Odeon

Das odeion war ein Kulturhaus bei den alten Griechen. Es hatte einen halbkreisförmigen Grundriss, aber im Gegensatz etwa zum offenen Theater hatte ein ᾠδεῖον ein Dach und war für Konzerte, Rezitale, Vorträge oder für Ratsversammlungen gedacht – odeion kommt denn auch (wie die deutsche «Ode») vom griechischen Wort für «Lied». Das älteste bekannte odeion stammt von einem Architekten namens Theodorus und wurde rund 600 Jahre v. Chr. am Markt von Sparta gebaut. Später entstanden Odeen in Athen und in allen anderen griechischen Stadtstaaten; im 1. Jahrhundert n. Chr. erhielt unter Kaiser Domitian dann auch Rom ein odeum, draussen auf dem Marsfeld und für insgesamt 5000 Zuschauer. Das odeum des Domitian galt lange Zeit als eine der prestigeträchtigsten Bauten der ganzen Stadt.

«Odeon» klingt nach Bildung und Geschichte, und als in der Neuzeit grosse Säle für Musik, Theater und Tanz entstanden, das «Odeon» in München, das in Wien oder das «Théâtre National de l’Odéon» in Paris etwa, besann man sich auf den alten griechischen Namen. Im 20. Jahrhundert dann, als der noch junge Film um einen Platz in der Kultur rang, wurden die ersten Vorführsäle in den USA nickelodeon genannt, weil es da für einen nickel, eine Fünf-Cent-Münze, mehrere kurze Stummfilme zu sehen gab, die von Klavier oder Akkordeon begleitet wurden. Nach jedem Film musste die Filmrolle gewechselt werden, und so gab es in manchen Nickelodeons musikalische Pausenstücke, bei denen das Publikum mit song slides, aufwändig auf Glas gemalten Songtexten, zum Mitsingen aufgefordert wurde – eine Art Massen-Karaoke, an dem die Erfinder des antiken odeions ihre helle Freude gehabt hätten.

Okay

In Ordnung, das war gestern. Heute heisst das okay. Ob es um den Preis eines Massanzugs geht oder die moralische Bewertung eines Seitensprungs: alles ist okay. Was uns da so selbstverständlich über die Lippen kommt, ist ein Lieblingskind der Sprachgeschichte.

Okay
Okay
«Ok» ruft abenteuerlichste Spekulationen hervor, und einige davon klingen ganz plausibel: Der deutsche Sprachrat vermutet den Ursprung auf deutschen Druckfahnen mit dem Vermerk «ohne Korrektur», o.k. Die deutsche Bundeswehr dagegen glaubt an die Abkürzung für «Ober-Kommando»; die american army an zero killed, null k, keine Opfer. Sprachforscher wiederum vermuten den Ursprung im Dialekt der Choctaw-Indianer, wo das Wort okeh soviel heisst wie «Ja, in Ordnung». Und schliesslich gibt’s da noch die Boxer und Humoristen, die behaupten, ok sei schlicht das Gegenteil von k.o.

Die plausibelste Herleitung stammt vom im Jahr 2002 verstorbenen amerikanischen Sprachwissenschaftler Allan Walker Read. Seine Geschichte geht so: In den 1830-er und 1840-er Jahren gab es an der amerikanischen Ostküste die beliebte Mode, alltägliche Ausdrücke mit möglichst unsinnigen Abkürzungen zu versehen. Da stand etwa kg für no go, ow stand für all right – ganz nach dem Motto: Je falscher, desto besser.

Ok, soviel fand Read heraus, stammt von einem Kolumnisten, der dieser Abkürzungsmasche erlag und am 23. März 1829 in einer Satire der Boston Morning Post ok schrieb – als spassige Abkürzung für all correct. All mit o, correct mit k: Das war gleich doppelt falsch – und in den Augen der Spassvögel also auch doppelt so gut.

Dass hinter ok also viel Falsches steckt, das wissen wir heute nicht mehr – oder höchstens dann, wenn wir hören, ein sündhaft teurer Massanzug oder ein kleiner Seitensprung seien «okay».

Oktobass

Hector Berlioz war hell begeistert.

Herr Vuillaume, Geigenbauer in Paris, dessen vortreffliche Geigen sehr gesucht sind, hat die Familie der Streichinstrumente mit einer schönen und mächtigen Individualität bereichert: mit dem Okto-Baß. (…) Dieses Instrument hat Töne von merkwürdiger Gewalt und Schönheit, voll und stark, ohne Rauheit. Es würde in einem großen Orchester außerordentliche Wirkungen hervorbringen und sollte bei Musikfesten, falls die Zahl der Instrumentalisten 150 übersteigt, wenigstens in dreifacher Besetzung vorhanden sein.

Dies schreibt der Komponist in seiner Instrumentationslehre. Das Instrument, das der Pariser Geigenbauer Jean-Baptiste Vuillaume 1850 auf Berlioz‘ Wunsch nach einem noch voller klingenden Bass hin gebaut hatte, war tatsächlich enorm: Der Oktobass mit seinen drei Saiten, deren Stimmung eine Oktave unterhalb des Cellos liegt, misst volle dreieinhalb Meter. Das Griffbrett ist so lang und die Saiten sind so dick, dass der Musiker, auf einem eigens dafür gebauten Podest stehend, den Oktobass nur mit einem Mechanismus aus Hebeln oder Pedalen spielen kann. Die wenigen modernen Nachbauten sind sogar noch eine Oktave tiefer gestimmt: Der tiefste Ton schwingt bei für das menschliche Ohr nicht mehr hörbaren 16 Hertz.

Erfinder Vuillaume baute Zeit seines Lebens nur gerade drei Oktobässe, deren einer gar 1867 in London einem Grossbrand zum Opfer fiel. Und obwohl 2016 das Orchestre symphonique de Montréal unter seinem Chef Kent Nagano den Oktobass offiziell eingeführt hat, ist diese Riesin unter den Bassgeigen eine ausgesprochene Seltenheit geblieben.

PacMan

«PacMan» hat Jahrgang 1980 und ist ein gelber Kreis mit einem nach rechts geöffneten, dreieckigen Mund. Und er ist ein gefrässiger Kerl. Er frisst kleine rosa Punkte und vor allem, bei geschicktem Spielen, eines der vier bunten Gespenster, die ihm auf die Pelle rücken.

PacMan

Und vor allem frass er, ratzeputz, das Taschengeld einer ganzen Generation. Bis Ende der 1990-er Jahre spielte PacMan allein in den USA 2,5 Milliarden Dollar ein – in 25-Cent-Münzen, die man gegen jeweils drei PacMan-Leben tauschte. PacMan war ein Videogame. 1980, als die Wissenschaft noch mit dem ersten Personalcomputer schwanger ging und an ein Web noch nicht zu denken war, war das ein schrankgrosser Kasten mit einem gewölbten Bildschirm, einem Joystick zum Steuern des gefrässigen Protagonisten und, eben, einem nicht minder gefrässigen Münzeinwurf.

Dabei sah es im Mai 1980 so aus, als wäre das neue Videogame des japanischen Herstellers Namco ein Flop. Die Spielhallen der aufgehenden Sonne liebten «Space Invaders» oder «Asteroids» und liessen den schmatzenden Punkt beinah verhungern. Auch amerikanische Marketingleute übersahen das an einer Messe vorgestellte Game komplett. Bis einige wenige Spielsalons aufs Geratewohl Namcos Neuling orderten – und vom Andrang eines restlos begeisterten Publikums förmlich überrannt wurden.

PacMan zählt heute zu den wichtigsten Spielen der Computergeschichte und ist nicht mehr einfach ein Game, sondern Mitbegründer einer neuen Kunstgattung. Zu finden ist PacMan heute auf dem Spartphone, im Web – und, zusammen mit 13 weiteren Games, im Museum of Modern Art in New York.

Palast

Das antike Rom wurde auf sieben Hügeln erbaut, einer davon ist der 10 Hektar grosse und 51 Meter hohe Palatin. Seinen Namen hat er, so nehmen Sprachforscher an, vom römischen Hirtengott Pales. Auf dem Palatin hat Romulus angeblich die Stadt gegründet, hier standen Tempel, hier liessen Patrizier und Konsuln ihre Villen bauen und nach ihnen die Kaiser Augustus, Tiberius und Nero. Der Palatin war das exklusivste Villenviertel der Stadt.

Als Synonym für «herrschaftliche Residenz» wanderte der Name «Palatin» in die europäischen Sprachen ein und wurde zu palais, palace, palazzo – und im Deutschen als erstes zur Pfalz. Die über 350 deutschen Pfalzen waren Schlösser und Burgen für die reisenden Könige, Kurfürsten, Herzöge und Bischöfe. Viel später wurde dasselbe Wort «Palatin» ein zweites Mal entlehnt, und dieses Mal wurde daraus «Palast».

Ein Palast ist nicht nur der Inbegriff unermesslichen Reichtums, er ist auch ein Zeichen der Macht. Es war daher kein Zufall, dass die französische Revolution 1793 ihr Tribunal im früheren Pariser Königspalais einrichtete und dieses umbenannte in «Palais de la Justice». 180 Jahre später liess die DDR ihr Parlamentsgebäude in Berlin auf dem Gelände des kaiserlichen Stadtschlosses bauen und nannte es machtbewusst «Palast der Republik». Die Schweiz ist da bescheidener: Hier ist «Palace» höchstens der Name für ein – zugegebenermassen luxuriöses – Hotel.