Kaukasus

Der Kaukasus ist ein über 1000 Kilometer langes, von West-Nordwest nach Ost-Südost verlaufendes Gebirge zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer. Das haben wir in der Schule gelernt – und danach getrost wieder vergessen. Und so ist der Kaukasus geblieben, was er im Mittelalter für die Kartographen war: Die schrieben ratlos auf die weisse Fläche: terra incognita – hic sunt leones, lateinisch für: Unbekanntes Land; hier gibt es Löwen. Das klang gelehrt und vornehmer als «keine Ahnung».

Dabei hat der Kaukasus mit den Alpen vieles gemeinsam: Er ist ähnlich lang und breit – und hoch, sehr hoch: Sein höchster Gipfel, der Elbrus, ist über 5600 Meter hoch. Daher auch der Name: kauka- bedeutet in vielen Sprachen gewölbt, erhaben, herausragend. Kaukasus heisst also ganz einfach Berg – ein gewaltiger Berg, der sich über eine ganze Reihe von Ländern ausdehnt: Russland, Georgien, Armenien, Aserbeidschan, Türkei.

Hier leben über 50 verschiedene Völker mit ihren jeweils eigenen Sprachen. «Berg der Sprachen», so nannte ein arabischer Geograf den Kaukasus im 10. Jahrhundert. Und der römische Chronist Plinius der Ältere schreibt, dass die Römer in Suchumi, der heutigen Hauptstadt Abchasiens, allein 130 Dolmetscher benötigten. Diese Sprachenvielfalt ist keine blosse Laune der Geschichte. Mit seinen engen Tälern und den leicht zu verteidigenden Höhen waren die Berge ideale Rückzugsgebiete für Vertriebene aus den Ebenen Eurasiens, Anatoliens, selbst Persiens. Weil aber die Berge auch den Kontakt zwischen den einzelnen Stämmen erschwerte, blieben Dutzende unterschiedlichster Sprachen und Dialekte erhalten.

Hic sunt leones stand ratlos auf den mittelalterlichen Karten. Im Kaukasus war das nicht mal gelogen: Hier lebten, bis zu ihrer Ausrottung vor 2000 Jahren, kaspische Tiger und asiatische Löwen.

Kauri

Die Kaurimuschel trägt eigentlich einen falschen Namen. Denn sie stammt nicht von einem Muscheltier, sondern von einer Meeresschnecke. Ihr Gehäuse ist glatt und glänzt wie Porzellan, und als Marco Polo Ende des 13. Jahrhunderts erste Stücke aus China nach Europa brachte, verglich man diesen unbekannten Stoff mit der Kauri, und so kommt das Wort «Porzellan» tatsächlich vom italienischen porcellana, dem Wort für Kaurischnecke.

Die Kauri ist den Menschen seit jeher lieb und teuer. Vor Jahrtausenden schon wurde sie zu kostbaren Halsketten aufgereiht, als Schmuck auf Kleider genäht, und in Afrika, Asien, in der Südsee und in China war Kaurigeld lange eine anerkannte Leitwährung. Kaurigeld war sogenanntes «Primitivgeld», und es hatte drei Zwecke: Man konnte damit bezahlen, man konnte es beiseitelegen und sparen – und man konnte Güter einheitlich bewerten. Dazu waren Kauri selten, handlich, hatten eine einheitliche Form – und waren kaum zu fälschen.

Kaurimuscheln sind der Inbegriff des Exotischen, doch sie haben europäische Verwandte. Die rund einen Zentimeter grosse «trivia arctica» kommt im Mittelmeer, auf den Orkney-Inseln und in Norwegen vor. In Schottland heissen die kleinen bräunlich-weissen und quer gerippten Müschelchen groatie buckies, auf Deutsch «Schneckengeld». An Wochenenden suchen Einheimische stundenlang geduldig nach den hübschen Kauri. Die gelten als Glücksbringer – und nach einer strengen Woche ist die erholsame Suche am Strand, so sagen die Schotten, ganz einfach gut für die Seele.

Kautschuk

Als Hernándo Cortés, der Eroberer Mexikos, seinem Auftraggeber König Karl V, den noch unbekannten Kakao und die anderen mitgebrachten Wunderdinge vorführte, war darunter auch eine Mannschaft «langmähniger Wilder», wie ein Augenzeuge schrieb. Ihre Aufmachung – kurze Hose aus Leder – und ihr rituelles Spiel, eine Art Basketball, erregten weit weniger Aufsehen als das exotische Material, aus dem der Ball gemacht war – ein Stoff, den die Indios seit Jahrtausenden kannten und den sie «Kautschuk» nannten.

Kautschuk, wörtlich «Tränen des Baums», wird aus Latex hergestellt, dem Milchsaft des Kautschukbaums. Dieser Saft wird durch Ritzen der Baumrinde gewonnen und ist der nachwachsende Rohstoff für die Herstellung von Gummi. Lange Zeit wuchs der Wunderbaum allein am Amazonas; Brasilien besass ein natürliches Monopol. Bis zum Jahr 1876. Da sammelte der britische Abenteurer Henry Wickham insgeheim 70 000 der kostbaren Samen, gab die Pakete als «Orchideen» aus und schickte sie nach London. In den Gewächshäusern der königlichen Kew Gardens an der Themse wuchsen 2000 Kautschuksetzlinge heran, die dann nach Malaysia verschifft wurden. Nur acht Bäumchen überlebten den Transport, doch das Tropenklima Südostasiens liess sie prächtig gedeihen.

Für Brasiliens Export war das ein schwerer Schlag. Die Kautschukbäume breiteten sich in Asien, Indien und Westafrika aus. Brasilien dagegen, dessen eigene Gummibäume seit jeher von Parasiten geschwächt waren, hatte der neuen Konkurrenz nichts entgegenzusetzen. Schmuggler Wickham, dieser Biopirat der ersten Stunde, ging in die Geschichtsbücher ein. Als «Henker des Amazonas».

Kerbholz

Im Drama «Wallensteins Lager» lässt Friedrich Schiller eine Händlerin auftreten, die den Soldaten eine Flasche Wein kredenzt mit den Worten:

Das kommt nicht aufs Kerbholz. Ich geb‘ es gern.

Das Kerbholz war ein Zählstab, ein fälschungssicherer Schuldschein – und damit eine Art Blockchain der Frühzeit. Im Streitfall galt das Kerbholz vor Gericht als Beweismittel. Noch im napoleonischen Zivilrecht von 1804 wird es ausdrücklich als rechtsgültige Urkunde anerkannt, und auch die Bank of England hat im Steuer– und Kreditwesen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein mit Kerbstöcken gearbeitet. Und das ging so.

Wenn jemand Schulden machte, dann standen die Beteiligten vor einem Problem: Wie hielt man die Schuld so fest, dass sie jederzeit überprüfbar war und vor allem, dass keiner den anderen übers Ohr hauen konnte? Die Lösung war ebenso einfach wie effektiv: Man nahm ein Holzbrettchen zur Hand und ritzte quer zur Maserung Kerben ein, deren Anzahl der Schuldenhöhe entsprach. Anschliessend wurde das Holz der Länge nach gespalten, und beide Parteien erhielten je eine Hälfte. So konnte der Gläubiger keine Kerbe hinzufügen und der Schuldner keine beseitigen – ein einfacher Vergleich würde jede Manipulation unverzüglich auffliegen lassen.

Am vereinbarten Zahltag nahmen beide ihre Kerbhölzer hervor und hielten sie gegeneinander. Wenn die Kerben genau übereinstimmten, hatte alles seine Richtigkeit, und nach dem Tilgen der Schuld (und bei einem guten Glas Wein) warf man die Hölzer ganz einfach ins lodernde Feuer.

Ketzer

Von den Ketzern sagt man, dass sie den Hintern von Katzen küssen, damit ihnen in deren Gestalt Luzifer erscheine.

Dies schreibt im 12. Jahrhundert der französische Theologe Alain de Lille. Dass «Ketzer» von «Katze» kommt, war dabei ebenso kreuzfalsch wie die bösartige Unterstellung, dass die Andersgläubigen den Teufel anbeteten. Denn das Wort «Ketzer» kommt vom den Katharern, von griechisch katharoi, «die Reinen». Der Katharismus war eine mächtige religiöse Laienbewegung, die vom 12. bis zu ihrem Untergang im 14. Jahrhundert vor allem in Südfrankreich glühende Anhänger fand. Eine ihrer Hochburgen war die Stadt Albi, weshalb die Katharer auch Albigenser genannt wurden.

Sie selbst nannten sich «veri christiani» oder «bonshommes», «die wahren Christen» und «gute Menschen». Die Katharer glaubten an eine strikte Zweiteilung der Welt, in eine von Gott geschaffene, ewige, spirituelle Welt und eine materielle, von Verfall gezeichnete, die vom Teufel beherrscht wird. Sie waren Asketen: Die Strenggläubigen, Männer und Frauen, die dem inneren Kreis angehörten und «perfecti» oder «perfectae» genannt wurden, führten ein entbehrungsreiches Leben – vegetarische Kost, keine Sexualität, keine Ehe.

Die zentrale Schrift der Katharer war das Johannesevangelium, das alte Testament lehnten sie als Beschreibung eines bösartigen Schöpfergottes ab. Und sie besassen ihre eigene Hierarchie. Damit zogen sie den Zorn der römisch-katholischen Kirche auf sich. 1179 wurden sie offiziell exkommuniziert, und dreissig Jahre später begann der Albigenserkreuzzug, ein Massaker im Namen der Inquisition. Die mächtigen Katharerfestungen wurden belagert, eine um die andere eingenommen, die Gläubigen zu Tausenden hingemetzelt oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt.