen Gewinn und setzt alles auf eine Karte, ist er risikoaffin. Entscheidet er dagegen allein nach sachlichen Kriterien, ist er risikoneutral, geht er auf Nummer sicher, dann ist er risikoscheu. Und die Ackermänner dieser Welt wissen: Vermeidet der Kaufmann das Risiko ganz, dann ist er bald keiner mehr.

Roboter

Roboter sind High-Tech-Maschinen, die uns die Arbeit abnehmen sollen, und manchmal gleichen sie uns mehr als uns lieb sein kann:

Es ist eben nicht so, als ob man Roboter nur in den Fabriken fände; und es braucht nur ein wenig Nachdenken über den Rahmen, in welchem sich das Leben des modernen Städters abpielt, um zu der Schlussfolgerung zu gelangen, dass wir alle in irgendeiner Hinsicht Roboter sind,

schrieb schon 1951 der belgische Sozialist und Sozialpsychologe Hendrik de Man.

Roboter
Wozu unser technisches alter ego eigentlich gut sein soll, weiss die Wortgeschichte: «Roboter» kommt von robota, dem tschechischen Wort für «Arbeit». Der wenige Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs im Konzentrationslager Bergen-Belsen umgebrachte Künstler Josef Čapek erfand das Wort 1920 für seinen Bruder. Der nämlich hatte das Stück «R.U.R» geschrieben, eine Parabel über das Unternehmen «Rossums Universalroboter», das künstliche Menschen produziert. Als rechtlose Billigarbeiter versehen sie ihren Dienst und verändern nach und nach die gesamte Weltwirtschaft, bis sie sich schliesslich gegen die Menschheit richten, die sie erschaffen hat.

Die Vorstellung von der Mensch-Maschine aber ist noch viel älter. Sie geht auf den alten jüdischen Mythos vom Golem zurück, eine aus Lehm geschaffene Gestalt mit übermenschlichen Kräften, die durch Magie zum Leben erweckt wird und die gehorchen, aber nicht sprechen kann. Auch dem Talmud zufolge sind wir alle ein bisschen Roboter: Die Erschaffung Adams wird hier beschrieben wie die eines Golems: aus einem formlosen Klumpen Lehm.