Kerbholz

Im Drama «Wallensteins Lager» lässt Friedrich Schiller eine Händlerin auftreten, die den Soldaten eine Flasche Wein kredenzt mit den Worten:

Das kommt nicht aufs Kerbholz. Ich geb‘ es gern.

Das Kerbholz war ein Zählstab, ein fälschungssicherer Schuldschein – und damit eine Art Blockchain der Frühzeit. Im Streitfall galt das Kerbholz vor Gericht als Beweismittel. Noch im napoleonischen Zivilrecht von 1804 wird es ausdrücklich als rechtsgültige Urkunde anerkannt, und auch die Bank of England hat im Steuer– und Kreditwesen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein mit Kerbstöcken gearbeitet. Und das ging so.

Wenn jemand Schulden machte, dann standen die Beteiligten vor einem Problem: Wie hielt man die Schuld so fest, dass sie jederzeit überprüfbar war und vor allem, dass keiner den anderen übers Ohr hauen konnte? Die Lösung war ebenso einfach wie effektiv: Man nahm ein Holzbrettchen zur Hand und ritzte quer zur Maserung Kerben ein, deren Anzahl der Schuldenhöhe entsprach. Anschliessend wurde das Holz der Länge nach gespalten, und beide Parteien erhielten je eine Hälfte. So konnte der Gläubiger keine Kerbe hinzufügen und der Schuldner keine beseitigen – ein einfacher Vergleich würde jede Manipulation unverzüglich auffliegen lassen.

Am vereinbarten Zahltag nahmen beide ihre Kerbhölzer hervor und hielten sie gegeneinander. Wenn die Kerben genau übereinstimmten, hatte alles seine Richtigkeit, und nach dem Tilgen der Schuld (und bei einem guten Glas Wein) warf man die Hölzer ganz einfach ins lodernde Feuer.

Ketzer

Von den Ketzern sagt man, dass sie den Hintern von Katzen küssen, damit ihnen in deren Gestalt Luzifer erscheine.

Dies schreibt im 12. Jahrhundert der französische Theologe Alain de Lille. Dass «Ketzer» von «Katze» kommt, war dabei ebenso kreuzfalsch wie die bösartige Unterstellung, dass die Andersgläubigen den Teufel anbeteten. Denn das Wort «Ketzer» kommt vom den Katharern, von griechisch katharoi, «die Reinen». Der Katharismus war eine mächtige religiöse Laienbewegung, die vom 12. bis zu ihrem Untergang im 14. Jahrhundert vor allem in Südfrankreich glühende Anhänger fand. Eine ihrer Hochburgen war die Stadt Albi, weshalb die Katharer auch Albigenser genannt wurden.

Sie selbst nannten sich «veri christiani» oder «bonshommes», «die wahren Christen» und «gute Menschen». Die Katharer glaubten an eine strikte Zweiteilung der Welt, in eine von Gott geschaffene, ewige, spirituelle Welt und eine materielle, von Verfall gezeichnete, die vom Teufel beherrscht wird. Sie waren Asketen: Die Strenggläubigen, Männer und Frauen, die dem inneren Kreis angehörten und «perfecti» oder «perfectae» genannt wurden, führten ein entbehrungsreiches Leben – vegetarische Kost, keine Sexualität, keine Ehe.

Die zentrale Schrift der Katharer war das Johannesevangelium, das alte Testament lehnten sie als Beschreibung eines bösartigen Schöpfergottes ab. Und sie besassen ihre eigene Hierarchie. Damit zogen sie den Zorn der römisch-katholischen Kirche auf sich. 1179 wurden sie offiziell exkommuniziert, und dreissig Jahre später begann der Albigenserkreuzzug, ein Massaker im Namen der Inquisition. Die mächtigen Katharerfestungen wurden belagert, eine um die andere eingenommen, die Gläubigen zu Tausenden hingemetzelt oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Khipu

Eine Schrift aus lauter Knoten: Die alten Inkas knüpften Botschaften in Schnüre aus Tierhaar, die sogenannten «Khipus». «Khipu» heisst wörtlich «Knoten», und ein «Khipu» sieht aus wie ein fächerförmiger Halsschmuck. Es besteht aus einer Hauptschnur, von der Dutzende von Nebenschnüren herabhängen, auf denen feine Knoten sitzen.

Bis heute wurden rund 800 «Khipus» gefunden, viele davon sind hervorragend erhalten. Die ältesten stammen von südamerikanischen Völkern des 7. Jh. n. Chr.; die meisten von den Inka, die vom 12. bis ins 16. Jh. ein Gebiet beherrschten, das von Equador über Peru und Bolivien bis nach Chile und Argentinien reichte.

Die Knoten waren keine Schrift für jedermann: Nur besonders ausgebildete Beamte waren in der Lage, sie zu knüpfen und zu lesen. «Khipus» waren denn auch eine Art Akten: 2016 wurde in Bolivien ein Lagerhaus aus dem 16. Jh. entdeckt, zusammen mit 29 Khipus, deren Knoten Zahlen bedeuten, die die gelagerte Menge an Erdnüssen, Chilis, Bohnen oder Mais festhielten. An einigen Stellen waren die Knoten aufgelöst, um bei Änderungen wieder neu geknüpft zu werden. Andere Khipus halten Steuern und geschuldete Arbeitsleistungen fest; ein ganz besonderes Khipu ist ein Kalender des Inkajahres 1532/33, mit 12 Mondmonaten plus einer Schnur mit 10 eingeschobenen Schalttagen.

Noch aufwändigere Khipus dienten dem Schriftverkehr: Ihre unterschiedlich gezwirnten und gefärbten Schnüre mit noch komplexeren Knoten bilden eine Silbenschrift für Briefe und Erzählungen. Diese Schrift allerdings lässt sich, im Gegensatz zu den Zahlenknoten, bis heute nicht entziffern.

Kiosk

Seinen ersten grossen Auftritt hat das Wort Kiosk im Jahr 1786 bei Johann Georg Krünitz. Krünitz ist Arzt, aber seine grosse Leidenschaft sind die riesige Privatbibliothek und das Schreiben. In seiner «Oeconomischen Encyclopädie» sammelt er alle Begriffe des Deutschen, darunter auch den noch kaum bekannten Kiosk. Ein Kiosk, schreibt Krünitz, ist

ein Gebäude bey den Türken, welches in etlichen nicht gar hohen Säulen besteht, die also gesetzt sind, daß sie einen gevierten Raum umgeben, der mit einem Zelt=Dache bedeckt (…) ist. Dergleichen Lust=Gebäude oder offener Säle bedienen sich die Türken in ihren Gärten und auf Anhöhen, die frische Luft und angenehme Aussicht zu genießen.

Das Wort كوشك kommt aus dem alten Persien, und zusammen mit der Gartenarchitektur war es im 13. Jahrhundert allmählich nach Westen gewandert, ins osmanische Reich, wo es sich im türkischen Köşk niederschlug. Mit der Zeit wurde es zum italienischen chiosco und schliesslich zum deutschen Kiosk, der Bezeichnung für jenes reich verzierte, aufregend exotische Gartenhaus. Pavillons im orientalischen Stil wurden immer beliebter – wer einen Park anlegte und etwas auf sich hielt, liess sich auch einen Gartenpavillon bauen. Kioske sprossen aus dem Boden, von Paris bis München, von Louis XV bis zum Bayernkönig Ludwig II.

Mit dem Untergang des osmanischen Reichs aber schwand auch das Interesse an den höfischen Kiosken. Das Wort dagegen blieb: Im 19. Jahrhundert wurde in Paris aus dem kiosque ein Verkaufsstand, der Blumen und Zeitungen anbot – erst im Park, dann auf dem Boulevard. Und heute ist der Kiosk an der Ecke aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken.

Kirsche

Die Kirsche gehört zur Schweiz wie das Fondue und die Schokolade. Der Baum heisst auf Wissenschaftslatein prunus avium, was auf Deutsch «Vogelkirsche» heisst, weil Vögel die Früchte genauso mögen wie wir Menschen. Der Kirschbaum ist anspruchslos und gedeiht auch in höheren Lagen. Auf 450 Hektaren, umgerechnet der Fläche eines kleineren Dorfs, werden in der Schweiz jährlich über 3000 Tonnen Tafelkirschen geerntet; dazu kommen noch mehr Industrie- und Brennkirschen, die zu Konserven oder zu Schnaps verarbeitet werden.

Mit Schweizer Bauern ist gut Kirschen essen, und das haben wir dem Römer Lucius Licinius Lucullus zu verdanken. Lucullus, ein Zeitgenosse Cäsars und Ciceros, war nicht nur Feinschmecker, sondern vor allem Soldat. Sein Erzfeind hiess Mithridates, seines Zeichens Herrscher über das Königreich Pontos am Schwarzen Meer. General Lucullus marschierte im Jahr 74 v. Chr. mit einem römischen Heer nach Osten, wo er Mithridates binnen weniger Jahre vernichtend schlug.

Aus Pontos brachte Lucullus gewaltige Reichtümer mit. Zwischen all den Schätzen und Gefangenen, die der General beim Triumphzug durch die Strassen Roms zur Schau stellte, befanden sich auch geheimnisvolle Bäumchen aus der Stadt Giresun, deren cerasi genannte Früchte sich die Legionäre keck über die Ohren hängten. Die Bäumchen waren ein grosser Erfolg: In den folgenden 120 Jahren, so berichtet Plinius der Ältere in seiner «Historia Naturalis», breiteten sie sich über ganz Europa und bis nach Britannien aus. Und aus den exotischen cerasi, der Kriegsbeute eines römischen Feldherrn, sind unsere Kirschen geworden.