Reservebanknoten

Die 1000-Franken-Note des damals erst 29-jährigen Luzerner Künstlers Hans Erni zeigt in strenger Zentralperspektive die Schnittdarstellung einer mächtigen Wasserturbine, rechts davon, in Reih und Glied, eine Reihe von Transformatoren. Eine Vision des Fortschritts vor schattigem Alpenmassiv – die Banknote von 1938 sollte in den Jahren der aufziehenden Weltkriegskatastrophe eine moderne, stabile, autarke Schweiz verkörpern.

Die Banknote hat nur einen Makel: Keiner hat sie je in der Hand gehalten. Und das kommt so: Im Gegensatz zum Münzgeld, das sich nicht gar so leicht fälschen lässt, sind Banknoten nichts weiter als bedrucktes Papier, und dieser Umstand zieht Fälscher an wie der Mist die Fliegen. Der Plan B der Schweiz: Sollten die Fälscher oder, noch schlimmer, eine feindliche Macht das Land mit Blüten überschwemmen, wollte die Schweizerische Nationalbank jederzeit in der Lage sein, quasi über Nacht sämtliche im Umlauf befindlichen Banknoten für ungültig zu erklären, einzuziehen und durch nagelneue zu ersetzen. In den Tresoren lagen daher stets Reservebanknoten bereit. Zwei vollständige Serien, die von Hans Erni und seinem Künstlerkollegen Victor Surbeck aus dem Jahr 1938 und eine weitere von 1984, waren genauso wie einzelne Noten frührerer Serien reine Reserve.

Der Plan, das gesamte Papiergeld von einem Tag auf den anderen zu ersetzen, existierte nicht nur in der Schweiz, sondern auch in vielen anderen Ländern Europas. Doch Reservenoten waren stets eine Notlösung, und eine ausgesprochen teure dazu. In der Schweiz war die Reserveserie von 1984 daher die letzte: Die Sicherheitsmerkmale der Banknoten sind nach Ansicht der Nationalbank heute so ausgeklügelt, dass ein Plan B gar nicht mehr nötig ist.

Reziprozität

Sie kennen das: Sie werden von Bekannten zum Nachtessen eingeladen, und selbst wenn es Ihnen nicht schmeckt, erwarten die Gastgeber eine Gegeneinladung – oder aber Sie haben ein mächtig schlechtes Gewissen. Warum? Die Wissenschaft spricht in diesem Fall von «Reziprozität». Damit ist nichts anderes gemeint als Gegenseitigkeit als Grundprinzip menschlichen Handelns, und diese Gegenseitigkeit ist ein Tummelplatz der Soziologie.

Der polnische Anthropologe Bronisław Malinowski war davon überzeugt, fundierte Erkenntnisse nur im engen, lange dauernden Kontakt zu den Untersuchten gewinnen zu können. 1914, bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, befand sich Malinowski auf Forschungsreise auf einer Inselgruppe in Papua-Neuguinea. Hier stiess er auf ein faszinierendes Tauschsystem, das die Eingeborenen «Kula» nannten: Zwischen den im Kreis angeordneten Inseln wurden im Uhrzeigersinn Halsketten aus kleinen roten Muschelplättchen getauscht, in der Gegenrichtung gegen weisse Muschel-Armreife. Beide, Ketten und Reife, besassen nur sakralen Wert und mussten nach einer Weile weiterverschenkt werden. Malinowski fand heraus, dass jeder Beschenkte die Verpflichtung einging, dem Geber innerhalb einer bestimmten Zeit etwas Entsprechendes zurückzugeben. Das «Kula»-Ritual brachte keinerlei direkten wirtschaftlichen Nutzen, aber es schuf Vertrauen und stärkte die sozialen Bindungen.

Das soziale Prinzip namens «Reziprozität» steckt tief in uns allen drin. Im Volksmund heisst es ganz einfach:

Wie du mir, so ich dir.

RFID

RFID ist die Abkürzung für radio frequency identification, «Funkfrequenzerkennung». RFID besteht aus einem Lesegerät mit einem Sender und einem sogenannten Transponder, der ein Funksignal empfangen und automatisch beantworten kann. Dieser Transponder ist passiv: Er benötigt keine Stromversorgung, denn die Energie, die er zum Funken braucht, bezieht er aus dem elektromagnetischen Feld des Senders. Daher kann er geradezu winzig sein: In Fingernagelgrösse sitzt er auf Kreditkarten, klein wie ein Reiskorn lässt er sich implantieren, und flach wie eine Briefmarke wird er auf Produkte geklebt. Türschliessanlage, Wareninventar, Hundesteuer, Buchausleihe, Passkontrolle: Nichts, was sich mit RFID nicht eindeutig identifizieren liesse. Der Vater von RFID waren der Elektroingenieur Charles Walton und seine Firma im Silicon Valley. Walton war nicht der erste, aber wohl der geschäftstüchtigste Forscher auf diesem Gebiet, und 1983 wurde sein Funkprinzip patentiert.

RFID hat die Welt erobert. Kontaktlos zahlen wir heute im Supermarkt, an der Tankstelle, im Café. Wir halten unsere Bank– oder Kreditkarte, das Handy oder gar die Armbanduhr an den Leser – und die Rechnung ist beglichen. Weil das Funksignal verschlüsselt ist, weil der integrierte Transponder nur auf eine Entfernung von wenigen Zentimetern funktioniert und sich aus der Ferne nicht hacken lässt, gilt RFID als sehr sicher; bei kleineren Beträgen ist in der Regel nicht einmal mehr ein PIN notwendig.

Die RFID-Patente sind längst abgelaufen, und Erfinder Walton starb 2011. Seine Erfindung aber ist lebendig wie nie.

Rhetorik

Rhetorik ist Griechisch und heisst «Redekunst». Nicht alle, die Reden halten, sind Künstler – ob Tischreferat oder Ansprache: Reden ist Mundwerk und nur ganz selten wirklich Kunst.

Im alten Griechenland war die Rhetorik hoch angesehen. Sie zählte (zusammen mit Grammatik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie) zu den sieben freien Künsten, der Bildung, nach der ein freier Mann strebte. Denn wem es gelang, vor Gericht oder auf dem Forum Menschen zu überzeugen, der hatte Macht.

So zu reden will geübt sein. Marcus Tullius Cicero war ein stotternder Aussenseiter im Establishment des alten Rom – und ein rhetorisches Jahrhunderttalent. Er studierte bei allen Meistern seiner Zeit. Ihren gekünstelten Stil (der in Rom führende Anwalt Hortensius wurde als «Tanzmeister» verspottet) fand Cicero lächerlich, und so schrieb er sich auf Rhodos beim griechischen Rhetor Molon ein. Einen ganzen Frühling und Sommer lang liess sich der junge Cicero drillen: Turnübungen, Atemübungen, Redeübungen – und kein einziges geschriebenes Wort, getreu Molons Devise:

Bei der Redekunst zählen nur drei Dinge: der Vortrag, der Vortrag und der Vortrag.

Und Cicero lernte gut: Zurück in Rom, brachte er den mächtigen Gaius Verres, den räuberischen Prätor von Sizilien, vor Gericht. Verres und sein Verteidiger, eben jener Tänzer Hortensius, hatten nicht den Hauch einer Chance: Von zwei verfassten Brandreden brauchte Ankläger Cicero nur die erste zu halten, da floh der korrupte Verres bei Nacht und Nebel nach Marseille und kehrte nie wieder zurück.

Von Anakoluth bis Zeugma: Rhetorische Figuren tragen bis heute antike Namen. Doch ob Anklage oder Poetry Slam – nur auf drei Dinge kommt es an: den Vortrag, den Vortrag und den Vortrag. (Das übrigens ist die womöglich älteste aller Figuren. Man nennt sie repetitio.)

Riesenrad

Chicago, 1892. Die Vorbereitungen für die Weltausstellung laufen auf Hochtouren. Der Eisenbahningenieur George Washington Gale Ferris aus Illinois hat einen kühnen Plan: Seine Erfindung soll das bekannteste Bauwerk der Zeit, den Pariser Eiffelturm, in den Schatten stellen. Einen Turm hat Ferris nicht im Sinn. Er denkt an ein Rad, eine Art «hochkant gestelltes Karussell», über 80 Meter hoch, mit 36 Gondeln, gross wie Eisenbahnwaggons, die über 2000 Passagiere aufnehmen können.

Vom Organisationskomitee wird der schlaksige Ingenieur erst einmal ausgelacht: Zu fragil, zu unsicher, viel zu teuer. Doch Ferris ist zäh. Wieder und wieder spricht er vor, und als dem Komitee am Ende die Zeit davonläuft – eine Attraktion à la Eiffelturm ist nicht in Sicht –, erhält Ferris grünes Licht.

In den wenigen Monaten bis zur Eröffnung begeistert Ferris Investoren, gründet die «Ferris Wheel Company» und baut zusammen mit neun Stahlbaufirmen das grösste Rad seit dessen Erfindung. Als die Weltausstellung 1893 ihre Tore öffnet, dreht sich das Riesenrad, von Dampfmaschinen angetrieben, um eine Stahlachse, die allein 56 Tonnen wiegt. Die Presse bejubelt den Triumph amerikanischer Ingenieurskunst, Millionen Besucher steigen mit dem Riesenrad in luftige Höhen.

Doch dann geht es bergab. Im November ist die Weltausstellung zu Ende, das Rad wird abgebaut und eingemottet. Ferris, gesundheitlich angeschlagen, sucht fieberhaft nach neuen Möglichkeiten. Vergeblich. Ein Börsencrash lähmt die Wirtschaft, Patentjäger bauen das Rad in grossem Stil nach, Ferris stirbt, erst 37-jährig und vereinsamt, an Typhus. Den Ruhm des Erfinders aber kann ihm keiner nehmen: Auf Englisch heisst «Riesenrad» bis heute Ferris wheel.